"Enigma" wurde eine kleine Maschine genannt, mit der im 2.Weltkrieg die deutsche Wehrmacht ihre telegraphisch übermittelten Truppenbefehle verschlüsselte. Ein Exemplar dieser Maschine fiel in die Hände des britischen Geheimdienstes, der zunächst vergeblich versuchte, den Code und damit die geplanten Truppenbewegungen und Angriffsziele der Deutschen zu dechiffrieren. Auf einem verborgenen Anwesen südlich von London gelang es schließlich einer Gruppe englischer Wissenschaftler unter Anleitung des Spitzen-Mathematikers Alan Turing eine raumfüllende Monster-Maschine zu bauen, die wie ein analoger "Computer" funktionierte und die deutschen Kriegsdepeschen entschlüsseln konnte. Diese Erfindung musste aber streng geheim bleiben, damit die deutsche Wehrmacht nicht bemerkte, dass die Briten - und damit die Alliierten -  über ihre militärischen Pläne informiert waren. Historiker sind heute der Meinung, dass die von Turing entwickelte Maschine den 2.Weltkrieg stark abgekürzt hat.
Um diese Geschichte der Enigma-Entschlüsselung filmisch aufzubereiten, stellen der norwegische Regisseur Morten Tyldum  und sein Drehbuch-Autor Graham Moore - nach einer Buchvorlage - die Figur des Alan Turing (Benedict Cumberbatch) in den Mittelpunkt und gestalten ein auf drei Zeit-Ebenen erzähltes, opulentes Bio-Pic.
1. Turing als von seinen Mitschülern gehänselter Einzelgänger im Internat, dessen einziger und angeschwärmter Freund Christopher an Tbc stirbt; 
2. Turing als exzentrischer und arroganter Jung-Wissenschaftler, der sich bei der geheimen Enigma-Entschlüsselungs-Suche zunächst mit allen Vorgesetzten und Mitarbeitern anlegt, bis durch Vermittlung der einzigen Frau im Team, der jungen Mathematikerin Joan Clarke (nett: Keira Knightley), die Arbeits-Harmonie und damit auch der Erfolg hergestellt wird; 
3. Turing als älterer Uni-Professor, der Anfang der 1950er Jahre wegen seiner Homosexualität verurteilt und vor die Wahl gestellt wird: Gefängnis oder chemische Therapie. An deren Folgen physisch und psychisch erkrankt, endet er durch Selbstmord.
Alle drei Zeitebenen werden teils klug und erhellend, teils etwas plump und abrupt verschachtelt - wobei die Erfindung und der Bau des frühen "Computers" den Großteil des Film ausmacht - durchaus spannend nach den bewährten Regeln des konventionellen (Hollywood-)Kinos in Szene gesetzt. Und (leider!) mit pompös-kitschigem Musik-Sound untermalt. Daß die historische Wahrheit, auf die der Film sich im Vorspann ausdrücklich beruft, in den Details einige Federn lassen muss, versteht sich bei einer solch üppig-farbigen Film-Biographie von selbst - und stört auch nicht weiter!
Was "The Imitation Games" jedoch auszeichnet und über einen gefälligen, gut gemachten Unterhaltungsfilm hinaushebt, ist die schauspielerische Leistung von Benedict Cumberbatch als Alan Turing. Er zeigt das mathemathische Genie als einen unangepaßten, in sich selbst zurückgezogenen Mann, der zugleich sehr scharf die ihn umgebende Gesellschaft durchschaut, witzig und schlagfertig auf ihre oft unüberlegten oder oberflächlichen Sprüche und Handlungen reagiert, der aber auch an seiner Vereinsamung leidet - ohne sich dies selbst einzugestehen. Seine Homosexualität, die bildlich im Film nie gezeigt wird, dürfte diese Charakterzüge des Andersartigen und Isolierten bedingt oder zumindest verstärkt haben. Bewundernwert vor allem, mit welcher Intensität und Diskretion zugleich Benedict Cumberbatch dieses vielschichtige Portät zeichnet und wie er der Figur trotz ihres oft verletzten und verletzenden Stolzes und der daraus folgenden schroffen Extravaganz dennoch ihre tiefsten Geheimnisse belässt.
Die Nominierung als bester Darsteller für den diesjährigen Oscar ist eine schöne Anerkennung dieser herausragenden Leistung.

Poster/Verleih: SquareOne Entertainment

zu sehen u.a.: Capitol Dahlem; Cinema Paris; CinemaxX Potsdamer Platz; Titania Palast Steglitz; Cubix Alexanderplatz; CineStar Sony Center (OV); CineStar Tegel; CineMotion Hohenschönhausen; Filmtheater am Friedrichshain; Hackesche Höfe Kino (OmU); International; Kino in der Kulturbrauerei (OmU undd dt.); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); Passage Neukölln; Colosseum; Zoo-Palast

Sechs - nicht miteinander verbundene - Geschichten aus der Millionenstadt Buenos Aires und ihrer Umgebung, sechs Berichte über Rache-Aktionen - böse und grotesk.
Ein gescheiterter Künstler lädt unter falschem Namen Bekannte, die ihm einst seiner Meinung nach Übles antaten, zu einem gemeinsamen Flug ein. Der Zielort ist offen...
Die Kellnerin in einem Imbiss-Lokal erkennt im einzigen Gast an diesem Abend den Finanzhai, der ihre Familie in den Ruin trieb. Die rabiate Köchin empfiehlt Rattengift...
Ein arroganter Autofahrer überholt auf einsamer Landstrasse einen kleinen, alten Transporter und verhöhnt dessen muskelbepackten Fahrer. Ein Kampf der männlichen Leidenschaften beginnt...
Einem erfolgreicher Sprengmeister wird während des Einkaufes einer Geburtstagstorte für seine kleine Tochter das Auto abgeschleppt, obwohl die Halteverbots-Markierung nicht (mehr) zu erkennen war. Mehrere emotionsgeladene Behördengänge folgen...
Der Sohn reicher Eltern verursacht nachts einen Auto-Unfall und begeht Fahrerflucht. Die Eltern versuchen ihn vor der Justiz zu retten und mit viel Geld, Hausmeister, Anwalt und Polizei zu bestechen. Doch das scheinbare Einvernehmen wird schnell brüchig...
Eine Braut entdeckt auf ihrer pompösen Hochzeitsfeier, dass ihr Zukünftiger sie mit einer der eingeladenen weiblichen Gäste betrogen hat. Ein wilder Walzer wird angestimmt...
Fünf dieser Storys enden tödlich oder makaber, nur die Hochzeits-Party findet nach einer ausladenden Haus- und Saalschlacht einen halbwegs versöhnliches Ende...
Der argentinische Regisseur Damián Szifrón (39), der auch sein eigener Drehbuch-Autor ist, erzählt die sechs Episoden als überdrehte, schwarze Grotesken mit leich surrealem Einschlag - wobei dem Zuschauer das Lachen am jeweiligen Ende im Halse stecken bleiben soll.
Kamera (Javier Julia) und Schnitt (Pablo Barbieri Carrera) sorgen dabei für die passenden schrägen Blicke und Perspektiven, Musik und Wortwitz tun ein Übriges, das Komische mit dem Blutigen effektvoll zu mischen.
Kraftvoll-satirisch spiegeln sich nationale wie allgemeine gesellschaftliche Verhaltensweisen in diesen "wilden Geschichten" über soziale Ungleichheit, überbordende Bürokratie, menschliche Überheblichkeit, Eitelkeit und Korruption. Getragen von einem grossen (und in Südamerika prominenten) Darstellerensemble, das mit viel Lust und Temperament die unterschidlichsten Typen und Charaktere aufeinanderprallen lässt: Menschen zwischen Tragik und Lächerlichkeit.
Es ist ein vergnügliches Spektakel, ein grell-bunter Käfig voller heutiger Alltags-Narren.
Filmisch sehr attraktiv präsentiert, unterhaltsam und kritisch zugleich -
nicht zufällig gehört zu den Produzenten dieser giftigen Komödie der spanische Regisseur Pedro Almodovár - nomen est omen...
PS. Der für die deutsche Synchonfassung hinzugefügte Untertitel "Jeder dreht mal durch" trifft den Witz des Films kaum und  zielt wohl eher auf ein Publikum, das nur plattes Schenkelklopfen erwartet.
Poster/Verleih: Prokino Filmverleih
zu sehen: Babylon Kreuzberg (OmU); Hackesche Höfe Kini (OmU); International (OmU und dt.); Kino in der Kulturbrauerei (OmU und dt.); Odeon (OmU); Delphi; Yorck-Kino


Ein abgelegenes Dorf in Kappadokien, dem pitoresken Herzen der Türkei. Aydin (Haluk Bilginer), der lange Zeit als Schauspieler in Istanbul lebte, ist nach dem Tod seiner Eltern in seinen Geburtsort zurückgekehrt. Mit seiner jüngeren Frau Nihai (Melisa Sözer) betreibt er ein kleines, hübsches Hotel und verwaltet nebenbei weitere ererbte Immobilien. Ausserdem lebt seit kurzem seine frisch geschiedene Schwester Necla (Demet Akbag) ebenfalls im höhlenartigen, luxuriösen Hotel. Alle Geschäfts- und Verwaltungsarbeiten überlässt Aydin jedoch seinen Angestellten, denn er widmet sich überwiegend seiner Lieblingtätigkeit, dem Schreiben: verfasst zeit- und gesellschaftskritische Kolumnen für eine Lokalzeitung, bereitet ein Buch über die Geschichte des türkischen Theaters vor. Seine Frau Nihai engagiert sich dagegen für Soziales, organisiert mit Gleichgesinnten eine Sammlung zugunsten der maroden Dorfschule.
Als der Winter (und auch der Film) beginnt, verlassen die letzten Touristen das Hotel - es wird einsam um Aydin und seine kleine Familie. Doch als es zu Streitigkeiten mit den Mietern einer seiner Immobilien kommt, da diese mit Zahlungen im Rückstand sind, weitet sich dieser nebensächliche Konflikt zur grossen Auseinandersetzung zwischen dem zunächst charmanten und jovial auftretenden Aydin und den beiden Frauen aus. Denn sowohl Ehefrau wie Schwester versuchen, ihn als in Wahrheit selbstgerechten und bornierten Macho zu entlarven - in zwei getrennten, langen und scharf geführten Auseinandersetzungen. Regelrechte Zimmerschlachten, in denen sich alle drei mit moralischen Argumenten zu verteidigen und zu rechtfertigen oder den anderen zu verletzen versuchen - am Ende packt Aydin seinen Koffer und lässt sich von seinem Hausmeister durch die stark verschneite Landschaft zum entfernten Bahnhof fahren. Doch zu einem neuen Leben im fernen Istanbul hat er nicht mehr die Kraft - reumütig, etwas kleinlaut - und auch ein bisschen selbstkritisch - kehrt er nach Hause zurück, wo ihn Nihai, ebenfalls zweifelnd und ratlos, erwartet -  zumal auch sie mit ihrem sozialen Engagement zumindest teilweise gescheitert ist. Der Schnee bedeckt meterhoch die kappadokische Landschaft, physisch und psychisch herrscht Winterschlaf.
Die Inzenierung von Nuri Bilge Ceylan entfaltet ganz langsam und ruhig die Charaktere der drei Hauptfiguren Aydin, Nihai und Necla, vermeidet dabei alles Plakative und belässt den Figuren ihre Ambivalenz. Dabei bleiben ihre Handlungen und Argumente für den Zuschauer immer nachvollziehbar und einsichtig, auch wenn sie problematisch oder ungerecht ausfallen. Mal herrscht ein trocken-ironischer Ton vor, mal schleicht sich tragisch-gestimmtes Pathos ein. Kontrastiert werden diese seelisch-moralischen Wort-Schlachten der begüterten Protagonisten durch bildmächtige Szenen in der Natur, wie zum Beispiel das Einfangen wilder Pferde, oder im kargen Haushalt der verschuldeten Mieter-Familie, wo die Armut immer wieder körperliche Gewalt provoziert.
Die Schauspieler sind als Typen vortrefflich  ausgewählt, lassen aber durch ihr nuanciertes Spiel alles Nur-Typische weit hinter sich und überzeugen als vielschichtige und psychologisch differenzierte Charaktere.
Nuri Bilger Ceylan hat für dieses Winter- und Seelen-Drama in Cannes 2014 die Goldene Palme errungen. Verdient. Doch der 196 Minuten dauernde Film mit seinen beiden breit  ausgespielten Dialogszenen im Mittelpunkt (die stark an das Theater eine Tschechow oder Albee erinnern) fordert vom Kino-Publikum einige Bereitschaft zu geduldigem Zuschaunen, wie zu konzentiertem Hinhören.
PS: Man kann die Geschichte auch als Parabel auf den aktuellen, (gesellschafts-) politischen Zustand der Türkei lesen, doch gibt es im Film selbst keine direkten Hinweise auf eine solche Deutung.

Poster/Verleiher: Weltkino Filmverleih

zu sehen: b-ware! ladenkino (OmU und dt.); fsk (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Filmtheater am Friedrichshain (dt.); Kant-Kino (dt,)


Der gerade 85 Jahre alt gewordene Amerikaner Frederick Wiseman zählt zu den bedeutensten Dokumentarfilmern des internationalen Kinos. Eine Justizanstalt für verhaltensgestörte Gefangene, die Intensivstation eines Krankenhauses, die Arbeit von Polizeibeamten in Kansas City oder - zuletzt - das Ballett der Pariser Oper waren Themen seiner mosaik-artigen Film-Beobachtungen. Sein Markenzeichen: Verzicht auf jeglichen gesprochenen Kommentar,  keine erklärenden Interviews, der Zuschauer soll sich seine eigene Meinung über das Gezeigte bilden. Allein die Auswahl der Bilder, Schnitt und Montage lassen gelegentlich einen kritischen Subtext erkennen.
Im Winter 2012 filmte Wiseman mit kleiner Crew den Alltag in der Londoner National Gallery, einem der reichsten und poplärsten Gemälde-Tempel der Welt. Er zeigt die grossen Publikumsscharen vor den (überwiegend älteren) Bildern, lässt in den Verwaltungsbüros über Marketing und Budget diskutieren, verfolgt die geduldige Arbeit der Restauratoren oder begleitet die umfangreichen Vorbereitungen für Sonderausstellungen über Leonardo da Vinci oder William Turner.
Im Mittelpunkt der 3-stündigen Dokumentation stehen jedoch die grossartigen Ausstellungsführer und Museumspädagogen, die mit viel ansteckendem Enthusiasmus und plastischen Worten dem überwiegend stumm zuhörendem Publikum die Werke eines Tizian, Rembrand oder Rubens erläutern und nahebringen. Und denen es so gelingt, die Kluft zwischen den alten Bildern und dem Lebensgefühl ihrer heutigen Bewunderer ebenso überzeugend und wie nachvollziehbar zu überbrücken.
Besonders eindrucksvoll sind jene Filmsequenzen, in denen Wisemann und sein exzellenter Kameramann John Davey die Gesichter der gemalten Porträts mit den Großaufnahmen ihrer unterschiedlichen Betrachter konfrontiert - und hiermit sowohl den Zauber wie auch die verblüffende Lebendigkeit der alten Bilder sichtbar werden lässt.
Vielleicht ist mancher Einblick vor oder hinter den Kulissen dieses bedeutenden Museums allzu ausführlich geraten, auch erschliesst sich nicht immer die Bedeutung jeder Szene, wie zum Beispiel das Entrollen eines Protest-Plakates an der Aussenfront des Museums (Umwelt-Aktivisten ? wogegen?). Dennoch: ein ebenso kluger wie eleganter Blick in die Welt der Bildenden Kunst und in eine ihrer grössten und bedeutensten Schatzkammern.
Poster/Verleih: Kool
zu sehen: Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; fsk; Odeon (alle OmU)

Frankfurt am Main 1958. Ein Auschwitz-Überlebender erkennt in einem Schullehrer seinen ehemaligen Peiniger. Mit Hilfe eines befreundeten Journalisten der "Frankfurter Rundschau" erstattet er Anzeige. Doch die Staatsanwaltschaft mauert: keine Zeugen, keine Beweise und überhaupt alles verjährt. Nur der junge Staatsanwalt Johannes Radmann (Alexander Fehling) beginnt - zunächst auf eigene Faust - zu recherchieren: über den Lehrer, über Auschwitz - und stößt auf eine Mauer des Schweigens und heftiger Ablehnung. Durch empörte Artikel des FR-Journalisten wird der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (eindrücklich in seiner letzten Rolle der Theaterschauspieler Gert Voss) aufmerksam und beauftragt Radmann offiziell mit Vorbereitungen zu einem Prozess. Nicht über die Hauptverantwortlichen der Judenvernichtung wie Eichmann oder Mengele, sondern über die Mitläufer und Mittäter, 8000 Männer und Frauen waren es allein im  Vernichtungslager Auschwitz.  Mehrjährige Recherchen erfolgen, Zeugen werden in aller Welt gesucht und befragt, die Täter, so noch auffindbar, ausfindig gemacht und angeklagt. Für Radmann und seine Helfer eine überaus komplizierte und belastende Aufgabe, erschwert durch Pannen und Niederlagen, die nur durch die schützende Hand Fritz Bauers erfolgreich bewältigt werden konnte - und 1963 zum ersten Auschwitz-Prozess im Frankfurter Römer führte. Prozesse, die erstmals den ganzen Umfang des Holocausts (ein damals noch ungebräuchliches Wort) ins öffentliche Bewusstsein der Bundesrepublik rückte.
Der in Deutschland lebende, italienische Schauspieler, Produzent und Regisseur Giulio Ricciarelli hat einen Spielfilm inszeniert, der die historischen und juristischen Ereignisse sorgfältig recherchiert und nacherzählt. In den Mittelpunkt stellt er die Figur des jungen Staatsanwalts Johannes Radmann, dem jedoch viel Fiktives hinzugefügt wird. So machen eine (fast) in die Brüche gehende Liebesgeschichte und die schmerzliche Erkenntniss, dass auch seine Eltern Partei-Mitglieder im Dritten Reich waren - eine Erfahrung, die ihn fast aus der Bahn wirft - Radmann zur menschlichen Identifikations-Figur des Films. Mit seine Augen soll ein grosses, auch internationales Kino-Publikum die politische und gesellschaftliche Zeit des "Wirtschaftswunders" und die bewusste Verdrängung der Nazi-Vergangenheit erkennen und nacherleben. Radmann wird zum " Helden", der sich bewähren muss und der wie in fast jedem konventionellen Kino-Epos einen Reife-Prozess durchmacht, um an dessen Ende einen glücklichen Ausgang zu erleben - hier steht der Beginn des Auschwitz-Prozesses stellvertretend für ein solches "Happy End".
Sehr sorgfältig in Atmosphäre und Ausstattung sind diese späten 1950er Jahre und das damalige Lebensgefühl rekonstruiert, eine Reihe guter Schauspieler verleihen dem historischen Drama überzeugende Eindringlichkeit.
Und doch bleibt die Frage offen, ob angesichts der Ungeheurlichkeit von Auschwitz es nicht einen unkonventionelleren, cineastischeren Zugriff auf dieses Thema gibt als diese herkömmliche, von gefühlstriefender Musik untermalte Bebilderung der Vorgeschichte der Frankfurter Prozesse. Doch: sind solche ästhetisch-intellektuellen Fragen angebracht, wenn es darum geht, ein nach wie vor schmerzliches Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte für möglichst viele Zuschauer  verständlich aufzubereiten ?

Poster: Universal Pictures Germany

zu sehen: Blauer Stern Pankow; Bundesplatz-Kino; Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Zoo-Palast

Die Industrie-Gegend um das belgische Lüttich. Sandra arbeitet in einer mittelständischen Solarzellen-Fabrik. Als sie wegen Krankheit längere Zeit ausfällt, beschliesst der Firmenchef, ihren Arbeitsplatz einzusparen und durch einige Überstunden der Kollegen zu kompensieren. Zusätzlich verspricht er dem Dutzend Mitarbeiter eine einmalige Bonus-Zahlung von 1000 Euro, falls sie mittels einer Abstimmung mit Sandras Entlassung einverstanden sind. Natürlich entscheidet sich die Mehrheit für das Geld.
Zusammen mit Sandra erreicht eine Freundin und Kollegin an einem Freitagnachmittag, dass diese Abstimmung am kommenden Montagmorgen wiederholt werden muss, da der Vorarbeiter anlässlich der Abstimmung falsche und negative Gerüchte über Sandas Gesundheitszustand und Arbeitsleistung verbreitet hat. Jetzt hat sie übers Wochenende ("zwei Tage, eine Nacht") Zeit, zu versuchen, die Kollegen zu überreden, für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes zu stimmen - auch wenn ihnen deshalb die 1000 Euro entgehen.
Zunächt ist Sandra verzweifelt und will resignieren. Aber die Freundin und vor allem ihr Mann ermutigen sie und helfen - so gut sie können - ihr bei den demütigenden Bittgängen. Bei einigen Kollegen hat sie Erfolg, andere weisen sie ab. Manchmal will Sandra aufgeben, aber immer wieder findet ihr Mann eine mutmachende Geste oder erfährt sie bei einem Kollegen aufbauende Solidarität. Die Abstimmung am Montag geht zwar unentschieden aus, aber Sandra hat durch die teils bitteren, teils unerwartet positiven Erfahrungen (mit ihrer Familie, mit einigen Kollegen) innere Kraft und Stärke gewonnen. Ein Neuanfang scheint möglich.
Obwohl der Plot etwas mechanisch wirkt - nämlich eine gleichförmige Abfolge von knapp einem Dutzend hintereinander stattfindenden Besuchen Sandras bei den unterschiedlichen Kollegen -  gelingt es dem für Buch und Regie verantwortlichen, belgischem Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne daraus einen sehr spannenden und kurzweiligen Sozial-Thriller zu gestalten.
Wobei der kritische Blick auf das kapitalistische Wirtschaftssystem und den ökonomischen Druck, der oft zur Rationalisierung von Arbeitsplätzen mit schlimmen sozialen Folgen führt, nur am Rande eine Rolle spielt.
Es geht vielmehr um eine filmisch gedachte Reise zu sehr unterschiedlichen Menschen, zu ihrer Arbeitswelt, in ihre Wohnungen, zu ihren Freizeitbeschäftigungen: Arbeiter, die für ihren bescheiden Wohlstand hart ackern müssen. Es sind Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Kulturen, in Temperament wie Haltung sehr verschieden. Ein Kollege braucht das Geld dringend für das Studium seiner Tochter, eine Kollegin richtet sich gerade eine neue Wohnung ein, eine andere lässt sich durch ihre Tochter verleugnen. Ein Schwarzer fürchtet, keine Vertragsverlängerung zu bekommen, wenn er nicht für den Wegfall von Sandras Arbeitsplatz stimmt, ein anderer, ebenfalls Ausländer, schämt sich unter Tränen und verspricht, am Montag für Sandra zu stimmen.
Unerwartete Auswirkung löst Sandras Besuch bei einer Kollegin aus, deren Lebensgefährte sich so brutal und ablehnend verhält, dass diese Kollegin sich von ihm trennt.
Alle Personen ausser Sandra und ihrem Mann treten nur kurz auf, aber es gelingt den Brüdern Dardenne, alle schwarz-weisse Typologie zu vermeiden und sttdessen sehr präzise, menschliche Porträts der einzelnen Personen zu zeichnen, ohne jede moralische Überlegenheit. Und dank der hervorragenden schausspielerischen Leistung und filmischen Präsenz des französischen Stars Marion Cotillard wird auch Sandra zu einer anrührenden und bewegenden Figur mit psychologisch vielschichtigen Facetten.
Der exzellent fotogarfierte, auch raffiniert geschnittenen Film erzählt zunächst eine spannende Geschichte in der heutigen Welt westlicher Industrie-Arbeiter. Sein eigentliches Thema jedoch sind Fragen: Was bedeuten heute Solidarität oder gegenseitige Hilfe - unter Familien, unter Freunden, unter Kollegen? Wie weit kann, darf,  muss sie gehen oder gefordert werden?  Ist sie ein moralischer Wert an sich oder nur eine pathetische und verzichtbare Formel?
Ein diskussionswertes, kleines Meisterwerk - wenn auch mit ein paar (dramaturgisch bedingten) Abstrichen.

Foto/Poster: Alamode Film

zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Eiszeit (OmU); fsk (OmU); Bundesplatz-Kino (dt.und OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Kino in der Kultubrauerei; New Yorck

Mr.Turner - der in der deutschen Fassung den Untertitel "Magier des Lichts" erhalten hat - ist ein kleiner, untersetzter Mann, nicht gerade attraktiv oder sympathisch. Er wirkt ältlich und kauzig und reagiert auf Fragen oft nur mit knurrenden oder grunzenden Lauten, deren Bedeutung erraten werden muss. Er ist - zu Beginn des Films - schon ein anerkannter Maler, seine Bilder - überwiegend weite Landschaftsräume vor dunstig leuchtenden Himmeln -  hängen in der Royal Academie, und adlige Gönner besuchen ihn immer wieder in seinem Londoner Atelier. Dabei lebt er in bescheidenem Wohlstand, hat sich von seiner Frau und den Töchtern getrennt, geht viel auf Reisen aufs europäische Festland oder wandert durch England. Sein alter Vater, ursprünglich ein Barbier, sowie eine ergebene Haushälterin, die Turner gelegentlich auch zur sexuellen Triebabfuhr dienen muss, wohnen mit ihm zusammen, helfen und unterstützen ihn bei der Arbeit, kaufen Mal-Utensilien, ziehen Leinwände auf, mischen Farben.
Bei einer seiner Reisen an die engliche Küste, findet er Unterkunft bei der Witwe Pooth in Margate, lernt die freundliche Frau schätzen und lieben und zieht - einige Jahre später - mit ihr zusammen, während das Atelier in London nach dem Tod des Vaters allein von der braven Haushälterin betreut wird. Es ist die Zeit der grossen Umbrüche: die Industriealisierung breitet sich aus, Dampf- ersetzten Segel-Schiffe, Eisenbahnen verbinden Hauptstadt und Grafschaften.
Turners Bilder werden immer abstarkter, verändern sich zu atmosphärisch-schillernden Farbflächen, die die realen Vorlagen nur noch erahnen lassen - sehr zum Missfallen seiner Malerkollegen, Freunde und Gönner. Die noch junge Königin Viktoria wendet sich bei einem Akademiebesuch entsetzt ab, auf Theaterbühnen wird Turners Kunst dem Gelächter eines konservativ-spiessigen Publikums preisgegeben. Dennoch arbeitet er weiter. Ein amerikanisches Angebot, seine gesamten Bilder gegen einen hohen Preis aufzukaufen, schlägt er aus: seine Werke sollen nach seinem Willen zum grösstmöglichen Teil in Grossbritannien bleiben, öffentlich und kostenlos für jeden Bürger ausgestellt werden. Allmählich machen sich Alter und Krankheit bemerkbar - umsorgt und betreut von seiner Gefährtin stirbt Turner 1851.
Dem Regisseur Mike Leight gelingt (bestens unterstützt von seinem Kameramann Dick Pope) ein hinreissendes Porträt des britischen Malers, das einerseits einen "normalen" Durchschnitts-Bürger seiner Zeit, andererseits das weit in die Zukunft weisende Genie eines grossen Künstlers sichtbar zu machen vermag. Der Film reiht überwiegend dokumentierte Szenen aus den letzten 25 Jahren des Lebens von William Turner aneinander, ein ruhiger, aber raffiniert geschnittener Bilderbogen, szenisch und optisch ungemein detailreich und im Farbbild ganz der delikaten Palette des Malers verpflichtet. Musik wird nicht gefühlvoll untermalend, sondern als spröder, akkustischer Kontrast eingesetzt.
Das bis in die kleinste Nebenrolle exzellent besetzte Darsteller-Ensemble wird angeführt von Timothy Spall in der Titelrolle, der dafür beim diesjährigen Festival von Cannes als bester männlicher Schauspieler ausgezeichnet wurde - ebenso überzeugend als skuril-kauziger, aber  durchaus pfiffiger Londoner Bürger wie als selbstbewust-genialer Künstler, der sich in seiner Kunst durch Nichts beirren lässt.
Mike Leigh gelingt mit diesem "Mr.Turner" eine liebevolle, filmische Biographie, die weder gefälliger Kostüm-Schinken noch verklärende Hagiographie ist , sondern das Porträt eines echten, lebensprallen Menschen zeichnet (samt seiner dunklen Seiten), seiner künstlerischen Kraft und seines zukunftweisenden Werkes. Auch wenn in diesem England des 19.Jahrhunderts die Sonne - strahlend oder verhangen - vielleicht etwas zu häufig scheint.

Foto/Poster: Prokino Filmverleih

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Cinema Paris (dt und OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); CinemaxX Sony Center;  Kino am Friedrichshain



1915, eine armenische Gemeinde im Süden der (noch osmanischen) Türkei. Nazaret, der Dorfschmied, wird eines Nachts von türkischen Soldaten rekrutiert und mit anderen Männern des Orts zu harter Arbeit beim Bau einer Wüstenstrasse gezwungen. Später werden diese wie Sklaven behandelten Männer brutal umgebracht. Nazaret hat Glück im Unglück, ihm weden nur die Stimmbänder, nicht die Kehle wie bei den anderen durchschnitten. Stumm flieht er in die Wüste, trifft auf ein zerstörtes Lager, in dem die türkischen Militärs armenische Frauen, Männer und Kinder grausam verdursten und verhungern lassen. Im syrischen Aleppo wird Nazaret von einem mitfühlenden Kaufmann aufgenommen und erfährt durch Zufall, dass seine beiden Zwillingstöchter den Genozid überlebt haben und jetzt in einem libanesischen Waisenhaus leben sollen. Er begibt sich daraufhin auf eine lange, mehrjahrige Suche, die ihn über den Libanon, Kuba bis nach Nord-Amerika führt - wobei er an jedem Ort einen ihm wohlgesonnenen Helfer findet. Im Winter 1923 gibt's in der weiten, ärmlichen Landschaft von Nord-Dakota ein Happy End - wenn auch mit einer traurigen Einschränkung.
Der 138 Minuten lange Film zerfällt in zwei Teile:  der erste klagt den Völker-Mord an den Armeniern während des 1.Weltkrieges durch die Türkei an, der zweite Abschnitt imitiert klassisches Road-Movie-Kino, bei dem der amerikanische (oder auch italienische) Western deutlich Pate stand.
Doch Regisseur Fatih Akin gelingt es weder, die grausame Vergangenheit der Armenier im Schicksal eines Einzelnen zu spiegeln, noch den Western-Vorbildern Hollywoods dramatisches Leben einzuhauchen.
Das Drehbuch wirkt wie eine brav gestrickte Seminararbeit angehender Filmschüler, bei der alle Handlungs-Fäden ordentlich zusammen genäht und alle angedachten Problem-Felder mit kurzen Bild- oder Ton-Sequenzen illustiert werden. Die Kamera schwenkt zwar oft in breiten, schönen Panorama-Bildern von Bergen, Wüsten oder Meer, doch die übrige Szenerie riecht heftig nach Pappe und Schminke - überdeutlich im düsteren Wüstenlager mit den dekorativ arrangierten Leichen oder stöhnenden Sterbenden. Auch vermag der Darsteller des Nazaret seine furchtbare Odysee kaum  in Körper-Haltung oder Minen-Spiel sichtbar werden zu lassen: er bleibt von Anfang bis Ende der gleiche junge Mann, in dessen hübschem Gesicht sich nicht eine Spur seines leidvollen Schicksals eingräbt.
Sicherlich, es gibt immer wieder mal ein paar Sequenzen, in denen Fatih Akins Regie-Talent aufblizt, beispielweise in der Szene, in der ein früher Stummfilm von Charlie Chaplin bei den einfachen, arabischen Zuschauern ebenso freudiges Lachen wie Tränen der Rührung auslöst, -  und wie es Akin bisher so eindrucksvoll in seinem Berlinale-Sieger "Gegen die Wand" oder in dem deutsch-türkischen Aktivisten-Drama "Auf der anderen Seite" bewiesen hat.
Schade deshalb, dass das ehrgeizige und teuer produzierte filmische Epos über ein Kapitel Zeitgeschichte des frühen 20.Jahrhunderts zu einem Flopp mißraten ist -- überfrachtet, lebenlos und langweilig.

Foto/Poster: Pandora Filmverleih

zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; Kino in der Kulturbrauerei; Yorck