Matteo (Lluis Homar)  ist Filmregisseur, aber durch einen Autounfall erblindet, jetzt schlaegt er sich in Madrid als Drehbuchautor durchs Leben, unterstuetzt durch seine Film-Agentin  (und ehemalige Geliebte) Judit und deren Sohn Diego. Eines Tages taucht ein etwas seltsamer junger Mann bei ihm auf und will mit ihm eine Drehbuch ueber die Rache eines Sohnes an seinem Vater realisieren. Matteo schoepft schnell Verdacht und laesst sich dies durch Foto-Indizien bestaetigen: der junge Mann ist der Stiefsohn seines einstigen Stars Lena (hervorragend: Penelope Cruz), den er Ernesto (Jose Luis Gomez), dem reichen Industriellen und Geldgeber seines letzten Filmes "Frauen und Koffer" ausgespannt hatte, was zu einem grotesken Rache-Akt fuehrte: der betrogene Ernesto lies aus allen schlechten und verworfenen Takes des Films eine grauenvoll-laecherliche Fassung schneiden - eine burleske Karikatur von Matteos geplanter Komoedie.
Aus dieser kompliziert-verschachtelten und in nicht chronologischen Rueckblenden erzaehlten Story entwickelt Pedro Almodovar eine raffinierte Mischung aus Thriller, Melodram und Komoedie - ueberwiegend im Milieu des Kinos.  Ein Film im Film, Verweise und Zitate auf und aus der Welt des schoenen oder graussigen Scheins - mal tragisch, mal komisch. Almodovar verzichtet dabei auf die grellen Einfaelle und Schrillheiten seiner aelteren Filme, dafuer wird alles raffinierter und feinmaschiger gewoben, ohne dabei die sueffisante Ironie und Doppelboedigkeit seiner Erzaehlweise aufzugeben. So beispielsweise, wenn nach gehabtem Sex Lena ihren alten Mann wie tot im Bett liegen sieht und sich erleichtert-gemuetlich eine Zigarette anzuendet oder wenn der blinde Matteo mit dem jungen Diego sich eine Sex-Szene mit einer verliebten Vampirin ausdenkt, die nicht zubeissen mag. Die Geschichte des Kinos wird unaufdringlich, aber fuer den Kenner hoechst vergnueglich und in praechtigen Farben lebendig: ob Penelope Cruz im Film-im-Film wie einst Audrey Hepburn die Pferdeschwanz-Frisur wippen laesst und mit den grossen dunklen Augen rollt oder ob sie melodramatisch wie Vivien Leight in "Vom Winde verweht" die grosse Treppe der Villa hinunterstuertzt und auf den Armen ihres Mannes bei aufrauschender Musik davongetragen wird.
Am Schluss des - im letzten Teil - durch viele Nebenhandlungen etwas laenglich geratenen Films zitiert Almodovar auf herrliche Weise sich selbst. Matteo kann seinen boesartig-verstuemmelten Film von den beiden Freundinnen und dem (Drogen-)Koffer neu schneiden: es wird eine liebevoll-koestliche Hommage an "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" - Almodovars beruehmten Durchbruch in die Welt des grossen, internationalen Autoren-Kinos, der er - wie dieser Film erneut beweist - zu Recht angehoert.

Foto/Verleih: Tobis



zu sehen: Odeon (OmU), Hackesche Hoefe (OmU), CinemaxX und CineStar am Potsdamer Platz, Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos, Yorck u.a.



Im offenen Motorboot faehrt eine Gruppe Touristen auf einem breiten, braunen Fluss durch den brasilianischen Regenwald, betrachtet exotische Voegel und rotbemalte Indios im Lendenschurz, die gelegentlich ein paar Pfeile in ihre Richtung schiessen. Doch sobald das Boot weitergefahren ist, verschwindet die Handvoll Indios im Wald, zieht sich Hosen und T-Shirts ueber, sammelt sich auf einem wartenden Lastwagen und erhaelt einige Geldscheine von einer Vertreterin des Tourismus-Unternehmens.
Dieser ueberraschende Blick- und Perspektiven-Wechsel bestimmt den gesamten Spielfilm des in Argentinien aufgewachsenen, italienischen Regisseurs Marco Bechis. Keine plumpe Geschichte vom guten, aber ausgebeuteten Indio und vom reichen, boesen Plantagenbesitzer, sondern das durch 500 Jahre Kolonial-Geschichte bedingte Drama zweier Welten, die nur an wenigen Punkten miteinander kommunizieren koennen: die heute nur noch in (staatlichen) Reservaten lebenden, bitter-armen Indios, die als Tageloehner arbeiten, und die spanisch-staemmigen Grossgrundbesitzer, deren Vorfahren die Urwaelder rohdeten, und durch Ackerbau und Viehzucht ihre grossen Vermoegen erwarben.
Der Film erzaehlt wie der Haeuptling Nadio mit seiner Familie aus dem Reservat ausbricht, sich von einem Schamanen den Lebensort seiner Vorfahren zeigen und beschwoeren laesst, dort - auf dem Feld eines Hacienda-Besitzers - sich eine Huette baut und jede weitere Arbeit als Tageloehner verweigert. Der Plantagen-Besitzer versucht zunaechst die Sache im guetlichen Einvernehmen zu regeln, mal mit Geld, mal durch seinen Rechtsanwalt. Als Nadio stur bleibt, wird er eines Nachts von einem dubiosen Polizeikommando erschossen. Seinen Sohn, der sich fuer seinen Tagelohn im nahen Ort ein paar schicke Sneakers gekauft hatte, hatte er noch vorher verstossen, worauf der sich im Wald erhaengte. Osvaldo, sein Freund, hat immer Angsttraeume und Halluzinationen, wird deshalb zum Schamanen ausgebildet, erlebt eine kurze, sexuelle Begegnung mit der Tochter des Hacienda-Besitzers (die koerperliche Anziehungskraft ueberwindet gesellschaftlichen Schranken) und am Ende kann er seine Einbildungen ueberwinden.
Das Besondere dieses Films: alle Indios sind Laien, Angehoerige des Stammes der Guarani im Gebiet des Mato Grosso do Sul. Mit ihnen zusammen hat Marco Bechis die Story entwickelt, ihren Vorgaben ist er weithin gefolgt und erreicht dadurch eine aussergewoehnliche Authentizitaet. Filmisch klug umgesetzt:  Kamera, Ton und Schnitt verdeutlichen die unterschiedliche Perspektiven der Erzaehlung und ihren oft verblueffenden Wechsel sehr eindrucksvoll - beispielsweise die herablassende Haltung der beiden haschischrauchenden Toechter des Grossgrund-Besitzers gegenueber dem am Fluss betenden Osvaldo - bis ein paar Indiofrauen hinzukommen und durch einige frech-obszoene Sprueche die Ueberheblichkeit der beiden Maedchen als laecherlich entlarven und die beiden Bikini-Schoenheiten dadurch zum klaeglichen Rueckzug zwingen.
Trotz dieser raffinierten und kuehlen Erzaehlweise (mit prachtvollen Landschaftsaufnahmen) - vor allem ein Film voller Empathie fuer die brasilianischen Indios, fuer eine Gesellschaft, die um ihren eigenen Untergang weiss.

Foto/Verleih: Pandora

zu sehen: Broadway, Filmtheater am Friedrichshain, Movimento, fsk (OmU), Hackesche Hoefe
(OmU)


Eine neue Kunstfigur des britischen Komikers Sacha Baron Cohen, der zuletzt als kasachischer Reporter Borat den "American Way of Life" jenseits aller politischen "correctness" erforschte. Brüno (der Umlaut soll seine Affektiertheit charakterisieren ) stammt aus Oesterreich, spricht ein ulkiges deutsch-amerikanischen Kauderwelsch, ist Modereporter fuer ein TV-Jugendmagazin und stockschwul. Als er eine Modeschau in Mailand durch sein daemliches Ungeschick fast zum Platzen bringt, fliegt er aus dem Mode- und Medienzirkus heraus und versucht nun sein Glueck - nach einem Zwischenspiel im Nahen Osten - in Hollywood : naemlich beruehmt und reich zu werden.
Wie schon als "Ali G." und "Borat" konfrontiert Brüno-Cohen sein Umfeld mit ihren - vor allem sexuellen - Vorurteilen: er produziert schwachsinnige TV-Sendungen, adoptiert ein schwarzes Baby, das er nach Modonna's Vorbild ans Kreuz binden laesst, oder provoziert in Swinger-Clubs und Wrestling-Shows. Dort wo die Machos noch unter sich sind - oder ihre Gesinnung ausleben koennen: in Kirchen und beim Militaer. 
Doch die satirische Uebertreibung funktioniert diesesmal nur bedingt, die Mischung aus Trash und subversivem Witz zündet nur in einzelnen Szenen, dazwischen haengen viele Einfaelle durch, erregen nur schwaches Lachen oder langweilen gar. Die Figur einer bizarr-exzenrtrischen Super-Tunte entlarvt weniger die Homophobie weiter Kreise der amerikanischen Gesellschaft (besonders ihrer religioesen Verbaende) - da rennt sie eher offene Tueren ein! - , als dass sie in ihren schrillen Outfits und ihren ueberdreht-albernen Aktionen den Zuschauer auf die Dauer nervt: als schrille, allzu glatte Schwulen-Klamotte.
Der dennoch oft sehr komischen Film (Regie: Larry Charles) zeigt deutlich Staerke und Schwaeche der Methode von Sacha Baron Cohen:  geniale, witzig-boese Einzel-Szenen, die sich aber in diesem Fall  nicht zur packend-schlagkraeftigen Gesellschafts-Satire buendeln.

Verleih/Foto: Universal

Zu sehen: Odeon (OmU), Babylon Kreuzberg (OmU), Kant-Kino, Kurbel, CinemmaX-Potsdamer Platz, CineStar-Cubix, CineStar-SonyCenter und in vielen anderen Kinos












Tempo,Tempo: Jamal Malik, etwa 20 Jahre alt, ist "Chai-Wallah", Teeholer in einem Call-Center in Bombay. In der Fernsehshow "Wer wird Millionaer"  hat er es unerwartet bis zu letzten Frage gebracht. Doch nun wird er des Betrugs verdaechtigt und von der Polizei mit folteraehnlichen Methoden verhoert. Jamal erzaehlt, wie er die richtigen Antworten bisher fand: es sind Zufaelle, die seinem elenden Lebenslauf in den Slums der Grossstadt geschuldet sind: kaleidoskop-schnelle, filmische Rueckblenden.  Den Namen des beruehmten Filmstars weiss er, weil er als munteres Kind ein Autogramm von ihm ergattert hat; die gesuchte Person auf dem 100-Doller-Schein praegt er sich unfreiwillig ein, als ein finsterer Menschenhaendler versucht,  ihn und seine Kameraden zu Bettelkinder zu verkrueppeln. Das gesamte Leben Jamals erweist sich als hektische Flucht durch das indische Elend, auf Muellbergen,  in Zuegen,  zwischen gigantischen Hochhaus-Neubauten. Die Mutter wird bei religioesen Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Hindus erschlagen,  ihre beiden kleinen Kinder muessen sich seitdem allein durchs brutale Leben schlagen: ob als Touristen-Diebe im Taj Mahal,  ob als Klein-Zutraeger von lokalen Gangstern. Jamal's innerer Antrieb, all diese Widrigkeiten robust und clever zu ueberstehen, ist seine Kindheits-Liebe zur schoenen, aber versklavten Gangstergespielin Latika, die ihm jetzt im Fernsehn bei der letzten und entscheidenden Frage zuschaut, so wie das die Massen in ganz Indien tun.  Das Happy End im Stil von Bollywood mit Gesang und Tanz laesst nicht lange auf sich warten.
Die mitreissende Vitalitaet des Films gelingt dem britischen Regisseur Danny Boyle vor allem durch staendige Bewegung. In atemberaubenden Tempo und knalligen Kontrasten wechseln die bunten Bilder, durch virtuose Kamerafahrten und raffinierte Schnittfolgen entfaltet sich so ein fantastisches Maerchen aus dem heutigen Indien, das aeusserst geschickt und intelligent Realitaet und Fiktion ausbalanciert. Alle Klischees ueber den Subkontinent und seine Lebensweise werden bedient und in ihrer oft grausamen Realitaet gezeigt, werden aber gleichzeitig als schoene Traum- und Kinowelt auf liebeswurdige Weise ueberhoeht. Und grossartigen Darsteller, besonders die Kinder, verhelfen dem vor Energie strotzenden Film zu anruehrenden Charme, der durch sanfte Ironie jeglichen Kitsch vermeidet.

Foto/Verleih: Prokino

zu sehen: Odeon (OmU); Hackesche Hoefe (OmU); CineStar in SonyCenter (OF); Delphi; International; Kulturbrauerei; Zoo-Palast u.a.

Walt Kowalski  lebt als Witwer und Rentner in einer etwas heruntergekommenen Einfamilienhaus-Siedlung, am Rande von Detroit. Veteran des Koreakrieges und lebenslanger Arbeiter bei Ford - ein verbitterter Haudegen mit Knarre im Schrank,  schroff und abweisend gegen die eigenen Spiesser-Soehne und modisch gepierceten Enkelkinder ebenso wie gegenueber den neuen Nachbarn, asiatischen Fluechtlingen :  "Schlitzaugen" wie er sie nennt.  Neben dem Bier-Trinken auf seiner Terasse bildet die Pflege seines alten "Gran Torino" (den er aber kaum jemals faehrt) seine Hauptbeschaeftigung. Clint Eastwood spielt selbst diesen alten Rassisten : in einer ueberzeugenden Mischung aus boesem Grantlertum und kraftvoller Eigenwilligkeit, die diese Figur zugleich abstossend und symphathisch macht. Er freundet sich widerwillig mit den asiatischen Nachbarn an, unterstuetzt den verschuechterten Sohn der Familie, Tao, verhilft ihm zu Selbstvertrauen (- eine koestliche Szene beim Friseur -)  und zu Arbeit auf einer Baustelle.
Doch im letzten Drittel wird aus der ironischen Komoedie, die der Film knapp, witzig und anruehrend schildert,  ein blutiges Drama. Eine jugendliche, asiatische Gang drangsaliert und vergewaltigt Tao und seine schlagfertige Schwester Sue mit solcher Brutalitaet,  dass Walt nun seinerseits einen seltsamen "Opfergang" antritt und sich von der Gang erschiessen laesst, um dadurch Tao und seine Familie von der Gewalt des Boesen zu "erloesen".  Hier arbeitet Regisseur Eastwood einerseits mit religioesen Anspielungen und christlichen Bildern. Andererseits laesst er alte rassistische Klischees wieder miteinfliessen - wenn auch indirekt und ungewollt (der aufrechte Amerikaner, die boese asiatische Gang).
Clint Eastwood rechnet in diesem Film deutlich mit Schuld und Schattenseiten Amerikas ab, weist dabei auch auf die Staerke des Landes zur staendigen Erneuerung hin, verheddert sich jedoch am Ende in der eigenen kritischen Ambition. Trotzdem: ein (besonders von ihm) hervorragend gespielter, tempo- und actionreicher, anregender Film.

Foto/Verleih: Warner

zu sehen: Neues Off (OmU); Hackesche Hoefe (OmU); Astor; Cubix am Alex; CineStar im SonyCenter; UCI Colosseum; Filmkunst 66; UCI Zoo-Palast;u.a.



Vor vielen Jahren war der Wrestler Randy ein Star seiner Zunft,  jetzt tritt er nur noch an Wochenenden in kleinen, schaebigen Hallen auf:  irgendwo an der amerikanischen Ostkueste. Sein massiger Koerper ist ruiniert von Aufputschmitteln wie von den groben, oft blutigen Kaempfen (auch wenn die Wrestler sich vorher absprechen). Nach einem besonders brutalen Show-Auftritt erleidet er einen Herzinfarkt. Der Arzt verbietet weiteres Auftreten. Randy,  der einsam in einem gemieteten Wohnwagen haust,  versucht sich als Verkaeufer  in der Feinkostabteilung eines Supermarkts (die langen blonden Haare unterm Schutz-Netz), scheitert aber rasch. Er sucht seine studierende Tochter (Evan Rachel Wood) auf, obwohl er sich bisher nie um sie gekuemmert hat. Die zunaechst erfolgreiche Wiederannaeherung misslingt aber durch eigene Fahrlaessigkeit. Die zweite Frau, zu der Randy eine Beziehung herzustellen versucht, ist die Stripperin Cassidy (zurecht oscarnominiert: Marisa Tomei). Fast spiegelbildlich zu ihm scheint auch sie fuer ihren Beruf zu alt. Verbittert darueber weisst sie - trotz Symphatie - ihn so lange ab, bis es zu spaet ist, und Randy zu einem letzten, fatalen Kampf in den Ring -  zu seinem Kumpels,  zu seinem Publikum - zurueckkehrt.
Eine boese Abrechnung mit Fitness-Wahn und Koerperkult,  die nicht nur in Amerika gegenwaertig so hohen Stellwert besitzen. Wer alt wird, wessen Fleisch nicht mehr straff anzuschauen ist, wird ausgemustert und einsam. Der 56-jaehrige Schauspieler Mickey Rourke ist die ideale Verkoerperung dieses Wrestlers. In den 80er Jahren einer der schoenen jungen Maenner Hollywoods ("The Year of the Dragon", "Barfly") ruinierte er seine Karriere durch Boxkaempfe, Schoenheitsoperationen und Drogen-Exzesse. Sein ganzer Koerper ist gezeichnet und verleiht der dargestellten Figur eine fast unheimliche Praesenz. Die Kamera folgt ihm in den Kaempfen,  in den Aufwaerme-Raeumen wie in den trostlosen, winterlichen Stadtlandschaften hautnah und entwickelt dadurch einen reportage-artigen Erzaehl-Stil, der ebenso mitreissend wie authentisch wirkt. Auch wenn die Grundmuster des Drehbuchs gelegentlich etwas klischeehaft erscheinen:  der Furor der Bilder und die Intensitaet von Mickey Rourke's Spiel gewinnen daraus eine ebenso kitische,  wie glaubhaft-pralle Film- und Lebenswirklichkeit. Nur fuer starke Nerven!

Foto/Verleih: Kinowelt

zu sehen: Babylon Kreuzberg (OmU); CineStar im SonyCenter (OF); Kulturbrauerei; Colosseum; Kurbel; Zoo-Palast u.a.



Berlin 1995: Der Anwalt Michael Berg erinnert sich an seine Jugend in einer westdeutschen Kleinstadt. Als 15-jaehriger Schueler hat er sich 1958 in die Strassenbahn-Schaffnerin Hanna Schmitz verliebt, einer verschlossenen, 20 Jahre aelteren Frau. Das Besondere dieser Beziehung: vor dem Sex muss Michael ihr aus literarischen Werken vorlesen. Nach ein paar Wochen verschwindet Hanna spurlos. Acht Jahre spaeter ist Michael Jura-Student und besucht 1966 mit seinem Seminar einen der Auschwitz-Prozesse. Dort entdeckt er Hanna als Angeklagte, sie war Waerterin in einem KZ und wird zu lebenslaenglicher Strafe verurteilt. Michael erkennt bei der Verhandlung, dass Hanna Analphabetin ist. Zwar nimmt er keinen Kontakt zu ihr auf, schickt ihr aber von ihm gelesene Litaratur als Ton-Kassetten ins Gefaengnis. Dort lernt sie muehsam lesen und schreiben, vor ihrer Entlassung (nach 20 Jahren) erhaengt sie sich in der Zelle. Michael kommt mit seinem Konflik, ob die Liebe zu Hanna ihn schuldig macht, kaum klar. Am Ende des Film beginnt er seiner erwachsenen Tochter seine Geschichte zu erzaehlen.
In Bernhard Schlinks 1995 erschienenem Roman ist Michael der Ich-Erzaehler, der neben seiner aeusseren Lebens-Geschichte viel ueber die Fragen von Schuld und Suehne, von Politik, Gesetz, Recht und Moral reflektiert. Diese Gedanken und die Auseinandersetztung der Nachgeborenen mit ihrer Elterngeneration ueber den Holocaust bilden den Kern des Romans. Doch in Stephen Daldreys Verfilmung spielt diese Meta-Ebene nur am Rande eine Rolle.  Daltrey und sein Autor David Hare konzentrieren sich auf die Liebesgeschichte und deren Auswirkung auf das persoenliche Leben der Haupt-Personen. Die rechtlichen und politischen Fragen des Romans fallen fast weg oder konzentrieren sich auf etwas papierene Szenen wie die Seminar-Dialoge zwischen dem Rechts-Professor und seinen Studenten. Entsprechend dieser Dramaturgie, die fast ausschliesselich die individuellen Schicksale Hannas und Michaels betont, liegt das Gewicht des Films vor allem auf den Darstellern. Und hierin beruht auch die Staerke des Films. Kate Winslet zeigt Hanna als etwas geheimnisvolle Frau zwischen Haerte und Zaertlichkeit, Unsicherheit, Angst und falscher Scham. Sie vermeidet jede Heroisierung dieser Figur, bewahrt sie aber auch vor Sentimentalitaet. David Kross ueberzeugt vor allem als junger Schueler und unerfahrener Liebhaber,  als dauer-rauchender Student bleibt er blasser. Ralph Finnies als erwachsener Michael betont vor allem dessen melancholischen Charakter und seine Unfaehigkeit, sich seiner Umgebung zu oeffnen: ein traumatisch an seiner Liebe zu Hanna leidender Mann,  daran dass sie eben kein KZ-Monster war. Viele gute deutsche und englische Darsteller runden ein ueberzeugendes Ensemble ab (Bruno Ganz, Burkhard Klausner, Lena Olin). Daltreys "Vorleser" beweist durchaus grosse handwerkliche, am Hollywood-Standart zu messende Qualitaeten, als eigenstaendige oder gar eigenwillige Verfilmung eines Welt-Bestsellers bleibt sie der moralisch engagierten Vorlage jedoch einiges schuldig.

Foto/Verleih: Senator

zu sehen : CineStar im Sony-Center (0F); Hackesche Hoefe (OmU); Delphi; Kulturbrauerei; Yorck; Zoo-Palast; u.a.

Eine raffinierte Mischung: Prostituiertenmilieu in der Grossstadt,  Bankueberfall in biederer Kleinstadt,  psychologischer Krimi im laendlichen "Waldviertel". Alex (Johannes Krisch) ist Handlanger in einem schaebigen Wiener Bordell,  hat ein zaertliches Verhaeltnis mit der ukrainischen Prostituierten Tamara (Irina Potapenko). Um dem schmierigen, aber geschaeftstuechtigen Puffbetreiber zu entkommen, ueberfaellt Alex erfolgreich eine Bank. Auf der anschliessenden Flucht im geklauten Auto wird Tamara durch die fehlgeleitete Kugel des Polizisten Thomas (Andreas Lust) unbeabsichtigt erschossen. Alex versteckt sich bei seinem Grossvater (Hannes Tannheiser) , der in der Naehe einen kleinen Bauernhof muehsam und allein bewirtschaftet. Alex sinnt auf Revanche, zumal der Polizist Thomas, der wegen des toedlichen Schusses vom Dienst zunaechst suspendiert wird,  mit seiner Frau Susanne (Ursula Strauss), einer Verkaeuferin im Supermarkt, nahebei im neuerichteten Eigenheim wohnt. Jeden Tag laeuft Thomas, von innerer Verzweiflung ueber den unbeabsichtigten Todesschuss geplagt, als Jogger durch den Wald. Alex verfolgt ihn, anfangs verborgen hinter Baeumen, aber eines Tages begegnet man sich am See...
Der Film lief bereits letztes Jahr auf der Berlinale (im Panorama), wurde aber - in der Masse des Angebots - nur wenig beachtet. Dabei gelang dem Drehbuchautor und Regisseur Goetz Spielmann eine bewundernswerte, ebenso strenge wie praezise Erzaehlung. Kein Bild, keine Szene ist ueberfluessig,  jede Geste,  jede Handlung streng aufeinander bezogen. Nur knappe Dialoge, im umgangssprachlichen Dialekt, die Figuren klar charakterisiert und von hervorragenden Schauspielern ueberzeugend verkoerpert. Ein ebenso spannender wie - in seiner lakonischen Direktheit - ansprechender Film : schnoerkellos und scharf wie die Axt, mit der Alex immer wieder verzweifelt und wutentbrannt Holz auf des Grossvaters Hof spaltet.

Foto/Verleih: Movienet

zu sehen: New Yorck, Filmkunst 66, Kino am Friedrichshain, Hackesche Hoefe