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Eine etwas schraege Familie, amerikanischer Mittelstand, am Rand der Pleite, aber aus Prinzip optimistisch, faehrt im klapprigen VW-Bus 800 Meilen quer durch die Wuesten New Mexicos: Ziel ist ein Schoenheitswettbewerb fuer noch kindliche Girls in Los Angeles ("Little Miss Sunshine").


Das Toechterchen Olive, 7 Jahre alt, hat mit dem Grossvater den Auftritt wochenlang eingeuebt und - obwohl der Papa geschaeftliche Sorgen hat und die leicht ueberforderte Mutter sich um ihren selbstmord-gefaehrdeten Bruder kuemmern muss - will niemand das muntere Kind enttaeuschen. Und so startet man zur gemeinsamen Fahrt, die turbuleter nicht ausfallen koennte und an deren Ende eine Kinder-Schoenheits-Show steht, wie sie grotesker nicht denkbar ist. Eine scharfe Komoedie um den "American Way of Life". Filmisch bleibt dieser Erstlingfilm (Valerie Faris & Timothy Dayton) im gewohnten Rahmen (mit wunderbaren Slapsticks), aber dramaturgisch perfekt gearbeitet und ganz exzellent in der Personenfuehrung eines gut aufeinander abgestimmten Schauspieler-Ensembles (Alan Arkin,Toni Colette,Greg Kinnar, Abigail Brelin u.a.). Dabei wird die Grenze zur Karikatur nie ueberschritten, doch der kritische Blick auf die Personen und die amerikanische Zivilisation bleibt scharf und beschoenigt nichts. Eine "kleine" menschliche Komoedie mit Witz, Ironie und filmischem Temperament.
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Ausgezeichnet mit dem GOLDEN GLOBE 2007 fuer das Drehbuch (Peter Morgan) und die Haupt-Darstellerin (Helen Mirren).


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Der Film beginnt und endet mit einer Audienz-Szene bei der britischen Koenigin: zu Anfang ernennt die Monarchin den soeben gewaehlten, noch unsicheren Tony Blair zu ihrem Premierminister, in der Schussszene plaudern die beiden geloest nach ueberwundener Krise beim gemeinsamen Spaziergang durch den Buckingham-Garten.

Diese Krise ist der Unfall-Tod der Prinzessin Diana im August 1997 in Paris. Da Diana durch ihre Scheidung nicht mehr zur koeniglichen Familie zaehlt, betrachtet die Koenigin den Tod, Ueberfuehrung und Beerdigung ihrer ehemaligen Schwieger- tochter als Privat-Angelegenheit, mit der die Windsors nichts mehr zu tun haben. Also keine Statesments der koeniglichen Familie, kein Staatsbegraebnis. Doch das Volk reagiert anders, Diana wird zur tief betrauerten "Koenigin der Herzen", die Anteilnahme an ihrem tragischen Schickal schlaegt weltweit hohe Wellen und niemand versteht das oeffentliche Schweigen der Royals. Die Institution Monarchie scheint in eine Krise zu geraten. Hier nun greift der noch jugendliche Tony Blair ein und der Film schildert in klaren, schnoerkellosen Bildern wie der Premier seine Monarchin ueberredet, ihre Einstellung zu ueberdenken und den politischen Gegebennheiten Genuege zu leisten: die Monarchin als Beschuetzerin ihres Volkes. Dass diese Doku-Drama jedoch so spannend und mitreissend wird, verdankt der Film der grossartigen Darstellung der Koenigin durch Helen Mirren. Sie besitzt Autoritaet und Wuerde, ist die durch Tradition gebundene Amtstraegerin und zugleich das kluge, bodenstaendige Familien-Oberhaupt mit gelegentlich sarkastischem Witz. Alle andern sind nur Stichwortgeber, wenn auch von Regisseur Stephen Frears glaenzend gefuehrt und von Drehbuch-Autor Peter Morgen mit pointierten Dialogen bedacht. Ein intelligenter, auch emotional beruehrender Film, der distanziert und elegant ein Thema anschaulich macht, das sonst allzu oft als kitschig-seichte Seifen-Oper angeboten wird.

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babel-poster1.jpgAusgezeichnet mit dem GOLDEN GLOBE 2007 als bester Film.

Der neue (dritte) Film des Mexikaners Inarritu verknuepft auf filmisch spannend-virtuose Weise vier scheinbar voneinander unabhaengige, private Katastrophen-Geschichten in Marroko,den USA, Mexiko und Japan.

Erst gegen Ende enthuellt sich eine Verbindung zwischen den einzelnen Episoden: der Film will dadurch beweisen, dass kleine,oft unbeabsichtigte Ereignisse sich zu globaler Auswirkung steigern koennen. Denn auch in der heutigen Welt - so die Behauptung - herrschen babylonischen Zustaende: produzieren die globalen Kommunikations- Moeglichkeiten oft nur chaotische Verhaeltnisse. Zwei marrokanische Ziegenhirten verletzen mit ihrem neuen Gewehr unbeabsichtigt eine amerikanische Touristin schwer, ihr Mann sucht verzweifelt aerztliche Hilfe. Ein mexikanisches Dienstmaedchen im amerikanischen San Diego nimmt die beiden Kinder ihres Dienstherrn mit zu einem Fest nach Mexiko - mit schrecklichen Folgen. In Tokio provoziert eine taubstumme Teenagerin ihre kalte,neonglaenzende Umwelt durch sexuelle Attacken - wehrt sich auf verstoerende Art gegen ihre Ausgrenzung. Diese einzelnen Schicksale schildert der Film in kraftvollen,emotionsgeladenen Bild- sequenzen. Grandiose Panorama-Schwenks mischen sich mit wilden Handkamera- Szenen, Hollywood-Stars fuegen sich praezise in die verschiedenen Laien-Ensemles ein. Wie die Geschichten filmisch erzaehlt werden, ist grossartig. Was sie aber be- sagen wollen, bleibt fragwuerdig, weil recht zufaellig oder klischeehaft.

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Ein sproeder, aber ergreifender Film: in ruhigen,langsamen Bildfolgen erzaehlt der finnische Meister-Regisseur Aki Kaurismaeki die Geschichte des Wachmanns Koistinen, eines "ewigen Verlierers".

Koistinen ist Einzelgaenger, Freunde hat er keine und die stumme Zuneigung der Imbis-Verkaeuferin wehrt er traurig ab. Vielleicht gerade deshalb faellt er auf die Avancen einer huebschen Blondinen herein, die aber lediglich seinen Code und Schluessel will, um zusammen mit ihrem kriminellen Liebhaber ein Juwelen- Geschaeft auszurauben. Obwohl er dies nach dem Ueberfall erkennt, verraet er sie nicht, geht lieber ins Gefaengnis. Und auch nach seiner Entlassung bleibt er ein ungluecklich-unverschuldeter "Looser". Melancholisch und still zeigt Kaurismaeki diesen einsamen Menschen und seine trostlose Umgebung in wunderbar auskomponierten Farb-Bildern. Es wird kaum gesprochen, stattdessen kontrastiern oder kommentieren TangoMusik oder Arien von Puccini (Manon Lescaut) das Geschehen. Ein Filmstil, der nicht zufaellig an den grossen franzoesischen Regisseur Robert Bresson erinnert. Obwohl man gelegentlich das Gefuehl hat, dass die gezeigte Tristesse etwas selbstverliebt wirkt, uberzeugt der Film insgesamt durch seine hohen aestethischen Qualitaeten und seine klare, direkte Menschlichkeit.


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Der neue Film von US-Top-Regisseur Martin Scorsese - 155 Minuten lang - schildert eine blutige Geschichte aus dem Polizei- und Mafia-Millieu imheutigen Boston. Zwei junge Polizei-Kadetten verdingen sich als Spione; der eine laesst sich als Helfer beim oertlichen Gangster-Oberhaupt einschleusen, der andere ist in Wirklichkeit ein Agent ebendieses Mafia-Bosses in den Reihen der Kripo. Keiner weiss vom andern, beide jagen sich ahnungslos gegenseitig.

Und zwar gnadenlos - Leichen pflastern im wahrsten Sinn ihren Weg durch die Hochhausschluchten,Luxusappatements,Schmuddel-Kneipen und dreckigen Hinterhoefe der Grossstadt. Regisseur Scorsese zeigt die toedliche Story in hinreissenden Bildern (Kamera Michael Ballhaus) und verwegenem Tempo. Herrausragend aber die Fuehrung der Schauspieler: ein Ensemble bekannter Star in Hoechstform: darunter Leonardo di Caprio und Mat Demon als die beiden ehrgeizigen Undercover-Agenten, sowie Jack Nicholson als exaltierter Pate zwischen laecherlichem Groessenwahn und boeser Brualitaet. Frauen treten in dieser Gangster-Welt nur in Nebenrollen auf. Der Film endet mit dem Blick aus einem Fenster auf die vergoldete Kuppel von Bostons Parlament : ein Ratte laeuft durchs Bild. Platter Kommentar oder ironische Distanzierung? Martin Scorsese erzaehlt sein Gangster-Epos virtuos, aber Herzblut verstroemt er nicht daran.

Sie liebt exquisite Toertchen, ausgefallene Haute Couture und rauschende Partys: die oesterreichische Prinzessin Marie-Antoinette (Kirsten Dunst),die aus politischen Gruenden mit dem franzoesischen Thronfolgerund spaeterem Koenig Ludwig XVI. verheiratet wurde.


Jung-Regisseurin Sofia Coppola zeichnet in ihrem verschwenderisch ausgestatteten

40-Millionen-Film das Portraet einer jungen Frau zwischen streng-hoefischem

Ritual und naiv-kindlicher Lebenslust. Ein luxurioeses Dasein im goldenen Kaefig

von Versailles ohne Kenntnis oder Beruehrung mit der realen Welt, ahnungs-

los gegenueber der drohenden (Franzoesischen) Revolution. Sofia Coppola

erhebt keinen moralischen Zeigefinger, noch be- oder verurteilt sie die

historischen Figuren, sondern schildert in eleganten Bildern und pastell-zarten

Farben das turbulente Leben eines Girlies der "Upper class" im Rokoko -

der Bezug zum Heute stellt sich ganz unwillkuerlich ein, effektvoll unterstuetzt

von einer raffinierten Musik-Collage aus franzoesischer Klassik und amerikanischer

New Wave. Statt historischer Dokumentation, ein leicht distanzierter Blick

zurueck - ohne Zorn, aber mit fraulicher Symphathie.

(ali)

Ein schrilles Road-Movie aus den Vereinigten Staaten von Amerika: der

britische Starkomiker Sacha Baron Cohen reist als naiv-wahnwitziger

TV-Reporter "Borat" aus Kasachstan in die USA und

entlarvt auf brutal-komische Weise den amerikanischen

Way of Life als erschreckendes Konglomerat aus schlimmen Vorurteilen und

duenkelhafter Ueberheblichkeit. Boese Witze ueber Juden, Schwule,

Femministinnen oder Glaubengemeinschaften kontrastiern mit grell-turbulenten

Szenen aus dem sogenannten "normalen" Alltag in der U-Bahn, im Hotel, beim

Rodeo oder auf der Autobahn. Eine wilde, fast anarchistische Mischung aus

Farce, Bloedelei und Satire - 'geschmacklos' als boeses Markenzeichen.

(ali)


Duesteres,filmisches Krimi-Verwirrspiel um einen bizarren Maedchenmord im Hollywood der Nachkriegszeit. Eine bissige Abrechnung mit der Filmindustrie im Stil
eines "Film Noir". Brian de Palmas Inszenierung besticht vor allem durch die
virtuose Visualisierung, durch Bild-Einfaelle und raffinierte Kamerafahrten,
weniger durch intellektuelle Schaerfe. Vielfaeltige Anspielungen und Zitate
ergeben ein besonderes Vergnuegen fuer Kenner der amerikanischen
Filmgeschichte - sogar der Titel spielt auf ein seinerseits erfogreiches B-Picture
an ("The Blue Dahlia" mit Alan Ladd, 1946).

Ein Film fuer Cineasten.
(ali)