Eine im Grund alltägliche und banale Story: die (kinderlose) Ehe eines junges Paar steht an seinem 5.Hochzeitstag vor dem Aus - auch wenn das öffentlich keiner der Beteiligten zugeben möchte. Nick (Ben Afflek) und Amy (Rosamund Pike) sind durch die Wirtschaftskrise 2008 arbeitslos gewordene Journalisten. Sie  zogen deshalb von New York in Nick's Heimatort in Missouri, wo er nun mit seiner Schwester Margo (Carrie Coon) eine bescheidene Bar betreibt, während Amy sich um (Vorort-)Haus und Garten kümmert. Doch jetzt, genau am Hochzeitstag verschwindet Amy - umgestürzte Möbel und Blutspuren lassen zunächst auf eine Entführung schliessen. Die Polizei untersucht routinemässig die Spuren, verdächtigt aber bald - auch auf Grund von Zeugenaussagen der Nachbarn - Nick als Mörder seiner Frau. Eine sensationslüsterne, einseitige Berichterstattung im lokalen Fernsehn verstärkt den Eindruck einer ehelichen Mordtat, obwohl Nick - unterstützt von seinen aus New York herbeigeeilten Schwiegereltern - immer wieder beteuert und (vergeblich) nachzuweisen versucht, dass er sich Amys Verschwinden nicht erklären kann und er kein Mörder sei. Er verschweigt dabei aber, dass die anscheinend glückliche Ehe innerlich schon längst zerbrochen ist und er ausserdem ein Verhältnis mit einer jungen Frau unterhält. Dann findet die Polizei ein Tagebuch von Amy, in dem sie schildert, wie ihre Ehe durch Nicks Egoismus und Brutalität scheiderte, und in dem sie zugleich andeutet, daß Nick ihr etwas antuen könnte. Nick sitzt damit endgültig in der Täter-Falle, doch plötzlich nimmt die Geschichte einen unerwarteten und ganz anderen Verlauf...
David Finscher ("Fight Club"; "Zodiac") inszeniert diesen Thriller nach einem sehr erfolgreichen Roman von Gillian Flynn, die auch selbst das Drehbuch schrieb. Pinschers filmischer Trick und seine Rafinesse jedoch bestehen darin, daß er die blutige Geschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven von Nick und Amy erzählen läßt. Und zwar so, daß die jeweiligen Schilderungen der unterschiedlichen Sichtweisen sich nicht ergänzen, im Gegenteil sich sogar widersprechen. Es bleiben so nicht nur für die ruhig und besonnen untersuchende Polizei-Offizierin Rhonda Boney (Kim Dickens) viele Fragen offen, sondern auch für den Zuschauer des Films.
Es werden zwar die Umrisse des Ehedramas, die psycho-pathologischen Charakterzüge einzelner Personen, die fatal-fahrlässige Berichterstattung amerikanischer TV-Kanäle, die populistisch-hysterischen Verhaltensweisen sogenannter "normaler" Durchschnitts-Bürger deutlich, aber vor allem zeigen sich hier die Grenzen scheinbarer Objektivität.  Eine einfache oder eindeutige Wahrheit - so die Quintessenz von Pinchers etwas zu lang und teilweise zu plakativ geratenem  Thriller - gibt es nicht! 
Das Bild, mit dem der Film beginnt und dann auch endet, zeigt in Großaufnahme das fragende Gesicht Amys, und dazu hört man (im Off) die ruhige Stimme von Nick: "Ich denke darüber nach, ihren Schädel einzuschlagen und ihr Gehirn zu sezieren, um eine Antwort auf die Frage zu finden: Was haben wir einander angetan?"


Foto/Poster: Verleiher Fox Deutschland

zu sehen: u.a. CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Filmtheater am Friedrichshain (OmU); Kino in der Kulturbrauerei (OmU und Dt.); Sputnik (OmU und Dt.); Astra; CineMotion Hohenschönhausen; CinemaxX Potsdamer Platz; Cineplex Neukölln-Arcaden; Titania Palast Steglitz; CineStar Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Tegel; Kino Spreehöfe; UCI am Eastgate; Colosseum; UCI Friedrichshain; UCI Zoo-Palast

Nelly (Nina Hoss), jüdische Sängerin im Berlin der Nazi-Zeit und verheiratet mit dem Pianisten Johnny (Roland Zehrfeld), wird im Oktober 1944 verhaftet. Sie überlebt schwer verwundet und im Gesicht entstellt das Konzentrationslager Auschwitz.
Zu Beginn des Filmes wird sie von ihrer Freundin Lene (Nina Kunzendorf), die in der Schweiz den Krieg überlebt hat und nun für die Jewish Agency arbeitet, ins zerstörte Berlin zurückgebracht - einmal um Vermögensfragen zu klären, zum andern um die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Nelly wird operiert, ihr Gesicht (halbwegs) wiederhergestellt. Doch - zum Entsetzen von Lene - versucht Nelly, ihren Mann Johnny wiederzufinden, im Glauben, dann ihr früheres, glückliches Leben wieder aufnehmen zu können. Obwohl Lene andeutet, daß Johnny sie denunziert hat.
In einer Bar mit dem euphoristischen Namen "Phoenix" findet Nelly ihren Johnny wieder, doch er erkennt sie nicht, ist nur verblüfft über ihre Änhlichkeit mit seiner ins KZ verschleppten Frau.
Doch dann entwickelt er einen Plan: mit Hilfe dieser - wie er glaubt - "falschen" Nelly an das Vermögen  der echten heranzukommen. Sie lässt sich auf das Spiel ein, verwandelt sich mittels Kleider, Schuhen, Frisur und Make-up immer mehr in die "echte" Nelly - und keht sogar in einer von Johnny verlogen-arrangierten Szene mit dem Zug zurück und wird am Bahnhof von den einstigen (Nazi-?)Freunden empfangen. Erst als bei der anschliessenden Feier Nelly ihren Johnny bittet, sie bei dem Kurt-Weill-Song "Speak low" am Piano zu begleiten, ein Lied, das sie einst oft in glücklichen Tagen gemeinsam vortrugen, erkennt er sie betroffen. Nelly - jetzt ernüchtert - verlässt den Raum.
Regisseur Christian Petzold bevorzugt in seinen Filmen (Liebes-)Geschichten, die stark von der jeweiligen politischen Situation Deutschlands geprägt sind, zuletzt in "Barbara", dem Drama einer Ärztin in der DDR, die mit der Staatssicherheit in Konflik gerät. In "Phoenix" versucht er nun die deutsche Nachkriegsgesellschaft zu porträtieren, die am liebsten über ihre (Nazi-)Vergangenheit, deren Gräuel und daraus erfolgenden Katastrphen, schweigen möchte. Aber auch eine Überlebende wie Nelly will das Entsetzlich nicht wahrhaben: nur das vergangene, scheinbare Glück wiederherstellen.
In der ersten Hälfte des Film gelingt es Petzold sehr gut, diese Zeit in kühlen Bilder knapp und klar zu zeichnen: Nellys Rückkehr und ihre Operation, die schwierige Situation sich im Leben und im zetrümmerten Berlin wieder zurecht zu finden. Doch mit dem Auftritt Johnnys kippt der Film und bringt sich durch die steif durchgespielte Handlungs-Konstruktion und ihrem überdeutlichen Hinweis-Charakter um seine Glaubwürdigkeit. Auch den an sich guten Darstellern gelingt es kaum, echte Menschen oder gar anrührende Persönlichkeiten zu verkörpern. Erst in der Schluss-Szene, als Nelly während ihres Chanson-Vortrages die gesamte Situation wirklich begreift, gewinnt sie dank dem intensiven Gesang und Minen-Spiel von Nina Hoss wirklich menschliches Profil.
Fraglich bleibt auch, ob sich die Nachkriegszeit und die deutsche Gesellschaft jener Jahre als Melodram inszenieren lassen, zumal wenn Opfer der Konzentrationslager die tragenden Rollen dabei spielen. Holocaust als Unterhaltungs-Kino ist immer ein heikler Drahtseilakt - auch wenn Regisseur Christian Petzold mit Umsicht und Sorgfalt diesen Stoff umzusetzen versucht. Vielleicht ist das jedoch - neben dem Problem der Glaubwürdigkeit - sein Haupt-Manko: zu herkommlich und solide, zu politisch korret wird erzählt. Filmisch jedoch bleibt alles allzu brav - sogar trotz mancherlei Anleihen aus der Kino-Historie. So wirkt dieser "Phoenix" recht zwiespältig und verheisst - im Gegensatz zu seinem sarkstische gewählten Namen - kaum Aufbruch oder gar Neues.

Foto/Poster: Piffl Medien GmbH

zu sehen: Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; Hackesche Höfe Kino (dt.m.engl.Untertiteln); International; Kino in der Kulturbrauerei; Yorck


Blutiges Familiendrama in Hollywood. Stafford Weiss (John Cusak), Psychotherapeut mit eigener TV-Show, und seine Frau Cristina (Olivia Williams) kümmern sich vor allem um die erfolgreiche Film-Karriere ihres 13jährigen Sohnes Benjie (Even Bird), eines selbstgefällig-arroganten Jungen, der bereits eine Drogen-Entziehung hinter sich hat. Die ältere Tochter Agathe (Mia Wasikowska) hat vor einigen Jahren das damalige Wohnhaus angezündet und wurde deshalb in eine Psycho-Klinik gesteckt. Jetzt, als 18jährige entlassen, kehrt sie  - zu Beginn des Films - nach L.A. zurück und sucht Kontakt zu ihrer Familie. Die will jedoch nichts mehr von ihr wissen; auch Benjie wird verboten, sich mit seiner Schwester zu treffen. Agatha, die immer lange schwarze Handschuhe trägt, um ihre Bandwunden zu verbergen, erhält durch Vermittlung ihrer Twitter-Freundin Carrie Fisher (die Autorin spielt sich selbst in einem Kurzauftritt) die Stelle einer Assistentin bei der reichen, älteren Diva Havana Segrand (Julianne Moore). Diese versucht ihrerseits vergeblich neue Filmrollen zu erhalten und wird zugleich von Agathas Vater Stafford psychotherapeutisch behandelt. Ein absehbares Drama, in dem auch noch ein junger Chauffeur (Robert Patterson), der eigentlich lieber vor einer Kamera agieren würde, eine hübsche Nebenrolle spielt,  nimmt seinen tödlichen Verlauf...
Der kanadische Regisseur David Cronenberg und sein amerikanischer Drehbuch-Autor Bruce Wagner haben eine krude Mischung aus Psychothriller und Melodram inszeniert. Elegant und kühl präsentieren sie ihre Personen: den skrupellosen Vater und Psycho-Guru, den eitlen, überheblichen Sohn und Kinderstar, die zwischen Unschuld und Grausamkeit schillernde Schwester, die exaltiert-überdrehte Film-Diva. Drogen, Psychopharmaka, dubiose Heilslehren (von Yoga bis Scientology) und verlogene Moral bestimmen den Alltag der Figuren. Brutal ist ihr verbissener Kampf um Ansehen und Macht, vor allem aber um Ruhm und Erfolg im herrschenden Film-System. Eine monströse Gesellschaft vor glamouröser Fassade: 'Tinseltown' eben!
David Cronenberg hat diesen Film wohl als Satire auf Hollywood und seine Gesellschaft gedacht - aber wen oder was sollen diese klischeehaften Personen und abstrusen Geschichten entlarven?
Da helfen weder die trefflichen Schauspieler, von denen besonders Julianne Moore als Diva-Zicke furiose Auftritte hat, noch die mondänen Geschäfte und Villen, hinter deren teuren Fassaden die Stars ihre geistige Leere verstecken.
Und weder die effektvoll eingefügten surrealen Szenen, noch ein immer wieder zitiertes Gedicht von Paul Eluard ("Freiheit") verhelfen der überfrachteten Story samt ihren Papp-Protagonisten zu einem auch nur halbwegs überzeugenden, intellektuellen Überbau.
Da gab es schon sehr viel treffsichere Filme, die sich mit dem Phänomen Hollywood und seinen Schattenseiten kritisch auseinandersetzten - von Billy Wilder bis Sophia Coppola. Statt zur bissig-bösen Satire gerät Cronenbergs melodramatischer Psycho-Horror allzu schnell zum mehrfach potenzierte Kino-Klischee.

Foto/Poster: MFA Filmverleih

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); International (OmU); Xenon (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Eiszeit; Eva-Lichtspiele (Mi: OmU); Filmkunst 66; Kino in der Kulturbrauerei (dt. und OmU); Movimento (dt. und OmU)


Der Anschlag auf das World-Trade-Center in New York am 11.September 2001 wurde unter anderem in Hamburg vorbereitet. Keiner der Geheimdienste, weder der deutsche noch der amerikanische, scheint etwas davon mitbekommen zu haben. Seitdem hat hinter den Kulissen dieser Undercover-Welt hektisches Treiben eingesetzt: eine solche Blamage kann kein Dienst sich mehr erlauben. Jetzt wird alles und jeder bespitzelt, überwacht, verhaftet oder erpresst. Die Furcht vor islamisch motivierten, neuen Terrorakten führt so zu einem unbarmherzigen Wettbewerb zwischen den diversen Nachrichten-Diensten: diesmal darf keiner versagen.
In dieser aufgeheizten Atmosphäre leitet der deutsche Geheimdienstler Günther Bachmann im Auftrag des BND eine kleine Sondereinheit in Hamburg. Durch altbewährte Methoden und persönliche Intuition ist er einem scheinbar honorigen, arabischen Geschäftsmann auf die Schliche gekommen, der durch eine zyprische Schiff-fahrtsgesellschaft heimliche Waffengeschäfte abwickeln lässt. Mittels eines aus Russland geflohenen, islamischen Tschetschenen, der in Deutschland auf Asyl hofft, glaubt er dem dubiosen Geschäftsmann eine Falle stellen zu können. Doch er hat dabei nicht mit dem brutalen Konkurrenz-Neid seiner Vorgesetzten und des CIA gerechnet, die alles vermasseln...
Der Spionage-Thriller über die Furcht vor dem islamischen Terrorismus und über illegale Waffengeschäfte im Nahen Osten wirkt verblüffend aktuell. Dabei ist seine Vorlage, ein Roman von John le Carré (dt.Titel "Marionetten") bereits 2008 erschienen. Doch haben Drehbuchautor Andrew Bovell und Regisseur Anton Corbijn die etwas verwickelte Story so geschickt in das heutige Hamburg zwischen wüster Multikulti-Szene und Blankenese-Chic verortet und von Benoit Delhomme so modisch-raffiniert fotografieren lassen, dass die - bei genauem Hinsehen - recht klischeehafte Genre-Geschichte einen spannenden und tages-aktuellen Touch
bekommt.
Doch was diesen durchaus unterhaltsamen Krimi sehenswert macht, ist die herausragende Darstellung des leicht kauzigen, älteren Agenten Günther Bachmann durch den im Frühjahr (an Drogen) verstorbenen, amerikanischen Schauspieler Philip Seymour Hoffman (in seiner letzten Rolle). Obwohl die Vorlage dieser Figur über weite Strecken ebenfalls stark an Klischees gebunden ist, gelingt es Hoffman, ihr einen sehr individuellen Charakter zu verleihen: den eines etwas bullig-kauzigen Einzelgängers, der keinerlei intime Beziehung unterhält, vielleicht zuviel trinkt und raucht. Der sich klug und vorurteilsfrei ausschliesslich auf seine Arbeit konzentriert , genau beobachtet und schlau seine Netzwerke aufbaut. Der aber auch schon Niederlagen einstecken musste: so soll er in Beirut als Geheimdienstler enttarnt worden sein und wird seitdem von seinen Vorgesetzten misstrauisch beobachtet. Doch zynisch ist er nicht geworden, sondern der harte Arbeiter und genaue Menschenbeobachter geblieben - was ihm jedoch am Ende des Hamburger Falls nicht weiterhilft, sondern ins Leere laufen lässt...
Günter Bachmann ist keine bedeutende Film-Figur, aber nocheimal zeigt sich in der präzisen und am Ende auch anrührenden Darstellung dieses zähen, deutschen Agenten-Loosers die grosse Kunst und filmische Präsenz von Philip Seymour Hoffman.

Foto/Poster: Senator Filmverleih

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Hackesche Höfe Kino (OmU); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Titania Palast Steglitz; Cubix Alexanderplatz; Filmkunst 66; Kino in der Kulturbrauerei; Colosseum; Yorck-Kino; Zoo-Palast

Die leicht gebirgige Landschaft des amerikanischen Nord-Westens, wald- und wasserreich. Umweltaktivisten unterhalten hier eine organische Landwirtschaft-Kooperative. Dort arbeiten  Josh (Jesse Eisenberg), ein weicher, verschlossener Junge und Dena (Dakota Fanning), die umwelt-engagierte Tochter aus reichem Haus. Zusammen mit Josh' Freund Harmon (Peter Sarsgard), einem ehemaligen US-Marine, planen sie einen Sprengstoff-Anschlag auf einen Staudamm, um dadurch auf die Zerstörung der Umwelt durch Regierung und Konzerne aufmerksam zu machen. Die Aktion wird gründlich vorbereitet, ein Boot gekauft, Düngemittel als Sprengstoff geordert, zum nahen Campingplatz geschafft und in einer nächtlichen Aktion zur erfolgreichen Explosion gebracht. Doch - unbeabsichtigt und rein zufällig - kommt ein nachtwandernder Camping-Bewohner dabei zu Tode. Worauf die drei jugendlichen Öko-Täter - die verabredet haben, sich aus Sicherheitsgründen vorerst nicht mehr zu kontaktieren - sehr unterschiedlich reagieren. Harmon zieht sich ganz zurück, irgendwohin in die Wäldern, und will aus Angst vor der Polizei mit den beiden anderen nichts mehr zu tun haben. Dena dagegen wird von Reue geschüttelt, bricht seelisch zusammen, bekommt Gesichts-Ausschläge, droht durch ihr allgemein auffallendes, hochnervöses Verhalten, alles zu verraten. Nur Josh bleibt ruhig, er hält den Anschlag trotz des unbeabsichtigten Toten für richtig, und erweist sich so als ideologischer Fundamentalist. Was zu einer weiteren grausigen Tat führt... Die in Nwe York lebende und lehrende Regisseurin Kelly Reichardt (50) gehört seit ihren Filmen "Wendy und Lucy" und "Meek's Cutoff" zu den herausragenden Vertreterinnen des amerikanischen Independend-Kinos.
Kühl und ruhig beobachtet sie im ersten Teil ihres neuen Films "Night Moves" wie die drei Umweltaktivisten ihre Tat planen und vorbereiten. Genau und detailreich schildert sie die äusseren Handlungen der Personen, deutet ihre inneren Beweggründe nur knapp an. Höhepunkt dieses Öko-Thrillers ist die überaus spannenden Sequenz der Ausführung des nächtlichen Anschlags, wobei Explosion und Zerstörung des Damms nur als fernes Donnergrollen zu hören sind, als die drei Aktivisten im Wagen zurückfahren und später in eine Polizei-Kontrolle geraten - ohne dabei in Verdacht zu geraten.
Erst im zweiten Teil des fast minimalistisch gedrehten Films kommt das Psychogramm der drei unterschiedlichen Akteuere ins filmische Blickfeld, stellt sich die Frage nach dem Sinn der Aktion. Ein Mitbewohner der Landwirtschafts-Kooperation nennt beim Fühstück den Anschlag lächerlich,  - es gäbe ja Hunderte von Staudämmen in dieser Gegend, und kein Mensch würde deshalb aufgerüttelt oder seine Meinung zur Umwelt ändern. Leider wird der Film hier etwas klischeehaft und die weitere Handlung allzu voraussehbar. Zumal mehr oder weniger versteckte Andeutungen auf amerikanische Verhältnisse in Bild und Wort nur für deren Kenner zu lesen sind.
Dennoch besticht "Night Moves", in dem tatsächlich viele Szenen in der Nacht spielen, durch die klaren Inszenierung, durch prachtvolle Landschafts-Bilder und durch drei ausgezeichnete Darsteller - alles prominente Schauspieler aus Hollywood, die sich aber hier fabelhaft und ohne jeden Star-Glamour in das engagierte Independend-Kino einpassen.

Poster/Verleih: MFA

zu sehen: fsk Oranienplatz (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Tilsiter- Lichtspiele (OmU)

Der erfolgreiche, amerikanische Regisseur Joss Whedon (50) hatte 2012 zwischen zwei Blockbustern („The Avengers“ / „The Avengers 2“) ein paar Wochen frei. Er nutzte die Tage, um mit befreundeten Schauspielern auf seinem Anwesen in Santa Monica Shakespeare’ „Viel Lärm um Nichts“ als moderne Filmkomödie zu inszenieren. Als sein eigener Produzent, mit kleinem Budget und beweglicher Hand-Kamera – ganz unaufwendig und spielerisch. Die Darsteller tragen zwar elegante Business-Anzüge von heute, die Damen hauchzarte, hübsche Sommer-Fähnchen, aber gespielt und gesprochen wird der originale Theater-Text.  Ergebnis: eine reizvolle Mixtur aus amerikanischer Srcewball-Comedy und alt-englischem Theater.  Flüssig und raffiniert erzählt, temporeich und mit einigen Slapstick-Bildern pointiert,  ein leicht satirischer Blick auf eine moderne, hedonistische Gesellschaft, in der der Alkohol reichlich fliesst, und deren erotische Verhaltensweisen sich seit Shakespeare’ Zeit erstaunlicherweise kaum geändert haben.

Doch ganz geht diese flotte Mischung aus Film und Theater nicht auf – sie funktioniert prächtig nur dort, wo auch das Shakespearesche Original über die Jahrhunderte hinweg brilliert – in den scharfzüngigen Dialogen zwischen dem (Neben-)Paar Benedikt und Beatrice sowie in der komischen Figur eines Gerichtsgehilfen (hier: des Wachpersonals).
Wie Amy Acker als grazil-kratzbürstige Beatrice und Alexis Denisof als männlich-schlagfertiger Benedikt zunächst ihre Gefühle hinter giftigen Wortpfeilen zu verbergen suchen und erst durch eine List (des Hausherrn) dazu gebracht werden, sich widerwillig ihre gegenseitige Verliebtheit zu gestehen – hier klingt der alte Text ebenso witzig wie modern. Und Nathan Fillion macht den tollpatschig-verplapperten  Wachmann zu einer der köstlichen Komiker-Figuren, die in der englichen Renaissance-Welt ebenso heimisch und beim Publikum beliebt waren wie sie es im Kino des 20.und 21.Jahrhunderts sind. Alle anderen tun sich etwas schwerer mit Text und Moral aus der alt-englischen Zeit und geraten gelegentlich in herkömmliches Theater- Deklamieren – doch die spielerische Leichtigkeit, mit der Joss Whedon diesen ironischen Lärm um Nichts unter kalifornischer Sonne klingen lässt,  sorgt für sommerlich-gefällige Unterhaltung – weniger fürs Bockbuster-Publikum als für passionierte Kino-Fans oder Shakespeare-Freaks.
Foto/Poster: Edel:Motion
zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Filmkunst 66

 

  

Ah Tao wird schon als ganz junges (elternloses, in China geborenes) Mädchen Haushälterin bei der reichen Familie Leung in Hongkong. Sie war auch - wie es in der ehemaligen britischen Kolonie Brauch ist - für die Erziehung der Kinder verantwortlich. Inzwischen sind fast alle Mitglieder der Familie ausgewandert, überwiegend in die USA, nur der Filmproduzent Roger lebt noch in der einstigen Wohnung, umsorgt von der inzwischen ebenfalls alt gewordenen Ah Tao. Als sie einen Schlaganfall bekommt, bringt Roger sie, nach dem Krankenhaus-Aufenthalt, in einem Altersheim unter. Nur langsam gewöhnt sich die bisher sehr zurückhaltende, aber selbständig handelnde Ah Tao an das neue, streng geregelte Leben im Heim und an seine sehr unterschiedlichen, oft skurilen Bewohner. Obwohl Roger durch seine Tätigkeit im Film-Business sehr beschäftigt ist, kümmert er sich zwischen seinen Geschäften immer wieder um seine ehemalige Haushälterin, die ihn ja auch gross-gezogen hat. Sein bisher eher distanziertes, leicht arrogantes Verhalten ihr gegenüber, beginnt sich langsam zu ändern: ein sehr herzliches Verhältnis zwischen den beiden sozial und kulturell so unteschiedlichen Personen entwickelt sich, fast eine echte familiäre Beziehung. Er bezeichnet sie sogar offiziell als seine "Paten-Tante", sie ihn als "Paten-Sohn". Doch ihr körperlicher Zustand wird - nach einem zweiten Schlaganfall - immer schlechter und in der Schluss-Szene hält er bei der (christlichen) Trauerfeier für sie bewegt die Todenrede.
Diese Geschichte beruht auf eigenen Erlebnissen des chinesischen Produzenten des Films, Roger Lee. Die Grande Dame des Hongkonger Kinos, die Regisseurin Ann Hui, die in den 1980/1990er Jahren berühmt wurde, erzählt diese ungewöhnliche Familien-Beziehung mit viel Feingefühl und schöner Emphatie, doch durchaus auch mit kritischen Untertönen und zartem Humor. Ihr Kameramann Yu Lik-wai ("A Touch of Sin") liefert ihr wunderbare Bilder vom Leben der Chinesen in Hongkong: von den beengten Wohnverhältnisse in den modernen Hochhaus-Wohnsilos oder von der grosse Rolle, die das Essen und seine Zubereitung in dieser Kultur spielt. Ann Hui schildert die entsehende, neue Beziehung zwischen Ah Tao und Roger ebenso psychologisch sensibel wie sie mit dokumentarischer Genauigkeit die unterschiedlichen Alten im etwas schäbigen Seniorenheim zeigt: deren Marotten, deren Hilflosigkeit, aber auch deren menschliche Würde.
Die grossartige, chinesische Schauspielerin Deannie Yip porträtiert die familienlosen "Dienerin" mit grosser Intensität als einfache, aufrichtige, in sich ruhende Frau - ohne sie jedoch als "Gut-Mensch" zu verklären. Andy Lau als Roger, der erst langsam seine Gefühle für Ah Tao entwickelt, ist ein überzeugender Partner; auch er ist kein "Held", sondern zeigt gelegentlich brutale oder überhebliche Charakterzüge.
Kein Kino der spektakulären Bilder oder der grossen Gefühle, sondern ein schlichter und berührender Film über Familie und Alltag im China von heute - über "einfaches Leben" eben!

Foto/Poster: Fugu Filmverleih

zu sehen nur noch an den nächsten beiden Sonntag-Nachmittagen im fsk (OmU)

Der Film erzählt die Geschichte des 9jährigen, jüdischen Jungen Srulik, dem 1942 die Flucht aus dem Warschauer Gettho gelingt, indem er sich auf dem Karren eines gutmütig-mitleidenden Trödlers versteckt. Danach beginnt für ihn eine alptraumhafte Odysee durch die Wälder und weiten Landschaften Polens, wobei er sein Leben durch Betteln, Klauen oder kurz-zeitige Arbeiten auf verschiedenen Bauernhöfen unterhält. Eine Bäuerin, deren Mann und Söhne sich den polnischen Partisanen angeschlossen haben, unterweist Srulik, wie er sich als angeblich polnisches Waisenkind Jurek (samt Rosenkranz und Kreuz-Schmuck) vor den Nazi-Soldaten und deren einheimischen Mitläufern retten kann. Trotz widrigster Umstände wie Hunger, Kälte, Einsamkeit und eines Unfalls beim Dreschen, der ihm die Hand kostet, schlägt Srulik/Jurek sich bis zum Kriegsende durch. Er wird dann von einem jüdischen Funktionär entdeckt und - nach anfänglichem Widerstand - in ein Waisenhaus der Gemeinde gebracht.
Es ist die tatsächliche Geschichte des Yoram Friedmann, der in der 1980er Jahren nach Israel auswanderte, wo dann die Schilderung seiner abenteuerlich-verzweifelten Flucht im vom Nazi-Terror geschundene Polen durch den Schriftsteller Uri Orlev zu einem der erfolgreichsten Jugendbücher weltweit wurde.
Regisseur Pepe Danquart und sein Drehbuchautor Heinrich Hadding haben daraus ein durchschnittlich-solides Abenteuer-Drama gemacht. Historisch zwar korrekt, aber ausschliesslich nach den üblichen, dramaturgischen Regeln eines Jugend-Films arrangiert - szenische Spannung statt nüchtener Beschreibung. Nur wenige Szenen greifen schärfer: etwa wenn ein junger, karrieresüchtiger Arzt die notwendige Arm-Operation des Jungen verweigert, nur weil er Jude ist, oder wenn ein SS-Ofizier den Jungen seiner polnischen Geliebten überlässt, nachdem er selbst ihn vorher erschiessen wollte: aus Mitleid oder Berechnung? Stimmungsvoll die weiten polnischen Landschaften in unterschiedlichen Jahreszeiten mit ihren armen, teils zerstörten Bauerhöfen, überzeugend das gemischte deutsch-polnische Darsteller-Ensemble, vor allem die Verkörperung des Jungen durch das Zwillingspaar Andrej und Kamil Tkacz. Unerträglich jedoch wirkt die immer wieder unterlegte, süssliche Musik die den ganzen Film mit falschem Pathos überzieht und ihn zu einem gegenüber der Vorlage unangemessenen Betroffenheits-Spektakel degradiert.
Vor allem, wenn man bedenkt, mit welch analytischen Feinfühligkeit und mit welch filmischem Einfallsreichtum ein Steven Spielberg (Schindlers Liste), Roman Polanski (Der Pianist) oder auch die polnische Regisseurin Agnieczka Holland (Hitlerjunge Salomon) das Thema Shoa bereits als eindrückliches Kino-Erlebnis gestaltet haben.

Poster/Foto: NFP Verleih

zu sehen: Blauer Stern Pankow; CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant- Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln