Plakatmotiv/Foto:Imago/Future Image/Golejewskix













QUEEN OF THE DESERT**
Bio-Pic im üppig ausladenden Hollywoodstil über die englische Historikerin, Archäologin und Orientkennerin Gertrude Bell, die 1915 an der Konferenz über die Aufteilung des Osmanischen Reiches teilnahm, deren Vorschläge für flexible Grenzen jedoch kaum berücksichtigt wurden. Von Werner Herzog (!) zur Schnulze aus 1001er Nacht degradiert, mit einer stehts perfekt gestylten Nicole Kidman in der Hauptrolle - so schick wie belanglos.



45 YAERS***
Kammerspiel über ein älteres Ehepaar im winterlich-ländlichen England in der Woche vor seinem 45. Hochzeitstag, der mit einer Party gefeiert werden soll. Durch Zufall wird Ehefrau Kate damit konfrontiert, dass Ihr Mann Geoff vor ihrer Hochzeit ein intensives Verhältnis mit einer anderen Frau hatte, die jedoch durch einen Unfall in den Schweizer Bergen umkam. Etwas überdramatisierte Beziehungsgeschichte aus dem Blickwinkel der Frau - durch die feinfühlige und ruhige Regie (Andrew Haigh) sowie durch das intensive Spiel von Charlotte Rampling und Tom Coutenay sehr eindrucksvoll.


TAXI****
Neuster Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der seit 5 Jahren unter Berufs- wie Hausverbot steht. Im Film fährt er als Taxifahrer unterschiedliche Typen (gefilmt durch zwei im Auto installierte Kameras) an einem hellen Tag durch Teheran: einen Händler ausländischer Videos, einen Unfall-Verletzten mit seiner (das Testament einklagender)  Ehefrau, einen Anhänger der Todesstrafe, alte Frauen mit Goldfischen im Glas, eine altkluge Nichte, die Anwältin einer aus politischen Gründen inhaftierten Hungerstreikenden. Komisches und Skuriles mischt sich mit Tragischem - wobei offen bleibt: was (von Schauspielern) gespielt, was dokumentarisch oder realistisch ist. Eindrucksvoll in seiner Mischung aus schlitzohrigem Humor und bitterem Sarkasmus über die staatliche Diktatur.








JOURNAL D' UNE FEMME DE CHAMBRE***
Neuverfilmung des Romans von Octave Mirabeau durch Benoit Jacquot. Oppulentes Kostümdrama, in dem die drall-adrette Zofe von Léa Seydoux schon recht aufsässig ist - wenn auch nur in (im Off gesprochenen) Gedanken. Etwas beliebig und zusammenhanglos erzählt (mit allerlei Rückblenden)  und ohne die kritisch-intellekuelle Schärfe der Vorgänger-Verfilmungen von Renoir und Bunuel. Wohl aus aktuellen Gründen stark betont: der Antisemitismus des groben Dieners Joseph, mit dem am Schluß die Kammerzofe in eine üble Zukunft zieht.




VICTORIA**
Die Story ist eher banal: eine junge Spanierin, die nach Abruch ihres Klavierstudiums in Madrid in Berlin als Bedienung in einem Schnell-Café jobt, lernt ein paar flotte Typen in einer Disco kennen, verbringt mit ihnen den Rest der Nacht und wird am frühen Morge von den kriminellen Jungs als Fahrerin bei einem Banküberfall in Kreuzberg mißbraucht. Bei der anschließenden Flucht und einer Schießerei mit der Polizei kommen außer Victoria alle um - die junge Frau verschwindet ratlos und konsterniert mit der Geldbeute. Diese Story wird von dem deutschen Regisseur Sebstian Schipper und seinem Kameramann Sturla Brandht Grovlen gleichsam wie in einer einzigen Einstellung erzählt: die Handkamera sitzt den Protagonisten hautnah im Nacken, fährt eng um sie herum, folgt ihnen aus der Disco über nächtliche Strassen auf leere Haus-Dächer, in Aufzüge und gestohlene Autos  - bis nach dem fühmorgendlichen Banküberfall in der Zimmerstrasse die anschließende ebenso konfuse wie blutige Flucht im Luxushotel Friedrich-/ Ecke Behrenstrasse endet. Das duch die wackelnde Handkamera beim Zuschauer erzeugte Gefühl, immer direkt dabei zu sein - verstärkt durch die intensiven Schauspieler mit ihrem berlin-englichen Kauderwelsch (Victoria versteht kaum Deutsch!) - macht den Haupt-Reiz des zweieinhalb-stündigen Films aus: ein tempogeladener, rauschhafter Trip durchs heutige, nächtlich-coole Berlin. Doch hinter diesem  formalistischen Drive und zeitgeistigem Schick  -  viel heiße Luft!




KNIGHT OF CUPS**
Der neueste und siebte Film des amerikanischen Star-Regisseurs Terence Malik (der - wie für ihn typisch - auch bei der Berlinale nicht über den Roten Teppich lief, owohl er in der Stadt sein soll). Die Story - soweit erkennbar : der etwa 40jährige Hollywood-Schauspieler oder Drehbuchautor Rick (Christian Bale) leidet unter einer Sinn-Krise. Die Ehe mit einer Chirurgin (Cate Blanchett) ist zerbrochen, der Flirt mit einer zierlichen Brünetten (Natalie Portmann) bleibt eine kurze Affäre. Erinnerungs-Schnipsel an heftige Auseinandersetzungen mit dem Vater und/oder Bruder belasten das Gemüt des ständig über breite Boulevards kurvenden, oder am Pazifik-Strand wandernden Mimen. Das letzte gesprochene Wort des Films lautet: "Fang an". Dieser äusserliche wie innerliche Leerlauf wird von einer schier unendlichen, im sekundentakt wechselnden Bilder-Flut überspült - Aufnahmen von Menschen und Landschaften in und um die kalifornische Filmstadt. Brilliant fotografiert und geschnitten - doch mehr als eine glänzende Oberfläche bleibt von diesen titelgebenden  Tarot-Karten nicht übrig.




MR. HOLMES*** (außer Konkurenz)
Der britische Ur-Dedektiv Sherlock Holmes scheint unsterblich. Jetzt, im von der BBC produzierten Film des amerikanischen Regisseurs Bill Condon, ist Mr.Holmes 93 Jahre alt . Kurz nach dem 2. Weltkrieg lebt er zurückgezogen auf einen alten Bauernhof in Sussex, züchtet Bienen und versucht  seinen letzten Fall, den der inzwischen verstorbene Dr.Watson noch als romangerechte Lektüre veröffentlicht hat, neu in redigierten Form herauszugeben, und zwar so, wie er sich wirklich ereignet hat. Doch das alte, einst so messerschaft die rätselhaften Morde analysierende  Gehirn funktioniert nicht mehr so richtig. Auch wenn der pfiffige Junge der harschen Haushälterin sich heftig bemüht diese Erinnerungslücken des kauzigen Mr.Holms zu überwinden, wobei einer japanische Arznei, einem Frauenhandschuh und den Bienen im wünderbar blühenden Garten eine wichtige Rolle zufällt. Hübsche Unterhaltung, gemischt mit britisch-trockenem Humor und einer Prise Nachdenklichkeit über Alterseinsamkeit und Tod - vor allem aber eine Paraderolle für den britischen Star-Schauspieler Ian McKellen, dessen  wacher Durch-Blick und Verstand den mächtigen Alter-Gesichtfalten immer wieder listig ein Schippchen schlagen.




ALS WIR TRÄUMTEN***
Ein Arbeitervorort von Leipzig. Fünf Kumpel kurz nach der Wende. Jetzt können sie endlich mal so richtig "die Sau rauslassen". Die Schule schwänzen, Autos knacken, Alkohol klauen, in einem verlassenen Keller eine Punk-Disco aufmachen. Dann Bandenkriege, Schlägereien mit Neonazis und schließlich diverse Drogen, die alle Freundschaft und Träume - teils tödlich - beenden. Verfilmung des erfolgreichen Romans von Clemens Meyer durch Regisseur Andreas Dreesen. Effektvoll inszeniert in meist düster gehaltenen Farben und Kulissen, gemixt mit ein Paar Orwo-bunten Rückblenden in die Pionierzeit der Jungs. Viel Strotoskob-Geflimmer, bluttriefende Keilereien, aber auch einige stille und berührende Momente. Vieles bleibt sehr literarisch, besonders die Dialoge, zumal die (sehr überzeugenden) Schauspieler in akzentfreiem Bühnendeutsch parlieren. Die DDR-Rückblenden  wirken allzu putzig und harmlos. Von der eigentlich bitteren Wende-Story wird nur die Oberfläche gespiegelt - wenn auch filmisch durchaus attraktiv  - doch dringt die Geschichte kaum in zeithistorische oder psychologische Tiefen.




BODY***
Janusz, so um die Fünfzig, hübscher Schmerbauch, ist Untersuchungsrichter in Warschau - hart im Nehmen seiner oft recht blutigen Fälle.  Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben. Tochter Olga, Anfang 20, scheint den Tod der Mutter nicht überwinden zu können, ist magersüchtig. Janusz läßt sie in eine Klinik einweisen, wo sie von der Psychologin Anna therapiert wird. Anna, deren Kind früh verstarb, besitzt zugleich spiritistische Kräfte, weiß wie man zu Verstorbenen Kontakt findet. Sie überredet den skeptischen Janusz schließlich zu einer nächtlichen Sitzung, um ihn und Olga mit der toten Mutter in Verbindung zu bringen.  Der polnische Wettbewerbsbeitrag von Malgorzata Szumowska balanciert auf den schmalen Grad zwischen Realität und Groteske, mischt Trauer  und Tod mit (katholischem) Glauben und Esoterik, Einsamkeit mit Freßlust, häßliche oder komische  Alltags-Tragödien mit schwarzem Humor. Ein locker inszeniertes und darstellerisch trefflich besetztes Spiel - mal ernst, mal skurril - und mit einer überraschender Auflösung .




POD ELECTRICHESKIMI OBLAKAMI (Unter elekrtischen Wolken)***
Russland, eine weite, karge Winterlandschaft an einem grossen Fluß. Beton-Ruinen von Häusern und Brücken überall, ein mannshohes Pferd aus Metall-Draht, der Rest einer Lenin-Statue mit ausgestrecktem Arm - und alles in bleiern-dichten Nebel eingehüllt. Der Besitzer dieser riesigen, unwirtlichen Baufläche, auf der Menschen aller Art unentwegt umherirren, ist gestorben. Seine Tochter Sasha kehrt als Erbin aus dem Ausland zurück: denkt an einen Verkauf des Geländes an zahlungswillige Japaner. Doch ein Architekt (mit Feuermal im Gesicht) macht Einwände, ein Toristenführer, der einst mit Jelzin in Moskau demonstrierte, mischt sich ein, kirgiesische Arbeiter suchen ihre Kollegen. Am Ende, nach gut zwei Stunden, zieht Sasha mühsam das Metallpferd aus dem Film-Bild. Surreale Szenen, in sieben Kapiteln gegliedert, fügt der russische Regisseur Alexey German Jr. zu einem scheinbar endlosen, langsamen dahin fließenden Bilderstrom, der die historische und kulturelle Vergangenheit Russlands und seine mögliche Zukunft reflektieren soll. Eine sehr apokalyptische Vision, die - vor allem für nicht-russische Zuschauer - oft sehr rätselhaft bleibt. Das Datum "100 Jahre Oktoberrevolution" war - so der Regisseur -  der Anlaß für diese gewaltige, surreale Bild-Phantasmagorie mit ihren düsteren, geschichts-philosophischen  Untertönen. "Was ist im Jahr 2017 los" fragt einmal eine Figur. Antwort: "Krieg"!




EISENSTEIN IN GUANAJUATO***
In den Jahren 1931/32 hielt sich der damals schon weltberühmte, sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein ("Panzerkreuzer Potemkin"/ "Oktober") längere Zeit in Mexiko auf. Er beabsichtigte einen Film über dieses Land zu drehen, das die Entwicklung von den Mayas bis zur (linkssozialistischen) Gegenwart in mehreren Episoden schildern sollte. Doch die amerikanischen Geldgeber, darunter der Schriftsteller Upton Sinclair, entzogen ihre finazielle Unterstützung, als das Unternehmen sich in ihren Augen zulange hinzog. Eisenstein musste nach Moskau zurück, das abgedrehte Filmmaterial verblieb - entgegen einer urspünglichen Abmachung -  in Hollywood.
(Teile daraus wurden später von mehreren Filmwissenschaftlern zusammengestellt und veröffentlicht, ohne daß es gelang die von Eisenstein unter dem Titel "Que Viva Mexico" beabsichtigte Fassung zu rekonstruieren). Der britische Regisseur Peter Greenaway (71), der vor vielen Jahren mit seinem "Kontrakt des Zeichners" bei der Berlinale (Forum) seinen großen Durchbruch feierte, hat sich für "Eisenstein in Guanajuato" eine Episode ausgedacht, in welcher der 33jährige Sowjet-Künstler seine (bisher verborgene) Homosexualität entdeckt und sich auf eine kurze Affäre mit seinem mexikanischen Führer einlässt. Greenaway entfesselt ein fulminantes Feuerwerk aus mexikanischen Landschaften, pitoresken Häusern, Art-Deco-Interieurs, alten Maya-Zeichnungen, Symbolen und historischen Gemälden. Sommerlich-elegante Kostüme der 30er Jahre, junge Frauen in folkloristischen Kleidern, bärtige Männer im Zapata-Look. Dazwischen immer wieder Ausschnitte aus den schwarz/weiß Filmen von Eisenstein, oft gesplittet auf dreiteiliger Leinwand. Und viel Musik von Serge Prokofiev, der später für Werke Eisensteins bedeutende Partituren schrieb. Fotografie und Schnitt sind temporeich und mitreissend, gleichsam eine virtuose Annäherung an die berühmte Montage-Technik des Porträtierten. Den verkörpert sehr überzeugend Elmer Bäck, mit wild abstehender Haarmähne und provokanter Zunge ein sympathischer "verstubbelter Clown" (wie er sich selbst bezeichnet). Schade nur, daß Greenaway sich überwiegend auf das schwule Melodram konzentriert, Figur und Gedankenwelt des Sowjetbürgers und Künstlers nur am Rande lebendig werden lässt. Dennoch: ein filmischer Bilderrausch, so spannend wie farbig.




YI BU ZHI YAO (Gone with the Bullets)*
Eine deftig-turbulente Komödie des chinesischen Regisseurs Jiang Wen. Sein Ausgangspunkt ist ein chinesischer Film aus den 20er Jahren, in dem es um einen Mord an einer Nutte geht. Jiang Wen pardiert und persifliert nicht nur den alten Schwarz-Weiss-Streifen, sondern er mixt mit modernster Technik alle denkbaren Film-Genres zu einer schrillen Klamotte: Hecktische Verfolgungsjagden in Oldtimern; Nachtclub-Shows im mondän-glitzernden Shanghai, Ganoven, die mit der Polizei unter einer Decke stecken, smarte Hochstabler und zwielichtige Frauen: das könnte eine lustige Pereformance werden - doch die grobe Hau-Ruck-Methode, mit der Lustspiel, Krimi, Musical, Sex-Parodie und Actionthriller  miteiander verquirlt und verhampelt werden, produziert statt Scherz, Satire und Ironie nur plattes Kasperle-Theater und gähnende Langeweile.




ELSER***
Person und Geschichte des Georg Elser sind wissenschaftlich gut erforscht, dürften aber einer breiten Öffentlichkeit weniger bekannt sein. Eine löbliche Absicht ist es deshalb, sein Schicksal in einem leicht zugänglichen Spielfilm nachzuerzählen. Am 8.November 1939 hatte der Schreiner Elser, aus dem Schwäbichen stammend, eine selbstgebastelte Zeit-Bombe im Münchner Bürgerbräu-Keller hinter dem Rednerpult Adolf Hitlers versteckt, die auch pünklich explodierte. Doch Hitler hatte seine Rede 13 Minuten früher abgebrochen, um rechtzeitig den Zug nach Berlin zu erreichen, da schlechtes Wetter den eigentlich dafür vorgesehenen Flug verhindert hatte. Elser wurde bald darauf gefasst, verhört, gefoltert und im April 1945 in Dachau hingerichtet, nachdem die Nazis lange Zeit vergeblich nach vermuteten Hintermännern gefahndet hatten. Das Bio-Pic des Münchner Regisseurs Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") ist jedoch recht bieder geraten. In vielen Rückblenden, während der brutalen Verhöre, erinnert sich Elser an die bescheidenen Verhältnisse, in denen er auf dem Dorf aufwuchs, an die unglückliche Ehe seiner Eltern, an seine grosse Liebe zu der verheirateten Elsa und an Freunde, die Kommunisten waren und von den Nazis in Konzentationslager gesteckt wurden. Langsam entwickelt sich der schwäbische Schreiner vom Pazifisten zum entschlossenen Bomben-Attentäter, unschuldig Opfer in Kauf nehmend, um das noch grössere Blutbad des heraufziehenden Krieges zu vermeiden. Christian Friedel verkörpert Elser als grossäugigen Lockenkopf, bleib dabei aber recht eindimensional, während Burghart Klaußner als verhörender Gestapo-Chef ein paar individuelle Züge zeigen darf. Zu den Produzenten des Film gehören mehrere Fernsehanstalten - dort ist dieser "Elser" sicherlich an der richtigen Stelle  plaziert.




VERGINE  GIURATA***
Hanna ist Waise und wird bei einer befreundeten Familie in den Bergen Albanien großgezogen - ganz im traditionellen Stil und Gesetz (Kanun), nach dem Frauen nur die Rolle der Dienerin zugebilligt wird. Dem kann Hanna entgehen, indem sie männliche Kleidung anzieht, die langen Haare abschneiden lässt, den Namen Mark annimmt und vor den versammelten Männern des Dorfes ewige Jungfräulichkeit schwört. Einige Jahre später, nach dem Tod ihrer Nenn-Eltern, verlässt Mark/Hanna die Berge Albaniens und zieht zu ihrer Nenn-Schwester Lila, die mit Mann und Tochter in Mailand lebt. Zwar ist Mark/Hanna nicht gerade willkommen, und sie hat Schwierigkeiten, sich in der modernen Großstadt zurecht zu finden. Besonders die ihr angenommene, bzw. auferzwungene Männlichkeit irritiert nicht nur ihre Umwelt, sondern vor allem sie selbst. Nur langsam löst sie sich, findet wieder - auch dank ihrer Schwester - zu sich selbst. Die italienische Regisseurin Laura Bispuri verfolgt der Weg Hannas sehr einfühlsam, in ruhigen Sequenzen und mit nur wenigen Dialogen. Symbolische aufgeladene Bilder sollen den geschlechtlichen Zwiespalt zeigen: etwa die vielen unterschiedlichen (halb-)nackten Körper in einem Hallenbad, in dem die Tochter der Schwester  am Training für Synchron-Schwimmen regelmäßig teilnimmt oder ein Bademeister, der ihr sexuelle Angebote macht. Die Irritationen der in einer anarchischen Welt aufgewachsenen Hanna in der modernen Welt Nord-Italiens  überzeugen, die sich anbahnende (glückliche) Lösung ihres Gender-Problems weniger.




CINDERELLA***
Optisch oppulente Verfilmung des bekannten Märchens mit Hilfe von Computer-Technik und Digital-Tricks. Gefällig und unterhaltsam, aber ästhetisch fragwürdig. Regisseur Kenneth Branagh erweist sich als souveräner Hollywood-Routinier, unter den Darstellern triumphiert in der Rolle der bösen Stiefmutter Cate Blanchett als elegante Salon-Megäre. Szenen-Applaus für die virtuos-komische Rück-Verwandlung von Cinderellas goldener Kutsche: Schlag Mitternacht zerfällt sie bei rasender Fahrt in ihre ursprünglichen Bestandteile: Kürbis, Mäuse und Echsen. Der Charme des Films besteht in der leichten (angelsächsischen) Ironie, mit der der gigantische Ausstattungs-Kitsch präsentiert wird.


TEN NO CHASUKE**
Die Engel in einem japanischem Himmel betätigen sich als teetrinkende Drehbuchautoren, die oft über die Verwirklichung ihrer Ideen in der realen Welt - wenn sie auf diese herabblicken - erschrecken. Um eine solche Idee - junges Mädchen wird von Auto überfahren - wieder gut zu machen, senden sie ihren Teeauschenker Chasuke auf die Erde, wo er mit weißen Flügeln durch die Markthallen von Okinawa wandelt - wie einst Bruno Ganz im "Himmel über Berlin". Dort rettet er nicht nur die stumme Schöne vor dem Autounfall, sondern prügelt sich auch blutig mit Gangster-Banden herum, oder  heilt mit seiner magischen Kraft Blinde und Lahme. Sogenannte 'philosophische' Possen (=Allerweltsweisheiten) und filmische Zitate beflügeln die turbulente Reise des himmlischen Sendboten durch Markthallen und Karaoke-Bars. Nette Grund-Idee, deren Witz sich jedoch sehr schnell erschöpft und in Albernheit ausartet.







SELMA****(Berlinale Special)
Eine zentrale Episode im Kampf von Martin Luther King um die rechtliche Gleichstellung der Schwarzen in den USA. Um ihr Wahl-Recht durchzusetzen, das trotz Gesetz im Staat Alabama durch allerlei Schickanen verhindert wurde, organisieren King, der kurz zuvor den Friedensnobelpreis erhalten hat, und seine Unterstützer im Sommer 1965 einen gewaltlosen Marsch von dem kleine Städtchen Selma nach Montgomery, der Hauptstadt des Bundesstaates. Die Polizei küppelt die Schwarzen brutal nieder, doch ist dank der landesweit ausgestrahlten Fernsehbilder und Zeitungsberichte die Empörung so groß, daß Präsident Lyndon B.Johnson den "Voting Right Act" unterschreibt. Der Film der schwarzen Regisseurin Ava DuVernay ist kein umfassendes Bio-Pic Martin Luther Kings, sondern konzentriert sich ausschließlich auf seine Beteiligung an den Vorkomnissen in und um Selma. Dabei gelingt es der Regisseurin vortrefflich, das historische Geschehen - den dreifachen Anlauf des Marschens - in opulenten, wenn auch unpathetischen Bildern zu zeigen und zugleich die Reflexionen, Strategien wie auch Selbstzweifel von King und  seinen Mitarbeitern deutlich werden zu lassen. Ausführliche Diskussionen mit seiner Ehefrau, mit gewaltbereiten Schwarzen oder dem amerikanischen Präsidenten verdeutlichen die vielschichtige historische Situation, deutet aber auch Folgen an, die bis heute virulent in den USA sind.  Grosses, engagiertes Kino im Hollywood-Stil - obwohl vom Studio nur unter "Indipendent"- Bedingungen (geringes Budget, keine Stars) produziert.  Ein schöner Erfolg: die Oscar- Nominierung als 'Bester Film'.





1984 gewann das ringende US- Brüderpaar Dave und Mark Schultz je eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Los Angeles. Danach sattelte der ältere Dave, der zugleich immer Mentor seines jüngeren Bruders Mark war, auf eine Karriere als Trainer um, heiratete und gründete eine Familie. Mark dagegen trainierte porfessionell weiter, in der Hoffnung auch an den nächsten olymischen Spielen 1988 in Seoul teilnehmen zu können. Eines Tages werden die Brüder von dem reichen Chemie-Erben John du Pont eingeladen, in dessen Privat-Ringer-Team "Foxcatcher" einzutreten und sich auf der luxuriösen Farm in Pennsylvania konzentriert auf die anstehende Weltmeisterschaft wie auf die kommenden olympischen Spiele vorzubereiten. Dave lehnt aus familiären Grunden zunächst ab, aber der allein lebende Mark nutzt sofort die Chance. Die etwas eigenwilligen Neben-Anforderungen des exzentischen Millionärs wie beispielsweise die Teilnahme an patriotischen Veranstaltungen nimmt er gelassen in Kauf. Nach den ersten Sporterfolgen und der damit verbundenen großzügigen Bezahlung von Seiten John du Ponts, entschliesst sich auch Bruder Dave als Trainer bei den "Foxcatchern" mitzuarbeiten, zumal du Pont ihm eine luxuriöse Unterkunft für Frau und Kinder auf dem Gelände der Farm anbietet. Doch als der Millionär sich immer mehr in die Arbeit der Brüder und des ganzen Teams einmischt, kommt es zu Spannungen, die sich zwar langsam, aber immer stärker aufbauen. Eifersüchteleien zwischen den Brüdern untereinander, überhebliche Arroganz von Seiten du Ponts steigern sich noch, als erste Niederlagen bei nationalen Vorkämpfen eintreten. Auch Drogen und Alkohol spielen eine ungute Rolle, die allgemeine Stimmung kippt um und führt zu Marks Entlassung. Als die pferde-närrische Mutter du Ponts stirbt und der ledige Sohn nun allein zum unumschränkten Herrscher über den Besitz und das ererbte Geld wird, kommt es zur Katastrophe...
Die Geschichte der Schultz-Brüder ist authentisch, wenn auch der Film sie sehr frei nacherzählt. Dem Regisseur Bennett Miller ("Capote";"Moneyball") gelingt es nicht nur, die drei Hauptfiguren in ihrer Unterschiedlichkeit psychologisch genau zu zeichnen, sondern auch das gesellschaftspolitische, amerikanische Umfeld lebendig werden zu lassen. Und zwar nicht im historischen Sinn, sondern in Denkmustern und Verhaltensweisen, die von ihrer jeweiligen Zeit unabhängig sind. Spiel, Spaß und Sportbegeisterung sind die eine Seite, gesteigerter Körperkult,  unterdrückte Sexualität, Abhängigkeit von Pillen und Geldgebern können die andere, die dunkle Seite dieser Medaille sein. Mehrfach zeigt der Film seine Figuren aus größerer Entfernung: man sieht sie gestikulieren und reden, kann aber nicht hören, was sie sagen. So überlässt es der Regisseur dem Betrachter, selbst zu erkennen oder zu deuten, was die Bilder über den Charakter der Handelnden aussagen. So wirken die Personen nicht einseitig oder überdeutlich durch-psychologisiert und  erscheinen - was ihre Handlungen oder Antriebe betrifft - vielschichtig und komplex.
Musik wird sehr zurückhaltend eingesetzt, unterstreicht vor allem die Szenen, deren Atmosphäre angespannt oder düster ist. Mit großer Rafinesse werden Details gestaltet: die packenden, virtuos fotografierten  Ring-Kämpfe im Trainingslager oder der olympischen Sportarena; das ländlich-einfache, aber fröhliche Familienleben Daves im Kontrast zur kargen Lebensweise Marks in einem schäbig-schlichten Appartment; der pompöse, weitläufige Landsitz der du Ponts mit seinen wertvollen Möbeln und Gemälden (darunter eine Kopie der amerikanisch-patriotischen Bild-Ikone "Washington überquert den Delaware") oder die geschickt eingefügten alten, schwarz-weissen Dokumentarfilm-Schnipsel einer hochherrschaftlichen Fuchsjagd, die später zum Namengeber für Farm und  Ringer-Team wurde.
Brillant ist das Darsteller-Ensemble - bis in die kleinste Nebenrolle treffend besetzt. Channing Tatum überzeugt als gut gebauter, sportlich fitter, aber geistig etwas schlichter Mark, während Mark Ruffalo als sein älterer Bruder Dave vor allem familiäre Herzlichkeit ausstrahlt. Mittelpunkt ist jedoch der amerikanische Komiker Steve Carell, der mit markanter Film-Nase den exzentrisch-exaltierten Millionär du Pont spielt - eine Neurotiker von hohen Graden hinter der Maske eines großzügigen, weltgewandtem Wohltäters. Als bester männlicher Darsteller für eine Hauptrolle ist er für den diesjährigen Oscar vorgeschlagen, ebenso wie Mark Ruffalo für die beste männliche Nebenrolle und Bennett Miller als bester Regisseur.
'Happy End' für eine erfolgreiche "Foxcatcher"-Mannschaft?

Poster/Verleih: Koch Media

zu sehen: CineStar SonyCenter (OV); Filmkunst 66 (dt.); Hackesche Höfe Kino (OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt.und OmU); Rollberg (OmU)


Vor gut 25 Jahren wurde der (fiktive) Schauspieler Riggan Thomson (Michael Keaton) berühmt: als "Birdman" in der gleichnamigen Horrorfilm-Serie. Danach ging's bergab - nur noch kleine Auftritte waren ihm vergönnt. Jetzt versucht er einen Neuanfang am New Yorker Broadway: als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in der Dramatisierung einer Kurzgeschichte von Raymond Carver als Vier-Personen-Stück. Doch wenige Tage vor der Premiere fällt durch einen Bühnen-Unfall der zweite Schauspieler neben Riggan aus. Glücklicherweise taucht schnell ein Ersatzmann auf - der exzentrische Mike (Edward Norton), der auf der Bühne zwar brilliert, aber hinter den Kulissen sich als anmaßender Nervtöter erweist, und der sofort Riggans Tochter Sam (Emma Stone), die gerade einen Drogenentzug hinter sich hat, anbaggert. Eine der Schauspielerinnen (Andrea Riseborough) eröffnet dem schon total entnervten Riggan, daß sie ein Kind von ihm erwartet - was aber nicht stimmt - , die andere (Naomi Watts) hat Probleme mit dem Einspringer Mike und die Exgattin (Amy Ryan) erscheint immer zum unpassendsten Augenblick in der Garderobe. Daß in einem solchen Theater-Toll-Haus kurz vor und nach der (erfolgreichen) Premiere bei Riggan die Stränge reißen und er wie einst als Birdmann zu fliegen beginnt, verwundert kaum...
"Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)" -so der Originaltitel - ist eine der bei Schauspielern wie beim Publikum so beliebten "Backstage-Comedys", in der es immer um Eitelkeit und Selbtüberschätzung, um wahre und falsche Gefühle, um Sein und Schein im Film oder auf der Bühne geht. Mal tragisch, mal grotesk. Vor allem Hollywood liebt solche Stoffe - dennoch verwundert es zunächst, daß ein Film-Autor und Regisseur wie der Mexikaner Alejando Gonzáles Inárritu, dessen Filme ("Babel","Biutiful") bisher eher von Tod und Gewalt handelten, sich auf dieses "Theater-auf-dem-Theater"-Spiel einlässt.
Das Ergebins: eine turbulente, dralle und temporeiche Komödie mit Dialogen voll zugespitzer und ironischer Pointen über die amerikanische Film- und Theater-Welt, witzig vor allem für deren Kenner und Liebhaber, ein ebenso kunstvoller wie künstlicher Spaß.
Doch Inárritu hat keine beissende oder böse Satire gedreht - wie manche Kritiker meinen -, da hat Hollywood schon viel schärfere und agressivere Filme hervorgebracht. Vielmehr besteht der überwältigende Reiz von "Birdman" in seiner Form: elegant gleitet die Kamera (Emmanuel Lubezki) durchs New Yorker St.James-Theater (echt oder Kulisse?), durch seine Gänge und Garderoben, seine Bühne und Werkstätten, auf seinen Dachbalkon und seinen Hinterhof; schwenkt nach rechts, schwenkt nach links und vermittelt so den Eindruck, der gesamte Film bestehe (ohne Schitt) aus einer einzigen Kamerafahrt. Im Schlußteil beginnt Riggan tatsächlich wie sein geheimes Alter Ego Birdman zu fliegen, über den Times Square, durch die engen Hochhausschluchten bis auf die höchsten Dächer - magisch mischt sich Realistisches mit Fantastischem.
Und so bleibt auch das Ende offen, wenn Riggan, für den die Premiere mit einer zerschossenen Nase endete, im Krankenhaus nach der Operation sein Bett verlässt und durchs Fenster aus dem Film entschwindet: Traum oder Tragödie?
Das alles wird mit größter Leichtigkeit erzählt, heiter und ironisch, getragen von einem exzellenten Schaupieler-Ensemble, allen voran Michael Keaton, der tatsächlich "Birdman" im Film von 1989 war, und der sich nun in den Komödianten Riggan Thomson mit überschäumendem Spiel-Temperament verwandelt. Der diesjährige Oscar dürft ihm sicher sein.
Und wahrscheinlich hält Hollywoods Motion-Academy noch ein paar andere Exemplare dieses Goldjungen für Inárritus raffinierte Komödie bereit, die so zitatenreich und locker zwischen Fiktion und Realität, zwischen Schein und Sein in der Filmbranche changiert.

Poster/Verleih: Fox Deutschland

zu sehen: Astor Film Lounge; Babylon Kreuzberg (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CineStar Sony Center (OV); Delphi; Titania Steglitz; fsk (OmU), Hackesche Höfe Kino (OmU); International (dt.und OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Odeon (OmU); Rollberg (OmU); Yorck


"Enigma" wurde eine kleine Maschine genannt, mit der im 2.Weltkrieg die deutsche Wehrmacht ihre telegraphisch übermittelten Truppenbefehle verschlüsselte. Ein Exemplar dieser Maschine fiel in die Hände des britischen Geheimdienstes, der zunächst vergeblich versuchte, den Code und damit die geplanten Truppenbewegungen und Angriffsziele der Deutschen zu dechiffrieren. Auf einem verborgenen Anwesen südlich von London gelang es schließlich einer Gruppe englischer Wissenschaftler unter Anleitung des Spitzen-Mathematikers Alan Turing eine raumfüllende Monster-Maschine zu bauen, die wie ein analoger "Computer" funktionierte und die deutschen Kriegsdepeschen entschlüsseln konnte. Diese Erfindung musste aber streng geheim bleiben, damit die deutsche Wehrmacht nicht bemerkte, dass die Briten - und damit die Alliierten -  über ihre militärischen Pläne informiert waren. Historiker sind heute der Meinung, dass die von Turing entwickelte Maschine den 2.Weltkrieg stark abgekürzt hat.
Um diese Geschichte der Enigma-Entschlüsselung filmisch aufzubereiten, stellen der norwegische Regisseur Morten Tyldum  und sein Drehbuch-Autor Graham Moore - nach einer Buchvorlage - die Figur des Alan Turing (Benedict Cumberbatch) in den Mittelpunkt und gestalten ein auf drei Zeit-Ebenen erzähltes, opulentes Bio-Pic.
1. Turing als von seinen Mitschülern gehänselter Einzelgänger im Internat, dessen einziger und angeschwärmter Freund Christopher an Tbc stirbt; 
2. Turing als exzentrischer und arroganter Jung-Wissenschaftler, der sich bei der geheimen Enigma-Entschlüsselungs-Suche zunächst mit allen Vorgesetzten und Mitarbeitern anlegt, bis durch Vermittlung der einzigen Frau im Team, der jungen Mathematikerin Joan Clarke (nett: Keira Knightley), die Arbeits-Harmonie und damit auch der Erfolg hergestellt wird; 
3. Turing als älterer Uni-Professor, der Anfang der 1950er Jahre wegen seiner Homosexualität verurteilt und vor die Wahl gestellt wird: Gefängnis oder chemische Therapie. An deren Folgen physisch und psychisch erkrankt, endet er durch Selbstmord.
Alle drei Zeitebenen werden teils klug und erhellend, teils etwas plump und abrupt verschachtelt - wobei die Erfindung und der Bau des frühen "Computers" den Großteil des Film ausmacht - durchaus spannend nach den bewährten Regeln des konventionellen (Hollywood-)Kinos in Szene gesetzt. Und (leider!) mit pompös-kitschigem Musik-Sound untermalt. Daß die historische Wahrheit, auf die der Film sich im Vorspann ausdrücklich beruft, in den Details einige Federn lassen muss, versteht sich bei einer solch üppig-farbigen Film-Biographie von selbst - und stört auch nicht weiter!
Was "The Imitation Games" jedoch auszeichnet und über einen gefälligen, gut gemachten Unterhaltungsfilm hinaushebt, ist die schauspielerische Leistung von Benedict Cumberbatch als Alan Turing. Er zeigt das mathemathische Genie als einen unangepaßten, in sich selbst zurückgezogenen Mann, der zugleich sehr scharf die ihn umgebende Gesellschaft durchschaut, witzig und schlagfertig auf ihre oft unüberlegten oder oberflächlichen Sprüche und Handlungen reagiert, der aber auch an seiner Vereinsamung leidet - ohne sich dies selbst einzugestehen. Seine Homosexualität, die bildlich im Film nie gezeigt wird, dürfte diese Charakterzüge des Andersartigen und Isolierten bedingt oder zumindest verstärkt haben. Bewundernwert vor allem, mit welcher Intensität und Diskretion zugleich Benedict Cumberbatch dieses vielschichtige Portät zeichnet und wie er der Figur trotz ihres oft verletzten und verletzenden Stolzes und der daraus folgenden schroffen Extravaganz dennoch ihre tiefsten Geheimnisse belässt.
Die Nominierung als bester Darsteller für den diesjährigen Oscar ist eine schöne Anerkennung dieser herausragenden Leistung.

Poster/Verleih: SquareOne Entertainment

zu sehen u.a.: Capitol Dahlem; Cinema Paris; CinemaxX Potsdamer Platz; Titania Palast Steglitz; Cubix Alexanderplatz; CineStar Sony Center (OV); CineStar Tegel; CineMotion Hohenschönhausen; Filmtheater am Friedrichshain; Hackesche Höfe Kino (OmU); International; Kino in der Kulturbrauerei (OmU undd dt.); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); Passage Neukölln; Colosseum; Zoo-Palast

Sechs - nicht miteinander verbundene - Geschichten aus der Millionenstadt Buenos Aires und ihrer Umgebung, sechs Berichte über Rache-Aktionen - böse und grotesk.
Ein gescheiterter Künstler lädt unter falschem Namen Bekannte, die ihm einst seiner Meinung nach Übles antaten, zu einem gemeinsamen Flug ein. Der Zielort ist offen...
Die Kellnerin in einem Imbiss-Lokal erkennt im einzigen Gast an diesem Abend den Finanzhai, der ihre Familie in den Ruin trieb. Die rabiate Köchin empfiehlt Rattengift...
Ein arroganter Autofahrer überholt auf einsamer Landstrasse einen kleinen, alten Transporter und verhöhnt dessen muskelbepackten Fahrer. Ein Kampf der männlichen Leidenschaften beginnt...
Einem erfolgreicher Sprengmeister wird während des Einkaufes einer Geburtstagstorte für seine kleine Tochter das Auto abgeschleppt, obwohl die Halteverbots-Markierung nicht (mehr) zu erkennen war. Mehrere emotionsgeladene Behördengänge folgen...
Der Sohn reicher Eltern verursacht nachts einen Auto-Unfall und begeht Fahrerflucht. Die Eltern versuchen ihn vor der Justiz zu retten und mit viel Geld, Hausmeister, Anwalt und Polizei zu bestechen. Doch das scheinbare Einvernehmen wird schnell brüchig...
Eine Braut entdeckt auf ihrer pompösen Hochzeitsfeier, dass ihr Zukünftiger sie mit einer der eingeladenen weiblichen Gäste betrogen hat. Ein wilder Walzer wird angestimmt...
Fünf dieser Storys enden tödlich oder makaber, nur die Hochzeits-Party findet nach einer ausladenden Haus- und Saalschlacht einen halbwegs versöhnliches Ende...
Der argentinische Regisseur Damián Szifrón (39), der auch sein eigener Drehbuch-Autor ist, erzählt die sechs Episoden als überdrehte, schwarze Grotesken mit leich surrealem Einschlag - wobei dem Zuschauer das Lachen am jeweiligen Ende im Halse stecken bleiben soll.
Kamera (Javier Julia) und Schnitt (Pablo Barbieri Carrera) sorgen dabei für die passenden schrägen Blicke und Perspektiven, Musik und Wortwitz tun ein Übriges, das Komische mit dem Blutigen effektvoll zu mischen.
Kraftvoll-satirisch spiegeln sich nationale wie allgemeine gesellschaftliche Verhaltensweisen in diesen "wilden Geschichten" über soziale Ungleichheit, überbordende Bürokratie, menschliche Überheblichkeit, Eitelkeit und Korruption. Getragen von einem grossen (und in Südamerika prominenten) Darstellerensemble, das mit viel Lust und Temperament die unterschidlichsten Typen und Charaktere aufeinanderprallen lässt: Menschen zwischen Tragik und Lächerlichkeit.
Es ist ein vergnügliches Spektakel, ein grell-bunter Käfig voller heutiger Alltags-Narren.
Filmisch sehr attraktiv präsentiert, unterhaltsam und kritisch zugleich -
nicht zufällig gehört zu den Produzenten dieser giftigen Komödie der spanische Regisseur Pedro Almodovár - nomen est omen...
PS. Der für die deutsche Synchonfassung hinzugefügte Untertitel "Jeder dreht mal durch" trifft den Witz des Films kaum und  zielt wohl eher auf ein Publikum, das nur plattes Schenkelklopfen erwartet.
Poster/Verleih: Prokino Filmverleih
zu sehen: Babylon Kreuzberg (OmU); Hackesche Höfe Kini (OmU); International (OmU und dt.); Kino in der Kulturbrauerei (OmU und dt.); Odeon (OmU); Delphi; Yorck-Kino


Ein abgelegenes Dorf in Kappadokien, dem pitoresken Herzen der Türkei. Aydin (Haluk Bilginer), der lange Zeit als Schauspieler in Istanbul lebte, ist nach dem Tod seiner Eltern in seinen Geburtsort zurückgekehrt. Mit seiner jüngeren Frau Nihai (Melisa Sözer) betreibt er ein kleines, hübsches Hotel und verwaltet nebenbei weitere ererbte Immobilien. Ausserdem lebt seit kurzem seine frisch geschiedene Schwester Necla (Demet Akbag) ebenfalls im höhlenartigen, luxuriösen Hotel. Alle Geschäfts- und Verwaltungsarbeiten überlässt Aydin jedoch seinen Angestellten, denn er widmet sich überwiegend seiner Lieblingtätigkeit, dem Schreiben: verfasst zeit- und gesellschaftskritische Kolumnen für eine Lokalzeitung, bereitet ein Buch über die Geschichte des türkischen Theaters vor. Seine Frau Nihai engagiert sich dagegen für Soziales, organisiert mit Gleichgesinnten eine Sammlung zugunsten der maroden Dorfschule.
Als der Winter (und auch der Film) beginnt, verlassen die letzten Touristen das Hotel - es wird einsam um Aydin und seine kleine Familie. Doch als es zu Streitigkeiten mit den Mietern einer seiner Immobilien kommt, da diese mit Zahlungen im Rückstand sind, weitet sich dieser nebensächliche Konflikt zur grossen Auseinandersetzung zwischen dem zunächst charmanten und jovial auftretenden Aydin und den beiden Frauen aus. Denn sowohl Ehefrau wie Schwester versuchen, ihn als in Wahrheit selbstgerechten und bornierten Macho zu entlarven - in zwei getrennten, langen und scharf geführten Auseinandersetzungen. Regelrechte Zimmerschlachten, in denen sich alle drei mit moralischen Argumenten zu verteidigen und zu rechtfertigen oder den anderen zu verletzen versuchen - am Ende packt Aydin seinen Koffer und lässt sich von seinem Hausmeister durch die stark verschneite Landschaft zum entfernten Bahnhof fahren. Doch zu einem neuen Leben im fernen Istanbul hat er nicht mehr die Kraft - reumütig, etwas kleinlaut - und auch ein bisschen selbstkritisch - kehrt er nach Hause zurück, wo ihn Nihai, ebenfalls zweifelnd und ratlos, erwartet -  zumal auch sie mit ihrem sozialen Engagement zumindest teilweise gescheitert ist. Der Schnee bedeckt meterhoch die kappadokische Landschaft, physisch und psychisch herrscht Winterschlaf.
Die Inzenierung von Nuri Bilge Ceylan entfaltet ganz langsam und ruhig die Charaktere der drei Hauptfiguren Aydin, Nihai und Necla, vermeidet dabei alles Plakative und belässt den Figuren ihre Ambivalenz. Dabei bleiben ihre Handlungen und Argumente für den Zuschauer immer nachvollziehbar und einsichtig, auch wenn sie problematisch oder ungerecht ausfallen. Mal herrscht ein trocken-ironischer Ton vor, mal schleicht sich tragisch-gestimmtes Pathos ein. Kontrastiert werden diese seelisch-moralischen Wort-Schlachten der begüterten Protagonisten durch bildmächtige Szenen in der Natur, wie zum Beispiel das Einfangen wilder Pferde, oder im kargen Haushalt der verschuldeten Mieter-Familie, wo die Armut immer wieder körperliche Gewalt provoziert.
Die Schauspieler sind als Typen vortrefflich  ausgewählt, lassen aber durch ihr nuanciertes Spiel alles Nur-Typische weit hinter sich und überzeugen als vielschichtige und psychologisch differenzierte Charaktere.
Nuri Bilger Ceylan hat für dieses Winter- und Seelen-Drama in Cannes 2014 die Goldene Palme errungen. Verdient. Doch der 196 Minuten dauernde Film mit seinen beiden breit  ausgespielten Dialogszenen im Mittelpunkt (die stark an das Theater eine Tschechow oder Albee erinnern) fordert vom Kino-Publikum einige Bereitschaft zu geduldigem Zuschaunen, wie zu konzentiertem Hinhören.
PS: Man kann die Geschichte auch als Parabel auf den aktuellen, (gesellschafts-) politischen Zustand der Türkei lesen, doch gibt es im Film selbst keine direkten Hinweise auf eine solche Deutung.

Poster/Verleiher: Weltkino Filmverleih

zu sehen: b-ware! ladenkino (OmU und dt.); fsk (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Filmtheater am Friedrichshain (dt.); Kant-Kino (dt,)


Der gerade 85 Jahre alt gewordene Amerikaner Frederick Wiseman zählt zu den bedeutensten Dokumentarfilmern des internationalen Kinos. Eine Justizanstalt für verhaltensgestörte Gefangene, die Intensivstation eines Krankenhauses, die Arbeit von Polizeibeamten in Kansas City oder - zuletzt - das Ballett der Pariser Oper waren Themen seiner mosaik-artigen Film-Beobachtungen. Sein Markenzeichen: Verzicht auf jeglichen gesprochenen Kommentar,  keine erklärenden Interviews, der Zuschauer soll sich seine eigene Meinung über das Gezeigte bilden. Allein die Auswahl der Bilder, Schnitt und Montage lassen gelegentlich einen kritischen Subtext erkennen.
Im Winter 2012 filmte Wiseman mit kleiner Crew den Alltag in der Londoner National Gallery, einem der reichsten und poplärsten Gemälde-Tempel der Welt. Er zeigt die grossen Publikumsscharen vor den (überwiegend älteren) Bildern, lässt in den Verwaltungsbüros über Marketing und Budget diskutieren, verfolgt die geduldige Arbeit der Restauratoren oder begleitet die umfangreichen Vorbereitungen für Sonderausstellungen über Leonardo da Vinci oder William Turner.
Im Mittelpunkt der 3-stündigen Dokumentation stehen jedoch die grossartigen Ausstellungsführer und Museumspädagogen, die mit viel ansteckendem Enthusiasmus und plastischen Worten dem überwiegend stumm zuhörendem Publikum die Werke eines Tizian, Rembrand oder Rubens erläutern und nahebringen. Und denen es so gelingt, die Kluft zwischen den alten Bildern und dem Lebensgefühl ihrer heutigen Bewunderer ebenso überzeugend und wie nachvollziehbar zu überbrücken.
Besonders eindrucksvoll sind jene Filmsequenzen, in denen Wisemann und sein exzellenter Kameramann John Davey die Gesichter der gemalten Porträts mit den Großaufnahmen ihrer unterschiedlichen Betrachter konfrontiert - und hiermit sowohl den Zauber wie auch die verblüffende Lebendigkeit der alten Bilder sichtbar werden lässt.
Vielleicht ist mancher Einblick vor oder hinter den Kulissen dieses bedeutenden Museums allzu ausführlich geraten, auch erschliesst sich nicht immer die Bedeutung jeder Szene, wie zum Beispiel das Entrollen eines Protest-Plakates an der Aussenfront des Museums (Umwelt-Aktivisten ? wogegen?). Dennoch: ein ebenso kluger wie eleganter Blick in die Welt der Bildenden Kunst und in eine ihrer grössten und bedeutensten Schatzkammern.
Poster/Verleih: Kool
zu sehen: Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; fsk; Odeon (alle OmU)

Frankfurt am Main 1958. Ein Auschwitz-Überlebender erkennt in einem Schullehrer seinen ehemaligen Peiniger. Mit Hilfe eines befreundeten Journalisten der "Frankfurter Rundschau" erstattet er Anzeige. Doch die Staatsanwaltschaft mauert: keine Zeugen, keine Beweise und überhaupt alles verjährt. Nur der junge Staatsanwalt Johannes Radmann (Alexander Fehling) beginnt - zunächst auf eigene Faust - zu recherchieren: über den Lehrer, über Auschwitz - und stößt auf eine Mauer des Schweigens und heftiger Ablehnung. Durch empörte Artikel des FR-Journalisten wird der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (eindrücklich in seiner letzten Rolle der Theaterschauspieler Gert Voss) aufmerksam und beauftragt Radmann offiziell mit Vorbereitungen zu einem Prozess. Nicht über die Hauptverantwortlichen der Judenvernichtung wie Eichmann oder Mengele, sondern über die Mitläufer und Mittäter, 8000 Männer und Frauen waren es allein im  Vernichtungslager Auschwitz.  Mehrjährige Recherchen erfolgen, Zeugen werden in aller Welt gesucht und befragt, die Täter, so noch auffindbar, ausfindig gemacht und angeklagt. Für Radmann und seine Helfer eine überaus komplizierte und belastende Aufgabe, erschwert durch Pannen und Niederlagen, die nur durch die schützende Hand Fritz Bauers erfolgreich bewältigt werden konnte - und 1963 zum ersten Auschwitz-Prozess im Frankfurter Römer führte. Prozesse, die erstmals den ganzen Umfang des Holocausts (ein damals noch ungebräuchliches Wort) ins öffentliche Bewusstsein der Bundesrepublik rückte.
Der in Deutschland lebende, italienische Schauspieler, Produzent und Regisseur Giulio Ricciarelli hat einen Spielfilm inszeniert, der die historischen und juristischen Ereignisse sorgfältig recherchiert und nacherzählt. In den Mittelpunkt stellt er die Figur des jungen Staatsanwalts Johannes Radmann, dem jedoch viel Fiktives hinzugefügt wird. So machen eine (fast) in die Brüche gehende Liebesgeschichte und die schmerzliche Erkenntniss, dass auch seine Eltern Partei-Mitglieder im Dritten Reich waren - eine Erfahrung, die ihn fast aus der Bahn wirft - Radmann zur menschlichen Identifikations-Figur des Films. Mit seine Augen soll ein grosses, auch internationales Kino-Publikum die politische und gesellschaftliche Zeit des "Wirtschaftswunders" und die bewusste Verdrängung der Nazi-Vergangenheit erkennen und nacherleben. Radmann wird zum " Helden", der sich bewähren muss und der wie in fast jedem konventionellen Kino-Epos einen Reife-Prozess durchmacht, um an dessen Ende einen glücklichen Ausgang zu erleben - hier steht der Beginn des Auschwitz-Prozesses stellvertretend für ein solches "Happy End".
Sehr sorgfältig in Atmosphäre und Ausstattung sind diese späten 1950er Jahre und das damalige Lebensgefühl rekonstruiert, eine Reihe guter Schauspieler verleihen dem historischen Drama überzeugende Eindringlichkeit.
Und doch bleibt die Frage offen, ob angesichts der Ungeheurlichkeit von Auschwitz es nicht einen unkonventionelleren, cineastischeren Zugriff auf dieses Thema gibt als diese herkömmliche, von gefühlstriefender Musik untermalte Bebilderung der Vorgeschichte der Frankfurter Prozesse. Doch: sind solche ästhetisch-intellektuellen Fragen angebracht, wenn es darum geht, ein nach wie vor schmerzliches Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte für möglichst viele Zuschauer  verständlich aufzubereiten ?

Poster: Universal Pictures Germany

zu sehen: Blauer Stern Pankow; Bundesplatz-Kino; Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Zoo-Palast