Manchester byLee Chandler (Casey Afflek) arbeitet als Haustechniker eines Wohnblocks in Boston. Etwa 40 Jahre alt, schweigsam, zurückhaltend, eigenbrödlerisch. Eines Tages erhält er einen Anruf aus der Klinik seines Heimatortes Manchester, einer kleinen Küstenstadt in New Hampshire: als er dort eintrifft, ist sein Bruder Joe gerade einer Herzattacke erlegen. Lee muß nun nicht nur seinen Bruder beerdigen, sondern laut Testament auch die Vormundschaft für dessen 16-jährigen Sohn Patrick (Lucas Hedges) übernehmen. Aufgaben, die nicht nur ungewohnt für den Einzelgänger Lee sind, sondern seinen Gefühlshaushalt oft überfordern. Denn nicht nur der Hockey-spielende Patrick, der Beziehungen zu zwei Freundinnen unterhält, die nichts von einander wissen dürfen, erweist sich als sehr eigenwillig, sondern Begegnungen mit alten Freunden und Bekannten mahnen an Lee's schwierige Vergangenheit in Manchester und an die Gründe, warum er diesen vertrauten Ort einst verlassen hat. Verstörende Bilder - filmische Rückblenden - tauchen in ihm auf: Bilder seiner teils, glücklichen, teils chaotischen Ehe mit Randy (Michelle Williams), Bilder vom schrecklichen Brand seines Hauses, an dem er nicht ganz unschuldig war und bei dem seine drei kleinen Kinder umkamen. Nur ganz langsam beginnt die innere Verstörung Lee's in der winterlich-grauen Landschaft des Küstenstädtchen sich zu entkrampfen, nur zaghaft bildet sich Vertrauen zwischen Onkel und Neffen und schließlich die leise Hoffnung auf eine Lösung des Vormundschaffts-Problems  adoptiert im kommenden Sommer. Freunde der Familie in Manchester wollen Patrick adopieren.

Der 5-jährige britische Regisseur Kenneth Lonergan, der auch das Drehbuch verfasste, gilt als eigenwillig und für Hollywood-Verhältnisse schwierig, weshalb "Manchester by the sea" auch erst sein dritter Spielfilm ist. Diese Eigenwilligkeit zeigt sich ganz deutlich in der Art, wie er die an sich simple Familien-Geschichte in Szene setzt. Das Grundtempo des Films ist ungewöhnlich langsam, äußerst ausführlich werden alle Ereignisse geschildert. Scheinbare Nebensächlichkeiten rücken ins Bild, werden auch wiederholt und setzten so  ganz allmählich die Charaktere der handelnden Personen aus unterschiedlichen Perspektiven zusammen. Lee's Psyche wird so in ihrer Vielschichtigkeit deutlich erkennbar, sein abweisendes Understatement, seine Verstörung, seine langsame Befreiung aus der inneren Erstarrung. Auch der herwachsende Patrick, der seinen noch jungen Vater verliert und dessen Mutter in Alkohol, Tabletten und Religion abdriftet, wird duch Gesten und scheinbar zwiespältige Handlungsweise zum  glaubhaften Charakter: jugendliche Unsicherheit mischt sich mit keckem Wagemut, Aufbegehren gegen Lee und desse Vormundsrolle ringt mit Gefühlen für und gegen traditionelle, aber dennoch verwurzelte Familienbande. Sogar die Nebenrolle von Lee's geschiedener Frau Randy wird durch die kluge Inszenierung den wenigen Szenen, in denen sie auftritt, zum überzeugenden Bild einer Frau, die ihre vergangenen Gefühle  mit der gegenwärtigen  Situation - neuer Ehemann, neue Kinder -  nicht in Übereinstimmung zu bringen vermag.

Diese ausführliche, aber nie langatmige Inszenierungsweise führt zur - für einen Familien-Film - ungewöhlichen Länge von 137 Minuten. Gelegentlich hellt ein trockener Humor die bedrückende Geschichte auf. Die immer wieder eingeblendeten Bilder der winterlichen Küstenlandschaftin zu verschiedenen Tageszeiten gliedern und akzentuieren den Ablauf der Ereignisse auf fast poetische Art. Nur die Musik dröhnt gelegentlich, leider stimmungstötend statt stimmungsfördernd, in die oft bildgewaltigen Sequenzen, wie beispielweise beim Brand von Lee's Wohnhaus.

Doch ohne das bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend besetzte Darsteller-Ensemble hätte "Manchester by the sea" seine Dichte und überzeugende Wirkung nie erreicht. Casey Afflek hat bereits den Golden Globe als bester Darsteller eines Dramas in diesem Jahr erhalten, zumindest eine Oscar-Nominierung dürfte ihm sicher sein. Der junge Lucas Hedges als Patrick ist ein ebenbürtiger Partner und vermag die jugendliche Widersprüchlichkeit der Figur bestens zu erden. Und Michelle Williams spielt die innerlich zerissene, an Schuldgefühlen leidende Ex-Ehefrau so eindrucksvoll, daß auch sie sicherlich für einen der begehrten Hollywood-Preise vorgeschlagen wird.

Sicherlich kein Film für ein Publikum, das leichte Unterhaltung sucht, aber ein sorgfältig und intelligent in Szene gesetztes Familien-Drama, dessen harter Realismus ebenso nachvollziehbar wie anrührend ist.

Postere/Verleih: Universal Pictures Germany

zu sehen: Babylon Kreuzberg(OmU); Bundesplatz Kino; CinemaxX Potsdamer Platz; CineStar Sony Center (OV); Filmkunst 66 (dt. und OmU); Filmtheater am Friedrichshain (dt. und OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); Kino in der Kulturbrauere (dt. und OmU); Rollberg (OV); UCI Colloseum

 

HellDie Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner (Ben Foster) sind in einer mißlichen Lage. Ihre gerade gestorbene Mutter hat ihnen eine kümmerliche und hochverschuldete Farm im ländlich flachen Texas hinterlassen. Zwar haben sie halbwegs berechtigte Hoffnung, zukünftig auf den zugehörigen Ländereien Öl gewinnen zu können und damit endlich einmal reich zu werden, aber zuvor müssen termingemäß die hohen Kredite der Midland-Bank  zurückgezahlt werden, sonst fallen Farm und Land an das Geldinstitut. Um an das dafür notwendige Geld zu kommen, überfallen die Brüder mehrere Banken in den umliegenden kleinen Ortschaften, mal mehr mal weniger erfolgreich. Bis der kurz vor seiner Pensionierung stehende Ranger Marcus Hamilton (blendend: Jeff Bridges), zusammen mit seinem halb-indianischen Assistenten Alberto (Gil Birmingham), auf sie angesetzt wird und mit seiner langjährigen Polizei-Erfahrung und Menschenkenntnis den Brüdern auf die Schliche kommt. Im waffenstarrenden Texas endet die Geschichte für einen der Brüder in einem blutigen Showdown mit mehreren Toten, während der andere Bruder mit dem gestohlenen Geld zwar die Farm rettet und auf eine bessere Zukunft für seine Söhne hofft - selbst jedoch melancholisch auf sein verpfuschtes Leben  und seine gescheiterte Ehe zurückblickt.

Der Film von David Mackenzie besticht durch eine geschickte Mischung aus spannender Action und genauer Schilderung der Umwelt.  Die heruntergekommenen Farm, die trostlosen Ortschaften, in denen nur noch alte Männer von einer Kneipe aus das fast stillstehende Leben stoisch beobachten, das weite flache Land mit den Ölbohr-Türmen, das glamourös-glitzernde Casino am schnurgeraden Highway, in dem gepokert und Geld gewaschen wird. Trefflich die knappen Dialoge zwischen den charakterlich so unterschiedlichen Brüdern, die ein starkes Familien-Gefühl aneinander bindet, witzig der zynisch bis rassistische Schlagabtausch  des alten Polizei-Rangers und seinem indianischen Assistenten. Auch kleinste Nebenrollen werden scharf umrissen, der schein-joviale Bankdirektor, der dubios-kluge Anwalt, die biestige Bedienung, die ihr üppiges Trinkgeld der Polizei nicht zeigen will, eine sture, alte Kellnerin, die ihren Gästen diktiert, was sie zu bestellen haben. Unterlegt werden die Bilder (vor allem der weiten, oft trostlosen Landschaften) mit melancholisch-temperierten Songs von Nick Cave und Warren Ellis. 

Ein exzellent geschriebenes Drehbuch (Taylor Sheridan), eine temporeiche Inzenierung, prächtig fotografiert und raffiniert geschnitten: David Mackenzies bereits in Cannes gezeigter Film ist  Kino von heute im Gewand eines "alten" Westerns, der undergründig scharfe soziale Töne anschlägt, ohne  darüber den spannenden Thriller zu vergessen: brillant!

Poster/Verleih: Paramount Pictures Germany

zu sehen: b-ware ladenkino (OmU); Central Hackerscher Markt (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; filmkunst 66 (OmU und dt.); fsk (OmU); Kino in der Kulturbrauerei; Rollberg Kino (OmU); UCI Colosseum; Union Filmtheater

TschickEine Schule in Berlin-Marzahn. Maik Klingenberg, 14 jähriger Einzelgänger mit scheinbar reichen Eltern, hat nur Augen für die hübsche Mitschülerin Tatjana. Die beachtet ihn jedoch kaum und lädt ihn auch nicht zu ihrer Schulschluß- Party ein. Ebenso wenig wie Tschick, einen erst vor Kurzem in die Klasse gekommenen Russland-Deutschen. 

Dies ist der Ausgangspunkt für eine sich zögerlich entwickelnde Freundschaft und für eine gemeinsame Reise in einem gestohlenen Auto quer durch den wilden Osten. Da Maiks Mutter auf einer "Beauty Farm" - zu deutsch: Entzugsanstalt für Alkoholiker - weilt und sein autoritärer Vater zu einer angeblichen Geschäftsreise mit flotter Assistentin aufbricht, passt es wunderbar, daß Tschick ihn mit einem geklauten Lada zu einer Reise in die sommerliche "Walachei" abholt. Mit Schlafsack, Keksen und Cola (plus MaiksTaschengeld) gondeln sie unter stahlend-blauem Sommer-Himmel durch die weite Brandenburger Landschaft. Treffen eine blidungsbeflissene Öko-Familie auf einem alten Bauernhof, geraten in Streit mit einem sturen Dorfpolizisten, begegnen auf einer Müllhalde der jungen Streunerin Isa, die unbedingt nach Prag will und die ihnen beibringt wie man mit Hilfe eines alten Schlauches das für den Lada notwendige Benzin klaut. Sie fahren über waghalsige Sumpfbrücken, baden und waschen sich in einem tiefblauen Stausee und verabreden auf einer alten Burg-Ruine, sich in 50 Jahren an dieser Stelle wiederzutreffen.  Doch die Reise endet fast tragisch, als sie in einen bösen Unfall mit einem schlingernden Riesen-Laster verwickelt werden : aus Angst vor Polizei und drohender Einsperrung in ein Heim verschwindet der verletzte Tschick im Dunkel der Nacht,  während Maik nach kurzem Krankenhaus-Aufenthalt - dank der Anwälte seines Vaters - wieder zu Hause landet: was ihm bleibt, ist die Erinnerung an den unkonventionell-optimistischen Tschick und an einen tollen Sommer voll anarchischer Freiheit.

"Tschick", das schmale Buch von Wolfgang Herrendorf erschien 2010 und entwickelte sich schnell zu einem Bestseller mit Millionenauflage. Das gleichnamige Theaterstück folgte kurz darauf. Kein Wunder, daß Produzenten und Regisseure sich um eine Verfilmung rissen. Doch 2015, kurz vor Beginn der Dreharbeiten, schied der vorgesehene Regisseur David Wnendt ("Kriegerin","Feuchtgebiete") aus. Fatih Akin übernahm das bereits zusammengestellte Darsteller- und Technik-Team und - trotz knapper Vorbereitundszeit - gelang ihm das Kunststück, die Frische und Lebendigkeit des Romans ins Filmische zu übersetzen.

Unkonventionell in Bildführung und Schnitt, kombiniert mit einem raffinierten Musik-Mix aus aktuellern Rock-Titeln mit der schmalzigen "Ballade pour Adeline" von Richard Cleydermann, vor allen aber besticht der Film durch eine treffliche und überzeugende Besetzung der Hauptrollen: Tristan Göbel als der "Psycho" Maik und Anan Batbileg als der stoische "Asi" Tschick. Fatih Akin versteht es auch, den jugendlicher Überschwang, die Waghalsigkeit und den anarchistischen Freiheitsdrang mit leiser Melancholie zu mischen und so die Wahrhaftigkeit dieser heutigen "Coming-of-Age"-Geschichte zu bewahren. Und gleichzeitig alte literarische wie filmische Vorbilder duchschimmern zu lassen. Bei allen witzigen, komischen oder auch anarchistischen Turbulenzen dieser wilden Reise durch die sommerliche, deutsche Landschaft bleibt der tiefere Ernst dieser Lebensgeschichten gewahrt. Schöne Empathie für Außenseiter.

Daß der muntere Film auch einige Schwächen hat, fällt nicht weiter ins Gewicht. So scheint die Figur des Vaters allzu klischeehaft,, einige Episoden sind etwas zu ausführlich oder umständlich erzählt, dann lahmt das Tempo. Insgesamt jedoch  macht diese schräge Reise durch den sommerlichen Osten mit ihrem Anarcho-Unterton viel Spaß und sorgt für beste Kino-Unterhaltung  - ohne dabei die (oft harte) Realiät auszublenden.

Start: 15.September 2016

Foto/Plakat: Studio Canal Deutschland

Toni ErdmannWinfried (Peter Simonischek), Musiklehrer und Alt-68er, ist ein komischer Spaßvogel. Lebt allein mit seinem Hund, im Kreise freundlicher, gutbürgerlicher Nachbarn. Tochter Ines (Sandra Hüller), Mitte 30, jettet als ehrgeizige Unternehmens-Beraterin durch die Welt. Wenn sie gerade mal kurz vorbeischaut, erweist sich das Vater-Tochter-Verhältnis als ziemlich verkrampft – wenn auch äußerlich freundlich und korrekt. Doch als der Hund eines Tages stirbt, entschließt sich Winfried, seine Ines, die gerade an einem Consulting-Projekt im rumänischen Bukarest beteiligt ist, zu besuchen. Es wird ein recht steifes Wochenende: Ines, innerlich belastet damit, ihr Projekt bei ihren Kollegen und ihrem Vorgesetzten durchzubringen, nimmt notgedrungen den Vater in seinen lässigen Klamotten und einer alten Beuteltasche zu verschiedenen Meetings und Partys mit - immer leicht peinlich berührt, wenn er vor ihren Freunden und Kollegen seine schrägen oder faden Witze zum besten gibt. Als er sich am darauffolgenden Montag verabschiedet, ist sie zwar erleichtert, hat aber auch ein flaues Gefühl von Verlassenheit und Einsamkeit: scheinbar erlöst winkt sie ihm vom Etagen-Balkon nach, doch unerwartet beginnt sie leise zu weinen. Um so größer aber der Schock: beim Essen mit ein paar Freundinnen in einem schicken Restaurant, taucht Winfried plötzlich wieder auf, jetzt aber mit Langhaarperücke und Faschingsgebiß und stellt sich – witzereißend - den Freundinnen als Consulting-Coach Toni Erdmann vor. Der erstarrten Ines bleibt nichts anderes übrig, als das Spiel mitzuspielen, will sie ihr hart erarbeitetes Ansehen und ihre berufliche Stellung wahren. Doch andererseits bewirkt diese toll-dreiste Aktion und einige folgenden Auftritte ihres Vaters in ihr eine innere Lösung, zum Beispiel als er in einer rumänischen Kleinbürger-Familie sich als deutscher Botschafter ausgibt und zum Abschied seine verdatterte Tochter auffordert ein bekanntes Witney Juston Lied zu singen: langsam steigert sie sich in die Musik herein, alle inneren Hemmungen fallen beiseite. Doch bei aller allmählichen Annäherung zwischen Vater und Tochter, sowie ihrem Verständnis füreinander – wie auch für die Erkenntnis der jeweils eigenen Situation - , ihre Wege bleiben weiterhin getrennt: Winfried in seinem deutschen Garten, Ines in der globalen Finanz- und Wirtschafts-Welt. Wenn diese Story beim Lesen oder Nacherzählen vielleicht allzu konstruiert und kopflastig erscheint, im Film ist davon glücklicherweise wenig zu spüren. Denn die Sensibilität mit der Regisseurin Maren Ade ihre Personen zeigt, sowie die langsam und feinfühlig beobachtete Entwicklung deren Beziehungen unter- und zueinander, verleihen der Geschichte große Natürlichkeit und Überzeugungskraft. Komische und tragische Momente verbinden sich scheinbar nahtlos. Das gilt für die familiäre Vater-Tochter-Beziehung ebenso wie für die scharf und präzise gezeigte Berufswelt der Unternehmensberater mit ihren autoritären, von Männern beherrschten Strukturen. Und gleichzeitig wird ganz unaufdringlich die politische Situation miteinbezogen: Rumänien zwischen westlich geprägtem Großstadt-Glamour und landlich-ärmlichen Wirtschafts- und Industrie-Betrieben, die von ausländischen Managern brutal ausgenützt werden. Ein hervorragendes Darsteller-Ensemble aus deutschen und rumänischen Schauspielern trägt überzeugend zur Glaubwürdigkeit der unterschiedlichen Episoden und Einzelgeschichten bei. Geprägt jedoch wird der 162 Minuten lange, und keine Minute langweilende Film von Sandra Hüller als im Kern ihrem Vater nicht unähnliche taffe Tochter und von Peter Simonischek, der als Vater wie ein tapsig brummelnder Bär seine lauen Scherze macht und so versucht seine durch Beruf und Einsamkeit verhärtete Tochter wieder „aufzutauen“. Exzellent wie beide Figuren ihre „Masken“ schützen und nutzen und wie diese ganz langsam fallen – bis zur tatsächlichen Nacktheit - ohne Peinlichkeit oder dabei ihre Würde zu verlieren. Intelligent, klug, und - sehr filmisch - unterhaltsam.

Filmstart: 14.Juli 2016

Der mit dem diesjährigen Oscar ausgezeichnete Film erzählt die "wahre Geschichte" eines kleinen Reporter-Team der renommierten Zeitung "The Boston Globe", das im Jahr 2001 das Vertuschungs-System der Katholischen Kirche über von Priestern mißbrauchte Kinder enthüllte. Zwar waren solche Vorfälle schon länger bekannt, aber von der Öffentlichkeit wie von der Presse nur als nebensächliche Notiz wahrgenommen worden. Erst der neue, aus Miami kommende Chefredakteur regt die vier hauseigenen investigativen Journalisten, die unter dem Namen "Spotlight" arbeiten, zu ausführlicheren Recherchen zu Thema des sexuellen Mißbrauchs innerhalb der Bostoner Kirchengemeinden an. Dabei geht es - so der Auftrag - weniger um Einzelfälle, um Täter wie Opfer, als vielmehr um die Aufdeckung eines "Systems": nämlich wie die Kirchenleitung - an ihrer Spitze der Kardinal - bewußt diese Verfehlungen vertuscht und "unter den Teppich kehrt".
Der Film zeigt die mühevolle Arbeit der Journalisten: das Aufspüren und Anhören der Opfer (deren Zahl immer größer wird), das zeitraubende Durchsuchen von Kirchen-Verzeichnissen, Archiv-Akten und Gerichts-Zeugnissen über die Täter, die mühsamen und oft vergeblichen Versuche in diskreten Gesprächen mit Anwälten und Kirchenvertretern - offiziellen wie inoffiziellen -, Hintergründe zu erfahren, Bestätigungen zu bekommen. Es geht bei diesen Recherchen nicht nur um vordergründige, spektakuläre Außen-Wirkung - zumal Auflagenzahlen und Wettbewerb innerhalb des Zeitungsmarktes eine gewichtige Rolle spielen -, sondern auch um eine Reflexion über eigene (jounalistische wie menschliche) Verhaltensweisen und ethische Maßstäbe. Der Film endet mit dem Erscheinen des - duch "Nine/eleven" um einige Wochen verzögerten - umfangreichen Berichtes am Dreikönigstag 2002. Der daduch ausgelöste (weltweite) Skandal innerhalb der Katholischen Kirche wird nur kurz im Abspann schriftlich angedeutet.
Bewundernswert, wie Regisseur Tom McCarthy, der zusammen mit Josh Singer auch für das ebenfalls Oscar-gekrönte Drehbuch verantwortlich ist, diese an sich nüchtern-trockene Journalisten-Story schnörkellos und geradlinig - wenn auch auf konventionelle Weise - erzählt. Er verzichtet ganz auf filmische oder spektakuläre Extravaganzen und trotzdem gelingt ihm eine sehr farbige, abwechslungsreiche, klug-unterhaltende und spannende Film-Inszenierung.
Getragen von einer beweglich-eleganten Kamera (Masanobu Takayanagi) und einem exzellenten Schauspieler-Ensemble, überzeugend bis in die kleinsten Nebenrollen. Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams, Brian d'Arcy James bilden das charakterlich sehr unterschiedliche, aber bestens aufeinander eingeschworene Reporter-Team, John Slattery ist ihr manchmal bedenken-tragender Vorgesetzter und Liev Schreiber verkörpert den immer die Ruhe und Distanz wahrenden Chefredakteur, einen wagemutigen, jüdischen Außenseiter in der stark irisch-katholisch geprägten Gesellschaft von Boston.
"Spotlight" reitet keine Attacke gegen den Glauben, er kritisiert aber scharf das zwiespältige Verhalten kirchlicher Institutionen und er diskutiert - durchaus selbstkritisch - Sinn, Aufgabe und Bedeutung der (damals noch nicht durch-digitalisierten) Presse. Jener sogenannten "Vierten Macht", die in demokratischen Staaten das Handeln von Parlament, Regierung und Justiz kritisch beobachtet - nicht nur in Boston.

Poster/Verleih: Paramount Pictures Germany

zu sehen u.a.: Central Hackerscher Markt (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; CineStar Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Sony Center (OV); Eva Lichtspiele; Filmkunst 66; Filmtheaater am Friedrichshain (dt. u. OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. u. OmU); Passage Neukölln (dt. u. OmU); Sputnik (dt.u.OmU); UCI Colosseum; Zoo-Palast


Auschwitz-Birkenau, Oktober 1944. Der Ungar Saul Ausländer gehört zu jenem Sonderkomando, das die Nazis aus körperlich kräftigen, eingelieferten Juden zusammengesucht haben, um die "schmutzigen" Arbeiten auszuführen: den jeweils neuen Opfern beim Entkleiden zu helfen, sie in die angeblichen Duschkammern zu pressen, danach die abgelegten Kleider nach Wertgegenständen zu durchsuchen, anschließend die Leichen in die Krematorien zu schaffen, die Gaskammern zu säubern sowie die anfallenden Aschemengen zu beseiteigen. (Nach einigen Wochen würden diese "Helfer-Sklaven" und unfreiwilligen Zeugen der Verbrechen hingerichtet.)
Saul (dargestellt von dem ungarischen Dichter Géza Röhrig) - leicht verstört die Neuankommenden durchforschend - glaubt in der Leiche eines Jungen seinen Sohn zu erkennen. In einem inneren Akt des Widerstandes und der Menschlichkeit versucht er, den Leichnam vor der Verbrennung zu retten und sattdessen nach jüdischen Ritual zu begraben. Dafür sucht er - allen grauenvollen Umständen und Unmöglichkeiten zum Trotz  - mit eisener Energie und List einen Rabbi, der ihm beim Erdbegräbnis hilft und das Kaddisch spricht. Zur gleichen Zeit  versuchen einige Mithäftlinge des Sonderkommandos eine Aufstand und Ausbruch zu organisieren. Doch die Flucht, der Saul sich mit dem toten Sohn im Arm anschließt, mißlingt ebenso wie der Versuch einer rituellen Beerdignung. Was bleibt, ist ein Traumbild Sauls, der seien Sohn lebend in die polnischen Wälder fliehen sieht
Der ungarische Regisseur László Nemes hat für diese ungewöhliche Geschichte eine neuartige und faszinierende filmische Form gefunden. Im nur noch selten benutzten, alten 4:3-Format sitzt die Handkamera dem Darsteller des Saul buchstäblich "im Nacken": hautnah zeigt das schmale, fast quadratische Bild die Groß- oder Nahaufnahme seines Gesichtes, dahinter nur verschwommen seine Umgebung: das grausame Geschehen vor den Gaskammern, das brutale Herauszerren der Leichenberge, die brutalen Auftritte der Nazi-Offiziere und ihrer Schergen, die heimlichen Vorbereitungen des Aufstandes der im Sonderkommando versklavten Männer und schließlich die waghalsige Flucht durch einen Fluß und in die Wälder...
Diese raffinierte Bildführung, die die graustigen Geschehnissen nur verschwommen im Hintergrund andeutet, wird ergänzt durch eine hoch-komplexe Tonspur, in der sich Schüsse und Schreie, Kommandos und Wortfetzen in unterschiedlichen Sprachen sowie vielerlei Geräusche und Laute äußerst realistisch mischen. Was das Auge nur schemenhaft wahrnimmt, registriert das Ohr in erschreckender Deutlichkeit.
Doch erzählt werden diese Geschichten nach konventionellen, dramaturgischen Regeln. Die Szenen sind inszeniert und geschnitten wie in einem guten Thriller, dessen wichtigstes Ziel es ist, Spannung aufzubauen. Hier wirkt der Film gelegentlich über-konstruiert und opfert ein wenig seine Glaubwürdigkeit seiner brillanten Machart.
"Son of Saul" wird seit seiner Premiere in Cannes 2015 mit Auszeichnungen geradezu überhäuft, zuletzt mit dem diesjährigen Oscar für den besten Film in nicht-englicher Sprache. In Deutschland stößt er auch auf Vorbehalte, die vor allem auf dem bekannten, provokativem Diktum Adornos (keine Kunst nach Auschwitz) und der epochalen "Shoa"-Dokumentation von Claude Lanzmann beruhen, in der auf jegliche nachgespielte Szene in Vernichtungslagern bewußt verzichtet wird.. Doch scheint dieses "Bilderverbot" nicht mehr so streng beurteilt zu werden, je jünger die Generationen der Betrachter sind und je weiter die schrecklichen Ereignisse in einer fernen historischer Distanz verschwimmen.

Poster/Verleih: Sony Pictures Germany

zu sehen(nur OmU): Filmtheater am Friedrichshain; fsk Kreuzberg; Kant-Kino; Movimento; Delphi(Sonntags-Matinée)

Zeit: Nord-Amerika nach dem Bürgerkrieg. Ort: "Minnie's Haberdashery", ein einsamer Western-Saloon in den Bergen von Wyoming. Als ein gewaltiger Schneesturm ausbricht, treffen acht Personen (scheinbar) zufällig in diesem abgelegenen Holzbau aufeinander. Ein Kopfgeldjäger mit seiner weiblichen "Beute" (10 000 Dollar wert); ein schwarzer Major, der im Bürgerkrieg für den Norden kämpfte und einen Briefwechsel mit Abraham Lincoln führte; ein frisch gebackener Sheriff; ein Cowboy, der sein Leben aufschreibt; ein aus England stammender Henker; ein alter Südstaaten-General, der nach seinem verschollenen Sohn fahndet und ein finsterer Mexikaner, der momentan den Laden führt, da die Besitzerin angeblich bei ihrer Mutter zu Besuch weilt.
Eine Kammerspiel-Situation wie in einem Krimi von Agatha Christie - jeder hat ein Geheimnis zu verbergen und versucht gleichzeitig die übrigen Anwesenden wortreich auszuforschen. Der Film - im seltenen 70-Milimeter-Format gedreht - dauert fast drei Stunden, beginnt mit einer rein musikalischen Ouvertüre (Enno Morricone) und wird durch eine 12-minütige Pause geteilt. Während vor dieser "Intermission" überwiegend mit Worten diskutiert und gestritten wird,  erfährt der Zuschauer danach in einer Rückblende die wahren Zusammenhänge der vorgetäuschten Lebensgeschichten. Danach wird zugeschlagen: mit Fäusten, Messer, Gift, Pistolen und Gewehr - bis alle tot am Boden liegen - der rassistische Südstaatler wie der aufgeklärte Yankee.
Rasissmus als Ursache für Hass, Krieg und Mord ist das Grundthema - wie schon in Tarantinos vorangegangenem Film "Django Unchained". Die gegewärtigen Auseiandersetzungen zwischen US-Polizei und Schwarzen sowie der Boykott-Aufruf farbiger Künstler gegen die diesjährige Oscar-Zeremonie vermitteln dem Thema eine unerwartete, aktuelle Brisanz. Doch Neues dazu ist weder der Regie noch dem Drehbuch von "The Hateful Eight" eingefallen. Der erste Teil unter seinenlangen Dialogen, ist ermüdend und langweilig. Der zweite Teil überbietet sich dann in grellen und blutigen Prügel- und Schieß-Szenen, so daß der Rassismus lediglich als moralisches Deck-Mäntelchen für ein grotesk-effektvolles Splatter-Movie erscheint. 
Trotz virtuoser Kameraführung, guter Schauspieler (darunter Samuel L.Jackson, Kurt Russel, Jennifer Jason-Light, Tim Roth, Bruce Dern) und einfallsreichen Szenen-Details bleibt die brillante, cinematographische Fantasie, für die Quentin Tarantino so berühmt ist; in diesem, seinem achteen Spielfilm, weitgehend auf der Strecke.

Poster/Verleih: Universum Film GmbH

zu sehen u.a. CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Cineplex Neukölln Arcaden; Cineplex Spandau; Titania Palast Steglitz; Cinestar Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Sony Center (OV); CineStar Tegel; Hackesche Höfe Kino (OmU); Kino in der Kulturbrauerei; Kino Spreehöfe; Rollberg Kino (OmU); UCI Colosseum; UCI Friedrichshain; UCI Gropius-Passagen; Zoo-Palast






















1. HAIL, CAESAR!     Joel & Ethan Coen (außer Konkurrenz) ***
Satire auf das Hollywood-Kino der 1940/50-er Jahre - einer Zeit in der mächtige Studiobosse das Filmgeschäft dominierten. Parodiert und ironisiert werden die unterschiedlichen Genres wie Sandalen-Opus, Western oder Melodram, die Allüren von Produzenten, Regisseuren und vor allem von Stars, aber auch die angebliche Unterwanderung Hollywoods durch die Kommunisten. Die zahlreichen Stars, angeführt von Georges Clooney als dämlich-römischem Feldherrn-Darsteller,  chargieren mit Lust, die Dialoge sind meist flott, die Ausstattung üppig und die beiden Regisseure garnieren die unterschiedlichen Geschichten vom schauspielerisch unbegabten Westernhelden, der zickigen Wasserballett-Diva oder dem von Clooneys Entführung überforderten Produzenten mit allerlei bildlichem Witz oder hübschen Tanzszenen á la Gene Kelly. Doch der Spaß hat seine Grenzen : die vielen "guten" Zutaten mischen sich nicht, zerbröseln in nette Einzelheiten. Der Film "langweilt auf immerhin amüsante Weise" (Harald Martenstein im "Tagesspiegel")




2. MIDNIGHT SPECIAL     Jeff Nichols **
Der konventionell erzählte Hollywood-Film vereint mehrere Genres: zuächst einen Action-Krimi mit rasanten Auto-Verfolgungen zwischen Texas und Louisiana - der mit magischer Augen-Kraft ausgestatte, achtjährige Alton Meyer, aufgewachsen in einer sektenähnlichen Gemeinschaft, wird entführt. Dann eine anrührende Familien-Story: der Junge ist von seinen eigenen Eltern, die ihn nur beschützen wollen, gekidnappt worden.  Schließlich eine moderen Sience-Fiction-Variante : der Junge wird von Wesen, die oberhalb der Erde hausen sollen, unter Blitz und Erdbeben "heimgeholt" - d.h. er verschwindet einfach in einer weiten, flach-sumpfigen Landschaft. Die ihn mitjagenden Sektenmitglieder, wie die Polizei, laufen buchstäblich "ins Leere". Temporeich und spannend inszeniert, attraktiv fotografiert und gut besetzt (Michael Shannon; Kirsten Dunst), aber zur Parabel (auf wen oder was auch immer) taugt dieses "Mitternächtliche Spezial" um (auf der Leinwand) niemals sichtbare Aliens kaum - außer "Action" und  "Family-Love" nichts gewesen. Allem filmischen Realismus zum Trotz: gelegentliche Lacher im Publikum!








3  L' AVENIR     Mia Hansen-Love****
Isabelle Huppert verkörpert mit der ihr eigenen Intensität die ehemals linke, jetzt liberal-bürgerliche Lehrerin Nathalie, die Philosophie an einem Pariser Gymnasium unterrichtet. Zunächst läuft alles harmonisch, doch langsam häufen sich die Kathastrophen. Ihr Mann verläßt sie und zieht aus, ein guter, jugendlicher Freund verläßt Paris und zieht aufs Land, die Mutter muß erst ins Seniorenheim, dann stirbt sie, die beiden erwachsenen Kinder führen ihr eigenes Leben. Das Älterwerden, die Einsamkeit nahen - mit viel Selbstdisziplin bewahrt Nathalie ihre Haltung. Der Film der französischen Regisseurin Mia Hansen-Love enthält sich jeder Larmoyanz, erzählt seine Geschichte in knapper Szenenfolge, elegant ins Bild übertragen und mit schönem Witz unterlegt - statt Mann und Kindern bleibt der einsam Gewordenen am Ende nur der (ungeliebte) Kater iher verstorbenen Mutter.







4. MAHANA (The Patriarch) Lee Tamahori (außer Konkurrenz)****
Familien-Saga eines Maori-Clans im Neuseeland der 1950er Jahre.  Mit brutaler Strenge herrscht der  alte Mahana über seine zahlreichen Söhne, Töchter und deren Ehepartner und Kinder, alle eingespannt in das unter harten Bedingungen aufgebaute Schafzucht-Unternehmen. Erst der 14-jährige Enkel Simon wagt, sich dem autoritären Großvater entgegenzustellen... Regisseur Lee Tamahori hat viele Jahre in Hollywood erfolgreich gearbeitet und entfaltet - in seine Heimat zurückgekehrt - eine ebenso prachtvolles wie anrührendes Familien-Epos - ganz im Stil des alten amerikanischen Western - nur statt schneller Pistolen-Duelle führt hier der wilde Wettbewerb um die rasanteste Schafschur zum filmischen Happy End.





5. FUOCOAMMARE     Gianfranco Rosi**
Der Titel des Films bezieht sich auf eine Musikstück, das sich eine alte Einwohnerin der Insel Lampedusa  als Wunschmusik im Radio wünscht - ein Stück "normales" Leben auf diesem Iland zwischen Lybien und Sizilien, das als Ziel überwiegend afrikanischer Migranten seit einigen Jahren in die internationalen Schlagzeilen geriet. Der italienische Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi zeigt zwei Seiten von Lampedusa: zum einen den (nachgestellten) Alltag des 10-jährigen Samuel und seiner Familie (Schule, Arztbesuch, Fischfang), zum anderen echte Dokumentaraufnahmen vom Auffinden von Flüchtlingsbooten auf dem Meer durch Militärschiffe und wie diese erschöpften Menschen ans Land und in Auffanglager gebracht werden. Doch eine Korrespondenz zwischen diesen Welten - ob sie sich wahrnehmen und wie - , das wird im Bild nicht gezeigt, das muß sich ein williger Zuschauer denken oder erahnen. Insofern bleibt diese Halb-Dokumantation unbefriedigend und ein verschenktes Thema.






6. 24 WOCHEN Anne Zohra Berrached****
Astrid Lorenz ist erfolgreiche TV-Kabaretistin, ihr Lebensgefährte Markus managt sie. Beide wohnen mit ihrer kleinen Tochter in einer modernen, schicken Vorstadt,  Astrids Mutter hielft gelegentlich im Haushalt mit, auch ein Kindermädchen erleichtert den berufstätigen Eltern das Leben. Ein zweites Kind wird freudig erwartet, bis die ärzliche Diagnose das Baby erst als mongoloid, später noch als herzgeschädigt erkennt. Eine Abtreibung oder ein behindertes Kind aufziehen? Freunde und Bekannte haben unterschiedliche Meinungen dazu - beide Elternteile stürzen in tiefe Verwirrung, schwanken in ihrer Meinung, bis Astrid sich für die in Deutschland mögliche Abtreibug nach der 24.Schangerschaftswoche entscheidet, das Kind wird dabei getötet.
Der Film der jungen Hochschulabsolventin Anne Zorah Berracheds ist keine Diskussion über das Thema Abtreibung, sonder konzentriert sich ganz auf die psychologische Entwicklung Astrids, auf ihr Erschrecken, ihre Verwirrung, ihre Angst und Unsicherheit, ihre Suche nach Hilfe bei Mann, Freunden oder Mutter und schließlich die Erkenntnis, daß nur sie allein entscheiden will und muß.
Ob diese Entscheidung richtig oder falsche war, vermag sie später selbst nicht zu sagen: vielleicht, meint sie, ein bißchen von beidem. Der Film bleibt seinen Personen ganz nah: Handkamera und Großaufnahmen (auch von Details) werden bevorzugt und im Gesicht der großartigen Schauspielerin Julia Jentsch wird jede Regung Astrids sicht- und auch nachvollziebar. Anrührendes Kino aus dem intimen Blick einer Frau.





7. QUAND ON A 17 ANS André Téchiné****
Eine kleine Stadt in den französischen Pyrenäen. Thomas und Damien, beide 17 Jahre sind  Einzelgänger in ihrer Klasse. Thomas ist der adoptierte Sohn, wohl nordafrikanischer Herkunft,  auf einem abgelegenen Bauernhof, Damien das Kind der Landärztin, der Vater dient in der Armee und ist daher oft abwesend. Geschildert wird in realistischen Bildfolgen, die eindrucksvoll die Berg-Landschaft und ihre wechselnden Jahreszeiten miteinbeziehen, das schwierige Coming-out der beiden jungen Männer, die vielen psychologischen Windungen, ihre schwule Veranlagung zu erkennen und dann damit zurechtzukommen. Die Rolle ihrer Umwelt (Schule, Lehrer, Eltern) spielt dabei nur eine Nebenrolle - außer der klarsichtigen und tatkräftigen Mutter Damiens, die immer wieder hilfreich den Prozeß des Erwachsenwerdens unterstützt. Altmeister André Téchiné weiß seine trefflich besetzten jugendlichen Darsteller überzeugend in Szene zu setzen  - und Sandrine Kiberlain ist als Land-Ärztin und Mutter ebenso patent wie natürlich. Daß die Story dramaturgisch ein wenig grob und vorhersehbar getrickt ist, wird durch die Eleganz der Inszenierung geschickt überspielt.




8. ALONE IN BERLIN   Vincent Perez***
Nachdem vor ein paar Jahren die erste englische Übersetzung von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" (1946) sich zum Welt-Bestseller entwickelte, war klar, daß diesem Erfolg eine internationale Kino-Version folgen würde. Sie feiert jetzt bei der Berlinale ihre Premiere : in Babelsberg gedreht, in englischer Sprache und aus vielen deutschen und ausländischen Finanz-Töpfen gespeist. Herausgekommen ist eine sehr konventionelle, brave Nacherzählung für ein internationales Publikum. Die britischen Schauspieler Emma Thompson und Brendan Gleeson spielen das ältere Ehepaar Quangel, das mit dem heimlichen Verteilen von gegen Hitler gerichteten Postkarten im Berlin des 2.Weltkrieges seinen ebenso tapferen wie bescheidenen Widerstand leistete. Sie überzeugen, weil sie unter der Regie des Schweizer Vincent Perez jede Sentimentalität vermeiden und ihren Figuren so ein klares, sehr menschliches Profil verleihen. Problematischer die Figur des sie verfolgenden Gestapo-Fahnders Escherich (Daniell Brühl), der in dieser Fassung durch die Kartenaktion aufgerüttelt wird und sich erschießt. Ob der fernsehtaugliche Film und sein Thema heute noch  - oder schon wieder? -  ein internationales Publikum interessiert?



9. CHANG JIANG TU (Crosscurrent) Yang Chao****
Ein junger Kapitän fährt auf einem alten, rostigen Lastkahn den Jangtse flußaufwärts - von Shanghai über den mächtigen Drei-Schluchten-Staudamm bis zur Quelle. Er hat soeben seinen Vater nach einem seltsamen chinesischen Ritual (mit schwarzem Fisch) beerdigt und sehnt sich nach einer bestimmeten Frau, die ihm aber nur ab und zu am Ufer oder auf einem gegenläufigen Schiff erscheint. Die phantstische Fahrt durch atemberaubende Landschaften - blaustichig, nebelverhangen - wird mit allerlei Gedichten und philosophischen Sentenzen (als Schriftbilder) ausgeschückt, der Kapitän trifft in einer verfallenden Pagode auf Buddah-Stimmen oder er begegnet seiner Wunsch- Frau in einem gespenstischen, verlassenen Inseldorf, wobei immer ein raffinierter Kontrast zwischen Realität und Phantasie sich magisch entfaltet. Ob Poesie oder Kitsch - für den mit der chinesischen Kultur nicht vertrauten Zuschauer bleibt der von mächtig aufrauschender Musik untermalte Film über weite Strecken ein merkwürdiges - wenn auch ein optisch überaus attraktives Rätsel.




10. CHI-RAQ   Spike Lee (außer Konkurrenz)***
Bandenkämpfe unter Schwarzen im heutigen Chicago, hochgepeitscht von Sex, Drogen und Waffen. Nach dem Tod eines Kindes bildet sich ein Front taffer Frauen: No Peace, no pussy! Lysistrata lässt grüßen. Gefilmt im Stil eines tubulenten, effektvollen Musicals - es wird viel gesungen, gerappt, getanzt und in gereimten Dialogen gesprochen. Eine szenisch einfallsreiche, schrill-bunte Show mit fabelhaften, fast ausschließlich schwarzen Darstellern, aber doch sehr vordergründig und allzu - wenn auch gut gemeint - agitatorisch-plakativ.




11. GENIUS   Michael Grandage****
Die - historisch verbürgte - kreative Beziehung zwischen dem Verleger Max Perkins und dem Schriftsteller Thomas Wolfe. Wie die beiden charakterlich so unterschiedlichen Männer im Jahr 1929  aus einem überbordenden Manuskript den Welterfolg "Schau heimwärts, Engel" filterten, wie sie an einem weiteren Roman ("Von Zeit und Fluß") arbeiteten und wie darüber die privaten Beziehungen der beiden zu ihren Frauen und Familien großen Schaden nahm: Der eigentlich unfilmische Stoff wird von dem britischen Theatermann Michael Grandage geschickt in Szene gesetzt und durch die beiden hervorragenden Darstellern bestens beglaubigt: Colin Firth als zurückhaltender, eher puritanischer Verleger, Jude Law als exzentischer, selbstgefälliger Dichter.  Ein intelligent-unterhaltsames Kammerspiel für Literaturfreaks und  Freunde subtiler Schauspielkunst.




12. KOLLEKTIVET (The Commune)  Thomas Vinterberg***
Der Titel (der in der deutschen Fassung mit "Die Kommune" übersetzt wird, Kinostart: 21.April) erweckt falsche Erwartungen. Es geht nicht um linkspolitische Wohn- und Lebensgemeinschaften. Sondern: Erik (Ulrich Thomsen), Archtektur-Professor in Kopenhagen und Anna (Trine Dyrholm), Nachrichtensprecherin beim dortigen Fernsehn, beide so um die 40, erben eine stattliche Villa. Da dieses Haus zu groß für das Paar und seine 14jährige Tochter Freija ist, werden Freunde und Bekannte zum Mitbewohnen eingeladen. Zunächst ein fröhliches Kollektiv: Zusammen wird gegessen, getrunken und gefeiert, schließlich spielt die Geschichte in den 1970er Jahren. Doch als Erik ein Verhältnis mit seiner Studentin Emma eingeht, kommt der Hausfrieden ins Wanken. Zwar gibt Anna sich zuerst cool und ist sogar einverstanden, daß Emma mit ins Haus zieht, doch dann bricht sie zusammen. Nach qualvollen Wochen verläßt sie auf Rat ihrer Tochter Villa und Gemeinschaft. Regisseur Thomas Vinterberg, Mitbegründer der dänischen Dogma-Bewegung, hat die ürsprünglich strengen Regeln dieser Theorie stark gemildert und einen - in seiner Machart - sehr konventionellen Film gedreht, in dem das titelgebende Kollektiv lediglich den Hintergrund für eines der üblichen Ehedramen abgibt. Anfangs schildert der Film mit einigem Witz die Marotten der   Wohngemeinschaft, später dominiert die eheliche Dreiecks-Story. Wobei Spannung und Interesse des Zuschauers vor allem durch das intensive Spiel von Trine Dyrholm als der grundlos verlassener Ehefrau geweckt werden. Nicht das Kollektiv, sondern sie allein trägt den Film.




13. ZJEDNOCZONE STANY MILOSCI  (United States of Love)  Tomasz Wasilewski***
Plattenbau-Silos am Rande einer polnischen Kleinstadt. In ausgebleichten Farben schildert der Regisseur Tomasz Wasilewski (geb.1980) das freudlose Dasein von vier Frauen. Agata, verheiratet, eine halbwüchsige Tochter, hat sich erfolglos in den hübschen Priester verliebt, die Schuldirektorin Iza quält sich als unglückliche Geliebte eines Arztes, die einsame Lehrerin Renata sucht verzweifelt die Freundschaft zu ihrer Wohnungs-Nachbarin Marzena, einer Aerobic-Trainerin, die von einem Leben als Model träumt (und vorerst nur ausgenützt wird). Diese frustrierenden Liebes- und Sex-Geschichten spielen Anfang der 1990er Jahre, vom Aufbruch wie in den umliegenden Ex-Ostblock-Ländern ist in dieser winterlich-trostlosen Gegend Polens noch nichts zu spüren. Kühl und distanziert - mal mit erregter Handkamera, mal in lang stehenden Einstellungen - führt der Film seine Personen und ihre Umwelt vor, den tristen Alltag im "sozialen Realismus", eine erstarrte Gesellschaft zwischen Kirche und "Fick-Zellen". Ein filmisch kunstvoller Rückblick ohne Nostalgie: Vergangenheits-Bewältigung oder Mahnung für heute?




14. STAINT AMOUR  Benoit Delepine/Gustave Kervern (außer Konkurrenz)**
Gérard Depardieu spielt einen Landwirt und Viehzüchter im Rentneralter, der mit seinem erwachsenen Sohn und Nachfolger (Benoit Poelvoorde) eine Reise durch die französischen Weingebiete unternimmt. Im Sommer - auch wenn häufig dunkle Wolken den Himmel bedecken - und im Taxi. Es wird reichhaltig gegessen, gesoffen und gevögelt - mit allerhand überraschenden Nebenwirkungen, an denen auch der junge Taxifahrer kräftig mitmischt. Das eigentliche Ziel der Reise, nämlich das schlechte Verhältnis von Vater und Sohn zwecks Nachfoge auf dem Hof zu verbessern, gelingt unerwartet gut: eine für alle drei Männer passende Reiterin (in jeder Beziehung!)reist mit zurück aufs heimische Gut. Eine derbe Komödie, in der auf jede "gender corectness" großzügig verzichtet wird, um dafür die nach wie vor männliche Präsenz von Gérard Depardieu und die Clownerien seines belgischen Partners Benoit Poelvoorde effektvoll auszustellen -  ein draller Spaß. Ein Frankreich-Trip, der trotz witziger Bild- und Text-Einfällen für feinere Gemüter Geschmackssache bleibt.




15. CARTAS DA GUERRA  Ivo M. Ferreira****
António Lobo Antunes, einer der bekanntesten Schriftsteller Portugals, leistete in seinen jungen Jahren Militärdienst als Arzt in Angola, einer der letzten Kolonien seiner Heimat (1971 - 73). Er hatte kurz zuvor geheiratet und schrieb seiner jungen Frau, die ein Baby erwartete, lange Briefe aus dem afrikanischen Lager. (2005 wurden sie veröffentlicht). Der Film von Ivo M. Ferreira entwickelt daraus eine reizvolle, wenn auch komplizierte Doppel-Struktur. Aus dem Off hört man die Stimme der Frau, die die an sie gerichteten Liebes-und Sehnsuchtsbriefe liest, während man im Bild  nachgespielte Szenen aus dem Leben der Soldaten - unter ihnen Antunes (Miguel Nunes) als Sanitäter und Arzt - in den einfachen Zelt- und Barackenlagern im angolanischen Busch sieht. Alle Bilder sind in stark verschattetem Schwarz-Weiß gehalten: der dumpfe Militär-Alltag, die Verwundeten auf beiden Seiten, die ungewohnte, geheimnisvolle Natur, die steigende Unzufriedenheit und Angst unter Offizieren wie Manschaften. Demgegenüber die Briefe, die die Sehnsucht des Autors nach seiner Frau und dem zu erwartenden Baby durchziehen, aber auch sein sich immer mehr vergrößerndes Befremden über die Rechtmäßigkeit des Kolonialkrieges und die Angst vor kommenden Katastrophen oder einem möglichen Tod. Ein kunstvolles filmisches Puzzle aus sich nur indirekt ergänzendem Bild und Ton, raffiniert gemischt, realistisch und poetisch zugleich, voll erhellender Melancholie.





16. A QUIET PASSION  Terence Davies (Berlinale Special)****
Bio-Pic über die amerikanische Dichterin Emily Dickinson (1830 - 1886). Als eine der bedeutensten Lyrikerinnen der USA wurde Emily Dickinson erst nach dem zweiten Weltkrieg entdeckt. Sie selbst wohnte zeit ihres Lebens zurückgezogen auf dem Anwesen ihrer Eltern in Amherst, Massachusetts.
Von ihren über 1700 Gedichten hat sie kaum etwas veröffentlicht, erst ihre Nichte gab den Nachlass, frei, wobei sie meist starke Eingiffe in die einzelnen Gedichte vornahm. Über Emilys Alltag ist nur wenig bekannt, so daß der Regisseur Terence Davies die einzelen Geschehnisse und Episoden für seinen zweistündigen Spielfilm vorallem aus den zahlreichen Briefe der Dichterin filterte. Der erste,
kürzere Abschnitt schildert Emilys frühzeitigen (krankheitsbedingten?) Abschluß ihrer Ausbildung auf dem Amherst-College und die Rückkehr ins Elternhaus, wobei sie sich schnell als selbstdenkende und zum Widerspruch neigende Tochter erweist. Der zweite Teil erzählt von ihrer platonischen Liebe zu einem verheirateten Pfarrer, vom Tod ihrer Eltern und vom eigenen, durch Krankheit bedingten Sterben. Elegant gefilmt in schöner historischer Ausstattung mit trefflichen Darstellern, die die Vorbilder knapp und plastisch charakterisieren können und die vor allem die Gedichte (oder auch Breifausschnitte) wunderbar zum Klingen bringen. Für Literatur-Freunde sehenswert.