Eine Kleinstadt in Irland, Anfang der 1950er Jahre; es herrschen Armut und Arbeitslosigkeit. Die junge Eilis lebt mit ihrer verwitweten Mutter vom kargen Bürogehalt ihrer älteren Schwester Rose. Da ihre Zukunft perspektivlos scheint, entschließt sie sich - wie viele andere Landsleute  auch - , nach Amerika auszuwandern. Dort findet sie Aufnahme in der irischen Gemeinde von Brooklyn, deren Pfarrer ihr einen Wohnplatz in einer Pension für junge Frauen und eine Arbeit als Verkäuferin in einem Warenhaus vermittelt. Doch die schüchterne Landpommeramze Eilis fremdelt in der riesigen Stadt, wird von heftigem Heimweh geplagt, auch wenn der Gemeindepfarrer als Gegenmittel eine Abendkurs-Ausbildung zur Buchhalterin arrangiert. Erst als Eilin sich in Tony verliebt, einen jungen Klempner mit italienischen Eltern, söhnt sie sich langsam mit der neuen Heimat aus. Der plötzliche Tod ihrer Schwester Rose ruft sie für kurze Zeit nach Irland zurück. Dort hat sich die Situation inzwischen geändert - eine Arbeit als Buchhalterin ist möglich, ein alter, wohlhabender Jugendfreund bietet ihr - und ihrer einsamen Mutter - Hand und Haus an. Doch Eilis schreckt vor der gesellschaftlichen Enge ihrer alten Heimat zurück und kehrt - innerlich zu Eigenständigkeit gereift - nach Brooklyn und zu Tony zurück.
Der irische Regisseur John Crowley ("True Detective"/"Unter Beobachtung") und sein renommierter Drehbuchautor Nick Hornby halten sich eng an die literarische Vorlage, den gleichnamigen, 2009 erschienen Roman von Colm Tóibín. Sehr feinfühlig und diskret erzählen sie Eilins inneren Prozeß des Erwachsenwerdens und der Loslösung von der alten und der Aussöhnung mit einer neuen,  fremden Heimat. Die sorgfältige Ausstattung, die ruhige Bildführung, die dezente musikalische Begleitung und ein bis in die kleinsten Nebenrollen überzeugendes Darstellerensemble - darunter Julie Walters als schlagfertig-strenge Pensionsbesitzerin und Jim Broatbent als lebensweiser Gemeindpfarrer - bewahren die glücklich endende Auswanderer- und Liebesgeschichte vor naheliegender Rührseligkeit und Kitsch.
Getragen aber wird der anrührende Film vom intensiven Spiel der irischen Hauptdarstellerin Saoirse Ronan. In ihrem hellhäutigen, offenen Gesicht, auf dem die Kamera öfters lange ruht, spiegelt sich - ohne überdeutliche Mimik - die sanfte Wandlung von der scheuen, irischen Auswanderin zur selbstbewußten, amerikanischen Neubürgerin.
Daß der Film, der Eilins Story in 113 Minuten erzählt, nicht die Dichte und Tiefe der literarischen Vorlage erreichen kann, muß in Kauf genommen werden - bei aller filmischen Stimmigkeit und Schönheit der Bilder vom ländlichen Irland und großstädtischen Brooklyn.
In drei Kategorien (Bester Film; Beste Hauptdarstellerin; Bestes adaptiertes Drehbuch) ist "Brooklyn" für den diesjährigen Oscar nominiert.

Poster/Verleih: Fox Deutschland

zu sehen u.a.: CinemaxX Potsdamer Platz; CineStar Sony Center (OV); Filmtheater am Friedrichshain; Hackesche Höfe Kino (OmU): Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Passage Neukölln; Rollberg-Kino (OmU); Zoo-Palast; Thalia-Theater Potsdam (dt. und OmU)

Die Finanzkrise brachte Banken und ihre Märkte im Jahr 2008 zu Fall mit verheerenden Auswirkungen, vor allem im Immobilienbereich. "The Big Short" erzählt mit bissigem Witz die Geschichte davor: wie ab 2005 einige Investoren, Analysten oder Hedgefond-Manager die sich anbahnende Katastrophe förmlich riechen und versuchen, daraus ihren persönlichen Nutzen oder Gewinn zu ziehen.
Zum Beispiel Mark Baum (Steve Carell), der immer noch an moralischen Postulaten im Reich der spekulativen Gier festhält, oder der exzentrische Investor Michael Burry (Christian Bale), der sich in seinen Schlabberhosen und billigen T-Shirts bewußt als Gegenpol zum Etablisment stilisiert. Ben Rickert (Brad Pitt) zieht sich als weiser Finanz-Guru aufs Land zurück und interessiert sich scheinbar nur noch für ökologische Apfelzucht, während Jared Vennet (Ryan Gosling) den smarten Banker mit Durchblick vortäuscht und sich im Film zugleich als zynischer Ezähler der unterschidelichen Finanz-Tricksereien präsentiert.
Eloquent erzählt er:: wie immer neue und wertlosen Bankprodukte erfunden und wie sie an den Mann, bzw. an die Frau gebracht werden. Wie die großen Banken der Wall-Street,  Dummheit und Unwissenheit ihrer meist kleinbürgerlichen Kunden scham- und rücksichtslos ausnützen. Aber auch wie Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können und spurlos verschwinden oder wie eine Stripperin sich Häuser und Wohnungen als zukunftträchtiges Vermögen aufschwatzen läßt  -  total wertlos wie sich später herausstellt.
Regisseur Adam McKay hat ein ebenso wildes wie buntes Puzzle aus der Finanzwelt jener Jahre zusammengefügt - eine grelle Mischung aus Bildern, Statements, Video-Clips, Kinoausschnitten und Schrift-Zitaten - scheinbar eine kritische Fernseh-Dokumentation - doch alles ist ironisch-satrkastische Film-Komödie. Scharfzüngige Dialoge, rasante Schnitte und knallig-laute Rockmusik vermitteln die hektische Atmosphäre der ins Trudeln geratenden Finanzwelt. Am eindrücklichsten als auf einem Banker-Kongreß in Las Vegas während eines offiziellen Streitgespäches im Sekundentakt auf den Smartphons der Zuhörer die Aktien fallen und alle den Saal fluchtartig verlassen. Oder als bei "Lehman-Bros" die Angestellten entlassen werden und aus dem Buroturm mit ihren persönlichen Habseligkeiten fliehen  und  darauhin zwei aufstrebende Newcomer sich (mit Hilfe ihnen  überlassener Budgets) Zugang verschaffen und nun die riesigen Etagen-Räume mit ihren leeren Schreibtischen und toten Computern vorfinden - das erschreckend trostlose Bild einer verlorenen, zeittypischen Schlacht.
"The Big Short", der große Ausverkauf innerhalb der Bankenkrise von 2008, ist heute allerdings schon Geschichte, die problemlos sarkastisch oder zynische geschildert werden kann - wie hier mit hohem Unterhaltungswert. Was aber droht morgen in den Finanz-Distrikten, wenn weltweit digitale Automatisierung und Algoritmen statt Menschen das Feld beherrschen ?

Poster/Verleih: Paramount Pictures Germany

zu sehen u.a.: Central Hackerscher Markt (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Filmpalast Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Sony Center (OV); CineStar Tegel; Filmtheater am Friedrichshain (dt. und OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Movimento (OmU); Neues Off (OmU); Sputnik (OmU); UCI am Eastgate; Kinowelt Colosseum; UCI Friedrichshain; UCI Gropius Passagen; Zoo-Palast


In ausgefeilt schönen Bilder wird die wahre Geschichte des dänischen Landschaftsmalers Einar Wegener erzählt, der in den 1920er Jahren in seiner Heimat außerordendlich erfolgreich arbeitete, zusammen mit seiner Frau Gerda, die ebenfalls Malerin war. Aus Jux und Tollerei besuchte Einar Wegener zusammen mit Gerda einen Künstlerball, verkleidet als seine angebliche Kusine Lily. Doch aus Spaß wurde Ernst: Einar entdeckte in sich das Gefühl, eine Frau zu sein und nach anfänglicher Verwirrung entschloß er sich, zu zwei Operationen bei einem Spezialarzt in Dresden, wahrscheinlich die erste operative Geschlechtsumwandlung der Welt überhaupt. Er hat die Eingriffe nicht überlebt.
Der effektvoll und in wunderschönen (teils historischen) Häusern und Landschaften (Kopenhagen, Paris, Dresden) gedrehte Film von Tom Hooper ("The King's Speech") konzentriert sich ganz auf die psychische Entwicklung seines Helden resp. Heldin, auf seine völlig unerwartete Entdeckung und Erfahrung des eigenen Körpers und dessen Sexualität, auf die dadurch entsehende Verwirrung und Unsicherheit, bis hin zur überzeugten Akzeptanz des neuen "Selbst" und damit der bedingungslosen Bereitschaft zum riskanten, physischen Schritt einer Geschlechtsumwandlung. Soziale oder medizinisch-wissenschatliche Aspekte werden nur kurz angedeutet oder am Rand angespielt.
Um dem Zuschauer diese seelische Entwicklung des dänischen Malers begreiflich zu machen, wird seine Ehefrau Gerda als Identifikations-Figur aufgebaut. Sie ist die "normale" Frau, die erst verwirrt, dann konsterniert und ablehnend ihrem Mann gegenübersteht. Erst im Lauf der Geschichte - und auf Grund der immer noch bei beiden bestehenden ehelichen Liebe - überwindet sie ihre Enttäuschung und Ablehung der ihr eigentlich unfaßbaren Verwandlung ihres Mannes -  bis zu Bereitschaft, ihn zu akzeptieren und ihm - so gut es geht - zu helfen.
Dazu stehen dem erfahrenen Regisseur Hooper zwei hervorragende Schauspieler zur Verfügung, die beide durch diskrete Gestaltungskunst und hoch-sensible Präsenz überzeugen. Der Brite Eddie Redmayne ("My Week with Marilyn"; "Die Entdeckung der Unendlichkeit") versteht es, alles Peinliche oder Tuntige zu vermeiden und einen  - sowohl als Einar wie als Lily - komplexen Charakter lebendig werden zu lassen. Ihm ebenbürtig die schwedische Schauspielerin Alicia Vikander ("Die Königin und der Leibarzt", "Inside WikiLeaks"), die als malende, junge Ehefrau Gerda einerseits die tiefe Liebe zu ihrem Mann und andererseits die Unfassbarkeit der Vorgänge, ihr Entsetzen darüber, ihr Entäuschung und Wut, sowie - am Schluß - Akzeptanz und selbstlose Hilfe ebenso überzeugend wie attraktiv zu gestalten weiß.
Der konservativ inszenierte Film schwelgt in üppig ausladenden und erlesenen Bildern und vermeidet alles Unschöne, Häßliche oder auch Lächerlich-Goteske dieser historisch frühen Geschlechtsumwandlung. Die Erzählung blendet entsprechende Details des Lebens von Einar Wegener aus, glättet das "Unfaßbare" ins Gefällige. "Trangsgender"-Problematik wird fürs  große Kino und den Mainstream weichgespült. Eigentlich schade - zumal die Schauspieler mit glänzenden und "Oskar"-reifen Leistungen souverän punkten können. (Und inzwischen auch nominiert sind!)

Poster/Verleih: Universal Pictures Germany

zu sehen u.a.: Blauer Stern Pankow; Capitol Dahlem; CinemaxX Potsdamer Platz; CineStar Potsdamer Platz (OV); Delphi; Hackesche Höfe Kino (OmU); International (dt. und OmU); Kino in der Kulturbrauerei; Odeon (OmU); Rollberg (OmU); New York

Schauplatz: der "wilde" Westen Nordamerikas um 1820 - endlos-weite und tief verschneite Landschaften. Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) ist Trapper und hilft - zusammen mit seinem Sohn, einem Halbindianer - einer Gruppe rauher Pelzjäger den Rückweg zu ihrem Ausgangs-Stützpunkt, einem militärischen Fort, zu finden. Gefährlich nicht nur wegen Kälte und Schnee, sondern vor allem wegen der immer wieder angreifenden Indianer, die sich für den Raub ihre Tiere und das brutale Töten ihrer Frauen und Kinder, das Niederbrennen ihrer Hütten rächen. Doch Glass wird von einer Grizzly-Bärin angegriffen und schwer verwundet, seine Überlebenschancen scheinen gering. Der Großteil der Männer, unter ihnen auch begleitende Soldaten, zieht weiter, Glass bleibt mit seinem Sohn, dem Pelzjäger Fitzgerald (Tom Hardy) und dem jungen, unsicheren Serganten Bridger (Will Poulter) zurück. Fitzgerald behauptet, Glass werde nicht überleben, tötet - in einem unbeobachteten Augenblick - dessen Sohn, nötigt den ängstlichen Serganten, mit ihm abzuhauen und den halbtoten Trapper zurückzulassen. Wider Erwarten kommt Glass langsam zu Kräften und rafft sich auf - zunächst kriechend, dann am Stock - ,  um Rache - vor allem für seinen Sohn - an Fitzgerald zu nehmen. Er meistert extremste Situationen: versteckt sich vor feindlichen Indianern in düsteren Höhlen, wird von einem eiskalten Fluß mitgerissen, ernährt sich von dürren Grashalmen oder vom rohen Fleisch eines toten Tieres, schlüpft sogar einmal - um nicht zu erfrieren - in den Bauch eines ausgeschlachteten Pferdes. Am Ende dann der große "Showdown": Glass und Fitzgerald kämpfen mit Beil und Messer im tiefen Schnee - bis eine Indianer-Truppe auftaucht, und Glass ihnen seinen Feind überläßt - im Wissen, daß sie ihn töten werden und er sich so den (unchristlichen) "Rache-Mord" erspart.
Der mexikanische Regisseur Alejando Gonzáles Inárritu, der auch für das Drehbuch mitverantwortlich zeichnet, erzählt in beeindruckenden Bildern und virtuosen Sequenzen diesen Überlebens- und Rachekampf im damals noch fast unberührten Westen. Er schildert die harte Arbeit der Pelzjäger und Trapper, aber auch ihre rücksichtslos-brutale Ausbeutung der Natur und deren indigenen Bewohnern. Jedes romantische Abenteuer- und Western-Klischee wird bewußt zerstört: hier gibt es (fast) nur den egoistischen Kampf ums nackte Überleben. Hier zieht eine dumpfe Männergesellschaft marodierend durch eine grandiose, winterliche Natur-Landschaft.
Effektvoll gefilmt: geschmeidig-gleitende Kamerafahrten (Emmanuel Lubezki) wechseln temporeich zwischen detail-gespickten Großaufnahmen und eindrucksvollen Landschafts-Panoramen. Dabei wird der Blick von unten nach oben bevorzugt: daduch soll eine mysthische Überhöhung suggeriert werden: beispielsweise scheinen - in solcher Perspektive - die Wälder mit ihren schlanken, riesigen Tannen einem hohen und heiligen Dom der Natur zu gleichen.
Vielfach beherrschen Nahaufnahmen von blutigen Details die breite Film-Leinwand:  gräßliche Wunden, die die Bärien Glass an Hals und Rücken zufügt, die tödlichen Pfeile der Indianer, die sich ins Fleich der Trapper bohren, die rohen Innereien eines geschlachteten Pferdes. Sie kontrastieren wirkungsvoll mit den scheinbar erhabenen Natur-Panoramen: den leeren oder wolkenverhangenen Himmeln, den steilen und schroffen Berg-Felsen, den reißenden Flüssen und den endlosen Wäldern.
Leonardo DiCaprio verkörpert sichtlich mit großem Engagement den (historischen) Trapper Glass als überlebesgroßen "Schmerzensmann", Tom Hardy verleiht seinem fiesen Gegner und Sohnes-Mörder Fitzgerald scharfes Profil.
Doch trotz dieser raffinierten und einfallsreichen filmischen Inszenierung hinterläßt dieser "Rückkehrer" einen zwiespältigen Eindruck: seinem optischen Hyperrealismus steht die Unwahrscheinlichkeit  und der Geschichte entgegen: die eines alle Widrigkeiten überlebenden (Film-)Helden. Hier siegt die Konvention des Hollywood-Kinos über jede Lebens-Realität. Was in einem "romantischeren", das heißt stilisierteren Western durchaus Sinn machen könnte. Aber nicht in dieser extrem-realistischen Deutung - auch wenn sie noch so brilliant ins Bild gesetzt ist wie hier der schmutzig-blutige Daseinskampf von Amerikas historischen "Helden".
Poster/Verleih: Fox Deutschland

zu sehen u.a.:CineStar Sony Center (OV); Rollberg (OV und OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); Passage Neukölln (dt. und OmU); Kulturbrauerei (dt. und OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Cineplex Neukölln Arcaden; Cineplex Spandau; Titaniapalast Steglitz; Cinestar Trptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Tegel; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; UCI am Eastgate; UCI Colloseum; UCI Friedrichshain; UCI GropiusPassagen; Zoo-Palast
Nach dem Roman "The Price of Salt", den Patricia Highsmith noch vor ihrer berühmten Krimi-Serie unter Pseudonym veröffentlicht hat: die Geschichte einer lesbischen Liebe.
Carol Aire, Frau eines reichen Bankiers, sucht in einem New Yorker Kaufhaus nach einem passenden Weihnachtsgeschenk für ihre kleine Tochter. Dabei trifft sie auf die junge Spielwarenverkäuferin (und angehende Fotografin) Therese, ordert auf deren Vorschlag eine Spielzeugeisenbahn an ihre Adresse und läßt - wie zufällig - ihre Handschuhe liegen. Daraus entwickelt sich eine zunächst nur platonische Affäre zwischen den beiden Frauen, die sich gegenseitig besuchen, bis es zum Streit zwischen Carol und ihrem eifersüchtig-selbstgefälligem Ehemann kommt, und sie daraufhin mit Therese eine Auto-Reise unternimmt, immer in Richtung Westen. Dabei kommt es erstmals zu sexuellem Kontakt zwischen den beiden Frauen. Doch der Ehemann hat - Verdacht schöpfend - einen Detektiv auf die Spur Carols gesetzt, und erpresst mittels eine Tonbandes nicht nur die Scheidung und gesellschftliche Ächtung Carols sondern auch das alleiniges Erziehungsrecht für die kleine Tochter - die schmerzlichste Prüfung für Carol, die sich deshalb auch abrupt von Therese trennt. Doch es kommt zu einem juristischen Kompromiß, dem Carol zustimmt, da er regelmäßige Treffen mit der Tochter garantiert, und sie nun in einer eigenen Wohnung in der Madison-Avenue ein Leben in Unabhängigkeit verwirklichen kann. Ob Therese dabei eine Rolle spielt, bleibt - im Film - offen...
Regisseur Todd Haynes ("Far from Heaven"; "I'm not There") hat nicht nur die Story ins New York der frühen 50er Jahre verlegt, sondern  auch den gesamten Film ganz in der Art jener Zeit gedreht: im Stil der Holywood-Melodramen à la  Douglas Sirk. Dieses Genre bestach durch die subtile Art, in der die untergründigen Widersprüche und  Risse einer anscheindend  wohlsituierten, bürgerlichen Gesellschaft bloßgelegt wurden.
Doch Haynes hat seine ganze künstlerische Phantasie auf die äußeren Erscheinungen jener Zeit gelegt. Scheinbar perfekt werden Räume und Kostüme der 50ger Jahre kopiert, mit raffinierten Tricks Häuser, Straßen, Autobahnen und Landschaften fotografisch reanimiert und erstaunlich echt bewegen und artikuliert sich das gut gecastete Schauspieler-Ensemble in diesem historischen Ambiente.
Cate Blanchett ist - ähnlich ihrer oscarprämierten "Blue Jasmin" - die verwöhnte, kühl-blonde Bankiersgattin Carol, die einen sozialen und moralischen Absturz verkraften muß - diesmal selbstverschuldet durch ihre (zunächst mühsam unterdrückte) erotische Leidenschaft.  Rooney Mara als Therese ist schon äußerlich ihr Gegenteil: schmal, brünett, mädchenhaft zurückhaltend. Erst langsam entdeckt sie ihre sexuellen und beruflichen Ambitionen,
reift im Laufe der Affäre zum selbtbewußten Charakter. Dabei bleibt immer in der Schwebe, wer von beiden Frauen treibende Kraft oder unterliegendes Opfer ist.
Doch dieser Konflikt wirkt oberflächlich und berührt in dieser Form heute kaum, genau so wie die starre Gesellschaftsmoral der 50ger Jahre nur noch fern und blaß bleibt. Es gelingt der Inszenierung nicht, Aktuelles im Historischen sichtbar zu machen. Der psychologische Kern einer Außenseiter-Beziehung verschwindet hinter der aufwendig-üppigen Ausstattung. Statt eines kritisch-verstörenden Blicks auf menschliche Leidenschaften und hinter fragwürdige, gesellschaftliche Konventionen, präsentiert "Carol" über weite Strecken lediglich ein opulent-effektvolles Moden- und  Geschmacks-Panorama im farbig-schicken Retro-Look. Mainstream-Kino im Kampf um den Oscar 2016.

Poster/Verleih: DCM Filmdistribution

zu sehen u.a.: Babylon Kreuzberg (OmU); Capitol Dahlem; Cinema Paris; CinemaxX Potsdamer Platz; CineStar Potsdamer Platz (OV); Filmtheater am Friedrichshain; Hackesche Höfe Kino (OmU); Kino in der Kulturbrauerei; Odeon (OmU); Yorck-Kino


In einem teuren Wellness-Hotel am Fuß der Schweizer Alpen treffen sich - wie jedes Jahr -  zwei alte Freunde, beide im 80sten Lebensjahrzehnt: der Komponist und Dirigent Fred Ballinger (Michael Caine) und der Film-Autor und Regisseur Mick Boyle (Harvey Keitel). Während Fred, der von seiner Tochter und Managerin Lena (Rachel Weiz) begleitet wird, etwas selbstgefällig seinen Ruhestand pflegt und sogar das Angebot, nocheinmal vor der britischen Queen ein eigenes Werk zu dirigiren, ablehnt, bastellt Mick mit einer Gruppe junger Leute geschäftig an seinem angeblich letzten großen Film, der so etwas wie sein Vermächtnis werden soll.
Umgeben sind beide Freunde von einer Meute stink-reicher Leute, die versuchen ihre erschlafften Körper frisch aufzupäppeln: wie beispielsweise der fettgewordenen Fußballstar Maradonna mit Karl-Marx-Tätowierung auf dem Rücken, oder einem jung-verschrobenen US-Schauspieler (Paul Dano), der sich auf seine anstehende Filmrolle als Adolf Hitler (in einem deutschen Film) durch vorgebliche genaue Beobachtung der exzentrischen Hotel-Gäste vorbereitet.
Das ist mal lustig, mal skuril anzusehen - Senioren-Problemchen im besten Boulevardstil: von der Prostata, über Alt-Männer- Sex-Weisheiten bis zu knappen Rückblicken auf Versäumnisse und Fehler im eigenen Berufs- und Liebesleben. Auch die Rolle von Kunst und Künstlern, ihrer schöpferischen Kraft und Energie wie ihrer grausamen und törichten Eitelkeiten werden angesprochen. Durch kleinere Nebenhandlungen erweitert sich das unterhalsame Senioren-Geplänkel: Freds Tochter Lena wird von ihrem Ehemann, der zugleich Micks Sohn ist, plötzlich wegen eines Pop-Sternchens verlassen, was wiederum Anlaß zu Vorwürfen Lenas an ihren Vater bietet, daß er sich wegen Karriere und anderweitiger Liebschaften nie um sie und ihre Mutter gekümmert habe. Und am Ende muß Mick erfahren, daß aus seinem Film nichts wird, da die vorgesehene , zugkräftige Hauptdarstellerin eines besseren Angebots wegen absagt: ein furioser Kurzauftritt von Jane Fonda als resolut-egozentrischem Alt-Star.
Kurz: ein nicht allzu tief schürfender Reigen mal fröhlicher, mal melancholischer Alltags- und Alters-Weisheiten: alles schon bestens bekannt durch Film, Fernsehn und Literatur.
Was aber den Reiz und die Qualität des Film ausmacht, ist seine raffinierte und elegante Inszenierung, die nicht nur das vorzügliche Darsteller-Ensemble in ein höchst lebendig-warmes Licht rückt. Die Kamera von Luca Bigazzi komponiert erlesene Bilder, gleitet fließend durch die noblen Salons und Massage-Galerien des Hotels, schwelgt in den schweizer Berg- und Wiesenlandschaften, tastet ebenso geschmeidig wie präzise die Gesichter und Körper der alten wie jungen Protagonoisten ab. Naturtöne, Geräusche, klassische und populare Musik werden zur dezent-stützenden Klangkulisse verwoben. Reales Geschehen wird mit turbulent-verstörende Traum-oder Fantasie-Sequenzen raffiniert verschnitten und vermitteln dem Film so einen eigenwillig-überzeugenden Rhythmus.
Paolo Sorrentino küpft mit diesem optisch dominierten Stil, der deutlich Fellini zum Vorbild hat, erfolgreich an seinen letztes Werk "La Grande Belleza" an, auch wenn sein Drehbuch nicht dessen Stringenz besitzt und sich durch die vielen Neben-Details allzusehr in die Länge zieht.
Dennoch: gefälliger Alters-Boulevard in filmischer Hochglanz-Präsentation.

Poster/Verleih:Wild Bunch Germany

zu sehen u.a. Acid-Kino; Bundesplatz-Kino; Capitol; Cosima; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Kulturhaus Spandau; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln; Sputnik;  im OmU: Hackesche Höfe; Neues Off,Tilsiter


Fritz Bauer - 1903 in Stuttgart geboren, 1968 in Frankfurt gestorben - trat schon in der Weimarer Zeit der SPD bei, engagierte sich als angehender Richter sozial- und justiz-politisch, emigrierte als (atheistischer) Jude 1936 nach Dänemark und Schweden und kehrte 1949 in die junge Bundesrepublik zurück. Einerseits um den Aufbau des demokratischen Rechtsstaates zu unterstützen, andererseits um überlebende oder untergetauchte Nazi-Täter zur Rechenschaft vor Gericht zu ziehen. Als Generalstaatsanwalt - vom hessischen Ministerpäsidenten Georg August Zinn berufen - wurde er zum entscheidenden Anreger und "Spiritus rector" im Hintergrund der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, was ihm damals - neben internationaler Anerkennung -  auch viel Feinddschaft in allen Gesellschftsschichten, besonders in Justizkreisen, einbrachte. 1968 ertrank er unter ungeklärten Umständen in seiner Badewanne - ob Schwächeanfall, Suizid oder gezielter Mord läßt sich bis heute nicht aufklären.
Über Bedeutung und Figur Fritz Bauers gibt es zahlreiche Bücher und Artikel, ebenso wie Fernsehdokumentationen und Filme.
Insofern haben der Regisseur Lars Kraume und sein Drehbuchautor Oliver Guez die richtige Entscheidung getroffen, kein ausladendes Bio-Pic zu gestalten, sondern Persönlichkeit und Charakter Bauers ausschließlich anhand seiner Suche und Auffindung von Adolf Eichmann zwischen 1957 und 1960 zu schildern. Wie Bauer durch den Brief eines ehemaligen KZ-Häftlings von Eichmanns Aufenthalt in Argentinien erfährt, wie die deutsche Politik und Justiz, die immer noch stark mit ehemaligen Nazis durchsetzt sind, ihm einen Fahndungs- und Ausliefrungsantrag jedoch verweigern und er daraufhin - bewußt die damaligen Gesetze mißachtend - dem israelischen Geheimdienst Eichmanns Wohnort bei Buenos Aires mitteilt (vom Mossad dann auch geschnappt) - verbunden mit der Hoffnung, daß die Israelis den Prozeß gegen Eichmann ihm in Frankfurt überlassen würden.
Lars Kraume, der schon mehrere "Tatort"-Folgen inszeniert hat, versteht es geschickt, aus den nüchternen historischen Fakten einen packenden Politthriller zu gestalten - vor allem durch das freie Hinzufügen der Figur eines jungen Staatsanwaltes (gespielt von Ronald Zehrfeld)  und dessen damals noch strafbarem, schwulem "Coming-out". Vor allem in den Dialogen zwischen Bauer und diesem aufstrebenden jungen Anwalt gelingt es, die Persönlichekeit Bauers plastisch zu zeichnen: seinen durchaus autoritäreren Stil im Umgang mit seinen Mitarbeitern, aber auch seine Klugheit, sein großes juristisches Wissen und seine eminente Urteilungskraft, sein zurückgezogenes Privatleben, in dem er sich klugerweise (da von feindlichen Kollegen umgeben) jeden "Fehltritt" untersagt, seine daraus resultierende Einsamkeit, und immer wieder seinen unerbittlichen Willen, dem Recht und damit dem jungen, demokratischen Staat aktiv zu helfen. Daneben sorgen die Szenen, in denen der junge Anwalt seine eigene Homosexualität entdeckt, und damit erpressbar wird, für spannende, krimi-taugliche Unterhaltung.
Daß aber der von mehreren TV-Anstalten mitproduzierte Film zu einem auch emotionalen Erlebnis wird, verdankt er der großen schauspielerischen Präsenz und Wandlungsfähigkeit seines Hauptdarstellers Burghart Klaußner. Er vermag den harschen Charme - mit leicht mundartlicher Färbung - des engagierten Sozialdemokraten, wie auch den beschlagenen, kühlen Rechtsgelehrten, den einsamen alten Mann in seiner großen Frankfurter Wohnung wie den unverdrossenen Kämpfer für eine humanistische Gesellschaft ebenso glaubhaft wie eindringlich zu verkörpern.
Burghart Klaußner trägt den Film, alles andere ist gut gemachte, wenn auch teilweise klischeehafte Unterhaltung, Geschichts-Aufklärung für jüngere Generationen - wieder wichtig geworden in Zeiten eines politischen Rechtsrucks.

Foto/Plakat/Verleih: Alamode Film

zu sehen: Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; Hackesche Höfe Kino; International; Kino in der Kulturbrauerei; Neues Off; Passage; Yorck


Der 16-jährige Schotte Jay Cavendish folgt im Jahr 1870 seiner angebeteten Rose nach Amerika. Sie und ihr Vater sind dorthin geflohen, als beide unter Mordverdacht gerieten. Auf seiner Suche  trifft Jay in den Wäldern von Colorado einen wortkargen Mann, der sich Silas nennt und ihm gegen gute Dollars Schutz und Begleitung anbietet. Was der optimistisch-naive Jüngling, der nachts die Sterne mit der Pistole herunter schießen will, auch dringend benötigt, denn Wegelagerer, Kopfgeldjäger oder Indianer machen mit scheinbar wohlhabenden Fremden meist nur kurzen Prozeß. Daß Silas selbst an dem auf Rose und ihren Vater ausgesetzten Kopfgeld stark interessiert ist, erfährt Jay erst kurz bevor er nach mancherlei Zwischenfällen deren Hütte findet. Es kommt - wie es kommen muß - zum dramatischen Finale, in dem immer mehr Kopfgeljäger auftauchen und alle sich blutig-brutale Schlachten liefern - auf deren Höhepunkt die wild mit dem Gewehr sich verteidigende Rose unbewußt den sie anbetenden Jay tötet.
Im Gegensatz zum "Slow" im Titel ist dieser Neo-Western recht kurz - 84 Minuten - und vom britischen Spielfilm-Debütanten John Maclean in knappen, schnell geschnittenen Bildern in Szene gesetzt. Dabei spielt die ironische Brechung des Geschehens eine wesentliche Rolle, denn im Gegensatz zu den romantischen Lebens-Vorstellungen des jugendlich-naiven Jay erweist sich die Realität als unbarmherzig und brutal - jeder ist hier ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Rose liebt den sie vergötternden Jay überhaupt nicht, Silas bietet seine schützende Hand nur, um so selbst das Kopfgeld zu ergaunern. Praktisch alle Figuren, die während der filmischen Reise gen Westen auftauchen, haben böse oder schlechte Absichten. Ein verzweifeltes Paar überfällt eine von Jay und Silas besuchte kleine Handelsstation, um an Lebensmittel heranzukommen - am Ende sind beide ebenso wie der alte Händler tot - und vor der Türe stehen artig wartend zwei halbwüchsige Kinder. Die Regie vermeidet alles Pathos, präsentiert gandiose Landschafts-Panoramen (in Neuseeland fotografiert!) und verfolgt seine oft kuriosen Figuren mit lockerem, fast satirischem Blick. Eine fiese Welt, ein menschlicher Scherbenhaufen, der nur durch ironische Distanz zu ertragen und abzubilden ist.
Das gut gecastete Schauspieler-Ensemble hat sichtlich großen Spaß an den Rollen der mehr oder weniger kauzigen Bösewichter. Michael Fassbender dominiert als undurchsichtiger Cowboy Silas mit wasserblauem Blick und überzeugt vor allem durch seine männlich-ruhige, aber ausdruckstarke Präsenz, während der australische Jung-Star Kodi Smit-McPhee den naiven Optimismus des schottischen Greenhorns Jay typgenau ausstrahlt.
Kein großer Film wie er in diesem uramerikanischen Genre etwa den Coen-Brüdern oder Clint Eastwood gelungen ist, aber doch frischer Wind in einer alten Kino-Kulisse - klug und unterhaltsam.

Foto: Prokino Filmverleih

zu sehen: Hackesche Höfe Kino(OmU); Intercontinental(OmU); Odeon(OmU); Rollberg(OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Passage Neukölln