Ludwig2Zu Beginn des Films - noch unter den Titeln des Vorspanns - wird der französische Sonnenkönig Ludwig der Vierzehnte in einer Kutsche oder Sänfte ins Schloß Versailles gefahren - er hat sich bei einem Ausflug leicht am Bein verletzt. Es ist der August des Jahres 1715. Der König hat starke Schmerzen und wird standesgemäß in seinem Bett gelagert. Am Anfang nimmt er noch von dieser Lagerstatt aus ein wenig am Hofleben teil, gibt Anweisungen oder zieht galant seinen Hut vor einer vorgestellten jungen Frau. Doch dann wird er immer schwächer: bekommt starke Schluckbeschwerdener, knappert nur noch an einem Kecks, trinkt mühsam ein wenig Wasser, allerding nur aus einem königlichen Kristallglas. Die herbeigerufenen Ärzte der Pariser Sorbonne sind ratlos: ein schwarzer Fleck am Fuß wird immer größer, schließlich ist fast das ganz Bein schwarz. Zu amputieren wagt keiner der gelehrten Medizin-Wissenschaftler. Auch das Elexir eines salbadernden Kurpfuschers aus Marseille bringt keine Besserung - im Gegenteil. Allmählich dämmert allen, auch dem König selbst, daß sein Ende naht. Er umarmt seinen 5-jährigen Urenkel Ludwig und bestimmt ihn zu seinem Nachfolger. Akten werden nochmals gesichtet: teils archiviert, teils verbrannt. Am 1.September stirbt Ludwig - so qual- wie würdevoll. Die Ärzte öffnen und untersuchen seinen Körper. " Beim nächsten Mal" so das Fazit des Leibarztes Dr. Fagon, "machen wir es besser".

Der spanische Regisseur Albert Serra, dessen Fantasy-Film über Casanova und Dracula den Goldenen Leoparden von Locarno erhielt, verweigert sich in seinem neuen Werk allen gefälligen und publikumswirksamen Kino-Moden. Statt dessen inszeniert er in äußert ruhigem und langsamem Tempo ein  intimes, fast sprödes Kammerspiel, das ausschließlich in dem nur von Kerzen erleuchteten Schlaf-Zimmer des Königs spielt. Ohne Musikuntermalung, nur mit den natürlichen Alltagsgeräuschen. Nur einmal erklingen  - kurz und sehr laut -  ein paar Takte aus einer Mozart-Messe: Ludwigs Vision seiner königlichen Größe.  Die Dialoge fallen knapp und sparsam aus, stattdessen zeigt die Kamera das Gesicht der jeweils handelnden Personen in langen Nah- oder Groß-Aufnahmen, insbesondere dasjenige des unter seiner gigantischen Allonge-Perücke fast starre Gesicht des sterbenden Königs, dem der berühmte Nouvelle-Vague-Schauspieler Jean Pierre Léaud trotz reduzierter Mimik eine faszinierende Intensität verleiht.

Der Film zeigt den Sonnenkönig, dessen berühmter Ausspruch "L´état c´est moi" den französischen Absolutismus prägte, in dem Moment, in dem nicht nur sein Körper stirbt, sondern auch seine Welt sich aufzulösen beginnt:  das Zeitalter der Aufklärung deutet sich an. Etwa in den noch vorsichtigen Diskussionen der Ärzte und Wissenschaftler am Todesbett des Königs.

Ein kunstvoll verdichteter, historischer Bilderbogen. beeindruckend in seiner strengen Schönheit.  

Poster / Verleih : Grandfilm

zu sehen nur OmU: Brotfabrik-Kino / Eva-Lichtspiele / fsk Oranienplatz / Wolf Neukölln / Zukunft