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lornasschweigen_scene_08.jpgDie junge Albanerin Lorna geht eine Scheinehe mit dem Junkie Claudy ein, um so die belgische Staatsbuergerschaft zu bekommen. In Wahrheit erhoffen sie und ihre kriminellen Freunde den baldigen Drogentod Claudy's, damit Lorna danach fuer viel Geld eine weitere Scheinehe eingehen kann: diesmal mit einem zahlungswilligen Russen, der ebenfalls auf den belgischen Pass scharf ist. Mit dem so erworbenen Geld will Lorna dann zusammen mit ihrem Liebhaber Sokol eine kleine Snackbar in Luettich eroeffnen. Doch - ploetzlich und unerwartet - will Claudy von den Drogen loskommen und bittet Lorna um ihr Hilfe. Zunaechst widerwillig, dann immer mehr beruehrt vom verzweifelten Kampf gegen seine Sucht, entwickelt Lorna ein instinktives Hilfs-Gefuehl fuer ihn, versucht den von den Schlepper-Freunden durch einen Goldenen Schuss geplanten Mord mit einer Eil-Scheidung zu unterlaufen. Dabei wird sie fast selbst Opfer und versucht sich durch Flucht zu entziehen. Das Ende bleibt offen: Lorna, die sich einbildet ein Kind zu bekommen, schlaeft in einer einsamen Wald-Huette ein, hofft auf den neuen Tag und auf gute Leute, die ihr dann weiterhelfen werden...
Der Film der Dardenne-Brueder ist keine Sozial-Reportage ueber Schlepper oder Menschenhandel. Er erzaehlt deshalb auch seine Geschichte nicht in strenger Handlungs-Logik, sondern zeigt in genau austarierten Szenen und Bilder-Ellipsen nur die Momente, die fuer die innere Entwicklung Lornas von Bedeutung sind. Kein Krimi im Luetticher Verbrecher-Milieu, auch kein Film, der das dubiose Geschehen mit Lornas Augen sieht, sondern die distanzierte Beobachtung einer jungen Frau, ihres Uberlebenswillen, ihrer Gluecks-Sehnsuechte, ihrer Kaltbluetigkeit und Brutalitaet, ihrer Angst, ihrer Hoffnung. Diese Lorna ist keine Identifikations-Figur fuer den Zuschauer, man verfolgt ihre Geschichte mit Interesse, entwickelt fuer ihre Tapferkeit und ihren Selbstbehauptungswillen viel Sympathie. Emotional aber - wie in den vorherigen Filmen der Dardennes - wird man kaum beruehrt; man bleibt wegen der Zwiespaeltigkeit der Figuren auf einer gewissen Distanz.  Die junge albanische Schauspielerin Arta Dobroshi verkoerpert diese Lorna ideal: ein Gesicht, das Haerte und Zaertlichkeit ausdrueckt, eine Frau, die Taeter und Opfer zugleich ist. Ein Gesicht von grosser, ruhiger Praesenz, das den gesamten Film traegt. Neben ihr beeindruckt vor allem Jeremie Renier in der Rolle des Junkie Claudy, der verzweifelt versucht von seiner Sucht loszukommen.
Ein kleines, filmisch-raffiniertes Meisterwerk ueber Menschlichkeit an den Raendern unserer westlichen, vom Geld beherrschten Gesellschaft.

Foto/Verleih: Piffl

zu sehen: fsk (OmU), Hackesche Hoefe (OmU), Passage, Filmtheater am Friedrichshein, Cinema Paris