Auschwitz-Birkenau, Oktober 1944. Der Ungar Saul Ausländer gehört zu jenem Sonderkomando, das die Nazis aus körperlich kräftigen, eingelieferten Juden zusammengesucht haben, um die "schmutzigen" Arbeiten auszuführen: den jeweils neuen Opfern beim Entkleiden zu helfen, sie in die angeblichen Duschkammern zu pressen, danach die abgelegten Kleider nach Wertgegenständen zu durchsuchen, anschließend die Leichen in die Krematorien zu schaffen, die Gaskammern zu säubern sowie die anfallenden Aschemengen zu beseiteigen. (Nach einigen Wochen würden diese "Helfer-Sklaven" und unfreiwilligen Zeugen der Verbrechen hingerichtet.)
Saul (dargestellt von dem ungarischen Dichter Géza Röhrig) - leicht verstört die Neuankommenden durchforschend - glaubt in der Leiche eines Jungen seinen Sohn zu erkennen. In einem inneren Akt des Widerstandes und der Menschlichkeit versucht er, den Leichnam vor der Verbrennung zu retten und sattdessen nach jüdischen Ritual zu begraben. Dafür sucht er - allen grauenvollen Umständen und Unmöglichkeiten zum Trotz  - mit eisener Energie und List einen Rabbi, der ihm beim Erdbegräbnis hilft und das Kaddisch spricht. Zur gleichen Zeit  versuchen einige Mithäftlinge des Sonderkommandos eine Aufstand und Ausbruch zu organisieren. Doch die Flucht, der Saul sich mit dem toten Sohn im Arm anschließt, mißlingt ebenso wie der Versuch einer rituellen Beerdignung. Was bleibt, ist ein Traumbild Sauls, der seien Sohn lebend in die polnischen Wälder fliehen sieht
Der ungarische Regisseur László Nemes hat für diese ungewöhliche Geschichte eine neuartige und faszinierende filmische Form gefunden. Im nur noch selten benutzten, alten 4:3-Format sitzt die Handkamera dem Darsteller des Saul buchstäblich "im Nacken": hautnah zeigt das schmale, fast quadratische Bild die Groß- oder Nahaufnahme seines Gesichtes, dahinter nur verschwommen seine Umgebung: das grausame Geschehen vor den Gaskammern, das brutale Herauszerren der Leichenberge, die brutalen Auftritte der Nazi-Offiziere und ihrer Schergen, die heimlichen Vorbereitungen des Aufstandes der im Sonderkommando versklavten Männer und schließlich die waghalsige Flucht durch einen Fluß und in die Wälder...
Diese raffinierte Bildführung, die die graustigen Geschehnissen nur verschwommen im Hintergrund andeutet, wird ergänzt durch eine hoch-komplexe Tonspur, in der sich Schüsse und Schreie, Kommandos und Wortfetzen in unterschiedlichen Sprachen sowie vielerlei Geräusche und Laute äußerst realistisch mischen. Was das Auge nur schemenhaft wahrnimmt, registriert das Ohr in erschreckender Deutlichkeit.
Doch erzählt werden diese Geschichten nach konventionellen, dramaturgischen Regeln. Die Szenen sind inszeniert und geschnitten wie in einem guten Thriller, dessen wichtigstes Ziel es ist, Spannung aufzubauen. Hier wirkt der Film gelegentlich über-konstruiert und opfert ein wenig seine Glaubwürdigkeit seiner brillanten Machart.
"Son of Saul" wird seit seiner Premiere in Cannes 2015 mit Auszeichnungen geradezu überhäuft, zuletzt mit dem diesjährigen Oscar für den besten Film in nicht-englicher Sprache. In Deutschland stößt er auch auf Vorbehalte, die vor allem auf dem bekannten, provokativem Diktum Adornos (keine Kunst nach Auschwitz) und der epochalen "Shoa"-Dokumentation von Claude Lanzmann beruhen, in der auf jegliche nachgespielte Szene in Vernichtungslagern bewußt verzichtet wird.. Doch scheint dieses "Bilderverbot" nicht mehr so streng beurteilt zu werden, je jünger die Generationen der Betrachter sind und je weiter die schrecklichen Ereignisse in einer fernen historischer Distanz verschwimmen.

Poster/Verleih: Sony Pictures Germany

zu sehen(nur OmU): Filmtheater am Friedrichshain; fsk Kreuzberg; Kant-Kino; Movimento; Delphi(Sonntags-Matinée)

Zeit: Nord-Amerika nach dem Bürgerkrieg. Ort: "Minnie's Haberdashery", ein einsamer Western-Saloon in den Bergen von Wyoming. Als ein gewaltiger Schneesturm ausbricht, treffen acht Personen (scheinbar) zufällig in diesem abgelegenen Holzbau aufeinander. Ein Kopfgeldjäger mit seiner weiblichen "Beute" (10 000 Dollar wert); ein schwarzer Major, der im Bürgerkrieg für den Norden kämpfte und einen Briefwechsel mit Abraham Lincoln führte; ein frisch gebackener Sheriff; ein Cowboy, der sein Leben aufschreibt; ein aus England stammender Henker; ein alter Südstaaten-General, der nach seinem verschollenen Sohn fahndet und ein finsterer Mexikaner, der momentan den Laden führt, da die Besitzerin angeblich bei ihrer Mutter zu Besuch weilt.
Eine Kammerspiel-Situation wie in einem Krimi von Agatha Christie - jeder hat ein Geheimnis zu verbergen und versucht gleichzeitig die übrigen Anwesenden wortreich auszuforschen. Der Film - im seltenen 70-Milimeter-Format gedreht - dauert fast drei Stunden, beginnt mit einer rein musikalischen Ouvertüre (Enno Morricone) und wird durch eine 12-minütige Pause geteilt. Während vor dieser "Intermission" überwiegend mit Worten diskutiert und gestritten wird,  erfährt der Zuschauer danach in einer Rückblende die wahren Zusammenhänge der vorgetäuschten Lebensgeschichten. Danach wird zugeschlagen: mit Fäusten, Messer, Gift, Pistolen und Gewehr - bis alle tot am Boden liegen - der rassistische Südstaatler wie der aufgeklärte Yankee.
Rasissmus als Ursache für Hass, Krieg und Mord ist das Grundthema - wie schon in Tarantinos vorangegangenem Film "Django Unchained". Die gegewärtigen Auseiandersetzungen zwischen US-Polizei und Schwarzen sowie der Boykott-Aufruf farbiger Künstler gegen die diesjährige Oscar-Zeremonie vermitteln dem Thema eine unerwartete, aktuelle Brisanz. Doch Neues dazu ist weder der Regie noch dem Drehbuch von "The Hateful Eight" eingefallen. Der erste Teil unter seinenlangen Dialogen, ist ermüdend und langweilig. Der zweite Teil überbietet sich dann in grellen und blutigen Prügel- und Schieß-Szenen, so daß der Rassismus lediglich als moralisches Deck-Mäntelchen für ein grotesk-effektvolles Splatter-Movie erscheint. 
Trotz virtuoser Kameraführung, guter Schauspieler (darunter Samuel L.Jackson, Kurt Russel, Jennifer Jason-Light, Tim Roth, Bruce Dern) und einfallsreichen Szenen-Details bleibt die brillante, cinematographische Fantasie, für die Quentin Tarantino so berühmt ist; in diesem, seinem achteen Spielfilm, weitgehend auf der Strecke.

Poster/Verleih: Universum Film GmbH

zu sehen u.a. CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Cineplex Neukölln Arcaden; Cineplex Spandau; Titania Palast Steglitz; Cinestar Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Sony Center (OV); CineStar Tegel; Hackesche Höfe Kino (OmU); Kino in der Kulturbrauerei; Kino Spreehöfe; Rollberg Kino (OmU); UCI Colosseum; UCI Friedrichshain; UCI Gropius-Passagen; Zoo-Palast






















1. HAIL, CAESAR!     Joel & Ethan Coen (außer Konkurrenz) ***
Satire auf das Hollywood-Kino der 1940/50-er Jahre - einer Zeit in der mächtige Studiobosse das Filmgeschäft dominierten. Parodiert und ironisiert werden die unterschiedlichen Genres wie Sandalen-Opus, Western oder Melodram, die Allüren von Produzenten, Regisseuren und vor allem von Stars, aber auch die angebliche Unterwanderung Hollywoods durch die Kommunisten. Die zahlreichen Stars, angeführt von Georges Clooney als dämlich-römischem Feldherrn-Darsteller,  chargieren mit Lust, die Dialoge sind meist flott, die Ausstattung üppig und die beiden Regisseure garnieren die unterschiedlichen Geschichten vom schauspielerisch unbegabten Westernhelden, der zickigen Wasserballett-Diva oder dem von Clooneys Entführung überforderten Produzenten mit allerlei bildlichem Witz oder hübschen Tanzszenen á la Gene Kelly. Doch der Spaß hat seine Grenzen : die vielen "guten" Zutaten mischen sich nicht, zerbröseln in nette Einzelheiten. Der Film "langweilt auf immerhin amüsante Weise" (Harald Martenstein im "Tagesspiegel")




2. MIDNIGHT SPECIAL     Jeff Nichols **
Der konventionell erzählte Hollywood-Film vereint mehrere Genres: zuächst einen Action-Krimi mit rasanten Auto-Verfolgungen zwischen Texas und Louisiana - der mit magischer Augen-Kraft ausgestatte, achtjährige Alton Meyer, aufgewachsen in einer sektenähnlichen Gemeinschaft, wird entführt. Dann eine anrührende Familien-Story: der Junge ist von seinen eigenen Eltern, die ihn nur beschützen wollen, gekidnappt worden.  Schließlich eine moderen Sience-Fiction-Variante : der Junge wird von Wesen, die oberhalb der Erde hausen sollen, unter Blitz und Erdbeben "heimgeholt" - d.h. er verschwindet einfach in einer weiten, flach-sumpfigen Landschaft. Die ihn mitjagenden Sektenmitglieder, wie die Polizei, laufen buchstäblich "ins Leere". Temporeich und spannend inszeniert, attraktiv fotografiert und gut besetzt (Michael Shannon; Kirsten Dunst), aber zur Parabel (auf wen oder was auch immer) taugt dieses "Mitternächtliche Spezial" um (auf der Leinwand) niemals sichtbare Aliens kaum - außer "Action" und  "Family-Love" nichts gewesen. Allem filmischen Realismus zum Trotz: gelegentliche Lacher im Publikum!








3  L' AVENIR     Mia Hansen-Love****
Isabelle Huppert verkörpert mit der ihr eigenen Intensität die ehemals linke, jetzt liberal-bürgerliche Lehrerin Nathalie, die Philosophie an einem Pariser Gymnasium unterrichtet. Zunächst läuft alles harmonisch, doch langsam häufen sich die Kathastrophen. Ihr Mann verläßt sie und zieht aus, ein guter, jugendlicher Freund verläßt Paris und zieht aufs Land, die Mutter muß erst ins Seniorenheim, dann stirbt sie, die beiden erwachsenen Kinder führen ihr eigenes Leben. Das Älterwerden, die Einsamkeit nahen - mit viel Selbstdisziplin bewahrt Nathalie ihre Haltung. Der Film der französischen Regisseurin Mia Hansen-Love enthält sich jeder Larmoyanz, erzählt seine Geschichte in knapper Szenenfolge, elegant ins Bild übertragen und mit schönem Witz unterlegt - statt Mann und Kindern bleibt der einsam Gewordenen am Ende nur der (ungeliebte) Kater iher verstorbenen Mutter.







4. MAHANA (The Patriarch) Lee Tamahori (außer Konkurrenz)****
Familien-Saga eines Maori-Clans im Neuseeland der 1950er Jahre.  Mit brutaler Strenge herrscht der  alte Mahana über seine zahlreichen Söhne, Töchter und deren Ehepartner und Kinder, alle eingespannt in das unter harten Bedingungen aufgebaute Schafzucht-Unternehmen. Erst der 14-jährige Enkel Simon wagt, sich dem autoritären Großvater entgegenzustellen... Regisseur Lee Tamahori hat viele Jahre in Hollywood erfolgreich gearbeitet und entfaltet - in seine Heimat zurückgekehrt - eine ebenso prachtvolles wie anrührendes Familien-Epos - ganz im Stil des alten amerikanischen Western - nur statt schneller Pistolen-Duelle führt hier der wilde Wettbewerb um die rasanteste Schafschur zum filmischen Happy End.





5. FUOCOAMMARE     Gianfranco Rosi**
Der Titel des Films bezieht sich auf eine Musikstück, das sich eine alte Einwohnerin der Insel Lampedusa  als Wunschmusik im Radio wünscht - ein Stück "normales" Leben auf diesem Iland zwischen Lybien und Sizilien, das als Ziel überwiegend afrikanischer Migranten seit einigen Jahren in die internationalen Schlagzeilen geriet. Der italienische Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi zeigt zwei Seiten von Lampedusa: zum einen den (nachgestellten) Alltag des 10-jährigen Samuel und seiner Familie (Schule, Arztbesuch, Fischfang), zum anderen echte Dokumentaraufnahmen vom Auffinden von Flüchtlingsbooten auf dem Meer durch Militärschiffe und wie diese erschöpften Menschen ans Land und in Auffanglager gebracht werden. Doch eine Korrespondenz zwischen diesen Welten - ob sie sich wahrnehmen und wie - , das wird im Bild nicht gezeigt, das muß sich ein williger Zuschauer denken oder erahnen. Insofern bleibt diese Halb-Dokumantation unbefriedigend und ein verschenktes Thema.






6. 24 WOCHEN Anne Zohra Berrached****
Astrid Lorenz ist erfolgreiche TV-Kabaretistin, ihr Lebensgefährte Markus managt sie. Beide wohnen mit ihrer kleinen Tochter in einer modernen, schicken Vorstadt,  Astrids Mutter hielft gelegentlich im Haushalt mit, auch ein Kindermädchen erleichtert den berufstätigen Eltern das Leben. Ein zweites Kind wird freudig erwartet, bis die ärzliche Diagnose das Baby erst als mongoloid, später noch als herzgeschädigt erkennt. Eine Abtreibung oder ein behindertes Kind aufziehen? Freunde und Bekannte haben unterschiedliche Meinungen dazu - beide Elternteile stürzen in tiefe Verwirrung, schwanken in ihrer Meinung, bis Astrid sich für die in Deutschland mögliche Abtreibug nach der 24.Schangerschaftswoche entscheidet, das Kind wird dabei getötet.
Der Film der jungen Hochschulabsolventin Anne Zorah Berracheds ist keine Diskussion über das Thema Abtreibung, sonder konzentriert sich ganz auf die psychologische Entwicklung Astrids, auf ihr Erschrecken, ihre Verwirrung, ihre Angst und Unsicherheit, ihre Suche nach Hilfe bei Mann, Freunden oder Mutter und schließlich die Erkenntnis, daß nur sie allein entscheiden will und muß.
Ob diese Entscheidung richtig oder falsche war, vermag sie später selbst nicht zu sagen: vielleicht, meint sie, ein bißchen von beidem. Der Film bleibt seinen Personen ganz nah: Handkamera und Großaufnahmen (auch von Details) werden bevorzugt und im Gesicht der großartigen Schauspielerin Julia Jentsch wird jede Regung Astrids sicht- und auch nachvollziebar. Anrührendes Kino aus dem intimen Blick einer Frau.





7. QUAND ON A 17 ANS André Téchiné****
Eine kleine Stadt in den französischen Pyrenäen. Thomas und Damien, beide 17 Jahre sind  Einzelgänger in ihrer Klasse. Thomas ist der adoptierte Sohn, wohl nordafrikanischer Herkunft,  auf einem abgelegenen Bauernhof, Damien das Kind der Landärztin, der Vater dient in der Armee und ist daher oft abwesend. Geschildert wird in realistischen Bildfolgen, die eindrucksvoll die Berg-Landschaft und ihre wechselnden Jahreszeiten miteinbeziehen, das schwierige Coming-out der beiden jungen Männer, die vielen psychologischen Windungen, ihre schwule Veranlagung zu erkennen und dann damit zurechtzukommen. Die Rolle ihrer Umwelt (Schule, Lehrer, Eltern) spielt dabei nur eine Nebenrolle - außer der klarsichtigen und tatkräftigen Mutter Damiens, die immer wieder hilfreich den Prozeß des Erwachsenwerdens unterstützt. Altmeister André Téchiné weiß seine trefflich besetzten jugendlichen Darsteller überzeugend in Szene zu setzen  - und Sandrine Kiberlain ist als Land-Ärztin und Mutter ebenso patent wie natürlich. Daß die Story dramaturgisch ein wenig grob und vorhersehbar getrickt ist, wird durch die Eleganz der Inszenierung geschickt überspielt.




8. ALONE IN BERLIN   Vincent Perez***
Nachdem vor ein paar Jahren die erste englische Übersetzung von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" (1946) sich zum Welt-Bestseller entwickelte, war klar, daß diesem Erfolg eine internationale Kino-Version folgen würde. Sie feiert jetzt bei der Berlinale ihre Premiere : in Babelsberg gedreht, in englischer Sprache und aus vielen deutschen und ausländischen Finanz-Töpfen gespeist. Herausgekommen ist eine sehr konventionelle, brave Nacherzählung für ein internationales Publikum. Die britischen Schauspieler Emma Thompson und Brendan Gleeson spielen das ältere Ehepaar Quangel, das mit dem heimlichen Verteilen von gegen Hitler gerichteten Postkarten im Berlin des 2.Weltkrieges seinen ebenso tapferen wie bescheidenen Widerstand leistete. Sie überzeugen, weil sie unter der Regie des Schweizer Vincent Perez jede Sentimentalität vermeiden und ihren Figuren so ein klares, sehr menschliches Profil verleihen. Problematischer die Figur des sie verfolgenden Gestapo-Fahnders Escherich (Daniell Brühl), der in dieser Fassung durch die Kartenaktion aufgerüttelt wird und sich erschießt. Ob der fernsehtaugliche Film und sein Thema heute noch  - oder schon wieder? -  ein internationales Publikum interessiert?



9. CHANG JIANG TU (Crosscurrent) Yang Chao****
Ein junger Kapitän fährt auf einem alten, rostigen Lastkahn den Jangtse flußaufwärts - von Shanghai über den mächtigen Drei-Schluchten-Staudamm bis zur Quelle. Er hat soeben seinen Vater nach einem seltsamen chinesischen Ritual (mit schwarzem Fisch) beerdigt und sehnt sich nach einer bestimmeten Frau, die ihm aber nur ab und zu am Ufer oder auf einem gegenläufigen Schiff erscheint. Die phantstische Fahrt durch atemberaubende Landschaften - blaustichig, nebelverhangen - wird mit allerlei Gedichten und philosophischen Sentenzen (als Schriftbilder) ausgeschückt, der Kapitän trifft in einer verfallenden Pagode auf Buddah-Stimmen oder er begegnet seiner Wunsch- Frau in einem gespenstischen, verlassenen Inseldorf, wobei immer ein raffinierter Kontrast zwischen Realität und Phantasie sich magisch entfaltet. Ob Poesie oder Kitsch - für den mit der chinesischen Kultur nicht vertrauten Zuschauer bleibt der von mächtig aufrauschender Musik untermalte Film über weite Strecken ein merkwürdiges - wenn auch ein optisch überaus attraktives Rätsel.




10. CHI-RAQ   Spike Lee (außer Konkurrenz)***
Bandenkämpfe unter Schwarzen im heutigen Chicago, hochgepeitscht von Sex, Drogen und Waffen. Nach dem Tod eines Kindes bildet sich ein Front taffer Frauen: No Peace, no pussy! Lysistrata lässt grüßen. Gefilmt im Stil eines tubulenten, effektvollen Musicals - es wird viel gesungen, gerappt, getanzt und in gereimten Dialogen gesprochen. Eine szenisch einfallsreiche, schrill-bunte Show mit fabelhaften, fast ausschließlich schwarzen Darstellern, aber doch sehr vordergründig und allzu - wenn auch gut gemeint - agitatorisch-plakativ.




11. GENIUS   Michael Grandage****
Die - historisch verbürgte - kreative Beziehung zwischen dem Verleger Max Perkins und dem Schriftsteller Thomas Wolfe. Wie die beiden charakterlich so unterschiedlichen Männer im Jahr 1929  aus einem überbordenden Manuskript den Welterfolg "Schau heimwärts, Engel" filterten, wie sie an einem weiteren Roman ("Von Zeit und Fluß") arbeiteten und wie darüber die privaten Beziehungen der beiden zu ihren Frauen und Familien großen Schaden nahm: Der eigentlich unfilmische Stoff wird von dem britischen Theatermann Michael Grandage geschickt in Szene gesetzt und durch die beiden hervorragenden Darstellern bestens beglaubigt: Colin Firth als zurückhaltender, eher puritanischer Verleger, Jude Law als exzentischer, selbstgefälliger Dichter.  Ein intelligent-unterhaltsames Kammerspiel für Literaturfreaks und  Freunde subtiler Schauspielkunst.




12. KOLLEKTIVET (The Commune)  Thomas Vinterberg***
Der Titel (der in der deutschen Fassung mit "Die Kommune" übersetzt wird, Kinostart: 21.April) erweckt falsche Erwartungen. Es geht nicht um linkspolitische Wohn- und Lebensgemeinschaften. Sondern: Erik (Ulrich Thomsen), Archtektur-Professor in Kopenhagen und Anna (Trine Dyrholm), Nachrichtensprecherin beim dortigen Fernsehn, beide so um die 40, erben eine stattliche Villa. Da dieses Haus zu groß für das Paar und seine 14jährige Tochter Freija ist, werden Freunde und Bekannte zum Mitbewohnen eingeladen. Zunächst ein fröhliches Kollektiv: Zusammen wird gegessen, getrunken und gefeiert, schließlich spielt die Geschichte in den 1970er Jahren. Doch als Erik ein Verhältnis mit seiner Studentin Emma eingeht, kommt der Hausfrieden ins Wanken. Zwar gibt Anna sich zuerst cool und ist sogar einverstanden, daß Emma mit ins Haus zieht, doch dann bricht sie zusammen. Nach qualvollen Wochen verläßt sie auf Rat ihrer Tochter Villa und Gemeinschaft. Regisseur Thomas Vinterberg, Mitbegründer der dänischen Dogma-Bewegung, hat die ürsprünglich strengen Regeln dieser Theorie stark gemildert und einen - in seiner Machart - sehr konventionellen Film gedreht, in dem das titelgebende Kollektiv lediglich den Hintergrund für eines der üblichen Ehedramen abgibt. Anfangs schildert der Film mit einigem Witz die Marotten der   Wohngemeinschaft, später dominiert die eheliche Dreiecks-Story. Wobei Spannung und Interesse des Zuschauers vor allem durch das intensive Spiel von Trine Dyrholm als der grundlos verlassener Ehefrau geweckt werden. Nicht das Kollektiv, sondern sie allein trägt den Film.




13. ZJEDNOCZONE STANY MILOSCI  (United States of Love)  Tomasz Wasilewski***
Plattenbau-Silos am Rande einer polnischen Kleinstadt. In ausgebleichten Farben schildert der Regisseur Tomasz Wasilewski (geb.1980) das freudlose Dasein von vier Frauen. Agata, verheiratet, eine halbwüchsige Tochter, hat sich erfolglos in den hübschen Priester verliebt, die Schuldirektorin Iza quält sich als unglückliche Geliebte eines Arztes, die einsame Lehrerin Renata sucht verzweifelt die Freundschaft zu ihrer Wohnungs-Nachbarin Marzena, einer Aerobic-Trainerin, die von einem Leben als Model träumt (und vorerst nur ausgenützt wird). Diese frustrierenden Liebes- und Sex-Geschichten spielen Anfang der 1990er Jahre, vom Aufbruch wie in den umliegenden Ex-Ostblock-Ländern ist in dieser winterlich-trostlosen Gegend Polens noch nichts zu spüren. Kühl und distanziert - mal mit erregter Handkamera, mal in lang stehenden Einstellungen - führt der Film seine Personen und ihre Umwelt vor, den tristen Alltag im "sozialen Realismus", eine erstarrte Gesellschaft zwischen Kirche und "Fick-Zellen". Ein filmisch kunstvoller Rückblick ohne Nostalgie: Vergangenheits-Bewältigung oder Mahnung für heute?




14. STAINT AMOUR  Benoit Delepine/Gustave Kervern (außer Konkurrenz)**
Gérard Depardieu spielt einen Landwirt und Viehzüchter im Rentneralter, der mit seinem erwachsenen Sohn und Nachfolger (Benoit Poelvoorde) eine Reise durch die französischen Weingebiete unternimmt. Im Sommer - auch wenn häufig dunkle Wolken den Himmel bedecken - und im Taxi. Es wird reichhaltig gegessen, gesoffen und gevögelt - mit allerhand überraschenden Nebenwirkungen, an denen auch der junge Taxifahrer kräftig mitmischt. Das eigentliche Ziel der Reise, nämlich das schlechte Verhältnis von Vater und Sohn zwecks Nachfoge auf dem Hof zu verbessern, gelingt unerwartet gut: eine für alle drei Männer passende Reiterin (in jeder Beziehung!)reist mit zurück aufs heimische Gut. Eine derbe Komödie, in der auf jede "gender corectness" großzügig verzichtet wird, um dafür die nach wie vor männliche Präsenz von Gérard Depardieu und die Clownerien seines belgischen Partners Benoit Poelvoorde effektvoll auszustellen -  ein draller Spaß. Ein Frankreich-Trip, der trotz witziger Bild- und Text-Einfällen für feinere Gemüter Geschmackssache bleibt.




15. CARTAS DA GUERRA  Ivo M. Ferreira****
António Lobo Antunes, einer der bekanntesten Schriftsteller Portugals, leistete in seinen jungen Jahren Militärdienst als Arzt in Angola, einer der letzten Kolonien seiner Heimat (1971 - 73). Er hatte kurz zuvor geheiratet und schrieb seiner jungen Frau, die ein Baby erwartete, lange Briefe aus dem afrikanischen Lager. (2005 wurden sie veröffentlicht). Der Film von Ivo M. Ferreira entwickelt daraus eine reizvolle, wenn auch komplizierte Doppel-Struktur. Aus dem Off hört man die Stimme der Frau, die die an sie gerichteten Liebes-und Sehnsuchtsbriefe liest, während man im Bild  nachgespielte Szenen aus dem Leben der Soldaten - unter ihnen Antunes (Miguel Nunes) als Sanitäter und Arzt - in den einfachen Zelt- und Barackenlagern im angolanischen Busch sieht. Alle Bilder sind in stark verschattetem Schwarz-Weiß gehalten: der dumpfe Militär-Alltag, die Verwundeten auf beiden Seiten, die ungewohnte, geheimnisvolle Natur, die steigende Unzufriedenheit und Angst unter Offizieren wie Manschaften. Demgegenüber die Briefe, die die Sehnsucht des Autors nach seiner Frau und dem zu erwartenden Baby durchziehen, aber auch sein sich immer mehr vergrößerndes Befremden über die Rechtmäßigkeit des Kolonialkrieges und die Angst vor kommenden Katastrophen oder einem möglichen Tod. Ein kunstvolles filmisches Puzzle aus sich nur indirekt ergänzendem Bild und Ton, raffiniert gemischt, realistisch und poetisch zugleich, voll erhellender Melancholie.





16. A QUIET PASSION  Terence Davies (Berlinale Special)****
Bio-Pic über die amerikanische Dichterin Emily Dickinson (1830 - 1886). Als eine der bedeutensten Lyrikerinnen der USA wurde Emily Dickinson erst nach dem zweiten Weltkrieg entdeckt. Sie selbst wohnte zeit ihres Lebens zurückgezogen auf dem Anwesen ihrer Eltern in Amherst, Massachusetts.
Von ihren über 1700 Gedichten hat sie kaum etwas veröffentlicht, erst ihre Nichte gab den Nachlass, frei, wobei sie meist starke Eingiffe in die einzelnen Gedichte vornahm. Über Emilys Alltag ist nur wenig bekannt, so daß der Regisseur Terence Davies die einzelen Geschehnisse und Episoden für seinen zweistündigen Spielfilm vorallem aus den zahlreichen Briefe der Dichterin filterte. Der erste,
kürzere Abschnitt schildert Emilys frühzeitigen (krankheitsbedingten?) Abschluß ihrer Ausbildung auf dem Amherst-College und die Rückkehr ins Elternhaus, wobei sie sich schnell als selbstdenkende und zum Widerspruch neigende Tochter erweist. Der zweite Teil erzählt von ihrer platonischen Liebe zu einem verheirateten Pfarrer, vom Tod ihrer Eltern und vom eigenen, durch Krankheit bedingten Sterben. Elegant gefilmt in schöner historischer Ausstattung mit trefflichen Darstellern, die die Vorbilder knapp und plastisch charakterisieren können und die vor allem die Gedichte (oder auch Breifausschnitte) wunderbar zum Klingen bringen. Für Literatur-Freunde sehenswert.

Eine Kleinstadt in Irland, Anfang der 1950er Jahre; es herrschen Armut und Arbeitslosigkeit. Die junge Eilis lebt mit ihrer verwitweten Mutter vom kargen Bürogehalt ihrer älteren Schwester Rose. Da ihre Zukunft perspektivlos scheint, entschließt sie sich - wie viele andere Landsleute  auch - , nach Amerika auszuwandern. Dort findet sie Aufnahme in der irischen Gemeinde von Brooklyn, deren Pfarrer ihr einen Wohnplatz in einer Pension für junge Frauen und eine Arbeit als Verkäuferin in einem Warenhaus vermittelt. Doch die schüchterne Landpommeramze Eilis fremdelt in der riesigen Stadt, wird von heftigem Heimweh geplagt, auch wenn der Gemeindepfarrer als Gegenmittel eine Abendkurs-Ausbildung zur Buchhalterin arrangiert. Erst als Eilin sich in Tony verliebt, einen jungen Klempner mit italienischen Eltern, söhnt sie sich langsam mit der neuen Heimat aus. Der plötzliche Tod ihrer Schwester Rose ruft sie für kurze Zeit nach Irland zurück. Dort hat sich die Situation inzwischen geändert - eine Arbeit als Buchhalterin ist möglich, ein alter, wohlhabender Jugendfreund bietet ihr - und ihrer einsamen Mutter - Hand und Haus an. Doch Eilis schreckt vor der gesellschaftlichen Enge ihrer alten Heimat zurück und kehrt - innerlich zu Eigenständigkeit gereift - nach Brooklyn und zu Tony zurück.
Der irische Regisseur John Crowley ("True Detective"/"Unter Beobachtung") und sein renommierter Drehbuchautor Nick Hornby halten sich eng an die literarische Vorlage, den gleichnamigen, 2009 erschienen Roman von Colm Tóibín. Sehr feinfühlig und diskret erzählen sie Eilins inneren Prozeß des Erwachsenwerdens und der Loslösung von der alten und der Aussöhnung mit einer neuen,  fremden Heimat. Die sorgfältige Ausstattung, die ruhige Bildführung, die dezente musikalische Begleitung und ein bis in die kleinsten Nebenrollen überzeugendes Darstellerensemble - darunter Julie Walters als schlagfertig-strenge Pensionsbesitzerin und Jim Broatbent als lebensweiser Gemeindpfarrer - bewahren die glücklich endende Auswanderer- und Liebesgeschichte vor naheliegender Rührseligkeit und Kitsch.
Getragen aber wird der anrührende Film vom intensiven Spiel der irischen Hauptdarstellerin Saoirse Ronan. In ihrem hellhäutigen, offenen Gesicht, auf dem die Kamera öfters lange ruht, spiegelt sich - ohne überdeutliche Mimik - die sanfte Wandlung von der scheuen, irischen Auswanderin zur selbstbewußten, amerikanischen Neubürgerin.
Daß der Film, der Eilins Story in 113 Minuten erzählt, nicht die Dichte und Tiefe der literarischen Vorlage erreichen kann, muß in Kauf genommen werden - bei aller filmischen Stimmigkeit und Schönheit der Bilder vom ländlichen Irland und großstädtischen Brooklyn.
In drei Kategorien (Bester Film; Beste Hauptdarstellerin; Bestes adaptiertes Drehbuch) ist "Brooklyn" für den diesjährigen Oscar nominiert.

Poster/Verleih: Fox Deutschland

zu sehen u.a.: CinemaxX Potsdamer Platz; CineStar Sony Center (OV); Filmtheater am Friedrichshain; Hackesche Höfe Kino (OmU): Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Passage Neukölln; Rollberg-Kino (OmU); Zoo-Palast; Thalia-Theater Potsdam (dt. und OmU)

Die Finanzkrise brachte Banken und ihre Märkte im Jahr 2008 zu Fall mit verheerenden Auswirkungen, vor allem im Immobilienbereich. "The Big Short" erzählt mit bissigem Witz die Geschichte davor: wie ab 2005 einige Investoren, Analysten oder Hedgefond-Manager die sich anbahnende Katastrophe förmlich riechen und versuchen, daraus ihren persönlichen Nutzen oder Gewinn zu ziehen.
Zum Beispiel Mark Baum (Steve Carell), der immer noch an moralischen Postulaten im Reich der spekulativen Gier festhält, oder der exzentrische Investor Michael Burry (Christian Bale), der sich in seinen Schlabberhosen und billigen T-Shirts bewußt als Gegenpol zum Etablisment stilisiert. Ben Rickert (Brad Pitt) zieht sich als weiser Finanz-Guru aufs Land zurück und interessiert sich scheinbar nur noch für ökologische Apfelzucht, während Jared Vennet (Ryan Gosling) den smarten Banker mit Durchblick vortäuscht und sich im Film zugleich als zynischer Ezähler der unterschidelichen Finanz-Tricksereien präsentiert.
Eloquent erzählt er:: wie immer neue und wertlosen Bankprodukte erfunden und wie sie an den Mann, bzw. an die Frau gebracht werden. Wie die großen Banken der Wall-Street,  Dummheit und Unwissenheit ihrer meist kleinbürgerlichen Kunden scham- und rücksichtslos ausnützen. Aber auch wie Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können und spurlos verschwinden oder wie eine Stripperin sich Häuser und Wohnungen als zukunftträchtiges Vermögen aufschwatzen läßt  -  total wertlos wie sich später herausstellt.
Regisseur Adam McKay hat ein ebenso wildes wie buntes Puzzle aus der Finanzwelt jener Jahre zusammengefügt - eine grelle Mischung aus Bildern, Statements, Video-Clips, Kinoausschnitten und Schrift-Zitaten - scheinbar eine kritische Fernseh-Dokumentation - doch alles ist ironisch-satrkastische Film-Komödie. Scharfzüngige Dialoge, rasante Schnitte und knallig-laute Rockmusik vermitteln die hektische Atmosphäre der ins Trudeln geratenden Finanzwelt. Am eindrücklichsten als auf einem Banker-Kongreß in Las Vegas während eines offiziellen Streitgespäches im Sekundentakt auf den Smartphons der Zuhörer die Aktien fallen und alle den Saal fluchtartig verlassen. Oder als bei "Lehman-Bros" die Angestellten entlassen werden und aus dem Buroturm mit ihren persönlichen Habseligkeiten fliehen  und  darauhin zwei aufstrebende Newcomer sich (mit Hilfe ihnen  überlassener Budgets) Zugang verschaffen und nun die riesigen Etagen-Räume mit ihren leeren Schreibtischen und toten Computern vorfinden - das erschreckend trostlose Bild einer verlorenen, zeittypischen Schlacht.
"The Big Short", der große Ausverkauf innerhalb der Bankenkrise von 2008, ist heute allerdings schon Geschichte, die problemlos sarkastisch oder zynische geschildert werden kann - wie hier mit hohem Unterhaltungswert. Was aber droht morgen in den Finanz-Distrikten, wenn weltweit digitale Automatisierung und Algoritmen statt Menschen das Feld beherrschen ?

Poster/Verleih: Paramount Pictures Germany

zu sehen u.a.: Central Hackerscher Markt (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Filmpalast Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Sony Center (OV); CineStar Tegel; Filmtheater am Friedrichshain (dt. und OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Movimento (OmU); Neues Off (OmU); Sputnik (OmU); UCI am Eastgate; Kinowelt Colosseum; UCI Friedrichshain; UCI Gropius Passagen; Zoo-Palast


In ausgefeilt schönen Bilder wird die wahre Geschichte des dänischen Landschaftsmalers Einar Wegener erzählt, der in den 1920er Jahren in seiner Heimat außerordendlich erfolgreich arbeitete, zusammen mit seiner Frau Gerda, die ebenfalls Malerin war. Aus Jux und Tollerei besuchte Einar Wegener zusammen mit Gerda einen Künstlerball, verkleidet als seine angebliche Kusine Lily. Doch aus Spaß wurde Ernst: Einar entdeckte in sich das Gefühl, eine Frau zu sein und nach anfänglicher Verwirrung entschloß er sich, zu zwei Operationen bei einem Spezialarzt in Dresden, wahrscheinlich die erste operative Geschlechtsumwandlung der Welt überhaupt. Er hat die Eingriffe nicht überlebt.
Der effektvoll und in wunderschönen (teils historischen) Häusern und Landschaften (Kopenhagen, Paris, Dresden) gedrehte Film von Tom Hooper ("The King's Speech") konzentriert sich ganz auf die psychische Entwicklung seines Helden resp. Heldin, auf seine völlig unerwartete Entdeckung und Erfahrung des eigenen Körpers und dessen Sexualität, auf die dadurch entsehende Verwirrung und Unsicherheit, bis hin zur überzeugten Akzeptanz des neuen "Selbst" und damit der bedingungslosen Bereitschaft zum riskanten, physischen Schritt einer Geschlechtsumwandlung. Soziale oder medizinisch-wissenschatliche Aspekte werden nur kurz angedeutet oder am Rand angespielt.
Um dem Zuschauer diese seelische Entwicklung des dänischen Malers begreiflich zu machen, wird seine Ehefrau Gerda als Identifikations-Figur aufgebaut. Sie ist die "normale" Frau, die erst verwirrt, dann konsterniert und ablehnend ihrem Mann gegenübersteht. Erst im Lauf der Geschichte - und auf Grund der immer noch bei beiden bestehenden ehelichen Liebe - überwindet sie ihre Enttäuschung und Ablehung der ihr eigentlich unfaßbaren Verwandlung ihres Mannes -  bis zu Bereitschaft, ihn zu akzeptieren und ihm - so gut es geht - zu helfen.
Dazu stehen dem erfahrenen Regisseur Hooper zwei hervorragende Schauspieler zur Verfügung, die beide durch diskrete Gestaltungskunst und hoch-sensible Präsenz überzeugen. Der Brite Eddie Redmayne ("My Week with Marilyn"; "Die Entdeckung der Unendlichkeit") versteht es, alles Peinliche oder Tuntige zu vermeiden und einen  - sowohl als Einar wie als Lily - komplexen Charakter lebendig werden zu lassen. Ihm ebenbürtig die schwedische Schauspielerin Alicia Vikander ("Die Königin und der Leibarzt", "Inside WikiLeaks"), die als malende, junge Ehefrau Gerda einerseits die tiefe Liebe zu ihrem Mann und andererseits die Unfassbarkeit der Vorgänge, ihr Entsetzen darüber, ihr Entäuschung und Wut, sowie - am Schluß - Akzeptanz und selbstlose Hilfe ebenso überzeugend wie attraktiv zu gestalten weiß.
Der konservativ inszenierte Film schwelgt in üppig ausladenden und erlesenen Bildern und vermeidet alles Unschöne, Häßliche oder auch Lächerlich-Goteske dieser historisch frühen Geschlechtsumwandlung. Die Erzählung blendet entsprechende Details des Lebens von Einar Wegener aus, glättet das "Unfaßbare" ins Gefällige. "Trangsgender"-Problematik wird fürs  große Kino und den Mainstream weichgespült. Eigentlich schade - zumal die Schauspieler mit glänzenden und "Oskar"-reifen Leistungen souverän punkten können. (Und inzwischen auch nominiert sind!)

Poster/Verleih: Universal Pictures Germany

zu sehen u.a.: Blauer Stern Pankow; Capitol Dahlem; CinemaxX Potsdamer Platz; CineStar Potsdamer Platz (OV); Delphi; Hackesche Höfe Kino (OmU); International (dt. und OmU); Kino in der Kulturbrauerei; Odeon (OmU); Rollberg (OmU); New York

Schauplatz: der "wilde" Westen Nordamerikas um 1820 - endlos-weite und tief verschneite Landschaften. Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) ist Trapper und hilft - zusammen mit seinem Sohn, einem Halbindianer - einer Gruppe rauher Pelzjäger den Rückweg zu ihrem Ausgangs-Stützpunkt, einem militärischen Fort, zu finden. Gefährlich nicht nur wegen Kälte und Schnee, sondern vor allem wegen der immer wieder angreifenden Indianer, die sich für den Raub ihre Tiere und das brutale Töten ihrer Frauen und Kinder, das Niederbrennen ihrer Hütten rächen. Doch Glass wird von einer Grizzly-Bärin angegriffen und schwer verwundet, seine Überlebenschancen scheinen gering. Der Großteil der Männer, unter ihnen auch begleitende Soldaten, zieht weiter, Glass bleibt mit seinem Sohn, dem Pelzjäger Fitzgerald (Tom Hardy) und dem jungen, unsicheren Serganten Bridger (Will Poulter) zurück. Fitzgerald behauptet, Glass werde nicht überleben, tötet - in einem unbeobachteten Augenblick - dessen Sohn, nötigt den ängstlichen Serganten, mit ihm abzuhauen und den halbtoten Trapper zurückzulassen. Wider Erwarten kommt Glass langsam zu Kräften und rafft sich auf - zunächst kriechend, dann am Stock - ,  um Rache - vor allem für seinen Sohn - an Fitzgerald zu nehmen. Er meistert extremste Situationen: versteckt sich vor feindlichen Indianern in düsteren Höhlen, wird von einem eiskalten Fluß mitgerissen, ernährt sich von dürren Grashalmen oder vom rohen Fleisch eines toten Tieres, schlüpft sogar einmal - um nicht zu erfrieren - in den Bauch eines ausgeschlachteten Pferdes. Am Ende dann der große "Showdown": Glass und Fitzgerald kämpfen mit Beil und Messer im tiefen Schnee - bis eine Indianer-Truppe auftaucht, und Glass ihnen seinen Feind überläßt - im Wissen, daß sie ihn töten werden und er sich so den (unchristlichen) "Rache-Mord" erspart.
Der mexikanische Regisseur Alejando Gonzáles Inárritu, der auch für das Drehbuch mitverantwortlich zeichnet, erzählt in beeindruckenden Bildern und virtuosen Sequenzen diesen Überlebens- und Rachekampf im damals noch fast unberührten Westen. Er schildert die harte Arbeit der Pelzjäger und Trapper, aber auch ihre rücksichtslos-brutale Ausbeutung der Natur und deren indigenen Bewohnern. Jedes romantische Abenteuer- und Western-Klischee wird bewußt zerstört: hier gibt es (fast) nur den egoistischen Kampf ums nackte Überleben. Hier zieht eine dumpfe Männergesellschaft marodierend durch eine grandiose, winterliche Natur-Landschaft.
Effektvoll gefilmt: geschmeidig-gleitende Kamerafahrten (Emmanuel Lubezki) wechseln temporeich zwischen detail-gespickten Großaufnahmen und eindrucksvollen Landschafts-Panoramen. Dabei wird der Blick von unten nach oben bevorzugt: daduch soll eine mysthische Überhöhung suggeriert werden: beispielsweise scheinen - in solcher Perspektive - die Wälder mit ihren schlanken, riesigen Tannen einem hohen und heiligen Dom der Natur zu gleichen.
Vielfach beherrschen Nahaufnahmen von blutigen Details die breite Film-Leinwand:  gräßliche Wunden, die die Bärien Glass an Hals und Rücken zufügt, die tödlichen Pfeile der Indianer, die sich ins Fleich der Trapper bohren, die rohen Innereien eines geschlachteten Pferdes. Sie kontrastieren wirkungsvoll mit den scheinbar erhabenen Natur-Panoramen: den leeren oder wolkenverhangenen Himmeln, den steilen und schroffen Berg-Felsen, den reißenden Flüssen und den endlosen Wäldern.
Leonardo DiCaprio verkörpert sichtlich mit großem Engagement den (historischen) Trapper Glass als überlebesgroßen "Schmerzensmann", Tom Hardy verleiht seinem fiesen Gegner und Sohnes-Mörder Fitzgerald scharfes Profil.
Doch trotz dieser raffinierten und einfallsreichen filmischen Inszenierung hinterläßt dieser "Rückkehrer" einen zwiespältigen Eindruck: seinem optischen Hyperrealismus steht die Unwahrscheinlichkeit  und der Geschichte entgegen: die eines alle Widrigkeiten überlebenden (Film-)Helden. Hier siegt die Konvention des Hollywood-Kinos über jede Lebens-Realität. Was in einem "romantischeren", das heißt stilisierteren Western durchaus Sinn machen könnte. Aber nicht in dieser extrem-realistischen Deutung - auch wenn sie noch so brilliant ins Bild gesetzt ist wie hier der schmutzig-blutige Daseinskampf von Amerikas historischen "Helden".
Poster/Verleih: Fox Deutschland

zu sehen u.a.:CineStar Sony Center (OV); Rollberg (OV und OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); Passage Neukölln (dt. und OmU); Kulturbrauerei (dt. und OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Cineplex Neukölln Arcaden; Cineplex Spandau; Titaniapalast Steglitz; Cinestar Trptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Tegel; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; UCI am Eastgate; UCI Colloseum; UCI Friedrichshain; UCI GropiusPassagen; Zoo-Palast
Nach dem Roman "The Price of Salt", den Patricia Highsmith noch vor ihrer berühmten Krimi-Serie unter Pseudonym veröffentlicht hat: die Geschichte einer lesbischen Liebe.
Carol Aire, Frau eines reichen Bankiers, sucht in einem New Yorker Kaufhaus nach einem passenden Weihnachtsgeschenk für ihre kleine Tochter. Dabei trifft sie auf die junge Spielwarenverkäuferin (und angehende Fotografin) Therese, ordert auf deren Vorschlag eine Spielzeugeisenbahn an ihre Adresse und läßt - wie zufällig - ihre Handschuhe liegen. Daraus entwickelt sich eine zunächst nur platonische Affäre zwischen den beiden Frauen, die sich gegenseitig besuchen, bis es zum Streit zwischen Carol und ihrem eifersüchtig-selbstgefälligem Ehemann kommt, und sie daraufhin mit Therese eine Auto-Reise unternimmt, immer in Richtung Westen. Dabei kommt es erstmals zu sexuellem Kontakt zwischen den beiden Frauen. Doch der Ehemann hat - Verdacht schöpfend - einen Detektiv auf die Spur Carols gesetzt, und erpresst mittels eine Tonbandes nicht nur die Scheidung und gesellschftliche Ächtung Carols sondern auch das alleiniges Erziehungsrecht für die kleine Tochter - die schmerzlichste Prüfung für Carol, die sich deshalb auch abrupt von Therese trennt. Doch es kommt zu einem juristischen Kompromiß, dem Carol zustimmt, da er regelmäßige Treffen mit der Tochter garantiert, und sie nun in einer eigenen Wohnung in der Madison-Avenue ein Leben in Unabhängigkeit verwirklichen kann. Ob Therese dabei eine Rolle spielt, bleibt - im Film - offen...
Regisseur Todd Haynes ("Far from Heaven"; "I'm not There") hat nicht nur die Story ins New York der frühen 50er Jahre verlegt, sondern  auch den gesamten Film ganz in der Art jener Zeit gedreht: im Stil der Holywood-Melodramen à la  Douglas Sirk. Dieses Genre bestach durch die subtile Art, in der die untergründigen Widersprüche und  Risse einer anscheindend  wohlsituierten, bürgerlichen Gesellschaft bloßgelegt wurden.
Doch Haynes hat seine ganze künstlerische Phantasie auf die äußeren Erscheinungen jener Zeit gelegt. Scheinbar perfekt werden Räume und Kostüme der 50ger Jahre kopiert, mit raffinierten Tricks Häuser, Straßen, Autobahnen und Landschaften fotografisch reanimiert und erstaunlich echt bewegen und artikuliert sich das gut gecastete Schauspieler-Ensemble in diesem historischen Ambiente.
Cate Blanchett ist - ähnlich ihrer oscarprämierten "Blue Jasmin" - die verwöhnte, kühl-blonde Bankiersgattin Carol, die einen sozialen und moralischen Absturz verkraften muß - diesmal selbstverschuldet durch ihre (zunächst mühsam unterdrückte) erotische Leidenschaft.  Rooney Mara als Therese ist schon äußerlich ihr Gegenteil: schmal, brünett, mädchenhaft zurückhaltend. Erst langsam entdeckt sie ihre sexuellen und beruflichen Ambitionen,
reift im Laufe der Affäre zum selbtbewußten Charakter. Dabei bleibt immer in der Schwebe, wer von beiden Frauen treibende Kraft oder unterliegendes Opfer ist.
Doch dieser Konflikt wirkt oberflächlich und berührt in dieser Form heute kaum, genau so wie die starre Gesellschaftsmoral der 50ger Jahre nur noch fern und blaß bleibt. Es gelingt der Inszenierung nicht, Aktuelles im Historischen sichtbar zu machen. Der psychologische Kern einer Außenseiter-Beziehung verschwindet hinter der aufwendig-üppigen Ausstattung. Statt eines kritisch-verstörenden Blicks auf menschliche Leidenschaften und hinter fragwürdige, gesellschaftliche Konventionen, präsentiert "Carol" über weite Strecken lediglich ein opulent-effektvolles Moden- und  Geschmacks-Panorama im farbig-schicken Retro-Look. Mainstream-Kino im Kampf um den Oscar 2016.

Poster/Verleih: DCM Filmdistribution

zu sehen u.a.: Babylon Kreuzberg (OmU); Capitol Dahlem; Cinema Paris; CinemaxX Potsdamer Platz; CineStar Potsdamer Platz (OV); Filmtheater am Friedrichshain; Hackesche Höfe Kino (OmU); Kino in der Kulturbrauerei; Odeon (OmU); Yorck-Kino