Die Industrie-Gegend um das belgische Lüttich. Sandra arbeitet in einer mittelständischen Solarzellen-Fabrik. Als sie wegen Krankheit längere Zeit ausfällt, beschliesst der Firmenchef, ihren Arbeitsplatz einzusparen und durch einige Überstunden der Kollegen zu kompensieren. Zusätzlich verspricht er dem Dutzend Mitarbeiter eine einmalige Bonus-Zahlung von 1000 Euro, falls sie mittels einer Abstimmung mit Sandras Entlassung einverstanden sind. Natürlich entscheidet sich die Mehrheit für das Geld.
Zusammen mit Sandra erreicht eine Freundin und Kollegin an einem Freitagnachmittag, dass diese Abstimmung am kommenden Montagmorgen wiederholt werden muss, da der Vorarbeiter anlässlich der Abstimmung falsche und negative Gerüchte über Sandas Gesundheitszustand und Arbeitsleistung verbreitet hat. Jetzt hat sie übers Wochenende ("zwei Tage, eine Nacht") Zeit, zu versuchen, die Kollegen zu überreden, für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes zu stimmen - auch wenn ihnen deshalb die 1000 Euro entgehen.
Zunächt ist Sandra verzweifelt und will resignieren. Aber die Freundin und vor allem ihr Mann ermutigen sie und helfen - so gut sie können - ihr bei den demütigenden Bittgängen. Bei einigen Kollegen hat sie Erfolg, andere weisen sie ab. Manchmal will Sandra aufgeben, aber immer wieder findet ihr Mann eine mutmachende Geste oder erfährt sie bei einem Kollegen aufbauende Solidarität. Die Abstimmung am Montag geht zwar unentschieden aus, aber Sandra hat durch die teils bitteren, teils unerwartet positiven Erfahrungen (mit ihrer Familie, mit einigen Kollegen) innere Kraft und Stärke gewonnen. Ein Neuanfang scheint möglich.
Obwohl der Plot etwas mechanisch wirkt - nämlich eine gleichförmige Abfolge von knapp einem Dutzend hintereinander stattfindenden Besuchen Sandras bei den unterschiedlichen Kollegen -  gelingt es dem für Buch und Regie verantwortlichen, belgischem Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne daraus einen sehr spannenden und kurzweiligen Sozial-Thriller zu gestalten.
Wobei der kritische Blick auf das kapitalistische Wirtschaftssystem und den ökonomischen Druck, der oft zur Rationalisierung von Arbeitsplätzen mit schlimmen sozialen Folgen führt, nur am Rande eine Rolle spielt.
Es geht vielmehr um eine filmisch gedachte Reise zu sehr unterschiedlichen Menschen, zu ihrer Arbeitswelt, in ihre Wohnungen, zu ihren Freizeitbeschäftigungen: Arbeiter, die für ihren bescheiden Wohlstand hart ackern müssen. Es sind Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Kulturen, in Temperament wie Haltung sehr verschieden. Ein Kollege braucht das Geld dringend für das Studium seiner Tochter, eine Kollegin richtet sich gerade eine neue Wohnung ein, eine andere lässt sich durch ihre Tochter verleugnen. Ein Schwarzer fürchtet, keine Vertragsverlängerung zu bekommen, wenn er nicht für den Wegfall von Sandras Arbeitsplatz stimmt, ein anderer, ebenfalls Ausländer, schämt sich unter Tränen und verspricht, am Montag für Sandra zu stimmen.
Unerwartete Auswirkung löst Sandras Besuch bei einer Kollegin aus, deren Lebensgefährte sich so brutal und ablehnend verhält, dass diese Kollegin sich von ihm trennt.
Alle Personen ausser Sandra und ihrem Mann treten nur kurz auf, aber es gelingt den Brüdern Dardenne, alle schwarz-weisse Typologie zu vermeiden und sttdessen sehr präzise, menschliche Porträts der einzelnen Personen zu zeichnen, ohne jede moralische Überlegenheit. Und dank der hervorragenden schausspielerischen Leistung und filmischen Präsenz des französischen Stars Marion Cotillard wird auch Sandra zu einer anrührenden und bewegenden Figur mit psychologisch vielschichtigen Facetten.
Der exzellent fotogarfierte, auch raffiniert geschnittenen Film erzählt zunächst eine spannende Geschichte in der heutigen Welt westlicher Industrie-Arbeiter. Sein eigentliches Thema jedoch sind Fragen: Was bedeuten heute Solidarität oder gegenseitige Hilfe - unter Familien, unter Freunden, unter Kollegen? Wie weit kann, darf,  muss sie gehen oder gefordert werden?  Ist sie ein moralischer Wert an sich oder nur eine pathetische und verzichtbare Formel?
Ein diskussionswertes, kleines Meisterwerk - wenn auch mit ein paar (dramaturgisch bedingten) Abstrichen.

Foto/Poster: Alamode Film

zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Eiszeit (OmU); fsk (OmU); Bundesplatz-Kino (dt.und OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Kino in der Kultubrauerei; New Yorck

Mr.Turner - der in der deutschen Fassung den Untertitel "Magier des Lichts" erhalten hat - ist ein kleiner, untersetzter Mann, nicht gerade attraktiv oder sympathisch. Er wirkt ältlich und kauzig und reagiert auf Fragen oft nur mit knurrenden oder grunzenden Lauten, deren Bedeutung erraten werden muss. Er ist - zu Beginn des Films - schon ein anerkannter Maler, seine Bilder - überwiegend weite Landschaftsräume vor dunstig leuchtenden Himmeln -  hängen in der Royal Academie, und adlige Gönner besuchen ihn immer wieder in seinem Londoner Atelier. Dabei lebt er in bescheidenem Wohlstand, hat sich von seiner Frau und den Töchtern getrennt, geht viel auf Reisen aufs europäische Festland oder wandert durch England. Sein alter Vater, ursprünglich ein Barbier, sowie eine ergebene Haushälterin, die Turner gelegentlich auch zur sexuellen Triebabfuhr dienen muss, wohnen mit ihm zusammen, helfen und unterstützen ihn bei der Arbeit, kaufen Mal-Utensilien, ziehen Leinwände auf, mischen Farben.
Bei einer seiner Reisen an die engliche Küste, findet er Unterkunft bei der Witwe Pooth in Margate, lernt die freundliche Frau schätzen und lieben und zieht - einige Jahre später - mit ihr zusammen, während das Atelier in London nach dem Tod des Vaters allein von der braven Haushälterin betreut wird. Es ist die Zeit der grossen Umbrüche: die Industriealisierung breitet sich aus, Dampf- ersetzten Segel-Schiffe, Eisenbahnen verbinden Hauptstadt und Grafschaften.
Turners Bilder werden immer abstarkter, verändern sich zu atmosphärisch-schillernden Farbflächen, die die realen Vorlagen nur noch erahnen lassen - sehr zum Missfallen seiner Malerkollegen, Freunde und Gönner. Die noch junge Königin Viktoria wendet sich bei einem Akademiebesuch entsetzt ab, auf Theaterbühnen wird Turners Kunst dem Gelächter eines konservativ-spiessigen Publikums preisgegeben. Dennoch arbeitet er weiter. Ein amerikanisches Angebot, seine gesamten Bilder gegen einen hohen Preis aufzukaufen, schlägt er aus: seine Werke sollen nach seinem Willen zum grösstmöglichen Teil in Grossbritannien bleiben, öffentlich und kostenlos für jeden Bürger ausgestellt werden. Allmählich machen sich Alter und Krankheit bemerkbar - umsorgt und betreut von seiner Gefährtin stirbt Turner 1851.
Dem Regisseur Mike Leight gelingt (bestens unterstützt von seinem Kameramann Dick Pope) ein hinreissendes Porträt des britischen Malers, das einerseits einen "normalen" Durchschnitts-Bürger seiner Zeit, andererseits das weit in die Zukunft weisende Genie eines grossen Künstlers sichtbar zu machen vermag. Der Film reiht überwiegend dokumentierte Szenen aus den letzten 25 Jahren des Lebens von William Turner aneinander, ein ruhiger, aber raffiniert geschnittener Bilderbogen, szenisch und optisch ungemein detailreich und im Farbbild ganz der delikaten Palette des Malers verpflichtet. Musik wird nicht gefühlvoll untermalend, sondern als spröder, akkustischer Kontrast eingesetzt.
Das bis in die kleinste Nebenrolle exzellent besetzte Darsteller-Ensemble wird angeführt von Timothy Spall in der Titelrolle, der dafür beim diesjährigen Festival von Cannes als bester männlicher Schauspieler ausgezeichnet wurde - ebenso überzeugend als skuril-kauziger, aber  durchaus pfiffiger Londoner Bürger wie als selbstbewust-genialer Künstler, der sich in seiner Kunst durch Nichts beirren lässt.
Mike Leigh gelingt mit diesem "Mr.Turner" eine liebevolle, filmische Biographie, die weder gefälliger Kostüm-Schinken noch verklärende Hagiographie ist , sondern das Porträt eines echten, lebensprallen Menschen zeichnet (samt seiner dunklen Seiten), seiner künstlerischen Kraft und seines zukunftweisenden Werkes. Auch wenn in diesem England des 19.Jahrhunderts die Sonne - strahlend oder verhangen - vielleicht etwas zu häufig scheint.

Foto/Poster: Prokino Filmverleih

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Cinema Paris (dt und OmU); Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); CinemaxX Sony Center;  Kino am Friedrichshain



1915, eine armenische Gemeinde im Süden der (noch osmanischen) Türkei. Nazaret, der Dorfschmied, wird eines Nachts von türkischen Soldaten rekrutiert und mit anderen Männern des Orts zu harter Arbeit beim Bau einer Wüstenstrasse gezwungen. Später werden diese wie Sklaven behandelten Männer brutal umgebracht. Nazaret hat Glück im Unglück, ihm weden nur die Stimmbänder, nicht die Kehle wie bei den anderen durchschnitten. Stumm flieht er in die Wüste, trifft auf ein zerstörtes Lager, in dem die türkischen Militärs armenische Frauen, Männer und Kinder grausam verdursten und verhungern lassen. Im syrischen Aleppo wird Nazaret von einem mitfühlenden Kaufmann aufgenommen und erfährt durch Zufall, dass seine beiden Zwillingstöchter den Genozid überlebt haben und jetzt in einem libanesischen Waisenhaus leben sollen. Er begibt sich daraufhin auf eine lange, mehrjahrige Suche, die ihn über den Libanon, Kuba bis nach Nord-Amerika führt - wobei er an jedem Ort einen ihm wohlgesonnenen Helfer findet. Im Winter 1923 gibt's in der weiten, ärmlichen Landschaft von Nord-Dakota ein Happy End - wenn auch mit einer traurigen Einschränkung.
Der 138 Minuten lange Film zerfällt in zwei Teile:  der erste klagt den Völker-Mord an den Armeniern während des 1.Weltkrieges durch die Türkei an, der zweite Abschnitt imitiert klassisches Road-Movie-Kino, bei dem der amerikanische (oder auch italienische) Western deutlich Pate stand.
Doch Regisseur Fatih Akin gelingt es weder, die grausame Vergangenheit der Armenier im Schicksal eines Einzelnen zu spiegeln, noch den Western-Vorbildern Hollywoods dramatisches Leben einzuhauchen.
Das Drehbuch wirkt wie eine brav gestrickte Seminararbeit angehender Filmschüler, bei der alle Handlungs-Fäden ordentlich zusammen genäht und alle angedachten Problem-Felder mit kurzen Bild- oder Ton-Sequenzen illustiert werden. Die Kamera schwenkt zwar oft in breiten, schönen Panorama-Bildern von Bergen, Wüsten oder Meer, doch die übrige Szenerie riecht heftig nach Pappe und Schminke - überdeutlich im düsteren Wüstenlager mit den dekorativ arrangierten Leichen oder stöhnenden Sterbenden. Auch vermag der Darsteller des Nazaret seine furchtbare Odysee kaum  in Körper-Haltung oder Minen-Spiel sichtbar werden zu lassen: er bleibt von Anfang bis Ende der gleiche junge Mann, in dessen hübschem Gesicht sich nicht eine Spur seines leidvollen Schicksals eingräbt.
Sicherlich, es gibt immer wieder mal ein paar Sequenzen, in denen Fatih Akins Regie-Talent aufblizt, beispielweise in der Szene, in der ein früher Stummfilm von Charlie Chaplin bei den einfachen, arabischen Zuschauern ebenso freudiges Lachen wie Tränen der Rührung auslöst, -  und wie es Akin bisher so eindrucksvoll in seinem Berlinale-Sieger "Gegen die Wand" oder in dem deutsch-türkischen Aktivisten-Drama "Auf der anderen Seite" bewiesen hat.
Schade deshalb, dass das ehrgeizige und teuer produzierte filmische Epos über ein Kapitel Zeitgeschichte des frühen 20.Jahrhunderts zu einem Flopp mißraten ist -- überfrachtet, lebenlos und langweilig.

Foto/Poster: Pandora Filmverleih

zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; Kino in der Kulturbrauerei; Yorck


Eine im Grund alltägliche und banale Story: die (kinderlose) Ehe eines junges Paar steht an seinem 5.Hochzeitstag vor dem Aus - auch wenn das öffentlich keiner der Beteiligten zugeben möchte. Nick (Ben Afflek) und Amy (Rosamund Pike) sind durch die Wirtschaftskrise 2008 arbeitslos gewordene Journalisten. Sie  zogen deshalb von New York in Nick's Heimatort in Missouri, wo er nun mit seiner Schwester Margo (Carrie Coon) eine bescheidene Bar betreibt, während Amy sich um (Vorort-)Haus und Garten kümmert. Doch jetzt, genau am Hochzeitstag verschwindet Amy - umgestürzte Möbel und Blutspuren lassen zunächst auf eine Entführung schliessen. Die Polizei untersucht routinemässig die Spuren, verdächtigt aber bald - auch auf Grund von Zeugenaussagen der Nachbarn - Nick als Mörder seiner Frau. Eine sensationslüsterne, einseitige Berichterstattung im lokalen Fernsehn verstärkt den Eindruck einer ehelichen Mordtat, obwohl Nick - unterstützt von seinen aus New York herbeigeeilten Schwiegereltern - immer wieder beteuert und (vergeblich) nachzuweisen versucht, dass er sich Amys Verschwinden nicht erklären kann und er kein Mörder sei. Er verschweigt dabei aber, dass die anscheinend glückliche Ehe innerlich schon längst zerbrochen ist und er ausserdem ein Verhältnis mit einer jungen Frau unterhält. Dann findet die Polizei ein Tagebuch von Amy, in dem sie schildert, wie ihre Ehe durch Nicks Egoismus und Brutalität scheiderte, und in dem sie zugleich andeutet, daß Nick ihr etwas antuen könnte. Nick sitzt damit endgültig in der Täter-Falle, doch plötzlich nimmt die Geschichte einen unerwarteten und ganz anderen Verlauf...
David Finscher ("Fight Club"; "Zodiac") inszeniert diesen Thriller nach einem sehr erfolgreichen Roman von Gillian Flynn, die auch selbst das Drehbuch schrieb. Pinschers filmischer Trick und seine Rafinesse jedoch bestehen darin, daß er die blutige Geschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven von Nick und Amy erzählen läßt. Und zwar so, daß die jeweiligen Schilderungen der unterschiedlichen Sichtweisen sich nicht ergänzen, im Gegenteil sich sogar widersprechen. Es bleiben so nicht nur für die ruhig und besonnen untersuchende Polizei-Offizierin Rhonda Boney (Kim Dickens) viele Fragen offen, sondern auch für den Zuschauer des Films.
Es werden zwar die Umrisse des Ehedramas, die psycho-pathologischen Charakterzüge einzelner Personen, die fatal-fahrlässige Berichterstattung amerikanischer TV-Kanäle, die populistisch-hysterischen Verhaltensweisen sogenannter "normaler" Durchschnitts-Bürger deutlich, aber vor allem zeigen sich hier die Grenzen scheinbarer Objektivität.  Eine einfache oder eindeutige Wahrheit - so die Quintessenz von Pinchers etwas zu lang und teilweise zu plakativ geratenem  Thriller - gibt es nicht! 
Das Bild, mit dem der Film beginnt und dann auch endet, zeigt in Großaufnahme das fragende Gesicht Amys, und dazu hört man (im Off) die ruhige Stimme von Nick: "Ich denke darüber nach, ihren Schädel einzuschlagen und ihr Gehirn zu sezieren, um eine Antwort auf die Frage zu finden: Was haben wir einander angetan?"


Foto/Poster: Verleiher Fox Deutschland

zu sehen: u.a. CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Filmtheater am Friedrichshain (OmU); Kino in der Kulturbrauerei (OmU und Dt.); Sputnik (OmU und Dt.); Astra; CineMotion Hohenschönhausen; CinemaxX Potsdamer Platz; Cineplex Neukölln-Arcaden; Titania Palast Steglitz; CineStar Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Tegel; Kino Spreehöfe; UCI am Eastgate; Colosseum; UCI Friedrichshain; UCI Zoo-Palast

Nelly (Nina Hoss), jüdische Sängerin im Berlin der Nazi-Zeit und verheiratet mit dem Pianisten Johnny (Roland Zehrfeld), wird im Oktober 1944 verhaftet. Sie überlebt schwer verwundet und im Gesicht entstellt das Konzentrationslager Auschwitz.
Zu Beginn des Filmes wird sie von ihrer Freundin Lene (Nina Kunzendorf), die in der Schweiz den Krieg überlebt hat und nun für die Jewish Agency arbeitet, ins zerstörte Berlin zurückgebracht - einmal um Vermögensfragen zu klären, zum andern um die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Nelly wird operiert, ihr Gesicht (halbwegs) wiederhergestellt. Doch - zum Entsetzen von Lene - versucht Nelly, ihren Mann Johnny wiederzufinden, im Glauben, dann ihr früheres, glückliches Leben wieder aufnehmen zu können. Obwohl Lene andeutet, daß Johnny sie denunziert hat.
In einer Bar mit dem euphoristischen Namen "Phoenix" findet Nelly ihren Johnny wieder, doch er erkennt sie nicht, ist nur verblüfft über ihre Änhlichkeit mit seiner ins KZ verschleppten Frau.
Doch dann entwickelt er einen Plan: mit Hilfe dieser - wie er glaubt - "falschen" Nelly an das Vermögen  der echten heranzukommen. Sie lässt sich auf das Spiel ein, verwandelt sich mittels Kleider, Schuhen, Frisur und Make-up immer mehr in die "echte" Nelly - und keht sogar in einer von Johnny verlogen-arrangierten Szene mit dem Zug zurück und wird am Bahnhof von den einstigen (Nazi-?)Freunden empfangen. Erst als bei der anschliessenden Feier Nelly ihren Johnny bittet, sie bei dem Kurt-Weill-Song "Speak low" am Piano zu begleiten, ein Lied, das sie einst oft in glücklichen Tagen gemeinsam vortrugen, erkennt er sie betroffen. Nelly - jetzt ernüchtert - verlässt den Raum.
Regisseur Christian Petzold bevorzugt in seinen Filmen (Liebes-)Geschichten, die stark von der jeweiligen politischen Situation Deutschlands geprägt sind, zuletzt in "Barbara", dem Drama einer Ärztin in der DDR, die mit der Staatssicherheit in Konflik gerät. In "Phoenix" versucht er nun die deutsche Nachkriegsgesellschaft zu porträtieren, die am liebsten über ihre (Nazi-)Vergangenheit, deren Gräuel und daraus erfolgenden Katastrphen, schweigen möchte. Aber auch eine Überlebende wie Nelly will das Entsetzlich nicht wahrhaben: nur das vergangene, scheinbare Glück wiederherstellen.
In der ersten Hälfte des Film gelingt es Petzold sehr gut, diese Zeit in kühlen Bilder knapp und klar zu zeichnen: Nellys Rückkehr und ihre Operation, die schwierige Situation sich im Leben und im zetrümmerten Berlin wieder zurecht zu finden. Doch mit dem Auftritt Johnnys kippt der Film und bringt sich durch die steif durchgespielte Handlungs-Konstruktion und ihrem überdeutlichen Hinweis-Charakter um seine Glaubwürdigkeit. Auch den an sich guten Darstellern gelingt es kaum, echte Menschen oder gar anrührende Persönlichkeiten zu verkörpern. Erst in der Schluss-Szene, als Nelly während ihres Chanson-Vortrages die gesamte Situation wirklich begreift, gewinnt sie dank dem intensiven Gesang und Minen-Spiel von Nina Hoss wirklich menschliches Profil.
Fraglich bleibt auch, ob sich die Nachkriegszeit und die deutsche Gesellschaft jener Jahre als Melodram inszenieren lassen, zumal wenn Opfer der Konzentrationslager die tragenden Rollen dabei spielen. Holocaust als Unterhaltungs-Kino ist immer ein heikler Drahtseilakt - auch wenn Regisseur Christian Petzold mit Umsicht und Sorgfalt diesen Stoff umzusetzen versucht. Vielleicht ist das jedoch - neben dem Problem der Glaubwürdigkeit - sein Haupt-Manko: zu herkommlich und solide, zu politisch korret wird erzählt. Filmisch jedoch bleibt alles allzu brav - sogar trotz mancherlei Anleihen aus der Kino-Historie. So wirkt dieser "Phoenix" recht zwiespältig und verheisst - im Gegensatz zu seinem sarkstische gewählten Namen - kaum Aufbruch oder gar Neues.

Foto/Poster: Piffl Medien GmbH

zu sehen: Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; Hackesche Höfe Kino (dt.m.engl.Untertiteln); International; Kino in der Kulturbrauerei; Yorck


Blutiges Familiendrama in Hollywood. Stafford Weiss (John Cusak), Psychotherapeut mit eigener TV-Show, und seine Frau Cristina (Olivia Williams) kümmern sich vor allem um die erfolgreiche Film-Karriere ihres 13jährigen Sohnes Benjie (Even Bird), eines selbstgefällig-arroganten Jungen, der bereits eine Drogen-Entziehung hinter sich hat. Die ältere Tochter Agathe (Mia Wasikowska) hat vor einigen Jahren das damalige Wohnhaus angezündet und wurde deshalb in eine Psycho-Klinik gesteckt. Jetzt, als 18jährige entlassen, kehrt sie  - zu Beginn des Films - nach L.A. zurück und sucht Kontakt zu ihrer Familie. Die will jedoch nichts mehr von ihr wissen; auch Benjie wird verboten, sich mit seiner Schwester zu treffen. Agatha, die immer lange schwarze Handschuhe trägt, um ihre Bandwunden zu verbergen, erhält durch Vermittlung ihrer Twitter-Freundin Carrie Fisher (die Autorin spielt sich selbst in einem Kurzauftritt) die Stelle einer Assistentin bei der reichen, älteren Diva Havana Segrand (Julianne Moore). Diese versucht ihrerseits vergeblich neue Filmrollen zu erhalten und wird zugleich von Agathas Vater Stafford psychotherapeutisch behandelt. Ein absehbares Drama, in dem auch noch ein junger Chauffeur (Robert Patterson), der eigentlich lieber vor einer Kamera agieren würde, eine hübsche Nebenrolle spielt,  nimmt seinen tödlichen Verlauf...
Der kanadische Regisseur David Cronenberg und sein amerikanischer Drehbuch-Autor Bruce Wagner haben eine krude Mischung aus Psychothriller und Melodram inszeniert. Elegant und kühl präsentieren sie ihre Personen: den skrupellosen Vater und Psycho-Guru, den eitlen, überheblichen Sohn und Kinderstar, die zwischen Unschuld und Grausamkeit schillernde Schwester, die exaltiert-überdrehte Film-Diva. Drogen, Psychopharmaka, dubiose Heilslehren (von Yoga bis Scientology) und verlogene Moral bestimmen den Alltag der Figuren. Brutal ist ihr verbissener Kampf um Ansehen und Macht, vor allem aber um Ruhm und Erfolg im herrschenden Film-System. Eine monströse Gesellschaft vor glamouröser Fassade: 'Tinseltown' eben!
David Cronenberg hat diesen Film wohl als Satire auf Hollywood und seine Gesellschaft gedacht - aber wen oder was sollen diese klischeehaften Personen und abstrusen Geschichten entlarven?
Da helfen weder die trefflichen Schauspieler, von denen besonders Julianne Moore als Diva-Zicke furiose Auftritte hat, noch die mondänen Geschäfte und Villen, hinter deren teuren Fassaden die Stars ihre geistige Leere verstecken.
Und weder die effektvoll eingefügten surrealen Szenen, noch ein immer wieder zitiertes Gedicht von Paul Eluard ("Freiheit") verhelfen der überfrachteten Story samt ihren Papp-Protagonisten zu einem auch nur halbwegs überzeugenden, intellektuellen Überbau.
Da gab es schon sehr viel treffsichere Filme, die sich mit dem Phänomen Hollywood und seinen Schattenseiten kritisch auseinandersetzten - von Billy Wilder bis Sophia Coppola. Statt zur bissig-bösen Satire gerät Cronenbergs melodramatischer Psycho-Horror allzu schnell zum mehrfach potenzierte Kino-Klischee.

Foto/Poster: MFA Filmverleih

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); International (OmU); Xenon (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Eiszeit; Eva-Lichtspiele (Mi: OmU); Filmkunst 66; Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Movimento (dt. und OmU)


Der Anschlag auf das World-Trade-Center in New York am 11.September 2001 wurde unter anderem in Hamburg vorbereitet. Keiner der Geheimdienste, weder der deutsche noch der amerikanische, scheint etwas davon mitbekommen zu haben. Seitdem hat hinter den Kulissen dieser Undercover-Welt hektisches Treiben eingesetzt: eine solche Blamage kann kein Dienst sich mehr erlauben. Jetzt wird alles und jeder bespitzelt, überwacht, verhaftet oder erpresst. Die Furcht vor islamisch motivierten, neuen Terrorakten führt so zu einem unbarmherzigen Wettbewerb zwischen den diversen Nachrichten-Diensten: diesmal darf keiner versagen.
In dieser aufgeheizten Atmosphäre leitet der deutsche Geheimdienstler Günther Bachmann im Auftrag des BND eine kleine Sondereinheit in Hamburg. Durch altbewährte Methoden und persönliche Intuition ist er einem scheinbar honorigen, arabischen Geschäftsmann auf die Schliche gekommen, der durch eine zyprische Schiff-fahrtsgesellschaft heimliche Waffengeschäfte abwickeln lässt. Mittels eines aus Russland geflohenen, islamischen Tschetschenen, der in Deutschland auf Asyl hofft, glaubt er dem dubiosen Geschäftsmann eine Falle stellen zu können. Doch er hat dabei nicht mit dem brutalen Konkurrenz-Neid seiner Vorgesetzten und des CIA gerechnet, die alles vermasseln...
Der Spionage-Thriller über die Furcht vor dem islamischen Terrorismus und über illegale Waffengeschäfte im Nahen Osten wirkt verblüffend aktuell. Dabei ist seine Vorlage, ein Roman von John le Carré (dt.Titel "Marionetten") bereits 2008 erschienen. Doch haben Drehbuchautor Andrew Bovell und Regisseur Anton Corbijn die etwas verwickelte Story so geschickt in das heutige Hamburg zwischen wüster Multikulti-Szene und Blankenese-Chic verortet und von Benoit Delhomme so modisch-raffiniert fotografieren lassen, dass die - bei genauem Hinsehen - recht klischeehafte Genre-Geschichte einen spannenden und tages-aktuellen Touch
bekommt.
Doch was diesen durchaus unterhaltsamen Krimi sehenswert macht, ist die herausragende Darstellung des leicht kauzigen, älteren Agenten Günther Bachmann durch den im Frühjahr (an Drogen) verstorbenen, amerikanischen Schauspieler Philip Seymour Hoffman (in seiner letzten Rolle). Obwohl die Vorlage dieser Figur über weite Strecken ebenfalls stark an Klischees gebunden ist, gelingt es Hoffman, ihr einen sehr individuellen Charakter zu verleihen: den eines etwas bullig-kauzigen Einzelgängers, der keinerlei intime Beziehung unterhält, vielleicht zuviel trinkt und raucht. Der sich klug und vorurteilsfrei ausschliesslich auf seine Arbeit konzentriert , genau beobachtet und schlau seine Netzwerke aufbaut. Der aber auch schon Niederlagen einstecken musste: so soll er in Beirut als Geheimdienstler enttarnt worden sein und wird seitdem von seinen Vorgesetzten misstrauisch beobachtet. Doch zynisch ist er nicht geworden, sondern der harte Arbeiter und genaue Menschenbeobachter geblieben - was ihm jedoch am Ende des Hamburger Falls nicht weiterhilft, sondern ins Leere laufen lässt...
Günter Bachmann ist keine bedeutende Film-Figur, aber nocheimal zeigt sich in der präzisen und am Ende auch anrührenden Darstellung dieses zähen, deutschen Agenten-Loosers die grosse Kunst und filmische Präsenz von Philip Seymour Hoffman.

Foto/Poster: Senator Filmverleih

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Hackesche Höfe Kino (OmU); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Titania Palast Steglitz; Cubix Alexanderplatz; Filmkunst 66; Kino in der Kulturbrauerei; Colosseum; Yorck-Kino; Zoo-Palast

Die leicht gebirgige Landschaft des amerikanischen Nord-Westens, wald- und wasserreich. Umweltaktivisten unterhalten hier eine organische Landwirtschaft-Kooperative. Dort arbeiten  Josh (Jesse Eisenberg), ein weicher, verschlossener Junge und Dena (Dakota Fanning), die umwelt-engagierte Tochter aus reichem Haus. Zusammen mit Josh' Freund Harmon (Peter Sarsgard), einem ehemaligen US-Marine, planen sie einen Sprengstoff-Anschlag auf einen Staudamm, um dadurch auf die Zerstörung der Umwelt durch Regierung und Konzerne aufmerksam zu machen. Die Aktion wird gründlich vorbereitet, ein Boot gekauft, Düngemittel als Sprengstoff geordert, zum nahen Campingplatz geschafft und in einer nächtlichen Aktion zur erfolgreichen Explosion gebracht. Doch - unbeabsichtigt und rein zufällig - kommt ein nachtwandernder Camping-Bewohner dabei zu Tode. Worauf die drei jugendlichen Öko-Täter - die verabredet haben, sich aus Sicherheitsgründen vorerst nicht mehr zu kontaktieren - sehr unterschiedlich reagieren. Harmon zieht sich ganz zurück, irgendwohin in die Wäldern, und will aus Angst vor der Polizei mit den beiden anderen nichts mehr zu tun haben. Dena dagegen wird von Reue geschüttelt, bricht seelisch zusammen, bekommt Gesichts-Ausschläge, droht durch ihr allgemein auffallendes, hochnervöses Verhalten, alles zu verraten. Nur Josh bleibt ruhig, er hält den Anschlag trotz des unbeabsichtigten Toten für richtig, und erweist sich so als ideologischer Fundamentalist. Was zu einer weiteren grausigen Tat führt... Die in Nwe York lebende und lehrende Regisseurin Kelly Reichardt (50) gehört seit ihren Filmen "Wendy und Lucy" und "Meek's Cutoff" zu den herausragenden Vertreterinnen des amerikanischen Independend-Kinos.
Kühl und ruhig beobachtet sie im ersten Teil ihres neuen Films "Night Moves" wie die drei Umweltaktivisten ihre Tat planen und vorbereiten. Genau und detailreich schildert sie die äusseren Handlungen der Personen, deutet ihre inneren Beweggründe nur knapp an. Höhepunkt dieses Öko-Thrillers ist die überaus spannenden Sequenz der Ausführung des nächtlichen Anschlags, wobei Explosion und Zerstörung des Damms nur als fernes Donnergrollen zu hören sind, als die drei Aktivisten im Wagen zurückfahren und später in eine Polizei-Kontrolle geraten - ohne dabei in Verdacht zu geraten.
Erst im zweiten Teil des fast minimalistisch gedrehten Films kommt das Psychogramm der drei unterschiedlichen Akteuere ins filmische Blickfeld, stellt sich die Frage nach dem Sinn der Aktion. Ein Mitbewohner der Landwirtschafts-Kooperation nennt beim Fühstück den Anschlag lächerlich,  - es gäbe ja Hunderte von Staudämmen in dieser Gegend, und kein Mensch würde deshalb aufgerüttelt oder seine Meinung zur Umwelt ändern. Leider wird der Film hier etwas klischeehaft und die weitere Handlung allzu voraussehbar. Zumal mehr oder weniger versteckte Andeutungen auf amerikanische Verhältnisse in Bild und Wort nur für deren Kenner zu lesen sind.
Dennoch besticht "Night Moves", in dem tatsächlich viele Szenen in der Nacht spielen, durch die klaren Inszenierung, durch prachtvolle Landschafts-Bilder und durch drei ausgezeichnete Darsteller - alles prominente Schauspieler aus Hollywood, die sich aber hier fabelhaft und ohne jeden Star-Glamour in das engagierte Independend-Kino einpassen.

Poster/Verleih: MFA

zu sehen: fsk Oranienplatz (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Tilsiter- Lichtspiele (OmU)