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THERE WILL BE BLOOD von Paul Thomas Anderson (Wettbewerb)
Monumentales Epos um den Minenarbeiter David Plainview, der nach Silber graebt und Oel findet. Clever und gerissen kauft er den meist unwissenden Farmern das Land, unter dem die Oelfelder liegen, ab und errichtet zwischen 1900 und 1927 ein gigantisches Wirtschafts-Imperium. Er nimmt ein vaterloses Kind als Sohn an, doch bei einem Bohrunfall wird dieser Sohn taub. Sogar einer christlichen Sekte tritt Plainview bei, um auf diese Weise Land fuer die geplante Pipe-Line zum Meer zu erwerben. Doch das Ende des erfolgreichen Tycoon's sind Suff und Mord. Nach einem Roman von Upton Sinclair breitet Regisseur Paul Thomas Anderson einen gewaltigen Bilderbogen (mit grandiosen Landschafts-Panoramen) aus, ganz auf die zentrale Figur des schlauen, ehrgeizigen und selbstgerechten Magnaten konzentriert - eindrucksvoll verkoerpert von Daniel Day-Lewis. Ungewoehnlich der Sound aus Geraeuschen und Musik verschiedener Stilrichtungen. Auch ein Film ueber Amerika, seine Groesse und seine Gefahren.

derkriegdescharlie_w.jpgEine bissige Satire auf das politische Handeln und Treiben in Washington. Charlie Wilson ist Kongress-Abgeordneter aus Texas und Hans-Dampf auf allen denkbaren Parketts. Ausserdem sitzt er im Verteidigungsausschuss. Aufgestachelt durch die ebenso attraktive wie schlaue Millionaerin Joanne, eine gottesfuerchtige Kommunisten-Fresserin, sowie durch einen abgebruehten CIA-Agenten beginnt er einen diplomatischen und militaerischen Feldzug gegen die Russen in Afghanistan, indem er Dollars in Millionenhoehe im Kongress mobilisiert und einen gigantischen Waffenschmuggel ueber arabisch-israeliche (!) Kanaele einfaedelt. Am Ende ziehen die Russen ab, aber das verwuestete Afghanistan darbt nun ohne amerikanische Hilfe weiter...
Altmeister Mike Nichols hat diese "wahre" Geschichte aus den 80er Jahren (des letzten Jahrhunderts) zwar konventionell, aber souveraen in Szene gesetzt. Mit flinken, pointen-spruehenden Dialogen, die alles was der US-Politik auch heute noch lieb und teuer ist, durch den scharfgewuerzten Kakao ziehen. Soviel Haeme ueber den den Kongress, seine Politiker und Lobbyisten war im Hollywood-Film lange nicht mehr zu hoeren und zu sehen. Dazu brilliante Darsteller in Bestform wie Tom Hanks als bauernschlauer Texas-Politiker, Julia Roberts als ausgekochte Strippenzieherin und Philip Seymour Hoffmann in der Rolle des zynischen CIA-Mannes. Sicherlich kein Film, der amerikanische Werte und Institutionen grundsaetzlich in Frage stellt, und der auch keine wirklich neuen Erkenntnisse bietet, dafuer aber zwei sehr frech-amuesante Stunden Unterhaltung, die brillant wider den - nicht nur amerikanischen - Stachel loecken.

Plakat / Verleih: Universal

indiewildnis_poster_01.jpgEin Aussteiger- und Road-Movie im Amerika der 90-er Jahre: Christopher McCandless verlaesst nach erfogreichem College-Abschluss Familie und Heimat, verschenkt seine Ersparnisse, vernichtet Kreditkarte und Sozialversicherungsausweis und trampt quer durch die USA, von Virginia nach Kalifornien. Er verdient unterwegs mit Gelegenheitsarbeiten bei Farmern ein wenig Geld, trifft andere Aussteiger, ein Spaet-Hippie-Paar, ein junges Maedchen, einen seelich-versteiften Rentner. Doch Christopher bindet sich nicht, sucht die "absolute" Freiheit und bricht in die grosse, leere "Wildnis" Alaskas auf. Unerfahren im Ueberlebenskampf verhungert er in der menschenleeren Weite.

Der Schauspieler und Regisseur Sean Penn hat aus dieser wahren Geschichte einen sehr amerikanischen Film gedreht - eine Mischung aus Zivilisationskritik und Naturbegeisterung, aber ohne Verklaerung seines Helden (Emile Hirsch). Er zeigt die wohlsituierten, aber zerstrittenen Eltern, das rauhe Leben der Farmer, die innere Zerissenheit altgewordener Hippies, das einsam-trostlose Dasein eines greisen Rentners. Und vor allem die philosophische Utopie von einer absoluten Freiheit - motiviert durch die Schriften von Thoreau und Emerson - die letztendlich an der Gleichgueltigkeit der Natur scheitert. Was Penn aber nur beilaeufig interessiert, ist die Psychologie seiner Personen. Und darin liegt auch die Schwaeche des Films: was den Helden und einen Teil der ihm begegnenden Menschen wirklich bewegt, bleibt vage oder klischeehaft. Hier fehlen intellektuelle Schaerfe und pointierte Zeichnung. Doch die klug ausgesuchten Darsteller, die raffinierte Rueckblenden-Dramaturgie und die nuechtern-klare Fotografie machen "Into the Wild" zwar nicht zu einem bewegenden, aber zu einem anregend-spannenden Aussteiger-Epos.

Plakat / Verleih: Tobis

myblueberrynights_poster_02.jpgNew York bei Nacht: Elizabeth (Norah Jones), eine junge Frau, von ihrem Geliebten verlassen, sucht Trost in einem Coffee-Shop. Bei Blaubeerkuchen und Eis unterhaelt sie sich mit dem gedudlig zuhoerenden, huebschen Bar-Inhaber (Jude Law). Doch nach ein paar durchplauderten Naechten bricht sie - innerlich unruhig - zu einer Reise auf, tingelt als Kellnerin durch Mississippi und Nevada, begegnet verschiedenen, ebenfalls ungluecklichen Paaren und Personen, Alkoholikern oder Spielern, bis sie wieder - durch diesen Trip erfahrener geworden - nach New York zurueckkehrt, in die offenen Arme des wartenden Coffee-Shop- Besitzers.
Diese schlichte Liebesstory erzaehlt der Chinese Wong Kar Wai - erstmals in den USA drehend - in kunstvoll bis manieristisch gefilmten Bild-Sequenzen, schnellen Schnitten und mit reichlich unterlegter amerikanischer Popmusik (ebenfalls Norah Jones, Ray Cooder u.a.). Doch die chinesische Magie und asiatische Raffinesse seines Stils und der lakonisch-amerikanische Realismus passen nicht zusammen, weder entsteht eine kunstvolle Reibung noch eine moeglicherweise spannende Ergaenzung. Lediglich die Zocker-Episode erinnert an Wong Kar Wai's alte Kunst: in den Spielhoellen von Nevada mischen sich die flinken Karten, bunten Chips sowie die gierigen Gesichter der Zocker zum faszinierenden, magischen Ritual. Auch Natalie Portmann als leidenschaftlicher Spielerin gelingt in dieser Episode als einziger Darstellerin des Films ein starkes Rollen-Portraet. Alle anderen Darsteller bleiben blass (Norah Jones,Jude Law) oder muessen sich auf Klischees beschraenken (Rachel Weisz, David Strathairn).
Wong Kar Wai's Ausflug in die Welt Hollywood's : schicke Hochglanz-Bilder bis zum Ueberdruss und gepflegte Langweile.

Plakat / Verleih: Prokino

diezweigeteiltefrau_poster_01.jpgEine junge Frau - zwei Maenner aus den wohlhabenden Buergertum in Lyon. Gabrielle ist blond, huebsch und sehr schlagfertig. Sie verdient ihre ersten beruflichen Sporen als kesser Wetterfrosch und Moderatorin bei einer privaten TV-Station. Dort lernt sie den abgebruehten Erfolgsschriftsteller Charles kennen, der sie in die sexuellen Eskapaden der gehobenen Gesellschaft einfuehrt. Als sie merkt, dass sie bei ihm nur eine Nummer unter vielen ist, heiratet sie aus Trotz und Enttaeuschung den jungen Paul, den exzentrischen Schnoesel und Erben eines schwerreichen Chemie-Imperiums. Doch die Rechnung geht nicht auf - Eifersucht, Missgunst und Angst fuehren zu einem Mord, der die Risse einer buergerlich-intellektuellen Gesellschaft zeigt und der nur mit juristischen Tricks und viel Geld halbwegs kaschiert werden kann. In einem witzigen Epilog wird Gabrielle auch bildlich - in einem Variete - zur zerteilten Jungfrau, die jedoch mit einem schalkhaften Laecheln wieder aufsteht...
Chabrol filmt diese krude Story um Sex und Geld, um buergerlichen Schein und menschliche Gemeinheit mit praeziser Eleganz und leicht ironischem Blick. Leider verheddert er sich im ersten Teil in den vielen Nebenstraengen der Geschichte, Laenge und Langweile beginnt sich beim Zuschauer einzustellen, bis mit dem Mord das Tempo anzieht und Chabrol zu seiner alten, pointierten Form zurueckfindet. Bestechend sind vor allem die Details der Inszenierung (wenn z.B. der Rechtsanwalt der Familie nach einer boesen Unterredung sich mit leichtem Abscheu kurz schuettelt) und die raffiniert-gekonnte Fuehrung der Schauspieler, besonders der Nebenrollen. Ludivine Sagnier als Gabrielle ueberzeugt durch jugendliche Frische, die sexuelle Hoerigkeit gegenueber Charles nimmt man ihr weniger ab. Benoit Magimel spielt lustvoll Paul, den jugendlichen Gecken aus reichem Haus, doch auch ihm glaubt man die Doppelboedigkeit der Rolle nicht ganz. Fazit: zwar kein Meisterwerk, aber amuesante Unterhaltung fuer alle, die Chabrol moegen.

Plakat / Verleih: Concorde

tf6dlicheversprechen_poster02.jpgEin Gangsterdrama im Milieu der Londoner Russen-Maffia. Eine unbekannte junge Frau stirbt bei der Geburt ihres Kindes, der Hebamme bleibt zur Identifizierung nur ein Tagebuch in russischer Sprache. Bei der Suche nach einem adaequaten Uebersetzer geraet die Hebamme - ueberzeugend, weil ganz unpraetenzioes gespielt von Naomi Watt - an den Boss einer russischen Maffia-Bande, die mit Maedchen und Drogen handelt. Die Tote erweist sich als von dieser Bande misshandelte und zur Prostitution gezwungene Ukrainerin, ihr Kind wurde bei einer Vergewaltigung durch den Boss erzeugt. Natuerlich werden die unfreiwillig ins Verbrecher-Milieu geratene Hebamme ebenso wie das gefaehrdete Baby, das als moegliches Beweisstueck beseitigt werden soll, gerettet und die boesen Gangster schachmatt gesetzt. Insofern entspricht der Plot den genre-ueblichen Konventionen. Auch das Milieu scheint gelaeufige Klischees zu bedienen, zumal jeder politische Aspekt ausgespart bleibt, bis auf eine Nebenfigur, die angeblich einst fuer den KGB gearbeitet hat. Was den Film jedoch interessant macht und ueber durchschnittliche Ware erhebt, sind die Details der Inszenierung. Zwar verzichtet der kanadische Regisseur David Cronenberg auf sein bekanntes Markenzeichen surrealer Effekte, aber er zeigt Szenen von aussergewoehnlich filmischem Raffinement. Etwa einen rasanten Mordversuch in einer oeffentlichen Sauna zwischen Dampf,Blut und nackten Koerpern oder das fast magischen Ritual einer Taetowierung, bei der die eingeritzten Zeichen gleichsam Rang und Stellung innerhalb des Gangster-Clans darstellen. Perfekt wird die brillante Inszenierung durch die geschickte Auswahl exzellenter Darsteller. Neben Naomi Watt sind dies Armin Mueller-Stahl als Maffia-Boss - ein Wolf im Schafspelz - , Vincent Cassel als sein exzentrischer Sohn, der seine Homosexualitaet durch brutales Verhalten zu kaschieren versucht und ganz besonders Viggo Mortensen in der Rolle des glatt-gegeelten Fahrers, dessen zwielichtiges und abstossendes Verhalten - etwa beim Beseitigen von tieggekuehlten Leichen - aeusserst irritiert. Insgesamt ein Gangsterfilm, der stark dem Mainstream verpflichtet ist, aber in vielen Passagen durch virtuose Regie und starke Darsteller fasziniert.

Plakat / Verleih: Tobis

2_tage.jpgRumaenien 1987. Zwei Studentinnen einer polytechnischen Hochschule teilen sich ein Wohnzimmer im Studentenheim. Die eine plant einen illegalen Schwangerschaftsabbruch, die andere leistet ihr Hilfsdienste; besorgt ein Hotelzimmer, schleusst den Arzt dorthin, beseitigt schliesslich den Foetus. Zwischendurch muss sie noch auf die feucht-froehliche Geburtstagsfeier der Mutter ihres etwas biederen Verlobten. Am Ende sitzen zwei ernuechterte Frauen an einem Restaurant-Tisch, deren Freundschaft fast an den unwuerdigen, haesslichen und teils selbstverschuldeten Ereignissen zerbrochen waere.
Der an einem Tag und in einer Nacht spielende Film gleicht einer Reportage, die praezise und ohne jede Larmoyanz die gefaehrlichen Ereignisse vorfuehrt. Zugleich ist der Film ein Abbild der damaligen rumaenischen Diktatur und ihre furchtbaren Auswirkung auf das menschliches Verhalten im alltaeglichen Leben: Demuetigungen, Unterdrueckung, Bespitzelung, Korruption - und der Zurueckzug ins Private, wo man seine Persoenlichkeit, seine Individualitaet weitgehend noch ohne staatliche Ueberwachung ausleben konnte. Dabei enthaelt sich die Regie jeglicher moralischen Wertung der einzelnen Personen und ihrer Handlungen: keiner ist boese oder gut, alle spiegeln nur in unterschiedlichen Reaktionen die Auswirkung der politischen Verhaeltnisse: die harschen Empfangsdamen in den Hotels, der intelligente und gleichzeitig brutale Arzt, die scheinbar ueber Banalitaeten plaudernde Familie des Verlobten, die Schwarzhaedler im Studentenwohnheim. Auch die beiden Studentinnen sind scharf charakterisiert: die eine aengstlich, unpraktisch und etwas konfus, die andere voll zielstrebiger Enegie, dabei aber hoch sensibel und empfindsam. Die Kunst des Regisseurs besteht - neben der brillianten filmischen Umsetzung - in der messerscharfen Balance zwischen kuehler Beobachtung und emotionaler Anteilnahme - Meisterstueck einer gesellschaftlichen Analyse und eines menschlich packenden Dramas. Kein Unterhaltungs-Kino - aber ein leidenschaftlicher Film.
Goldene Palme in Cannes 2007.

Foto/Verleih: Concorde

lionsforlambs_poster_2.jpgDrei kurze Geschichten verknuepft auf indirekte Weise Regisseur (und Darsteller) Robert Redford in seinem neuen Film. Eine erfahrene Journalistin (Meryl Streep) interviewt in Washington einen aufstrebenden Senator der republikanischen Partei (Tom Cruise): er will seine neue Taktik der Kriegsfuehrung in Afghanistan mit ihrer Hilfe der Oeffentlichkeit vermitteln. Doch sie zoegert, die Taktik kommt ihr bedenklich vor, auch will sie sich nicht von dem ehrgeizigen Politiker als Sprachrohr benutzen lassen. Zur gleichen Zeit waescht an einer kalifornischen Universitaet ein aelterer Professor (Robert Redford) einem wohlhabenden und jugendlich-laessigen Studenten den Kopf: wirft ihm Interesselosigkeit an seiner Umwelt und mangelndes gesellschafts-politisches Verhalten vor. Und in den verschneiten Bergen Afghanistan's kaempfen verzweifelt zur gleichen Stunde zwei junge Soldaten, Studenten eben jenes Professors, die sich aus armen Verhaeltnissen bis zum Universitaets-Abschluss hochgearbeitet haben, gegen eine Gruppe langsam sich naehernder Taliban-Krieger. Ein US-Kommandant versucht die beiden zwar in einer waghalsigen Hubschrauberaktion zu retten, aber vergeblich.
Redford zeigt ein verunsichertes Amerika,das nicht nur versucht des weltweiten Terrors Herr zu werden, sondern das auch sein eigenes Verhalten moralisch in Frage stellt. Welche politischen Mittel sind gerechtfertigt, welche Rolle spielen die Verantworlichen, welche die Presse und wo bleibt das Engagement der Buerger, der befeuerende Idealismus einer studetischen Generation ? Naturgemaess ist ein solcher Film sehr dialog-lastig, doch da auf schwarz-weiss Zeichnung verzichtet wird und stattdessen mehrere unterschiedliche Standpunkte einander  gegenueber gestellt und durchdisskutiert werden, verlaufen diese Auseinandersetzungen aeusserst spannend. Die ausgezeichneten Darsteller, die kluge Dramaturgie und eine zurueckhaltende Regie verstaerken den positiven Gesamteindruck: eine packende Diskussion um die "richtige" Politik im Amerika Bush's. Am Ende steht eine stumme - sehr filmische - Szene: mit dem Taxi faehrt die zweifelnde Journalistin durch Washington, vorbei am Lincoln-Memorial, am Weissen Haus und an den tausenden Graebern des Friedhofes von Arlington - im Kopf lauter offene Fragen.

Plakat/Foto: Twentieth Century Fox