In einem teuren Wellness-Hotel am Fuß der Schweizer Alpen treffen sich - wie jedes Jahr -  zwei alte Freunde, beide im 80sten Lebensjahrzehnt: der Komponist und Dirigent Fred Ballinger (Michael Caine) und der Film-Autor und Regisseur Mick Boyle (Harvey Keitel). Während Fred, der von seiner Tochter und Managerin Lena (Rachel Weiz) begleitet wird, etwas selbstgefällig seinen Ruhestand pflegt und sogar das Angebot, nocheinmal vor der britischen Queen ein eigenes Werk zu dirigiren, ablehnt, bastellt Mick mit einer Gruppe junger Leute geschäftig an seinem angeblich letzten großen Film, der so etwas wie sein Vermächtnis werden soll.
Umgeben sind beide Freunde von einer Meute stink-reicher Leute, die versuchen ihre erschlafften Körper frisch aufzupäppeln: wie beispielsweise der fettgewordenen Fußballstar Maradonna mit Karl-Marx-Tätowierung auf dem Rücken, oder einem jung-verschrobenen US-Schauspieler (Paul Dano), der sich auf seine anstehende Filmrolle als Adolf Hitler (in einem deutschen Film) durch vorgebliche genaue Beobachtung der exzentrischen Hotel-Gäste vorbereitet.
Das ist mal lustig, mal skuril anzusehen - Senioren-Problemchen im besten Boulevardstil: von der Prostata, über Alt-Männer- Sex-Weisheiten bis zu knappen Rückblicken auf Versäumnisse und Fehler im eigenen Berufs- und Liebesleben. Auch die Rolle von Kunst und Künstlern, ihrer schöpferischen Kraft und Energie wie ihrer grausamen und törichten Eitelkeiten werden angesprochen. Durch kleinere Nebenhandlungen erweitert sich das unterhalsame Senioren-Geplänkel: Freds Tochter Lena wird von ihrem Ehemann, der zugleich Micks Sohn ist, plötzlich wegen eines Pop-Sternchens verlassen, was wiederum Anlaß zu Vorwürfen Lenas an ihren Vater bietet, daß er sich wegen Karriere und anderweitiger Liebschaften nie um sie und ihre Mutter gekümmert habe. Und am Ende muß Mick erfahren, daß aus seinem Film nichts wird, da die vorgesehene , zugkräftige Hauptdarstellerin eines besseren Angebots wegen absagt: ein furioser Kurzauftritt von Jane Fonda als resolut-egozentrischem Alt-Star.
Kurz: ein nicht allzu tief schürfender Reigen mal fröhlicher, mal melancholischer Alltags- und Alters-Weisheiten: alles schon bestens bekannt durch Film, Fernsehn und Literatur.
Was aber den Reiz und die Qualität des Film ausmacht, ist seine raffinierte und elegante Inszenierung, die nicht nur das vorzügliche Darsteller-Ensemble in ein höchst lebendig-warmes Licht rückt. Die Kamera von Luca Bigazzi komponiert erlesene Bilder, gleitet fließend durch die noblen Salons und Massage-Galerien des Hotels, schwelgt in den schweizer Berg- und Wiesenlandschaften, tastet ebenso geschmeidig wie präzise die Gesichter und Körper der alten wie jungen Protagonoisten ab. Naturtöne, Geräusche, klassische und populare Musik werden zur dezent-stützenden Klangkulisse verwoben. Reales Geschehen wird mit turbulent-verstörende Traum-oder Fantasie-Sequenzen raffiniert verschnitten und vermitteln dem Film so einen eigenwillig-überzeugenden Rhythmus.
Paolo Sorrentino küpft mit diesem optisch dominierten Stil, der deutlich Fellini zum Vorbild hat, erfolgreich an seinen letztes Werk "La Grande Belleza" an, auch wenn sein Drehbuch nicht dessen Stringenz besitzt und sich durch die vielen Neben-Details allzusehr in die Länge zieht.
Dennoch: gefälliger Alters-Boulevard in filmischer Hochglanz-Präsentation.

Poster/Verleih:Wild Bunch Germany

zu sehen u.a. Acid-Kino; Bundesplatz-Kino; Capitol; Cosima; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Kulturhaus Spandau; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln; Sputnik;  im OmU: Hackesche Höfe; Neues Off,Tilsiter


Fritz Bauer - 1903 in Stuttgart geboren, 1968 in Frankfurt gestorben - trat schon in der Weimarer Zeit der SPD bei, engagierte sich als angehender Richter sozial- und justiz-politisch, emigrierte als (atheistischer) Jude 1936 nach Dänemark und Schweden und kehrte 1949 in die junge Bundesrepublik zurück. Einerseits um den Aufbau des demokratischen Rechtsstaates zu unterstützen, andererseits um überlebende oder untergetauchte Nazi-Täter zur Rechenschaft vor Gericht zu ziehen. Als Generalstaatsanwalt - vom hessischen Ministerpäsidenten Georg August Zinn berufen - wurde er zum entscheidenden Anreger und "Spiritus rector" im Hintergrund der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, was ihm damals - neben internationaler Anerkennung -  auch viel Feinddschaft in allen Gesellschftsschichten, besonders in Justizkreisen, einbrachte. 1968 ertrank er unter ungeklärten Umständen in seiner Badewanne - ob Schwächeanfall, Suizid oder gezielter Mord läßt sich bis heute nicht aufklären.
Über Bedeutung und Figur Fritz Bauers gibt es zahlreiche Bücher und Artikel, ebenso wie Fernsehdokumentationen und Filme.
Insofern haben der Regisseur Lars Kraume und sein Drehbuchautor Oliver Guez die richtige Entscheidung getroffen, kein ausladendes Bio-Pic zu gestalten, sondern Persönlichkeit und Charakter Bauers ausschließlich anhand seiner Suche und Auffindung von Adolf Eichmann zwischen 1957 und 1960 zu schildern. Wie Bauer durch den Brief eines ehemaligen KZ-Häftlings von Eichmanns Aufenthalt in Argentinien erfährt, wie die deutsche Politik und Justiz, die immer noch stark mit ehemaligen Nazis durchsetzt sind, ihm einen Fahndungs- und Ausliefrungsantrag jedoch verweigern und er daraufhin - bewußt die damaligen Gesetze mißachtend - dem israelischen Geheimdienst Eichmanns Wohnort bei Buenos Aires mitteilt (vom Mossad dann auch geschnappt) - verbunden mit der Hoffnung, daß die Israelis den Prozeß gegen Eichmann ihm in Frankfurt überlassen würden.
Lars Kraume, der schon mehrere "Tatort"-Folgen inszeniert hat, versteht es geschickt, aus den nüchternen historischen Fakten einen packenden Politthriller zu gestalten - vor allem durch das freie Hinzufügen der Figur eines jungen Staatsanwaltes (gespielt von Ronald Zehrfeld)  und dessen damals noch strafbarem, schwulem "Coming-out". Vor allem in den Dialogen zwischen Bauer und diesem aufstrebenden jungen Anwalt gelingt es, die Persönlichekeit Bauers plastisch zu zeichnen: seinen durchaus autoritäreren Stil im Umgang mit seinen Mitarbeitern, aber auch seine Klugheit, sein großes juristisches Wissen und seine eminente Urteilungskraft, sein zurückgezogenes Privatleben, in dem er sich klugerweise (da von feindlichen Kollegen umgeben) jeden "Fehltritt" untersagt, seine daraus resultierende Einsamkeit, und immer wieder seinen unerbittlichen Willen, dem Recht und damit dem jungen, demokratischen Staat aktiv zu helfen. Daneben sorgen die Szenen, in denen der junge Anwalt seine eigene Homosexualität entdeckt, und damit erpressbar wird, für spannende, krimi-taugliche Unterhaltung.
Daß aber der von mehreren TV-Anstalten mitproduzierte Film zu einem auch emotionalen Erlebnis wird, verdankt er der großen schauspielerischen Präsenz und Wandlungsfähigkeit seines Hauptdarstellers Burghart Klaußner. Er vermag den harschen Charme - mit leicht mundartlicher Färbung - des engagierten Sozialdemokraten, wie auch den beschlagenen, kühlen Rechtsgelehrten, den einsamen alten Mann in seiner großen Frankfurter Wohnung wie den unverdrossenen Kämpfer für eine humanistische Gesellschaft ebenso glaubhaft wie eindringlich zu verkörpern.
Burghart Klaußner trägt den Film, alles andere ist gut gemachte, wenn auch teilweise klischeehafte Unterhaltung, Geschichts-Aufklärung für jüngere Generationen - wieder wichtig geworden in Zeiten eines politischen Rechtsrucks.

Foto/Plakat/Verleih: Alamode Film

zu sehen: Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; Hackesche Höfe Kino; International; Kino in der Kulturbrauerei; Neues Off; Passage; Yorck


Der 16-jährige Schotte Jay Cavendish folgt im Jahr 1870 seiner angebeteten Rose nach Amerika. Sie und ihr Vater sind dorthin geflohen, als beide unter Mordverdacht gerieten. Auf seiner Suche  trifft Jay in den Wäldern von Colorado einen wortkargen Mann, der sich Silas nennt und ihm gegen gute Dollars Schutz und Begleitung anbietet. Was der optimistisch-naive Jüngling, der nachts die Sterne mit der Pistole herunter schießen will, auch dringend benötigt, denn Wegelagerer, Kopfgeldjäger oder Indianer machen mit scheinbar wohlhabenden Fremden meist nur kurzen Prozeß. Daß Silas selbst an dem auf Rose und ihren Vater ausgesetzten Kopfgeld stark interessiert ist, erfährt Jay erst kurz bevor er nach mancherlei Zwischenfällen deren Hütte findet. Es kommt - wie es kommen muß - zum dramatischen Finale, in dem immer mehr Kopfgeljäger auftauchen und alle sich blutig-brutale Schlachten liefern - auf deren Höhepunkt die wild mit dem Gewehr sich verteidigende Rose unbewußt den sie anbetenden Jay tötet.
Im Gegensatz zum "Slow" im Titel ist dieser Neo-Western recht kurz - 84 Minuten - und vom britischen Spielfilm-Debütanten John Maclean in knappen, schnell geschnittenen Bildern in Szene gesetzt. Dabei spielt die ironische Brechung des Geschehens eine wesentliche Rolle, denn im Gegensatz zu den romantischen Lebens-Vorstellungen des jugendlich-naiven Jay erweist sich die Realität als unbarmherzig und brutal - jeder ist hier ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Rose liebt den sie vergötternden Jay überhaupt nicht, Silas bietet seine schützende Hand nur, um so selbst das Kopfgeld zu ergaunern. Praktisch alle Figuren, die während der filmischen Reise gen Westen auftauchen, haben böse oder schlechte Absichten. Ein verzweifeltes Paar überfällt eine von Jay und Silas besuchte kleine Handelsstation, um an Lebensmittel heranzukommen - am Ende sind beide ebenso wie der alte Händler tot - und vor der Türe stehen artig wartend zwei halbwüchsige Kinder. Die Regie vermeidet alles Pathos, präsentiert gandiose Landschafts-Panoramen (in Neuseeland fotografiert!) und verfolgt seine oft kuriosen Figuren mit lockerem, fast satirischem Blick. Eine fiese Welt, ein menschlicher Scherbenhaufen, der nur durch ironische Distanz zu ertragen und abzubilden ist.
Das gut gecastete Schauspieler-Ensemble hat sichtlich großen Spaß an den Rollen der mehr oder weniger kauzigen Bösewichter. Michael Fassbender dominiert als undurchsichtiger Cowboy Silas mit wasserblauem Blick und überzeugt vor allem durch seine männlich-ruhige, aber ausdruckstarke Präsenz, während der australische Jung-Star Kodi Smit-McPhee den naiven Optimismus des schottischen Greenhorns Jay typgenau ausstrahlt.
Kein großer Film wie er in diesem uramerikanischen Genre etwa den Coen-Brüdern oder Clint Eastwood gelungen ist, aber doch frischer Wind in einer alten Kino-Kulisse - klug und unterhaltsam.

Foto: Prokino Filmverleih

zu sehen: Hackesche Höfe Kino(OmU); Intercontinental(OmU); Odeon(OmU); Rollberg(OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Passage Neukölln

Abel Morales, aus Kolumbien stammend, hat sich in New York eine Existenz als erfolgreicher Geschäftsmann im Heizölhandel aufgebaut. Doch die Konkrurrenz schlägt zurück und schreckt dabei nicht vor Gewalt zurück. Die Fahrer von Morales ölbeladenen Transportwagen werden tätlich bedroht, entführt und der teure Inhalt gestohlen. Im Winter 1981, einem Jahr in dem die Kriminalität in New York - so die täglichen Radiomeldungen - einen Höhepunkt erreicht, wird es eng für Morales, zumal auch ein ehrgeiziger Staatsanwalt ihn der Steuerhinterziehung beschuldigt. Morales, der - nomen est omen - streng darauf bedacht ist, daß er und seine Mitarbeiter jederzeit legal handeln, gerät in die Klemme: ein Fahrer wird mit unerlaubter Waffe erwischt, die Steuerfahnder durchstöbern während einer Geburttagsfeier seiner kleinen Töchter seine neue, schicke Villa, die kreditgebende Bank zieht sich daraufhin zurück. Und Anna, seine mit der Buchhaltung beschäftigte Frau, gesteht, daß sie illegal Geld für einen eventuellen Notfall aus der Firma abgezogen hat. Noch kurz zuvor hatte Abel ein grosses Grundstück am Hafen auf Kredit gekauft, das geringere Wege und billigere Frachtkosten ermöglicht, gleichsam als Krönung seiner beruflichen Existenz. Plötzlich steht alles in Frage und Abel wird gezwungen zu handeln - auch gegen seine bisherigen Grundsätze.
J.C.Chandor, der schon 2011 in "Margin Call" das amerikanische (Bank-) Business kritisch beleuchtete, schildert auch in seinem neuen, ins Jahr 1981 zurückverlegten Film eine böse Geschichte zwischen legalem Geschäft und Korruption, zeigt den Existenzkampf eines um korrektes und menschliches Handeln bemühnten Unternehmers mit den brutalen Geschäftsmethoden seiner Konkurrenten und dem Übereifer einer ehrgeizigen Justiz.
Inszeniert als spannender Krimi, bei dem die weiten, teils heruntergekommenen Hafen- und Lager-Platze - im Hintergrund die von kalter Wintersonne beleuchteten Wolkenkratzer Manhattens -  ebenso eine wichtige Rolle spielen, wie die immer höflich und diskrete geführten Verhandlungen und Unterredungen der Unternehmer, Kreditgeber und Rechtanwälte in schäbigen oder eleganten Büros, respektive Restaurants. Eine rasante Verfolgungsjagd, in der Abel einen der Entführer eines seiner Öltransporter zu fassen versucht, erst im Auto, dann zu Fuß, schließlich in der vollen U-Bahn bringt den Wendepunkt:  der gefaßte Öldieb verrät, an wen er seine Beute verkauft hat und gibt damit Morales die Möglichkeit, seinen Gegner zu stellen.
Paralell zu diesem Wirtschaftskrimi zeichnet der Film das eindruckvolle Porträt des energiegeladenen Unternehmer-Paares Abel und Anna Morales, das sich seinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft mit zäher Energie erkämpft. Dabei erweist sich Anna als die Härtere, sie ist in diesem Business-Umfeld aufgewachsen, kennt die Spielregeln. Jessica Chastain spielt sie mit kühler Eleganz, ihre aufrichtige Zuneigung zu ihrem Mann ist dabei kein Widerspruch zu ihrem klaren geschäftlichen Verstand. Diesen Morales, der als Eingewanderter versucht, immer korrekt und legal zu handeln, verkörpert Oscar Isaacs als gutaussehenden Businessman mit grauen Schläfen, modisch-teurem Kamelhaarmantel und aufrechter Gesinnung - in jedem Moment überzeugend. Aber auch sportlich fit, um die körperlichen Strapazen des Jobs (und der Verfolgungsjagd) gut zu überstehen. Auch die übrigen Rollen sind hervorragend besetzt: typengerecht und individuell zugleich.
Ein starker Film: obwohl in einem eher unspektakulären Milieu angesiedelt (Heizöl-Lieferanten!), bleibt er optisch sehr effektvoll und spannend, die pyschologisch fein gezeichneten Charaktere werden exzellent gespielt und der harte Kampf um Geld und Macht ist heute so aktuell wie 1981.

Poster/Verleih: SquareOne Entertainment

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Filmkunst 66; Hackesche Höfe Kino (OmU); Intimes; Kino in der Kulturbrauerei (dt.u.OmU); Neues Off (OmU); Passage Neukölln; Colosseum

Ein Küstenort mit Hafen und Fischfabrik im Norden Russlands an der Berentssee. Schroffe Felsenklippen, staubige Landstraßen. Kolja (Aleksey Serebryakov) betreibt eine kleine Autowerksatt im Keller seines Hauses, das in der Nähe einer langen Brücke über einen Meereszufluß liegt. Doch der raffgierige Bürgermeister (Roman Madyanov) will Haus und Grundstück enteignen, angeblich zugunsten eines gemeinnützigen Projektes. Kolja wehrt sich vor Gericht, verliert und auch sein Widerspurch wird bürokratisch abgelehnt. Er bittet seinen Freund Dimitri (Vladimir Vdovichenkov), einen angesehenen Anwalt aus Moskau, um Hilfe. Als auch dessen Eingaben und Anträge von der Justiz abgeschmettert werden, versuchen Kolja und Dimitri, der entsprechende Unterlagen in Moskau zusammengetragen hat, den Bürgermeister mit dessen dubioser Vergangenheit zu erpressen. Doch der schlägt brutal zurück: Dimitri wird körperlich mißhandelt und flieht zurück nach Moskau. Auch in Koljas kleiner Familie kommt es zur Katastrophe, als er entdecken muß, dass seine (zweite) Frau Lilia (Elena Lyadoa) ein kurzes Verhältnis mit Dimitri unterhalten hat und der halbwüchsiger Sohn Roma (Sergey Pokhadaev) sich offen gegen seine (Stief-)Mutter stellt. Elena verschwindet, wird einige Tage später als Leiche aus dem Meer gefischt, wobei offen bleibt: Unfall, Selbsttötung oder Mord.  Kolja wird jedoch durch Indizien (falschen oder echten?) als ihr angeblicher Mörder verurteilt und sein Haus eingerissen - der Bürgermeister, immer im Verbund mit Polizei, Justiz und Kirche, hat sein Ziel erreicht.
Der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev erzählt diesen düster-traurigen Machtkampf zwischen Bürger und Staat vor grandioser, fast bedrohlicher Naturkulisse: den kargen, rauhen Küstenlandschaften, den meist tiefhängenden Wolken und dem starken, ständigen Brausen des Meeres. Die Menschen leben in bescheidenen Verhältnissen, auch wenn Autos und Smartphones selbstverständlich sind. Der ärmliche Alltag wird bestimmt, geregelt und überwacht von der staatlichen Verwaltung, der Polizei und Justiz, Korruption spielt dabei die wichtigste Rolle.
Wer sich fügt, der überlebt, wer widerspricht, geht unter.
Geschickt balanciert der Film zwischen politischen und privaten Verhältnissen, so daß er nicht als platte Parabel auf den heutigen Staat Putins gelesen werden kann, dessen Konterfei in allen Amtsstuben präsent ist. Doch der deprimierende Schluß, in dem die Gemeinheit des Bürgermeisters, die Willfähigkeit und Unterwürfigkeit von Koljas und Elenas angeblichen Freunden sowie die fatal-zwielichtige Macht der Kirche triumphieren und allgemein akzeptiert werden, zeigt die scharfe Kritik und Abrechnung des Regisseurs (und wohl auch seines hervorragenden Darstellerteams) mit Staat und Gesellschaft im gegenwärtigen Russland.
Das bleiche Knochen-Skelett eines reisigen Walfischs im flachen Wasser, der halbwüchsiche Sohn auf einen Felsenbrocken daneben, das Gesicht in den Händen verborgen: eines der starken Bilder, die die Verknöcherung einer Gesellschaft und die Hoffnungslosigkeit der Jugend ebenso deutlich werden lassen wie sie von der allgegenwärtigen Übermacht des Staates erzählen, dem bedrückenden Reich des modernen "Leviathan".

Poster/Verleih: Wild Bunch Germany

zu sehen: Filmtheater am Friedrichshain (OmU u.dt.); fsk (OmU); Krokodil (OmU); Kant-Kino, Cinema Paris (So Matinée)

Verfilmung des gleichnamigen Musicals von Stephen Sondheim, das 1987 seine erfolgreiche Uraufführung am New Yorker Broadway feierte. Darin verblüffen Sondheim und sein Co-Autor James Lapine (der auch das Drehbuch für den Film verfasste) durch einen fantasievollen Mix von Motiven und Figuren berühmter Grimm-Märchen. In einem magischen Wald irren umher und treffen sich: ein keckes Rotkäppchen (Lilla Crawford), ein schüchternes Aschenputtel (Anna Kendrick), ein sehnsuchtsvolles, in einem Turm gefangenes Rapunzel (MacKenzie Mauzy), der junge Jack (Daniel Huttlestone), der seine weiße Kuh gegen Zauberbohnen verkauft und ein kinderloses Bäcker-Ehepaar (James Corden/Emily Blunt). Heimliche Regie führt dabei eine alte Hexe (Meryl Streep), die den Fluch der Kinderlosigkeit bei der Bäckersfrau zu lösen verspricht, wenn ihr innerhalb dreier Tage ein roten Umhang, ein goldener Schuh, blonde Haare und eine weiße Kuh übergeben werden. Und so löst sie eine wilde Jagd queer durch den Wald aus, in der noch ein süffisanter Mr.Wolf, eine böse Schwiegermutter mit zwei aufgebrezelten Töchtern, eine verarmte, harsche Mutter sowie zwei smarte Prinzen kräftig mitmischen.
Selbstverständlich gibt´s nach einigen komischen Verwechslungen und wilden Turbulenzen eine prächtige Doppelhochzeit, aber - entgegen aller Erwartung - noch kein Happy End. Denn im Wald. da toben nun die (aus den Zauberbohnen gewachsenen) Riesen, denen gegenüber nicht nur der Bäcker und seine Frau, Aschenputtel und Jack machtlos sind, sondern auch die bisher so zaubermächtige Hexe...
Stephen Sonheims Musical besticht als reizvolles Puzzle-Spiel mit populären Märchen- und Fantasy-Figuren, denen oft pragmatisch-schlagfertige Redewendungen in die ansonsten meist süffig-singenden Münder gelegt werden.
Der Musical-erfahrenen Regisseur Bob Marshall ("Chicago", "Nine") macht daraus einen sehr effektvollen und turbulente Sommer-(Tag+)Nacht-Traum mit vielen raffinierten und verblüffenden (digitalen) Bild-Einfällen. Ein prominentes Ensemble singender Darsteller spielt und chargiert mit sichtlich großer Lust, mal ironisch, mal sentimental. Von Meryl Streep als keifender Hexe und egoistischem Muttertier in wallenden Roben bis zur winzigen Nebenrolle von Rotkäppchens Wolfs, den Johnny Depp mit listig-verschmitzter Süffisanz ausstattet.
Leider trifft der Film diesen unterhaltsam-ironischen Märchen- und Musical-Ton nur im ersten und aufwendigeren Teil, im zweiten, glücklicherweise kürzeren Abschnitt wird´s arg betulich und "pädagogisch", hier passiert auch optisch wenig und der Auftritt der durch den Wald stampfenden, puppigen Riesen wirkt filmisch altbacken und blass.
Schade - das aufwendige Disney-Studio-Spektakel bringt sich dadurch um den eigenen Erfolg. Nicht nur im Märchen: es ist nicht alles Gold, was glänzt!

Poster/Verleih: Walt Disney Germany

zu sehen: Astra; CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Titania-Palast Steglitz; Filmpalast Trptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Sony Center (OV); CineStar Tegel; Kino in der Kulturbrauerei;UCI am Eastgate; Colosseum; UCI Friedrichshain; UCI Gropius Passagen; Zoo-Palast

Der in den USA überaus erfolgreiche Film erzählt die Geschichte des Scharfschützen Chris Kyle - psychologisch wie historisch allerdings sehr frei.  Kyle, 1974 in Texas geboren und dort aufgewachsen, meldete sich nach einem wenig befriedigenden Versuch, als Rodeo-Reiter zu reüssieren, zu einer Spezial-Einheit der US-Marine. Während vier langer Einsätzen im Irak-Krieg erlangte er Berühmtheit als treffsicherster und "tödlichster" (wie er selbst sagt) Scharfschütze, bekam - zunächst ironisch gemeint - den Beinamen "Legend". 2009 quittierte er den Militärdienst, kehrte zu Frau und Kindern nach Texas zurück, gründete in Dallas eine Schule für Bodyguards, und verfasste seine Autobiographie, die sich schnell zum US-Bestseller entwickelte. 2013 wurde er bei einer Schießübung von einem verhaltensgestörten Veteranen erschossen. (Dessen Prozeß wurde diese Woche  mit lebenslänglicher Haft entschieden).
Regisseur Clint Eastwood und sein Drehbuchautor Jason Hall haben aus dieser Biographie eine filmische Heldenlegende gestrickt. Aus dem rauhen und von sich und seiner (rechtslastigen) Weltsicht stramm überzeugten Haudegen Kyle wird ein moralisch-nachdenklicher Patriot und freundlicher Familienvater.  Die rasant inszenierten Kriegs-Sequenzen vom Häuserkampf im Nahen Osten wechseln immer wieder mit Szenen im heimatlichen Texas, die zeigen, wie die gedankliche Beschäftigung Kyles mit seiner Scharfschützen-Tätigkeit ihn von Frau und Kindern innerlich entfernt und das Familien-Idyll beschädigt.  Sein jüngerer Bruder, ebenfalls Soldat im Irak, kehrt traumatisiert zurück. Zwar bittet ihn seine Frau Taya (Sinna Miller) regelmäßig und inständig, die Armee zu verlassen. Doch der aufrechte Patriot quittiert erst seinen Dienst, als es ihm gelingt, den wichtigsten Scharfschützen der gegnerischen Iraker abzuknallen.
Clint Eastwood konzentriert seinen Film ganz auf die Person des Chris Kyle, den der etwas in die Breite gegangene  Bradley Cooper als einem rauhbeinigen, aber völlig normalen, amerikanischen Durschnittsbürger verkörpert - der Kyle aber im realen Leben nie war. Sein Bild wird schlicht zur Heldenfigur umgeschminkt.
Die reale Politik (des Weißen Hauses und der Armee) kommt nur am Rande vor, die Iraker sind ein fast anonymer Haufen von düsteren Bösewichtern in einer arabisch-gefäbten "Wild-West-Schlacht" - worum in diesem Krieg überhaupt gekämpft wird und welch böse Schattenseiten die US-Armee (auch) hatte, bleibt völlig ausgeblendet. Alles Negative wird weggelassen, dafür - filmisch durchaus spannend - eine "Legende" oder ein "Mythos" behauptet. So erscheint eine problematische Wirklichkeit durch routinierte Kino-Effekte schöngefärbt, statt sie kritisch zu beleuchten.
Obwohl in mehreren Kategorien - darunter als 'Bester Film' - nominiert, erhielt "American Sniper" nur den Oscar für den 'Besten Tonschnitt".

Poster/Verleih: Warner Bros GmbH

zu sehen: Central Hackescher Markt (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Cineplex Alhambra; Neukölln Arcaden; Cineplae Spandau; Titania-Palast Steglitz; Filmpalast Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Sony Center (OV); CineStar IMAX (dt.und engl.Fass.); CineStar Tegel; Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Kino Spreehöfe; UCI Eastgate; Colosseum; UCI Friedrichshain; Gropius Passagen Neukölln; Zoo-Palast


Der 19jährige Andrew Neiman (Miles Teller) ist als hochbegabter Schlagzeuger an einer der renommiertesten Musikschulen der USA aufgenommen worden. Doch der Stress, der ihn erwartet, ist außergewöhnlich. Der Klassenlehrer und Bandleader Terence Flechtcher (J.K.Simmons) fördert ihn einerseits, fordert ihn aber anderseits durch rabiate Methoden: von unflätigen, verbalen Beschimpfungen bis zu reinem Psychoterror. Doch in seinem stark ausgeprägtem Ehrgeiz, einer der größten Schlagzeuger Amerikas zu werden, erträgt Andrew den brutalen Drill seines Lehrers lange Zeit: schlägt sich beim ständigen Üben - mit und ohne Band - die Finger blutig und verzichtet vollständig auf sein privates Leben. Zumal Fletcher - ein hagerer Glatzkopf im engen, schwarzen T-Shirt - immer wieder durch kleine Gesten, aufmunternde Worte oder Bevorzugungen bei den Proben zu erkennen gibt, daß er von Andrews überragenden Fähigkeiten überzeugt ist. Erst bei einem öffentlichen Auftritt der Klasse kommt es zur Katastrophe: als Andrew infolge eines Verkehrsunfalls verspätet im Saal eintrifft und dann beim Spielen zusammenbricht, fliegt er aus der Schule. Sein besorgter Vater, bei dem Andrew lebt, beschreitet daraufhin den Rechtsweg: Fletcher wird wegen seiner sadistischen Unterrichtsmethoden von der Schulverwaltung entlassen.
Dennoch scheint ein Happy End möglich: einige Zeit später tifft Andrew seinen ehemaligen Lehrer zufällig in einem Jazz-Club wieder und Fletcher lädt ihn ein, bei einem öffentlich Wettbewerb in seiner neuen Band mitzuspielen: die virtuosen Schlagzeug-Soli in den von Andrew perfekt beherrschten Stücken "Whiplash" (Hank Levy) und "Caravan" (Duke Ellington) scheinen Lehrer und Schüler sich wieder zu versöhnen...
Ein Film über populäre Jazz-Musik, inszeniert als Psycho-Drama. Es ist der zweite Spielfilm des noch jungen Regisseurs Damien Chazelle, in den wohl auch autobiographische Erfahrungen einflossen. Härtester, quasi-militärischer Drill verlegt in eine Musik-Schule und - trotz der versöhnlichen Töne beim furiosen, musikalischen Finale - bleiben alle kritischen Fragen offen: wie weit sind die gezeigten Unterrichts-Methoden vertretbar, auch wenn künstlerische Ziele die wohlgemeinte Absicht sind? Ist herausragende Kunst bei Schülern nur auf solche Weise  'herauszukitzeln'?  Hat andererseits Andrew durch seinen goßen und auch rücksichtslosen Ehrgeiz Mitschuld an Fletchers Methoden?
Filmisch bevorzugt Regisseur Damien Chazelle überwiegend temporeiche Sequenzen aus Nah- und Groß-Aufnahmen (Gesichter, Instrumente), flott geschnitten im Rhythmus der jeweilig gespielten (oder unterlegten) Jazz-Musik. Eine Regie, die jede Wendung der Geschichte präzise  und effektvoll auf den Punkt bringt. Miles Tellers jugendlich-offenes Gesicht, das aber auch verbissen-ehrgeizige Züge andeuten kann, spiegelt als Schüler Andrew die harte Auseiandersetzung ebenso eindringlich wie der furchenreiche, kahle Schädel und die knappen, fast asketischen Gesten J.K.Simmons als brutaler Bandleader und Lehrer Fletcher.
Psycho-Thriller und Musik-Film (mit fabelhaftem Sound!) zugleich - mitreissendes Kino aus Hollywood.

Poster/Verleih: Sony Pictures Germany

zu sehen: Central Hackescher Markt (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; CineStar Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Sony Center (OV); Filmkunst 66; Filmtheater am Friedrichshain (OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. u.OmU); Movimento (OmU); Rollberg (OmU); UCI Kinowelt Colosseum