Zwei aeltere Menschen stehen im Mittelpunkt dieser leichtfuessigen, aber auch wildwuchernden Komoedie des 87-jaehrigen, franzoesischen Alt-Meisters Alain Resnais.
Marguerite ist Zahnaerztin in einer Kleinstadt, der nach einem Schuh-Einkauf in Paris die Handtasche geklaut wird. Georges scheint ein etwas muffeliger Pensionaer, der im Parkhaus, ihre (vom Dieb) weggeworfene Brieftasche findet - ohne Geld, aber gluecklicherweise mit allen
Papieren.
Eine bizarre Beziehung zwischen den beiden ungleichen Menschen beginnt: eigentlich findet man sich gegenseitig sehr symphathisch, andererseits glaubt jeder immer wieder sein sproede Seite zeigen zu muessen. Dabei ist Georges gluecklich verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und offensichtlich keine materiellen Sorgen,  Marguerite ist dagegen Single, teilt sich die Doppel-Praxis mit einer theaterbegeisteten Freundin und leistet sich das teure Vergnuegen einer Hobby-Pilotin.
Ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Anziehung und Abweisen, immer erotisch grundiert, aber keine Sex-Komoedie, sondern ein raffiniertes, psychologisches Ping-Pong,  das Altmeister Resnais mit leichter Hand und sanfter Ironie erzaehlt.
Dabei mischen sich auf intelligent-lockere Art alltaegliche Kuriositaeten (etwa auf dem Polizeirevier, wo Georges die gefundene Brieftasche deponiert oder im naechtlichen Restaurant, wenn die Kellner das Verhalten der Gaeste kommentieren) mit den getraeumten Wunschvorstellungen der Protagonisten (der Kuss auf dem Flughafen, unterlegt mit der Hollywood-Fanfare von Fox und dem Schriftzug "Fin").
Resnais spielt virtuos mit all den Zaubertricks seiner Regiekunst, schwelgt in Farben (mal ganz grell-leuchtend, mal ganz pastell), kombiniert raffiniert Film-Schnitte mit Schwarz-Blenden, zitiert in Schrift und Bild liebevoll die Welt des alten Kinos (auch des eigenen).
Doch was waere selbst ein Resnais ohne seine hinreissende Darsteller-Familie, allen voran seine Frau Sabine Azema, kokett und charmant wie immer, diesmal mit leuchtendem Rotschopf, und Andre Dussollier als ebenso schrulliger wie eleganter Grandseigneur.
Der Ende dieser wildwuchernden (Originaltitel: Les herbes folles) Alters- und Liebes-Komoedie ist so kurios wie "franzoesisch-leicht": Marguerite fliegt in ihrem kleinen Privat-Flugzeug Georges und seine huebsche Frau ueber die bluehenden Landschaften der Ile-de-France, doch der klemmende Reissverschluss an Georges' Hose loest eine katastrophale Irritation aus. Und unten auf dem Feld wundert sich der pfluegende Jung-Bauer, ob denn die looping-schlagende Kunst-Fluege hier nicht verboten seien...
Foto/Verleih: SchwarzzWeiss
zu sehen: Cinema Paris OmU; Babylon Mitte; CinemaxX Potsdamer Platz; Die Kurbel; Passage

Dokumentarfilm ueber die libanesische Familie Akkouch, die gegen ihre drohende Abschiebung kaempft.  Seit knapp 20 Jahren wohnt die - inzwischen vom Vater verlassene - Familie in Neukoelln , die kraenkliche Mutter lebt mit ihren sechs Kindern von der Sozialhilfe.
Im Mittelpunkt des Films stehen die Tochter Lial (19), die sich in der Ausbildung befindet, sowie die beiden aelteren Soehne Hassan (18), der sich aufs Abitur vorbereitet, und der 15jaehrige, immer wieder die Schule schwaenzende Maradona, das Sorgenkind der Familie.
Lial und Hassan versuchen auf Behoerden und bei sozialen Organisationen die Abschiebung zu verhindern, ihre begrenzten Aufenthaltsgenehmigungen zu verlaengern und die deutsche Staatsbuergerschaft zu erwerben. 2003 war die ganze Familie in schon einmal in den Libanon abgeschoben worden (im Film als gezeichnete Rueckblende zu erleben), aber nach kurzer Zeit wieder zurueckgekehrt.
Alle Kinder sind in Neukoelln aufgewachsen und haben sich - wie auch die Eltern - trotz ihres moslemischen Glaubens voll in die deutsche Gesellschaft integriert. Dies vor allem durch ihre musischen Taetigkeiten als Rapper und Hip-Hop-Taenzer. Zugleich kann Hassan mit einer Break-Dance-Gruppe in Berlin wie auf Gastspielreisen (u.a. in Paris) durch diese Shows einiges Geld verdienen, das der gesamten Familie zu Gute kommt, waehrend der wie ein kleiner Wirbelwind tanzende Maradona vom Fernsehn einen Talente-Vertrag bekommt. Und Lial lernt und verdient  zusaetzlich bei einem BoxerPromoter im Buero.
Der Film verzichtet auf jeden Off-Kommentar und laesst die drei Geschwister ihre Geschichten erzaehlen und nachspielen: frisch und unverkrampft;  die sehr sanftmuetig wirkende Mutter haelt sich dagegen mit ihren noch kleinen Kindern ganz im Hintergrund.
Zahlreiche, effektvoll-geschnittenen Tanz-und Musikszenen geben dem Film schmissigen Drive, die Dialog- und nachgespielten Szenen zeigen sehr deutlich:  einerseits die kaempferische Intelligenz der beiden aelteren Geschwister wie ihre vollkommenen Integration in die deutsche Gesellschaft, andererseits bieten sie - ohne zu ueberzeichnen - Einblicke in die meist freundliche aber umstaendliche und undurchschaubare Buerokratie der Berliner Behoerden.
Aeusserlich zeigt sich Neukoelln hier von einer attraktiven, gross-staedtschen Seite, seine Haeuser und Plaetze sind wie auf Hochglanz fotografiert, Schmuddeliges oder Randfiguren der Gesellschaft kommen nicht vor, der "soziale Brennpunkt" spielt kaum eine Rolle.
Die flott geschnittene Dokumentation kozentriert sich ausschliesslich auf Probleme der Familie Akkouch, sowohl inner-familiaer wie auf ihren Kampf um den Aufenthalts-Status, ohne zu verallgemeinern. Am (gluecklichen) Ende triumphiert eine grosse Multi-Kulti-Froehlichkeit, die die rauhe Wirklichkeit scheint allzu rosig gefaerbt.
Dennoch : ein in seiner unpathetischen Menschlichkeit symphatischer Film - ein Neukoelln trotz aller Probleme zum Wohlfuehlen.

Foto/ Verleih: GMfilms

zu sehen: Broadway; Filmtheater am Friedrichshain; Central Hackescher Markt; Neues Off; Movimanto; Passage; Sputnik u.a.



Das Film-Debuet des amerikanischen Mode-Designers Tom Ford  -  ebenso hochgelobt wie seine diversen Fashion-Collections. Es handelt sich dabei um die ziemlich buchstabengetreue Verfilmung des Romans "Der Einzelgaenger" (1964) von Christopher Isherwood, der einst durch seine Erzaehlungen "Goodbye to Berlin" (1939) bekannt und durch deren Verfilmung ("Cabaret", 1972) weltberuehmt wurde.
 "A Single Man" spielt in 1962 Los Angeles. Der College Professor George Falconer (Colin Firth)  hat seinen juengeren Lebensgefaehrten Jim (Matthew Goode),  mit dem er 16 Jahre gluecklich zusammenlebte, durch einen Autounfall verloren. Verzweifelt denkt er an Selbstmord, von dem ihn auch seine langjaehrige Freundin Charley (Julianne Moore)  nicht abhalten kann. Erst die etwas aufdringliche Annaeherung seines jungen, sexuell attraktiven Studenten Kenny (Nicholas Hoult)  bringt ihn von seinem Vorhaben ab. Doch in diesem neuen, hoffnungsvollen Moment ereilt ihn ein toedlicher (Herz-)Schlag.
Tom Ford hat diese etwas betuliche Schwulen-Romanze mit allen technisch-formalen Raffinessen des aktuellen Hollywood-Kinos visuell effektvoll umgesetzt. Kunstvoll-ausgeleuchtete Tableaus, elegante Kostueme in Stil der 60er Jahre, geschickte Schnitte und farbliche ausgekluegelte Abstufungen der Bild-Sequenzen, dazu zwei herausragende Darsteller (Colin Firth - natuerlich in perfekt sitzenden Anzuegen der Modemarke Tom Ford - und Julianne Moore), ein paar Dokumentar-Aufnahmen und zeittypische Musik-Einspielungen - doch all der intellektuelle und aesthetische Aufwand vermag ueber die anaemische Story und ihre larmoyant vorgetragene Attituede kaum hinwegzutaeuschen - eine kunstgewerbliche Love-Story im edlen und teuren Schwulen-Milieu der kalifornischen Upper-Class. Eine geschmaecklerisch-schicke Schaumschlaegerei.

Foto/Verleih: Senator

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Hackesche Hoefe (OmU); Odeon (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Titania Palast; Delphi; International; Filmtheater am Friedrichshain; Kulturbrauerei; Yorck



Precious (die Kostbare) heisst eigentlich Clareece, ist ein uebergewichtiger Teenager im Harlem der 1980er Jahre. Sie kann kaum lesen und schreiben, wird von ihrer Mutter, die uebel gelaunt den ganzen Tag vor dem Fernseher ihre Sozialhilfe verfuttert, drangsaliert, gedemuetigt und zu Hausarbeiten gezwungen. Vom Vater wurde Precious schon als Kind missbraucht, mit 12 Jahren bekam sie ein Kind von ihm, das am Down-Syndrom leidet und bei der Grossmutter untergebracht ist. Jetzt, im Alter von 16 Jahren,  ist sie erneut schwanger (wieder vom inzwischen verschwundenen, Aids-kranken Vater), fliegt deswegen von der Schule, kommt aber durch Vermittlung der Rektorin in einer alternativen Schule fuer Problemkinder unter. Dort trifft sie auf eine verstaendnisvolle Lehrerin, die ihr nicht nur - muehsam - lesen und schreiben beibringt, sondern auch ein allmaehlich sich festigendes Selbstbewusstsein, so dass Precious sich schliesslich  -samt ihren beiden Kindern-  von der schrecklichen Mutter loest und ein eigenstaendiges Leben beginnt.
Der Film des farbigen Regisseurs Lee Daniels basiert auf einem in den USA erfolgreichen Roman ("Push" von Sapphire), der sehr offen und krass das kurze Leben dieser nach realen Vorbildern erfundenen Figur ( in der "Ich"-Form) schildert. Zwar wird vieles gemildert (auch der "optimistische" Schluss), dennoch wirkt der brutale Naturalismus oft schockierend. Und in seiner Anhaeufung von menschlichen Demuetigungen und sozialem Elend stoesst er an die Grenzen des Glaubwurdigen. Doch der geschickte  Schnitt (bunte Traum-Sequenzen, in denen Precious sich als Disco-Queen oder Model-Star sieht, mischen sich raffiniert mit realen Elends- und Pruegel-Szenen in der verwahrlosten Wohnung oder auf den verschmutzten Strassen) und die Intensitaet der Darsteller (vor allem Gabourey Sidibe in der Titelrolle) ueberspielen die Schwaechen des Drehbuchs, bieten Einblicke in ein schwarzes, subkulturelles Milieu wie es so brutal im Kino selten gezeigt wird.
Der Film ist umstritten: der Vorwurf rassistischer Klischees wurde von einigen (schwarzen) Kritikern in Amerika erhoben, andererseits zeichnete das ( ueberwiegend weisse) Hollywood-Etablissement  ihn mit sechs Oscar-Nominierungen aus, und die hervorragende Darstellerin der Mutter, Mo'Nique, erhielt dann auch die goldenen Statue als besten Nebendarstellerin.
Die Diskussion um die Darstellung der Farbigen im grossen Kino ist noch lange nicht abgeschlossen. Aber vielleicht bringt "Precious" sie ein gut' Stueck voran.

Foto/ Verleih: Prokino

zu sehen: CineStar Sony Center OV;  Hackesche Hoefe OmU;  Odeon OmU;  Broadway; CinemaxX Potsdamer Platz;  Filmtheater am Friedrichshain;  International; Kulturbrauerei;  Neue Kant Kinos;  Yorck



Das ueberwiegend von Arabern bewohnte, etwas aermliche Stadt-Viertel "Ajami" am Suedrand von Tel Aviv spiegelt - so will es dieser Spielfilm - die Verhaeltnisse im Nahen Osten hautnah. Mehrere Einzelschicksale familiaerer Art werden kunstvoll verknuepft. Der 19-jaehrige Omar muss seine Familie vor der Rache eines verfeindeten Clans schuetzen.  In einer - fuer europaeisches Rechtsempfinden - grotesken Gerichts-Szene (Maenner in einem Zimmer auf Teppichen sitzend) werden Mord oder Todschlag gegen riesige Geldsummen aufgewogen. Obwohl persoenlich voellig unschuldig, muss Omar nun zum Schutz von Mutter, Grossvater und Geschwister das entsprechende Geld auftreiben. Ein etwas undurchsichtiger, arabischer Restaurantbesitzer christlichen Glaubens hilft ihm dabei,  als aber der Moslem Omar mit dessen Tochter anbaendelt,  werden Freundschaft wie Unterstuetzung ihm sofort entzogen. In selben Restaurant arbeitet - illegal - auch der 16-jaehrige, palaestinensische Grenzgaenger Malek, um seiner Mutter in Ramallah die teure Rueckenmarktransplantation zu ermoeglichen. Omar und Malek freunden sich mit einem Kreis von Drogenhaendlern an (einer von ihnen arbeitet als Koch im Restaurant) und versuchen ebenfalls in dieses lukrative Geschaeft einzusteigen. Hier kommt dann der israelische Polizist Dando ins toedliche Spiel, der erkennen muss, dass sein Bruder von dieser arabischen Drogenhaendler-Bande aus nichtigem Grund erstochen wurde. Und am Ende mischt sich unerwartet auch noch Omars kleiner Bruder in die immer wilder kreiselnde Gewalt-Spirale ein.
Die beiden Regisseure Scandar Copti und Yaron Shani, ein arabischer Christ und ein israelischer Jude, haben ihrer Geschichten nach wahren Ereignissen gestaltet und ihre (ueberzeugend gespielten) Figuren mit Laien besetzt. Dadurch gewinnt der spannend und rasant gedrehte Film den Anschein hoher Wahrscheinlichkeit. Alle Probleme, die im juedisch-arabischen Umfeld von Tel Aviv taeglich explodieren koennen, sind in die 2 Stunden Spielfilm gepresst: menschliche, soziale, religioese und damit (am Rande) auch die politischen des Staates Israels. Dabei enthalten sich die Regisseure weithin jeder moralisch-einseitigen Verurteilung, zeigen vielmehr Unrecht oder Menschlichkeit auf allen Seiten - vielleicht ein wenig zu (politisch) korrekt.  Die gravierende Schwaeche des Films liegt jedoch in seiner allzu unuebersichtlich-komplizierten Handlungs-Struktur, seiner dramaturgischen Ueberfrachtung. Weniger verwickelte Geschichten, einfachere Verkuepfungen und klarere Erzaehl-Strukturen haetten den gefaehrlichen, immer explosiven Alltag der Menschen in Ajami - als Parabel fuer den ganzen Nahen Osten - noch eindrucksvoller und nachhaltiger erscheinen lassen. Dennoch: sehenswert.


Foto/ Verleih: Neue Visionen


zu sehen:  Hackesche Hoefe (OmU); Movimento (OmU); Broadway; Filmtheater am Friedrichshain; Kulturbrauerei; Neues Off


Malik (Tahar Rahim), knapp 20-jaehriger Fanzose arabischer Abstammung, wird in ein ziemlich heruntergekommenes Gefaengnis unweit von Paris eingeliefert: sechs Jahre Haftstrafe fuer ein (im Film) nicht naeher erlaeutertes Verbrechen. Malik wuchs nach eigenen Angaben in Heimen auf, kann kaum lesen und schreiben, hat keinerlei Berufserfahrung. In dieser Haftanstalt uebt eine korsische Gangsterbande unter ihrem weisshaarigen Gentleman-Anfuehrer Cesar (Nils Arestrup), und mit heimlicher Billigung des Aufsichtspersonals, die wahre Macht aus. Malik wird von den Korsen gezwungen, einen Gefangenen, dessen Aussage gefaehrlich werden koennte, zu ermorden - wenn nicht, werde er selbst umgebracht. Malik fuegt sich und geniesst von da ab den Schutz Cesars, darf dessen Zelle fegen oder fur ihn Kaffe kochen. Langsam entdeckt Malik - mehr intuitiv als bewusst - die inneren Machtzusammenhaenge und die Moeglichkeiten, sie zum eigenen Vorteil zu nutzen. Er lernt schreiben, lesen, erledigt zunaechst Hilfsarbeiten in der Kueche oder bei der Essensausgabe - solch gutes Verhalten wird mit Freigaengen belohnt. Doch Malik nutzt diese Freigaenge nach Paris oder Marseille nicht nur um Boten-Auftraege fuer den Gangsterboss Cesar zu erledigen, sondern er baut sich mit Hilfe eines arabischen Kumpels ein eigenes Netzwerk im Drogenhandel auf.
Da auf Grund eines neuen Gesetzes von Sarkosy die meisten korsischen Gefaengnis-Insassen in Haftanstalten auf Korsika ueberfuehrt werden, und die folgenden Neuzugaenge meist Moslems sind, wird allmaehlich die Herrschaft der Korsen-Gangster durch Araber-Banden abgeloest, die ihrerseits ebenfalls im Drogenhandel (in und ausserhalb des Gefaengnisses) taetig sind.
Malik passt sich den neuen Verhaeltnissen ebenso geschickt wie brutal an. Am Ende verlaesst er die Anstalt, wird von Frau und Kind des inzwischen (an Hodenkrebs) gestorbenen Kumpels abgeholt. Doch im vieldeutigen Schlussbild, wenn er und seine neuen "Familie"  in scheinbarer Harmonie zum Bus laufen, werden  sie von mehreren dunklen Limosinen langsam verfolgt...
Regisseur Jacques Audiard schildert diese harte, unsentimentale Gangster-Karriere in knappen, schnoerkellosen Einstellungen, die alle ueberfluessigen oder konventionellen Details eines Gefaengnisfilms vermeiden. Eine sehr eigenwillige, elliptische Erzaehlweise, manchmal mit surrealen Einstellungen (der von Flammen umzuengelte Ermordete) oder Schwarz-Blenden, die nur Ausschnitte eines Bildes freigeben, -  so dass der Film, der auch aeusserst harte Gewalt- und Mord-Szenen zeigt, wie aus der Perspektive Malik's gedreht scheint. Eindringlich, spannend und - scheinbar - ohne moralische Wertung. Kein Sozial-Drama, auch wenn der Film bei seiner Urauffuehrung in Frankreich heftige Auseuandersetzungen ueber Haftanstalten und ihre Insassen ausgeloest hat.
Das Zwiespaeltige eines "sympathischen Verbrechers" wird in diesem Gangsterdrama gezeigt, jedoch weder verklaert noch verurteilt,  - vor allem aber durch die ueberragende Leistung des Darstellers Tahar Rahim eindrucksvoll beglaubigt.
Raetselhaft bleibt der Titel des Films: wer ist hier der Prophet, oder: was ist hier prophetisch, vorausschauend, weissagend ? Die Fragen bleiben offen.
Ein grosser Film -  nicht nur wegen 150 Minuten Laenge  : packend, irritierend und vielschichtig.

Foto/ Verleih: Sony

zu sehen: u.a. Rollberg (OmU); Broadway; Central Hackescher Markt; CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichsheim; Movimento



Die Geschichte eines abgehalfterten Country-Music-Stars: zwischen Arizona und Texas tingelt Bad Blake vor angegrautem Publikum, mal in schaebigen Restaurants, mal in kalten Bowlingbahn-Hallen. Fast 60 Jahre alt und dem Alkohol verfallen. Bis er eines Tages auf die junge Journalistin Jean trifft und zu ihr und ihrem vierjaehrigen Sohn - dank seines rauhbeinigen Altmaenner-Charmes - eine herzlich-intime Beziehung entwickelt. Doch auch dieser menschliche Halt scheitert am Alkohol: der angetrunkene Blake verliert den kleinen Sohn seiner neuen Geliebten in einer Houstoner Shopping Mal aus den Augen - und nachdem das Kind Stunden spaeter von Wachmaennern wieder gefunden wird,  trennt sich die schokierte Jean von ihm. Blake unterzieht sich daraufhin einer Entziehungskur und findet zu seiner alten Form als Song-Schreiber fuer den von ihm protegierten Nachfolger Tommy zurueck - wenn auch weiterhin als einsamer Looser. Ein unwahrscheinlices, konstruiertes Happy-End.
Der Regie-Newcomer Scott Cooper hat die klischeehafte Story geschickt und reizvoll in Szene gesetzt,  prachtvolle Landschafts-Panoramen zwischen die klug-ausgehorchten Dialoge der Protagonisten geschnitten und mit viel populaerer Country-Music angereichert. Triumph des Filmes aber sind die Darsteller: Jeff Bridges - bisher eher in zweiter Reihe hinter den Top-Stars von Hollywood - verkoerpert den alternden Country-Music-Star mit einer hinreissenden Nonchalance, nichts scheint ausgedacht oder gespielt - der eher abstossend-arrogante Macho-Typ wirkt in dieser Darstellung (fast) liebenswert.  Ebenbuertig auch seine Mitspieler: Maggie Gyllenhaal als symphatisch-normale junge Frau und Mutter oder Robert Duvall als alterskluger, helfender Freund.
Kein bedeutendes Opus,  nicht sehr tief lotender Aufguss einer schon oft benutzten Story,  aber ein filmisch-gewitztes, cleveres Portraet heutiger amerikanischer Befindlichkeit, anschaulich gemacht und auch musikalisch attraktiv durch den exzellenten Haupt-Darsteller Jeff Bridges - verdientermassen dafuer mit dem diesjaehrigen Oscar belohnt..

Foto/ Verleih: Fox
zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Central Hackescher Markt (OmU); Neue Kant Kinos; Colosseum u.a.




Der Film spielt im Irak-Krieg und zeigt die taegliche Arbeit eines Bomben-Entschaerfer-Trupps, einer kleineren Gruppe raubeiniger Maenner, Spezialisten im Orten,  Aufspueren und Vernichten versteckter, handgebastelter Bomben. Die Kamera ist dabei immer dicht an der Koerpern der Soldaten, verfolgt jeden ihrer Blicke und Gesten, man hoert ihren Atem, fuehlt gleichsam wie ihr Adrenalinspiegel steigt. Bis auf ganz wenige, kurze Ausnahmen ist das gesamte Geschehen aus dem Blickwinkel der amerikanischen Soldaten gefilmt, der Zuschauer sieht, hoert und erlebt nur das, was auch sie sehen, wahrnehmen und erfahren.
Wie einzelne Episoden reihen sich die taeglichen Einsaetze aneinander, getrennt durch knappe Szenen im Lager, in denen die Soldaten ueber Persoenliches sprechen : ueber ihre Familien, ueber den Sinn ihres Lebens, ueber Aengste, ueber Beziehungen untereinander. Im Mittelpunkt steht Sgt.James (Jeremy Renner),  der neu hinzukommt und einen zu Beginn des Film umgekommenen Spezialisten ersetzen muss: ein unangepasster, rebellischer Typ, dem der gefaehrlichen Kitzel des Bombenentschaerfens geradezu lebensnotwendig erscheint. Demgegenueber sein schwarzer Kumpel Sanborn (Anthony Mackie), der - ernuechtert vom grausamen Geschaeft - die Tage bis zum Ende seines Irak-Einsatzes zaehlt oder Sgt.Eldridge (Brian Geraghty), der zynisch-verzweifelt seinen Job verflucht, bis er schwer verwundet  - und gleichsam wie erloest - abtransportiert wird.
Der hoch-spannende, im Stil eines Action-Dramas gedrehte Film zeigt keinerlei allgemeinere Ueberblicke, weder auf das kriegerische Geschehen noch auf die politische Hintergruende oder auf Probleme der Armee. Die Iraker tauchen nur als stumme Randfiguren auf, meist als Beobachter der einzelnen Bombenentschaerfungen: ob Freund oder Feind ist fuer die Soldaten (wie auch fuer die Zuschauer) kaum auszumachen.
Gutaussehende, kraeftige Maenner in Augenblicken hoechster physicher Gewalt - ein Grundthema der Filme von Kathryn Bigalow; in diesem Fall im Irak-Krieg angesiedelt. Brillant filmisch umgesetzt, von (bewusst) unbekannteren Darstellern hervorragend gespielt und mit gerade soviel melodramatischem Gefuehl  durchsetzt, dass die Anteilnahme des Zuschauers trotz der realistischen Schock-Bilder immer gewahrt bleibt. Am Ende - wenn der Hauptheld nach seiner Entlassung in die USA, sich dort langweilt und zu einem zweiten Kriegs-Einsatz zur Truppe zurueckkehrt - und wenn er in voller Montur eine Strasse entlang dem Panorama-Horizont entgegen schreitet, dann ist dies grosses, gefuehls-starkes Kino in der besten Tradition Hollywoods.

Foto /Verleih: Concorde

Der Film wurde unter dem Titel "Toedliches Kommando" im August 2009 in den deutschen Kinos gestartet. z.Zt noch zu sehen: Kino Eiszeit (OmU); CineStar Sony Center (OV)