Abel Morales, aus Kolumbien stammend, hat sich in New York eine Existenz als erfolgreicher Geschäftsmann im Heizölhandel aufgebaut. Doch die Konkrurrenz schlägt zurück und schreckt dabei nicht vor Gewalt zurück. Die Fahrer von Morales ölbeladenen Transportwagen werden tätlich bedroht, entführt und der teure Inhalt gestohlen. Im Winter 1981, einem Jahr in dem die Kriminalität in New York - so die täglichen Radiomeldungen - einen Höhepunkt erreicht, wird es eng für Morales, zumal auch ein ehrgeiziger Staatsanwalt ihn der Steuerhinterziehung beschuldigt. Morales, der - nomen est omen - streng darauf bedacht ist, daß er und seine Mitarbeiter jederzeit legal handeln, gerät in die Klemme: ein Fahrer wird mit unerlaubter Waffe erwischt, die Steuerfahnder durchstöbern während einer Geburttagsfeier seiner kleinen Töchter seine neue, schicke Villa, die kreditgebende Bank zieht sich daraufhin zurück. Und Anna, seine mit der Buchhaltung beschäftigte Frau, gesteht, daß sie illegal Geld für einen eventuellen Notfall aus der Firma abgezogen hat. Noch kurz zuvor hatte Abel ein grosses Grundstück am Hafen auf Kredit gekauft, das geringere Wege und billigere Frachtkosten ermöglicht, gleichsam als Krönung seiner beruflichen Existenz. Plötzlich steht alles in Frage und Abel wird gezwungen zu handeln - auch gegen seine bisherigen Grundsätze.
J.C.Chandor, der schon 2011 in "Margin Call" das amerikanische (Bank-) Business kritisch beleuchtete, schildert auch in seinem neuen, ins Jahr 1981 zurückverlegten Film eine böse Geschichte zwischen legalem Geschäft und Korruption, zeigt den Existenzkampf eines um korrektes und menschliches Handeln bemühnten Unternehmers mit den brutalen Geschäftsmethoden seiner Konkurrenten und dem Übereifer einer ehrgeizigen Justiz.
Inszeniert als spannender Krimi, bei dem die weiten, teils heruntergekommenen Hafen- und Lager-Platze - im Hintergrund die von kalter Wintersonne beleuchteten Wolkenkratzer Manhattens -  ebenso eine wichtige Rolle spielen, wie die immer höflich und diskrete geführten Verhandlungen und Unterredungen der Unternehmer, Kreditgeber und Rechtanwälte in schäbigen oder eleganten Büros, respektive Restaurants. Eine rasante Verfolgungsjagd, in der Abel einen der Entführer eines seiner Öltransporter zu fassen versucht, erst im Auto, dann zu Fuß, schließlich in der vollen U-Bahn bringt den Wendepunkt:  der gefaßte Öldieb verrät, an wen er seine Beute verkauft hat und gibt damit Morales die Möglichkeit, seinen Gegner zu stellen.
Paralell zu diesem Wirtschaftskrimi zeichnet der Film das eindruckvolle Porträt des energiegeladenen Unternehmer-Paares Abel und Anna Morales, das sich seinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft mit zäher Energie erkämpft. Dabei erweist sich Anna als die Härtere, sie ist in diesem Business-Umfeld aufgewachsen, kennt die Spielregeln. Jessica Chastain spielt sie mit kühler Eleganz, ihre aufrichtige Zuneigung zu ihrem Mann ist dabei kein Widerspruch zu ihrem klaren geschäftlichen Verstand. Diesen Morales, der als Eingewanderter versucht, immer korrekt und legal zu handeln, verkörpert Oscar Isaacs als gutaussehenden Businessman mit grauen Schläfen, modisch-teurem Kamelhaarmantel und aufrechter Gesinnung - in jedem Moment überzeugend. Aber auch sportlich fit, um die körperlichen Strapazen des Jobs (und der Verfolgungsjagd) gut zu überstehen. Auch die übrigen Rollen sind hervorragend besetzt: typengerecht und individuell zugleich.
Ein starker Film: obwohl in einem eher unspektakulären Milieu angesiedelt (Heizöl-Lieferanten!), bleibt er optisch sehr effektvoll und spannend, die pyschologisch fein gezeichneten Charaktere werden exzellent gespielt und der harte Kampf um Geld und Macht ist heute so aktuell wie 1981.

Poster/Verleih: SquareOne Entertainment

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Filmkunst 66; Hackesche Höfe Kino (OmU); Intimes; Kino in der Kulturbrauerei (dt.u.OmU); Neues Off (OmU); Passage Neukölln; Colosseum

Ein Küstenort mit Hafen und Fischfabrik im Norden Russlands an der Berentssee. Schroffe Felsenklippen, staubige Landstraßen. Kolja (Aleksey Serebryakov) betreibt eine kleine Autowerksatt im Keller seines Hauses, das in der Nähe einer langen Brücke über einen Meereszufluß liegt. Doch der raffgierige Bürgermeister (Roman Madyanov) will Haus und Grundstück enteignen, angeblich zugunsten eines gemeinnützigen Projektes. Kolja wehrt sich vor Gericht, verliert und auch sein Widerspurch wird bürokratisch abgelehnt. Er bittet seinen Freund Dimitri (Vladimir Vdovichenkov), einen angesehenen Anwalt aus Moskau, um Hilfe. Als auch dessen Eingaben und Anträge von der Justiz abgeschmettert werden, versuchen Kolja und Dimitri, der entsprechende Unterlagen in Moskau zusammengetragen hat, den Bürgermeister mit dessen dubioser Vergangenheit zu erpressen. Doch der schlägt brutal zurück: Dimitri wird körperlich mißhandelt und flieht zurück nach Moskau. Auch in Koljas kleiner Familie kommt es zur Katastrophe, als er entdecken muß, dass seine (zweite) Frau Lilia (Elena Lyadoa) ein kurzes Verhältnis mit Dimitri unterhalten hat und der halbwüchsiger Sohn Roma (Sergey Pokhadaev) sich offen gegen seine (Stief-)Mutter stellt. Elena verschwindet, wird einige Tage später als Leiche aus dem Meer gefischt, wobei offen bleibt: Unfall, Selbsttötung oder Mord.  Kolja wird jedoch durch Indizien (falschen oder echten?) als ihr angeblicher Mörder verurteilt und sein Haus eingerissen - der Bürgermeister, immer im Verbund mit Polizei, Justiz und Kirche, hat sein Ziel erreicht.
Der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev erzählt diesen düster-traurigen Machtkampf zwischen Bürger und Staat vor grandioser, fast bedrohlicher Naturkulisse: den kargen, rauhen Küstenlandschaften, den meist tiefhängenden Wolken und dem starken, ständigen Brausen des Meeres. Die Menschen leben in bescheidenen Verhältnissen, auch wenn Autos und Smartphones selbstverständlich sind. Der ärmliche Alltag wird bestimmt, geregelt und überwacht von der staatlichen Verwaltung, der Polizei und Justiz, Korruption spielt dabei die wichtigste Rolle.
Wer sich fügt, der überlebt, wer widerspricht, geht unter.
Geschickt balanciert der Film zwischen politischen und privaten Verhältnissen, so daß er nicht als platte Parabel auf den heutigen Staat Putins gelesen werden kann, dessen Konterfei in allen Amtsstuben präsent ist. Doch der deprimierende Schluß, in dem die Gemeinheit des Bürgermeisters, die Willfähigkeit und Unterwürfigkeit von Koljas und Elenas angeblichen Freunden sowie die fatal-zwielichtige Macht der Kirche triumphieren und allgemein akzeptiert werden, zeigt die scharfe Kritik und Abrechnung des Regisseurs (und wohl auch seines hervorragenden Darstellerteams) mit Staat und Gesellschaft im gegenwärtigen Russland.
Das bleiche Knochen-Skelett eines reisigen Walfischs im flachen Wasser, der halbwüchsiche Sohn auf einen Felsenbrocken daneben, das Gesicht in den Händen verborgen: eines der starken Bilder, die die Verknöcherung einer Gesellschaft und die Hoffnungslosigkeit der Jugend ebenso deutlich werden lassen wie sie von der allgegenwärtigen Übermacht des Staates erzählen, dem bedrückenden Reich des modernen "Leviathan".

Poster/Verleih: Wild Bunch Germany

zu sehen: Filmtheater am Friedrichshain (OmU u.dt.); fsk (OmU); Krokodil (OmU); Kant-Kino, Cinema Paris (So Matinée)

Verfilmung des gleichnamigen Musicals von Stephen Sondheim, das 1987 seine erfolgreiche Uraufführung am New Yorker Broadway feierte. Darin verblüffen Sondheim und sein Co-Autor James Lapine (der auch das Drehbuch für den Film verfasste) durch einen fantasievollen Mix von Motiven und Figuren berühmter Grimm-Märchen. In einem magischen Wald irren umher und treffen sich: ein keckes Rotkäppchen (Lilla Crawford), ein schüchternes Aschenputtel (Anna Kendrick), ein sehnsuchtsvolles, in einem Turm gefangenes Rapunzel (MacKenzie Mauzy), der junge Jack (Daniel Huttlestone), der seine weiße Kuh gegen Zauberbohnen verkauft und ein kinderloses Bäcker-Ehepaar (James Corden/Emily Blunt). Heimliche Regie führt dabei eine alte Hexe (Meryl Streep), die den Fluch der Kinderlosigkeit bei der Bäckersfrau zu lösen verspricht, wenn ihr innerhalb dreier Tage ein roten Umhang, ein goldener Schuh, blonde Haare und eine weiße Kuh übergeben werden. Und so löst sie eine wilde Jagd queer durch den Wald aus, in der noch ein süffisanter Mr.Wolf, eine böse Schwiegermutter mit zwei aufgebrezelten Töchtern, eine verarmte, harsche Mutter sowie zwei smarte Prinzen kräftig mitmischen.
Selbstverständlich gibt´s nach einigen komischen Verwechslungen und wilden Turbulenzen eine prächtige Doppelhochzeit, aber - entgegen aller Erwartung - noch kein Happy End. Denn im Wald. da toben nun die (aus den Zauberbohnen gewachsenen) Riesen, denen gegenüber nicht nur der Bäcker und seine Frau, Aschenputtel und Jack machtlos sind, sondern auch die bisher so zaubermächtige Hexe...
Stephen Sonheims Musical besticht als reizvolles Puzzle-Spiel mit populären Märchen- und Fantasy-Figuren, denen oft pragmatisch-schlagfertige Redewendungen in die ansonsten meist süffig-singenden Münder gelegt werden.
Der Musical-erfahrenen Regisseur Bob Marshall ("Chicago", "Nine") macht daraus einen sehr effektvollen und turbulente Sommer-(Tag+)Nacht-Traum mit vielen raffinierten und verblüffenden (digitalen) Bild-Einfällen. Ein prominentes Ensemble singender Darsteller spielt und chargiert mit sichtlich großer Lust, mal ironisch, mal sentimental. Von Meryl Streep als keifender Hexe und egoistischem Muttertier in wallenden Roben bis zur winzigen Nebenrolle von Rotkäppchens Wolfs, den Johnny Depp mit listig-verschmitzter Süffisanz ausstattet.
Leider trifft der Film diesen unterhaltsam-ironischen Märchen- und Musical-Ton nur im ersten und aufwendigeren Teil, im zweiten, glücklicherweise kürzeren Abschnitt wird´s arg betulich und "pädagogisch", hier passiert auch optisch wenig und der Auftritt der durch den Wald stampfenden, puppigen Riesen wirkt filmisch altbacken und blass.
Schade - das aufwendige Disney-Studio-Spektakel bringt sich dadurch um den eigenen Erfolg. Nicht nur im Märchen: es ist nicht alles Gold, was glänzt!

Poster/Verleih: Walt Disney Germany

zu sehen: Astra; CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Titania-Palast Steglitz; Filmpalast Trptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Sony Center (OV); CineStar Tegel; Kino in der Kulturbrauerei;UCI am Eastgate; Colosseum; UCI Friedrichshain; UCI Gropius Passagen; Zoo-Palast

Der in den USA überaus erfolgreiche Film erzählt die Geschichte des Scharfschützen Chris Kyle - psychologisch wie historisch allerdings sehr frei.  Kyle, 1974 in Texas geboren und dort aufgewachsen, meldete sich nach einem wenig befriedigenden Versuch, als Rodeo-Reiter zu reüssieren, zu einer Spezial-Einheit der US-Marine. Während vier langer Einsätzen im Irak-Krieg erlangte er Berühmtheit als treffsicherster und "tödlichster" (wie er selbst sagt) Scharfschütze, bekam - zunächst ironisch gemeint - den Beinamen "Legend". 2009 quittierte er den Militärdienst, kehrte zu Frau und Kindern nach Texas zurück, gründete in Dallas eine Schule für Bodyguards, und verfasste seine Autobiographie, die sich schnell zum US-Bestseller entwickelte. 2013 wurde er bei einer Schießübung von einem verhaltensgestörten Veteranen erschossen. (Dessen Prozeß wurde diese Woche  mit lebenslänglicher Haft entschieden).
Regisseur Clint Eastwood und sein Drehbuchautor Jason Hall haben aus dieser Biographie eine filmische Heldenlegende gestrickt. Aus dem rauhen und von sich und seiner (rechtslastigen) Weltsicht stramm überzeugten Haudegen Kyle wird ein moralisch-nachdenklicher Patriot und freundlicher Familienvater.  Die rasant inszenierten Kriegs-Sequenzen vom Häuserkampf im Nahen Osten wechseln immer wieder mit Szenen im heimatlichen Texas, die zeigen, wie die gedankliche Beschäftigung Kyles mit seiner Scharfschützen-Tätigkeit ihn von Frau und Kindern innerlich entfernt und das Familien-Idyll beschädigt.  Sein jüngerer Bruder, ebenfalls Soldat im Irak, kehrt traumatisiert zurück. Zwar bittet ihn seine Frau Taya (Sinna Miller) regelmäßig und inständig, die Armee zu verlassen. Doch der aufrechte Patriot quittiert erst seinen Dienst, als es ihm gelingt, den wichtigsten Scharfschützen der gegnerischen Iraker abzuknallen.
Clint Eastwood konzentriert seinen Film ganz auf die Person des Chris Kyle, den der etwas in die Breite gegangene  Bradley Cooper als einem rauhbeinigen, aber völlig normalen, amerikanischen Durschnittsbürger verkörpert - der Kyle aber im realen Leben nie war. Sein Bild wird schlicht zur Heldenfigur umgeschminkt.
Die reale Politik (des Weißen Hauses und der Armee) kommt nur am Rande vor, die Iraker sind ein fast anonymer Haufen von düsteren Bösewichtern in einer arabisch-gefäbten "Wild-West-Schlacht" - worum in diesem Krieg überhaupt gekämpft wird und welch böse Schattenseiten die US-Armee (auch) hatte, bleibt völlig ausgeblendet. Alles Negative wird weggelassen, dafür - filmisch durchaus spannend - eine "Legende" oder ein "Mythos" behauptet. So erscheint eine problematische Wirklichkeit durch routinierte Kino-Effekte schöngefärbt, statt sie kritisch zu beleuchten.
Obwohl in mehreren Kategorien - darunter als 'Bester Film' - nominiert, erhielt "American Sniper" nur den Oscar für den 'Besten Tonschnitt".

Poster/Verleih: Warner Bros GmbH

zu sehen: Central Hackescher Markt (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Cineplex Alhambra; Neukölln Arcaden; Cineplae Spandau; Titania-Palast Steglitz; Filmpalast Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Sony Center (OV); CineStar IMAX (dt.und engl.Fass.); CineStar Tegel; Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Kino Spreehöfe; UCI Eastgate; Colosseum; UCI Friedrichshain; Gropius Passagen Neukölln; Zoo-Palast


Der 19jährige Andrew Neiman (Miles Teller) ist als hochbegabter Schlagzeuger an einer der renommiertesten Musikschulen der USA aufgenommen worden. Doch der Stress, der ihn erwartet, ist außergewöhnlich. Der Klassenlehrer und Bandleader Terence Flechtcher (J.K.Simmons) fördert ihn einerseits, fordert ihn aber anderseits durch rabiate Methoden: von unflätigen, verbalen Beschimpfungen bis zu reinem Psychoterror. Doch in seinem stark ausgeprägtem Ehrgeiz, einer der größten Schlagzeuger Amerikas zu werden, erträgt Andrew den brutalen Drill seines Lehrers lange Zeit: schlägt sich beim ständigen Üben - mit und ohne Band - die Finger blutig und verzichtet vollständig auf sein privates Leben. Zumal Fletcher - ein hagerer Glatzkopf im engen, schwarzen T-Shirt - immer wieder durch kleine Gesten, aufmunternde Worte oder Bevorzugungen bei den Proben zu erkennen gibt, daß er von Andrews überragenden Fähigkeiten überzeugt ist. Erst bei einem öffentlichen Auftritt der Klasse kommt es zur Katastrophe: als Andrew infolge eines Verkehrsunfalls verspätet im Saal eintrifft und dann beim Spielen zusammenbricht, fliegt er aus der Schule. Sein besorgter Vater, bei dem Andrew lebt, beschreitet daraufhin den Rechtsweg: Fletcher wird wegen seiner sadistischen Unterrichtsmethoden von der Schulverwaltung entlassen.
Dennoch scheint ein Happy End möglich: einige Zeit später tifft Andrew seinen ehemaligen Lehrer zufällig in einem Jazz-Club wieder und Fletcher lädt ihn ein, bei einem öffentlich Wettbewerb in seiner neuen Band mitzuspielen: die virtuosen Schlagzeug-Soli in den von Andrew perfekt beherrschten Stücken "Whiplash" (Hank Levy) und "Caravan" (Duke Ellington) scheinen Lehrer und Schüler sich wieder zu versöhnen...
Ein Film über populäre Jazz-Musik, inszeniert als Psycho-Drama. Es ist der zweite Spielfilm des noch jungen Regisseurs Damien Chazelle, in den wohl auch autobiographische Erfahrungen einflossen. Härtester, quasi-militärischer Drill verlegt in eine Musik-Schule und - trotz der versöhnlichen Töne beim furiosen, musikalischen Finale - bleiben alle kritischen Fragen offen: wie weit sind die gezeigten Unterrichts-Methoden vertretbar, auch wenn künstlerische Ziele die wohlgemeinte Absicht sind? Ist herausragende Kunst bei Schülern nur auf solche Weise  'herauszukitzeln'?  Hat andererseits Andrew durch seinen goßen und auch rücksichtslosen Ehrgeiz Mitschuld an Fletchers Methoden?
Filmisch bevorzugt Regisseur Damien Chazelle überwiegend temporeiche Sequenzen aus Nah- und Groß-Aufnahmen (Gesichter, Instrumente), flott geschnitten im Rhythmus der jeweilig gespielten (oder unterlegten) Jazz-Musik. Eine Regie, die jede Wendung der Geschichte präzise  und effektvoll auf den Punkt bringt. Miles Tellers jugendlich-offenes Gesicht, das aber auch verbissen-ehrgeizige Züge andeuten kann, spiegelt als Schüler Andrew die harte Auseiandersetzung ebenso eindringlich wie der furchenreiche, kahle Schädel und die knappen, fast asketischen Gesten J.K.Simmons als brutaler Bandleader und Lehrer Fletcher.
Psycho-Thriller und Musik-Film (mit fabelhaftem Sound!) zugleich - mitreissendes Kino aus Hollywood.

Poster/Verleih: Sony Pictures Germany

zu sehen: Central Hackescher Markt (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; CineStar Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Sony Center (OV); Filmkunst 66; Filmtheater am Friedrichshain (OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. u.OmU); Movimento (OmU); Rollberg (OmU); UCI Kinowelt Colosseum













































































































   Plakatmotiv/Foto:Imago/Future Image/Golejewskix













QUEEN OF THE DESERT**
Bio-Pic im üppig ausladenden Hollywoodstil über die englische Historikerin, Archäologin und Orientkennerin Gertrude Bell, die 1915 an der Konferenz über die Aufteilung des Osmanischen Reiches teilnahm, deren Vorschläge für flexible Grenzen jedoch kaum berücksichtigt wurden. Von Werner Herzog (!) zur Schnulze aus 1001er Nacht degradiert, mit einer stehts perfekt gestylten Nicole Kidman in der Hauptrolle - so schick wie belanglos.



45 YAERS***
Kammerspiel über ein älteres Ehepaar im winterlich-ländlichen England in der Woche vor seinem 45. Hochzeitstag, der mit einer Party gefeiert werden soll. Durch Zufall wird Ehefrau Kate damit konfrontiert, dass Ihr Mann Geoff vor ihrer Hochzeit ein intensives Verhältnis mit einer anderen Frau hatte, die jedoch durch einen Unfall in den Schweizer Bergen umkam. Etwas überdramatisierte Beziehungsgeschichte aus dem Blickwinkel der Frau - durch die feinfühlige und ruhige Regie (Andrew Haigh) sowie durch das intensive Spiel von Charlotte Rampling und Tom Coutenay sehr eindrucksvoll.


TAXI****
Neuster Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der seit 5 Jahren unter Berufs- wie Hausverbot steht. Im Film fährt er als Taxifahrer unterschiedliche Typen (gefilmt durch zwei im Auto installierte Kameras) an einem hellen Tag durch Teheran: einen Händler ausländischer Videos, einen Unfall-Verletzten mit seiner (das Testament einklagender)  Ehefrau, einen Anhänger der Todesstrafe, alte Frauen mit Goldfischen im Glas, eine altkluge Nichte, die Anwältin einer aus politischen Gründen inhaftierten Hungerstreikenden. Komisches und Skuriles mischt sich mit Tragischem - wobei offen bleibt: was (von Schauspielern) gespielt, was dokumentarisch oder realistisch ist. Eindrucksvoll in seiner Mischung aus schlitzohrigem Humor und bitterem Sarkasmus über die staatliche Diktatur.








JOURNAL D' UNE FEMME DE CHAMBRE***
Neuverfilmung des Romans von Octave Mirabeau durch Benoit Jacquot. Oppulentes Kostümdrama, in dem die drall-adrette Zofe von Léa Seydoux schon recht aufsässig ist - wenn auch nur in (im Off gesprochenen) Gedanken. Etwas beliebig und zusammenhanglos erzählt (mit allerlei Rückblenden)  und ohne die kritisch-intellekuelle Schärfe der Vorgänger-Verfilmungen von Renoir und Bunuel. Wohl aus aktuellen Gründen stark betont: der Antisemitismus des groben Dieners Joseph, mit dem am Schluß die Kammerzofe in eine üble Zukunft zieht.




VICTORIA**
Die Story ist eher banal: eine junge Spanierin, die nach Abruch ihres Klavierstudiums in Madrid in Berlin als Bedienung in einem Schnell-Café jobt, lernt ein paar flotte Typen in einer Disco kennen, verbringt mit ihnen den Rest der Nacht und wird am frühen Morge von den kriminellen Jungs als Fahrerin bei einem Banküberfall in Kreuzberg mißbraucht. Bei der anschließenden Flucht und einer Schießerei mit der Polizei kommen außer Victoria alle um - die junge Frau verschwindet ratlos und konsterniert mit der Geldbeute. Diese Story wird von dem deutschen Regisseur Sebstian Schipper und seinem Kameramann Sturla Brandht Grovlen gleichsam wie in einer einzigen Einstellung erzählt: die Handkamera sitzt den Protagonisten hautnah im Nacken, fährt eng um sie herum, folgt ihnen aus der Disco über nächtliche Strassen auf leere Haus-Dächer, in Aufzüge und gestohlene Autos  - bis nach dem fühmorgendlichen Banküberfall in der Zimmerstrasse die anschließende ebenso konfuse wie blutige Flucht im Luxushotel Friedrich-/ Ecke Behrenstrasse endet. Das duch die wackelnde Handkamera beim Zuschauer erzeugte Gefühl, immer direkt dabei zu sein - verstärkt durch die intensiven Schauspieler mit ihrem berlin-englichen Kauderwelsch (Victoria versteht kaum Deutsch!) - macht den Haupt-Reiz des zweieinhalb-stündigen Films aus: ein tempogeladener, rauschhafter Trip durchs heutige, nächtlich-coole Berlin. Doch hinter diesem  formalistischen Drive und zeitgeistigem Schick  -  viel heiße Luft!




KNIGHT OF CUPS**
Der neueste und siebte Film des amerikanischen Star-Regisseurs Terence Malik (der - wie für ihn typisch - auch bei der Berlinale nicht über den Roten Teppich lief, owohl er in der Stadt sein soll). Die Story - soweit erkennbar : der etwa 40jährige Hollywood-Schauspieler oder Drehbuchautor Rick (Christian Bale) leidet unter einer Sinn-Krise. Die Ehe mit einer Chirurgin (Cate Blanchett) ist zerbrochen, der Flirt mit einer zierlichen Brünetten (Natalie Portmann) bleibt eine kurze Affäre. Erinnerungs-Schnipsel an heftige Auseinandersetzungen mit dem Vater und/oder Bruder belasten das Gemüt des ständig über breite Boulevards kurvenden, oder am Pazifik-Strand wandernden Mimen. Das letzte gesprochene Wort des Films lautet: "Fang an". Dieser äusserliche wie innerliche Leerlauf wird von einer schier unendlichen, im sekundentakt wechselnden Bilder-Flut überspült - Aufnahmen von Menschen und Landschaften in und um die kalifornische Filmstadt. Brilliant fotografiert und geschnitten - doch mehr als eine glänzende Oberfläche bleibt von diesen titelgebenden  Tarot-Karten nicht übrig.




MR. HOLMES*** (außer Konkurenz)
Der britische Ur-Dedektiv Sherlock Holmes scheint unsterblich. Jetzt, im von der BBC produzierten Film des amerikanischen Regisseurs Bill Condon, ist Mr.Holmes 93 Jahre alt . Kurz nach dem 2. Weltkrieg lebt er zurückgezogen auf einen alten Bauernhof in Sussex, züchtet Bienen und versucht  seinen letzten Fall, den der inzwischen verstorbene Dr.Watson noch als romangerechte Lektüre veröffentlicht hat, neu in redigierten Form herauszugeben, und zwar so, wie er sich wirklich ereignet hat. Doch das alte, einst so messerschaft die rätselhaften Morde analysierende  Gehirn funktioniert nicht mehr so richtig. Auch wenn der pfiffige Junge der harschen Haushälterin sich heftig bemüht diese Erinnerungslücken des kauzigen Mr.Holms zu überwinden, wobei einer japanische Arznei, einem Frauenhandschuh und den Bienen im wünderbar blühenden Garten eine wichtige Rolle zufällt. Hübsche Unterhaltung, gemischt mit britisch-trockenem Humor und einer Prise Nachdenklichkeit über Alterseinsamkeit und Tod - vor allem aber eine Paraderolle für den britischen Star-Schauspieler Ian McKellen, dessen  wacher Durch-Blick und Verstand den mächtigen Alter-Gesichtfalten immer wieder listig ein Schippchen schlagen.




ALS WIR TRÄUMTEN***
Ein Arbeitervorort von Leipzig. Fünf Kumpel kurz nach der Wende. Jetzt können sie endlich mal so richtig "die Sau rauslassen". Die Schule schwänzen, Autos knacken, Alkohol klauen, in einem verlassenen Keller eine Punk-Disco aufmachen. Dann Bandenkriege, Schlägereien mit Neonazis und schließlich diverse Drogen, die alle Freundschaft und Träume - teils tödlich - beenden. Verfilmung des erfolgreichen Romans von Clemens Meyer durch Regisseur Andreas Dreesen. Effektvoll inszeniert in meist düster gehaltenen Farben und Kulissen, gemixt mit ein Paar Orwo-bunten Rückblenden in die Pionierzeit der Jungs. Viel Strotoskob-Geflimmer, bluttriefende Keilereien, aber auch einige stille und berührende Momente. Vieles bleibt sehr literarisch, besonders die Dialoge, zumal die (sehr überzeugenden) Schauspieler in akzentfreiem Bühnendeutsch parlieren. Die DDR-Rückblenden  wirken allzu putzig und harmlos. Von der eigentlich bitteren Wende-Story wird nur die Oberfläche gespiegelt - wenn auch filmisch durchaus attraktiv  - doch dringt die Geschichte kaum in zeithistorische oder psychologische Tiefen.




BODY***
Janusz, so um die Fünfzig, hübscher Schmerbauch, ist Untersuchungsrichter in Warschau - hart im Nehmen seiner oft recht blutigen Fälle.  Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben. Tochter Olga, Anfang 20, scheint den Tod der Mutter nicht überwinden zu können, ist magersüchtig. Janusz läßt sie in eine Klinik einweisen, wo sie von der Psychologin Anna therapiert wird. Anna, deren Kind früh verstarb, besitzt zugleich spiritistische Kräfte, weiß wie man zu Verstorbenen Kontakt findet. Sie überredet den skeptischen Janusz schließlich zu einer nächtlichen Sitzung, um ihn und Olga mit der toten Mutter in Verbindung zu bringen.  Der polnische Wettbewerbsbeitrag von Malgorzata Szumowska balanciert auf den schmalen Grad zwischen Realität und Groteske, mischt Trauer  und Tod mit (katholischem) Glauben und Esoterik, Einsamkeit mit Freßlust, häßliche oder komische  Alltags-Tragödien mit schwarzem Humor. Ein locker inszeniertes und darstellerisch trefflich besetztes Spiel - mal ernst, mal skurril - und mit einer überraschender Auflösung .




POD ELECTRICHESKIMI OBLAKAMI (Unter elekrtischen Wolken)***
Russland, eine weite, karge Winterlandschaft an einem grossen Fluß. Beton-Ruinen von Häusern und Brücken überall, ein mannshohes Pferd aus Metall-Draht, der Rest einer Lenin-Statue mit ausgestrecktem Arm - und alles in bleiern-dichten Nebel eingehüllt. Der Besitzer dieser riesigen, unwirtlichen Baufläche, auf der Menschen aller Art unentwegt umherirren, ist gestorben. Seine Tochter Sasha kehrt als Erbin aus dem Ausland zurück: denkt an einen Verkauf des Geländes an zahlungswillige Japaner. Doch ein Architekt (mit Feuermal im Gesicht) macht Einwände, ein Toristenführer, der einst mit Jelzin in Moskau demonstrierte, mischt sich ein, kirgiesische Arbeiter suchen ihre Kollegen. Am Ende, nach gut zwei Stunden, zieht Sasha mühsam das Metallpferd aus dem Film-Bild. Surreale Szenen, in sieben Kapiteln gegliedert, fügt der russische Regisseur Alexey German Jr. zu einem scheinbar endlosen, langsamen dahin fließenden Bilderstrom, der die historische und kulturelle Vergangenheit Russlands und seine mögliche Zukunft reflektieren soll. Eine sehr apokalyptische Vision, die - vor allem für nicht-russische Zuschauer - oft sehr rätselhaft bleibt. Das Datum "100 Jahre Oktoberrevolution" war - so der Regisseur -  der Anlaß für diese gewaltige, surreale Bild-Phantasmagorie mit ihren düsteren, geschichts-philosophischen  Untertönen. "Was ist im Jahr 2017 los" fragt einmal eine Figur. Antwort: "Krieg"!




EISENSTEIN IN GUANAJUATO***
In den Jahren 1931/32 hielt sich der damals schon weltberühmte, sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein ("Panzerkreuzer Potemkin"/ "Oktober") längere Zeit in Mexiko auf. Er beabsichtigte einen Film über dieses Land zu drehen, das die Entwicklung von den Mayas bis zur (linkssozialistischen) Gegenwart in mehreren Episoden schildern sollte. Doch die amerikanischen Geldgeber, darunter der Schriftsteller Upton Sinclair, entzogen ihre finazielle Unterstützung, als das Unternehmen sich in ihren Augen zulange hinzog. Eisenstein musste nach Moskau zurück, das abgedrehte Filmmaterial verblieb - entgegen einer urspünglichen Abmachung -  in Hollywood.
(Teile daraus wurden später von mehreren Filmwissenschaftlern zusammengestellt und veröffentlicht, ohne daß es gelang die von Eisenstein unter dem Titel "Que Viva Mexico" beabsichtigte Fassung zu rekonstruieren). Der britische Regisseur Peter Greenaway (71), der vor vielen Jahren mit seinem "Kontrakt des Zeichners" bei der Berlinale (Forum) seinen großen Durchbruch feierte, hat sich für "Eisenstein in Guanajuato" eine Episode ausgedacht, in welcher der 33jährige Sowjet-Künstler seine (bisher verborgene) Homosexualität entdeckt und sich auf eine kurze Affäre mit seinem mexikanischen Führer einlässt. Greenaway entfesselt ein fulminantes Feuerwerk aus mexikanischen Landschaften, pitoresken Häusern, Art-Deco-Interieurs, alten Maya-Zeichnungen, Symbolen und historischen Gemälden. Sommerlich-elegante Kostüme der 30er Jahre, junge Frauen in folkloristischen Kleidern, bärtige Männer im Zapata-Look. Dazwischen immer wieder Ausschnitte aus den schwarz/weiß Filmen von Eisenstein, oft gesplittet auf dreiteiliger Leinwand. Und viel Musik von Serge Prokofiev, der später für Werke Eisensteins bedeutende Partituren schrieb. Fotografie und Schnitt sind temporeich und mitreissend, gleichsam eine virtuose Annäherung an die berühmte Montage-Technik des Porträtierten. Den verkörpert sehr überzeugend Elmer Bäck, mit wild abstehender Haarmähne und provokanter Zunge ein sympathischer "verstubbelter Clown" (wie er sich selbst bezeichnet). Schade nur, daß Greenaway sich überwiegend auf das schwule Melodram konzentriert, Figur und Gedankenwelt des Sowjetbürgers und Künstlers nur am Rande lebendig werden lässt. Dennoch: ein filmischer Bilderrausch, so spannend wie farbig.




YI BU ZHI YAO (Gone with the Bullets)*
Eine deftig-turbulente Komödie des chinesischen Regisseurs Jiang Wen. Sein Ausgangspunkt ist ein chinesischer Film aus den 20er Jahren, in dem es um einen Mord an einer Nutte geht. Jiang Wen pardiert und persifliert nicht nur den alten Schwarz-Weiss-Streifen, sondern er mixt mit modernster Technik alle denkbaren Film-Genres zu einer schrillen Klamotte: Hecktische Verfolgungsjagden in Oldtimern; Nachtclub-Shows im mondän-glitzernden Shanghai, Ganoven, die mit der Polizei unter einer Decke stecken, smarte Hochstabler und zwielichtige Frauen: das könnte eine lustige Pereformance werden - doch die grobe Hau-Ruck-Methode, mit der Lustspiel, Krimi, Musical, Sex-Parodie und Actionthriller  miteiander verquirlt und verhampelt werden, produziert statt Scherz, Satire und Ironie nur plattes Kasperle-Theater und gähnende Langeweile.




ELSER***
Person und Geschichte des Georg Elser sind wissenschaftlich gut erforscht, dürften aber einer breiten Öffentlichkeit weniger bekannt sein. Eine löbliche Absicht ist es deshalb, sein Schicksal in einem leicht zugänglichen Spielfilm nachzuerzählen. Am 8.November 1939 hatte der Schreiner Elser, aus dem Schwäbichen stammend, eine selbstgebastelte Zeit-Bombe im Münchner Bürgerbräu-Keller hinter dem Rednerpult Adolf Hitlers versteckt, die auch pünklich explodierte. Doch Hitler hatte seine Rede 13 Minuten früher abgebrochen, um rechtzeitig den Zug nach Berlin zu erreichen, da schlechtes Wetter den eigentlich dafür vorgesehenen Flug verhindert hatte. Elser wurde bald darauf gefasst, verhört, gefoltert und im April 1945 in Dachau hingerichtet, nachdem die Nazis lange Zeit vergeblich nach vermuteten Hintermännern gefahndet hatten. Das Bio-Pic des Münchner Regisseurs Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") ist jedoch recht bieder geraten. In vielen Rückblenden, während der brutalen Verhöre, erinnert sich Elser an die bescheidenen Verhältnisse, in denen er auf dem Dorf aufwuchs, an die unglückliche Ehe seiner Eltern, an seine grosse Liebe zu der verheirateten Elsa und an Freunde, die Kommunisten waren und von den Nazis in Konzentationslager gesteckt wurden. Langsam entwickelt sich der schwäbische Schreiner vom Pazifisten zum entschlossenen Bomben-Attentäter, unschuldig Opfer in Kauf nehmend, um das noch grössere Blutbad des heraufziehenden Krieges zu vermeiden. Christian Friedel verkörpert Elser als grossäugigen Lockenkopf, bleib dabei aber recht eindimensional, während Burghart Klaußner als verhörender Gestapo-Chef ein paar individuelle Züge zeigen darf. Zu den Produzenten des Film gehören mehrere Fernsehanstalten - dort ist dieser "Elser" sicherlich an der richtigen Stelle  plaziert.




VERGINE  GIURATA***
Hanna ist Waise und wird bei einer befreundeten Familie in den Bergen Albanien großgezogen - ganz im traditionellen Stil und Gesetz (Kanun), nach dem Frauen nur die Rolle der Dienerin zugebilligt wird. Dem kann Hanna entgehen, indem sie männliche Kleidung anzieht, die langen Haare abschneiden lässt, den Namen Mark annimmt und vor den versammelten Männern des Dorfes ewige Jungfräulichkeit schwört. Einige Jahre später, nach dem Tod ihrer Nenn-Eltern, verlässt Mark/Hanna die Berge Albaniens und zieht zu ihrer Nenn-Schwester Lila, die mit Mann und Tochter in Mailand lebt. Zwar ist Mark/Hanna nicht gerade willkommen, und sie hat Schwierigkeiten, sich in der modernen Großstadt zurecht zu finden. Besonders die ihr angenommene, bzw. auferzwungene Männlichkeit irritiert nicht nur ihre Umwelt, sondern vor allem sie selbst. Nur langsam löst sie sich, findet wieder - auch dank ihrer Schwester - zu sich selbst. Die italienische Regisseurin Laura Bispuri verfolgt der Weg Hannas sehr einfühlsam, in ruhigen Sequenzen und mit nur wenigen Dialogen. Symbolische aufgeladene Bilder sollen den geschlechtlichen Zwiespalt zeigen: etwa die vielen unterschiedlichen (halb-)nackten Körper in einem Hallenbad, in dem die Tochter der Schwester  am Training für Synchron-Schwimmen regelmäßig teilnimmt oder ein Bademeister, der ihr sexuelle Angebote macht. Die Irritationen der in einer anarchischen Welt aufgewachsenen Hanna in der modernen Welt Nord-Italiens  überzeugen, die sich anbahnende (glückliche) Lösung ihres Gender-Problems weniger.




CINDERELLA***
Optisch oppulente Verfilmung des bekannten Märchens mit Hilfe von Computer-Technik und Digital-Tricks. Gefällig und unterhaltsam, aber ästhetisch fragwürdig. Regisseur Kenneth Branagh erweist sich als souveräner Hollywood-Routinier, unter den Darstellern triumphiert in der Rolle der bösen Stiefmutter Cate Blanchett als elegante Salon-Megäre. Szenen-Applaus für die virtuos-komische Rück-Verwandlung von Cinderellas goldener Kutsche: Schlag Mitternacht zerfällt sie bei rasender Fahrt in ihre ursprünglichen Bestandteile: Kürbis, Mäuse und Echsen. Der Charme des Films besteht in der leichten (angelsächsischen) Ironie, mit der der gigantische Ausstattungs-Kitsch präsentiert wird.


TEN NO CHASUKE**
Die Engel in einem japanischem Himmel betätigen sich als teetrinkende Drehbuchautoren, die oft über die Verwirklichung ihrer Ideen in der realen Welt - wenn sie auf diese herabblicken - erschrecken. Um eine solche Idee - junges Mädchen wird von Auto überfahren - wieder gut zu machen, senden sie ihren Teeauschenker Chasuke auf die Erde, wo er mit weißen Flügeln durch die Markthallen von Okinawa wandelt - wie einst Bruno Ganz im "Himmel über Berlin". Dort rettet er nicht nur die stumme Schöne vor dem Autounfall, sondern prügelt sich auch blutig mit Gangster-Banden herum, oder  heilt mit seiner magischen Kraft Blinde und Lahme. Sogenannte 'philosophische' Possen (=Allerweltsweisheiten) und filmische Zitate beflügeln die turbulente Reise des himmlischen Sendboten durch Markthallen und Karaoke-Bars. Nette Grund-Idee, deren Witz sich jedoch sehr schnell erschöpft und in Albernheit ausartet.







SELMA****(Berlinale Special)
Eine zentrale Episode im Kampf von Martin Luther King um die rechtliche Gleichstellung der Schwarzen in den USA. Um ihr Wahl-Recht durchzusetzen, das trotz Gesetz im Staat Alabama durch allerlei Schickanen verhindert wurde, organisieren King, der kurz zuvor den Friedensnobelpreis erhalten hat, und seine Unterstützer im Sommer 1965 einen gewaltlosen Marsch von dem kleine Städtchen Selma nach Montgomery, der Hauptstadt des Bundesstaates. Die Polizei küppelt die Schwarzen brutal nieder, doch ist dank der landesweit ausgestrahlten Fernsehbilder und Zeitungsberichte die Empörung so groß, daß Präsident Lyndon B.Johnson den "Voting Right Act" unterschreibt. Der Film der schwarzen Regisseurin Ava DuVernay ist kein umfassendes Bio-Pic Martin Luther Kings, sondern konzentriert sich ausschließlich auf seine Beteiligung an den Vorkomnissen in und um Selma. Dabei gelingt es der Regisseurin vortrefflich, das historische Geschehen - den dreifachen Anlauf des Marschens - in opulenten, wenn auch unpathetischen Bildern zu zeigen und zugleich die Reflexionen, Strategien wie auch Selbstzweifel von King und  seinen Mitarbeitern deutlich werden zu lassen. Ausführliche Diskussionen mit seiner Ehefrau, mit gewaltbereiten Schwarzen oder dem amerikanischen Präsidenten verdeutlichen die vielschichtige historische Situation, deutet aber auch Folgen an, die bis heute virulent in den USA sind.  Grosses, engagiertes Kino im Hollywood-Stil - obwohl vom Studio nur unter "Indipendent"- Bedingungen (geringes Budget, keine Stars) produziert.  Ein schöner Erfolg: die Oscar- Nominierung als 'Bester Film'.





1984 gewann das ringende US- Brüderpaar Dave und Mark Schultz je eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Los Angeles. Danach sattelte der ältere Dave, der zugleich immer Mentor seines jüngeren Bruders Mark war, auf eine Karriere als Trainer um, heiratete und gründete eine Familie. Mark dagegen trainierte porfessionell weiter, in der Hoffnung auch an den nächsten olymischen Spielen 1988 in Seoul teilnehmen zu können. Eines Tages werden die Brüder von dem reichen Chemie-Erben John du Pont eingeladen, in dessen Privat-Ringer-Team "Foxcatcher" einzutreten und sich auf der luxuriösen Farm in Pennsylvania konzentriert auf die anstehende Weltmeisterschaft wie auf die kommenden olympischen Spiele vorzubereiten. Dave lehnt aus familiären Grunden zunächst ab, aber der allein lebende Mark nutzt sofort die Chance. Die etwas eigenwilligen Neben-Anforderungen des exzentischen Millionärs wie beispielsweise die Teilnahme an patriotischen Veranstaltungen nimmt er gelassen in Kauf. Nach den ersten Sporterfolgen und der damit verbundenen großzügigen Bezahlung von Seiten John du Ponts, entschliesst sich auch Bruder Dave als Trainer bei den "Foxcatchern" mitzuarbeiten, zumal du Pont ihm eine luxuriöse Unterkunft für Frau und Kinder auf dem Gelände der Farm anbietet. Doch als der Millionär sich immer mehr in die Arbeit der Brüder und des ganzen Teams einmischt, kommt es zu Spannungen, die sich zwar langsam, aber immer stärker aufbauen. Eifersüchteleien zwischen den Brüdern untereinander, überhebliche Arroganz von Seiten du Ponts steigern sich noch, als erste Niederlagen bei nationalen Vorkämpfen eintreten. Auch Drogen und Alkohol spielen eine ungute Rolle, die allgemeine Stimmung kippt um und führt zu Marks Entlassung. Als die pferde-närrische Mutter du Ponts stirbt und der ledige Sohn nun allein zum unumschränkten Herrscher über den Besitz und das ererbte Geld wird, kommt es zur Katastrophe...
Die Geschichte der Schultz-Brüder ist authentisch, wenn auch der Film sie sehr frei nacherzählt. Dem Regisseur Bennett Miller ("Capote";"Moneyball") gelingt es nicht nur, die drei Hauptfiguren in ihrer Unterschiedlichkeit psychologisch genau zu zeichnen, sondern auch das gesellschaftspolitische, amerikanische Umfeld lebendig werden zu lassen. Und zwar nicht im historischen Sinn, sondern in Denkmustern und Verhaltensweisen, die von ihrer jeweiligen Zeit unabhängig sind. Spiel, Spaß und Sportbegeisterung sind die eine Seite, gesteigerter Körperkult,  unterdrückte Sexualität, Abhängigkeit von Pillen und Geldgebern können die andere, die dunkle Seite dieser Medaille sein. Mehrfach zeigt der Film seine Figuren aus größerer Entfernung: man sieht sie gestikulieren und reden, kann aber nicht hören, was sie sagen. So überlässt es der Regisseur dem Betrachter, selbst zu erkennen oder zu deuten, was die Bilder über den Charakter der Handelnden aussagen. So wirken die Personen nicht einseitig oder überdeutlich durch-psychologisiert und  erscheinen - was ihre Handlungen oder Antriebe betrifft - vielschichtig und komplex.
Musik wird sehr zurückhaltend eingesetzt, unterstreicht vor allem die Szenen, deren Atmosphäre angespannt oder düster ist. Mit großer Rafinesse werden Details gestaltet: die packenden, virtuos fotografierten  Ring-Kämpfe im Trainingslager oder der olympischen Sportarena; das ländlich-einfache, aber fröhliche Familienleben Daves im Kontrast zur kargen Lebensweise Marks in einem schäbig-schlichten Appartment; der pompöse, weitläufige Landsitz der du Ponts mit seinen wertvollen Möbeln und Gemälden (darunter eine Kopie der amerikanisch-patriotischen Bild-Ikone "Washington überquert den Delaware") oder die geschickt eingefügten alten, schwarz-weissen Dokumentarfilm-Schnipsel einer hochherrschaftlichen Fuchsjagd, die später zum Namengeber für Farm und  Ringer-Team wurde.
Brillant ist das Darsteller-Ensemble - bis in die kleinste Nebenrolle treffend besetzt. Channing Tatum überzeugt als gut gebauter, sportlich fitter, aber geistig etwas schlichter Mark, während Mark Ruffalo als sein älterer Bruder Dave vor allem familiäre Herzlichkeit ausstrahlt. Mittelpunkt ist jedoch der amerikanische Komiker Steve Carell, der mit markanter Film-Nase den exzentrisch-exaltierten Millionär du Pont spielt - eine Neurotiker von hohen Graden hinter der Maske eines großzügigen, weltgewandtem Wohltäters. Als bester männlicher Darsteller für eine Hauptrolle ist er für den diesjährigen Oscar vorgeschlagen, ebenso wie Mark Ruffalo für die beste männliche Nebenrolle und Bennett Miller als bester Regisseur.
'Happy End' für eine erfolgreiche "Foxcatcher"-Mannschaft?

Poster/Verleih: Koch Media

zu sehen: CineStar SonyCenter (OV); Filmkunst 66 (dt.); Hackesche Höfe Kino (OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt.und OmU); Rollberg (OmU)


Vor gut 25 Jahren wurde der (fiktive) Schauspieler Riggan Thomson (Michael Keaton) berühmt: als "Birdman" in der gleichnamigen Horrorfilm-Serie. Danach ging's bergab - nur noch kleine Auftritte waren ihm vergönnt. Jetzt versucht er einen Neuanfang am New Yorker Broadway: als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in der Dramatisierung einer Kurzgeschichte von Raymond Carver als Vier-Personen-Stück. Doch wenige Tage vor der Premiere fällt durch einen Bühnen-Unfall der zweite Schauspieler neben Riggan aus. Glücklicherweise taucht schnell ein Ersatzmann auf - der exzentrische Mike (Edward Norton), der auf der Bühne zwar brilliert, aber hinter den Kulissen sich als anmaßender Nervtöter erweist, und der sofort Riggans Tochter Sam (Emma Stone), die gerade einen Drogenentzug hinter sich hat, anbaggert. Eine der Schauspielerinnen (Andrea Riseborough) eröffnet dem schon total entnervten Riggan, daß sie ein Kind von ihm erwartet - was aber nicht stimmt - , die andere (Naomi Watts) hat Probleme mit dem Einspringer Mike und die Exgattin (Amy Ryan) erscheint immer zum unpassendsten Augenblick in der Garderobe. Daß in einem solchen Theater-Toll-Haus kurz vor und nach der (erfolgreichen) Premiere bei Riggan die Stränge reißen und er wie einst als Birdmann zu fliegen beginnt, verwundert kaum...
"Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)" -so der Originaltitel - ist eine der bei Schauspielern wie beim Publikum so beliebten "Backstage-Comedys", in der es immer um Eitelkeit und Selbtüberschätzung, um wahre und falsche Gefühle, um Sein und Schein im Film oder auf der Bühne geht. Mal tragisch, mal grotesk. Vor allem Hollywood liebt solche Stoffe - dennoch verwundert es zunächst, daß ein Film-Autor und Regisseur wie der Mexikaner Alejando Gonzáles Inárritu, dessen Filme ("Babel","Biutiful") bisher eher von Tod und Gewalt handelten, sich auf dieses "Theater-auf-dem-Theater"-Spiel einlässt.
Das Ergebins: eine turbulente, dralle und temporeiche Komödie mit Dialogen voll zugespitzer und ironischer Pointen über die amerikanische Film- und Theater-Welt, witzig vor allem für deren Kenner und Liebhaber, ein ebenso kunstvoller wie künstlicher Spaß.
Doch Inárritu hat keine beissende oder böse Satire gedreht - wie manche Kritiker meinen -, da hat Hollywood schon viel schärfere und agressivere Filme hervorgebracht. Vielmehr besteht der überwältigende Reiz von "Birdman" in seiner Form: elegant gleitet die Kamera (Emmanuel Lubezki) durchs New Yorker St.James-Theater (echt oder Kulisse?), durch seine Gänge und Garderoben, seine Bühne und Werkstätten, auf seinen Dachbalkon und seinen Hinterhof; schwenkt nach rechts, schwenkt nach links und vermittelt so den Eindruck, der gesamte Film bestehe (ohne Schitt) aus einer einzigen Kamerafahrt. Im Schlußteil beginnt Riggan tatsächlich wie sein geheimes Alter Ego Birdman zu fliegen, über den Times Square, durch die engen Hochhausschluchten bis auf die höchsten Dächer - magisch mischt sich Realistisches mit Fantastischem.
Und so bleibt auch das Ende offen, wenn Riggan, für den die Premiere mit einer zerschossenen Nase endete, im Krankenhaus nach der Operation sein Bett verlässt und durchs Fenster aus dem Film entschwindet: Traum oder Tragödie?
Das alles wird mit größter Leichtigkeit erzählt, heiter und ironisch, getragen von einem exzellenten Schaupieler-Ensemble, allen voran Michael Keaton, der tatsächlich "Birdman" im Film von 1989 war, und der sich nun in den Komödianten Riggan Thomson mit überschäumendem Spiel-Temperament verwandelt. Der diesjährige Oscar dürft ihm sicher sein.
Und wahrscheinlich hält Hollywoods Motion-Academy noch ein paar andere Exemplare dieses Goldjungen für Inárritus raffinierte Komödie bereit, die so zitatenreich und locker zwischen Fiktion und Realität, zwischen Schein und Sein in der Filmbranche changiert.

Poster/Verleih: Fox Deutschland

zu sehen: Astor Film Lounge; Babylon Kreuzberg (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineStar Sony Center (OV); Delphi; Titania Steglitz; fsk (OmU), Hackesche Höfe Kino (OmU); International (dt.und OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Odeon (OmU); Rollberg (OmU); Yorck