Toni ErdmannWinfried (Peter Simonischek), Musiklehrer und Alt-68er, ist ein komischer Spaßvogel. Lebt allein mit seinem Hund, im Kreise freundlicher, gutbürgerlicher Nachbarn. Tochter Ines (Sandra Hüller), Mitte 30, jettet als ehrgeizige Unternehmens-Beraterin durch die Welt. Wenn sie gerade mal kurz vorbeischaut, erweist sich das Vater-Tochter-Verhältnis als ziemlich verkrampft – wenn auch äußerlich freundlich und korrekt. Doch als der Hund eines Tages stirbt, entschließt sich Winfried, seine Ines, die gerade an einem Consulting-Projekt im rumänischen Bukarest beteiligt ist, zu besuchen. Es wird ein recht steifes Wochenende: Ines, innerlich belastet damit, ihr Projekt bei ihren Kollegen und ihrem Vorgesetzten durchzubringen, nimmt notgedrungen den Vater in seinen lässigen Klamotten und einer alten Beuteltasche zu verschiedenen Meetings und Partys mit - immer leicht peinlich berührt, wenn er vor ihren Freunden und Kollegen seine schrägen oder faden Witze zum besten gibt. Als er sich am darauffolgenden Montag verabschiedet, ist sie zwar erleichtert, hat aber auch ein flaues Gefühl von Verlassenheit und Einsamkeit: scheinbar erlöst winkt sie ihm vom Etagen-Balkon nach, doch unerwartet beginnt sie leise zu weinen. Um so größer aber der Schock: beim Essen mit ein paar Freundinnen in einem schicken Restaurant, taucht Winfried plötzlich wieder auf, jetzt aber mit Langhaarperücke und Faschingsgebiß und stellt sich – witzereißend - den Freundinnen als Consulting-Coach Toni Erdmann vor. Der erstarrten Ines bleibt nichts anderes übrig, als das Spiel mitzuspielen, will sie ihr hart erarbeitetes Ansehen und ihre berufliche Stellung wahren. Doch andererseits bewirkt diese toll-dreiste Aktion und einige folgenden Auftritte ihres Vaters in ihr eine innere Lösung, zum Beispiel als er in einer rumänischen Kleinbürger-Familie sich als deutscher Botschafter ausgibt und zum Abschied seine verdatterte Tochter auffordert ein bekanntes Witney Juston Lied zu singen: langsam steigert sie sich in die Musik herein, alle inneren Hemmungen fallen beiseite. Doch bei aller allmählichen Annäherung zwischen Vater und Tochter, sowie ihrem Verständnis füreinander – wie auch für die Erkenntnis der jeweils eigenen Situation - , ihre Wege bleiben weiterhin getrennt: Winfried in seinem deutschen Garten, Ines in der globalen Finanz- und Wirtschafts-Welt. Wenn diese Story beim Lesen oder Nacherzählen vielleicht allzu konstruiert und kopflastig erscheint, im Film ist davon glücklicherweise wenig zu spüren. Denn die Sensibilität mit der Regisseurin Maren Ade ihre Personen zeigt, sowie die langsam und feinfühlig beobachtete Entwicklung deren Beziehungen unter- und zueinander, verleihen der Geschichte große Natürlichkeit und Überzeugungskraft. Komische und tragische Momente verbinden sich scheinbar nahtlos. Das gilt für die familiäre Vater-Tochter-Beziehung ebenso wie für die scharf und präzise gezeigte Berufswelt der Unternehmensberater mit ihren autoritären, von Männern beherrschten Strukturen. Und gleichzeitig wird ganz unaufdringlich die politische Situation miteinbezogen: Rumänien zwischen westlich geprägtem Großstadt-Glamour und landlich-ärmlichen Wirtschafts- und Industrie-Betrieben, die von ausländischen Managern brutal ausgenützt werden. Ein hervorragendes Darsteller-Ensemble aus deutschen und rumänischen Schauspielern trägt überzeugend zur Glaubwürdigkeit der unterschiedlichen Episoden und Einzelgeschichten bei. Geprägt jedoch wird der 162 Minuten lange, und keine Minute langweilende Film von Sandra Hüller als im Kern ihrem Vater nicht unähnliche taffe Tochter und von Peter Simonischek, der als Vater wie ein tapsig brummelnder Bär seine lauen Scherze macht und so versucht seine durch Beruf und Einsamkeit verhärtete Tochter wieder „aufzutauen“. Exzellent wie beide Figuren ihre „Masken“ schützen und nutzen und wie diese ganz langsam fallen – bis zur tatsächlichen Nacktheit - ohne Peinlichkeit oder dabei ihre Würde zu verlieren. Intelligent, klug, und - sehr filmisch - unterhaltsam.

Filmstart: 14.Juli 2016