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waltzwithbashier_scene_01.jpgEine Hundemeute hetzt, boese hechelnd, durch eine Stadt und umstellt einen aengstlichen Mann hinter einen Fenster; drei nackte Maenner entsteigen, Schusswaffen in der Hand, dem naechtlichen Meer und ziehen Uniformen an, waehrend Leuchtraketen bengalisch den Himmel erhellen - solche Alptraeume verfolgen den Regisseur Ari Folman und seine Freunde, die vor vielen Jahren als blutjunge, israelische Soldaten am ersten Libanonkrieg teilnahmen. Aber sie vermoegen die Traumbilder kaum zu entschluesseln oder noch schlimmer, sie koennen sich ueberhaupt nicht mehr an ihr damaliges, militaerisches Tun erinnern. Folman beschliesst diese Erinnerungs-Luecken zu erforschen. In Gespraechen mit ehemaligen Kriegs-Kameraden, Journalisten und Psychologen rekonstruiert er langsam seine und die der Befragten Geschichten : die Todesangst waehrend der Fahrten im Panzer, das wahllose Um-sich-her-Schiessen aus diesem Angstgefuehl heraus und die sinnlose Zerstoerung von Autos, Haeusern und unschuldigen Zivilisten. Am Ende findet er - schockhaft - die Erinnerung wieder: sein gleichgueltiges Zuschauen beim Massaker, das libanesische Falangisten im September 1982 in den palaestinensischen Fluechtlingslager von Sabra und Schatila veruebten. In diesem Augenblick wechseln die bis dahin gezeichneten und animierten Film- Bilder in reale: Dokumentar-Sequenzen von ermordeten Menschen, zerstoerten Gebaeuden, Leichenberge.

Ari Folman hat die ungewoehnliche Form eines animierten Dokumentarfilms gewaehlt, um auf diese Weise unterschiedliche Erzaehl-Ebenen bruchlos verschmelzen zu koennen: Traeume, Aengste, Obsessionen; halluzinatotisches Verhalten und harte, militaerische Realitaet. Kein Film ueber die israelische Politik oder deren Fehl-Entscheidungen (der damalige militaerische Befehlshaber Scharon taucht z.B.nur kurz auf) - Folmans Thema ist der Krieg an sich und die ihm innewohnenden Folgen; er zeigt auf eine phantastische und zugleich reale Weise, wie Taeter zu Opfern werden und umgekehrt, wie Unschuldige ungewollt Schuldige werden muessen, und dass kein Soldat diesem meist totbringendem  Kreis entkommen kann. Ein Antikriegsfilm, in dem traumhaft-fiktive Bilder die brutale, historische Realitaet zeichnen und verdichten - ohne pathetische Betroffenheit und platte Moral.
Wenn auch die Animation manchmal etwas hoelzern wirkt, ueberzeugt der Film insgesamt durch seine neuartig-verblueffende Struktur, seine wilde Tonmischung (Bach und Punk, Chopin und Disco), seine ungewoehnlich-phantasievollen Bilder und durch sein kritisch-klares Engagement.

Foto/Verleih: Pandora


zu sehen: Kulturbrauerei; Filmkunst 66; Hackesche Hoefe (OmU); New York u.a.