Der erfolgreiche, amerikanische Regisseur Joss Whedon (50) hatte 2012 zwischen zwei Blockbustern („The Avengers“ / „The Avengers 2“) ein paar Wochen frei. Er nutzte die Tage, um mit befreundeten Schauspielern auf seinem Anwesen in Santa Monica Shakespeare’ „Viel Lärm um Nichts“ als moderne Filmkomödie zu inszenieren. Als sein eigener Produzent, mit kleinem Budget und beweglicher Hand-Kamera – ganz unaufwendig und spielerisch. Die Darsteller tragen zwar elegante Business-Anzüge von heute, die Damen hauchzarte, hübsche Sommer-Fähnchen, aber gespielt und gesprochen wird der originale Theater-Text.  Ergebnis: eine reizvolle Mixtur aus amerikanischer Srcewball-Comedy und alt-englischem Theater.  Flüssig und raffiniert erzählt, temporeich und mit einigen Slapstick-Bildern pointiert,  ein leicht satirischer Blick auf eine moderne, hedonistische Gesellschaft, in der der Alkohol reichlich fliesst, und deren erotische Verhaltensweisen sich seit Shakespeare’ Zeit erstaunlicherweise kaum geändert haben.

Doch ganz geht diese flotte Mischung aus Film und Theater nicht auf – sie funktioniert prächtig nur dort, wo auch das Shakespearesche Original über die Jahrhunderte hinweg brilliert – in den scharfzüngigen Dialogen zwischen dem (Neben-)Paar Benedikt und Beatrice sowie in der komischen Figur eines Gerichtsgehilfen (hier: des Wachpersonals).
Wie Amy Acker als grazil-kratzbürstige Beatrice und Alexis Denisof als männlich-schlagfertiger Benedikt zunächst ihre Gefühle hinter giftigen Wortpfeilen zu verbergen suchen und erst durch eine List (des Hausherrn) dazu gebracht werden, sich widerwillig ihre gegenseitige Verliebtheit zu gestehen – hier klingt der alte Text ebenso witzig wie modern. Und Nathan Fillion macht den tollpatschig-verplapperten  Wachmann zu einer der köstlichen Komiker-Figuren, die in der englichen Renaissance-Welt ebenso heimisch und beim Publikum beliebt waren wie sie es im Kino des 20.und 21.Jahrhunderts sind. Alle anderen tun sich etwas schwerer mit Text und Moral aus der alt-englischen Zeit und geraten gelegentlich in herkömmliches Theater- Deklamieren – doch die spielerische Leichtigkeit, mit der Joss Whedon diesen ironischen Lärm um Nichts unter kalifornischer Sonne klingen lässt,  sorgt für sommerlich-gefällige Unterhaltung – weniger fürs Bockbuster-Publikum als für passionierte Kino-Fans oder Shakespeare-Freaks.
Foto/Poster: Edel:Motion
zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Filmkunst 66

 

  

Ah Tao wird schon als ganz junges (elternloses, in China geborenes) Mädchen Haushälterin bei der reichen Familie Leung in Hongkong. Sie war auch - wie es in der ehemaligen britischen Kolonie Brauch ist - für die Erziehung der Kinder verantwortlich. Inzwischen sind fast alle Mitglieder der Familie ausgewandert, überwiegend in die USA, nur der Filmproduzent Roger lebt noch in der einstigen Wohnung, umsorgt von der inzwischen ebenfalls alt gewordenen Ah Tao. Als sie einen Schlaganfall bekommt, bringt Roger sie, nach dem Krankenhaus-Aufenthalt, in einem Altersheim unter. Nur langsam gewöhnt sich die bisher sehr zurückhaltende, aber selbständig handelnde Ah Tao an das neue, streng geregelte Leben im Heim und an seine sehr unterschiedlichen, oft skurilen Bewohner. Obwohl Roger durch seine Tätigkeit im Film-Business sehr beschäftigt ist, kümmert er sich zwischen seinen Geschäften immer wieder um seine ehemalige Haushälterin, die ihn ja auch gross-gezogen hat. Sein bisher eher distanziertes, leicht arrogantes Verhalten ihr gegenüber, beginnt sich langsam zu ändern: ein sehr herzliches Verhältnis zwischen den beiden sozial und kulturell so unteschiedlichen Personen entwickelt sich, fast eine echte familiäre Beziehung. Er bezeichnet sie sogar offiziell als seine "Paten-Tante", sie ihn als "Paten-Sohn". Doch ihr körperlicher Zustand wird - nach einem zweiten Schlaganfall - immer schlechter und in der Schluss-Szene hält er bei der (christlichen) Trauerfeier für sie bewegt die Todenrede.
Diese Geschichte beruht auf eigenen Erlebnissen des chinesischen Produzenten des Films, Roger Lee. Die Grande Dame des Hongkonger Kinos, die Regisseurin Ann Hui, die in den 1980/1990er Jahren berühmt wurde, erzählt diese ungewöhnliche Familien-Beziehung mit viel Feingefühl und schöner Emphatie, doch durchaus auch mit kritischen Untertönen und zartem Humor. Ihr Kameramann Yu Lik-wai ("A Touch of Sin") liefert ihr wunderbare Bilder vom Leben der Chinesen in Hongkong: von den beengten Wohnverhältnisse in den modernen Hochhaus-Wohnsilos oder von der grosse Rolle, die das Essen und seine Zubereitung in dieser Kultur spielt. Ann Hui schildert die entsehende, neue Beziehung zwischen Ah Tao und Roger ebenso psychologisch sensibel wie sie mit dokumentarischer Genauigkeit die unterschiedlichen Alten im etwas schäbigen Seniorenheim zeigt: deren Marotten, deren Hilflosigkeit, aber auch deren menschliche Würde.
Die grossartige, chinesische Schauspielerin Deannie Yip porträtiert die familienlosen "Dienerin" mit grosser Intensität als einfache, aufrichtige, in sich ruhende Frau - ohne sie jedoch als "Gut-Mensch" zu verklären. Andy Lau als Roger, der erst langsam seine Gefühle für Ah Tao entwickelt, ist ein überzeugender Partner; auch er ist kein "Held", sondern zeigt gelegentlich brutale oder überhebliche Charakterzüge.
Kein Kino der spektakulären Bilder oder der grossen Gefühle, sondern ein schlichter und berührender Film über Familie und Alltag im China von heute - über "einfaches Leben" eben!

Foto/Poster: Fugu Filmverleih

zu sehen nur noch an den nächsten beiden Sonntag-Nachmittagen im fsk (OmU)

Der Film erzählt die Geschichte des 9jährigen, jüdischen Jungen Srulik, dem 1942 die Flucht aus dem Warschauer Gettho gelingt, indem er sich auf dem Karren eines gutmütig-mitleidenden Trödlers versteckt. Danach beginnt für ihn eine alptraumhafte Odysee durch die Wälder und weiten Landschaften Polens, wobei er sein Leben durch Betteln, Klauen oder kurz-zeitige Arbeiten auf verschiedenen Bauernhöfen unterhält. Eine Bäuerin, deren Mann und Söhne sich den polnischen Partisanen angeschlossen haben, unterweist Srulik, wie er sich als angeblich polnisches Waisenkind Jurek (samt Rosenkranz und Kreuz-Schmuck) vor den Nazi-Soldaten und deren einheimischen Mitläufern retten kann. Trotz widrigster Umstände wie Hunger, Kälte, Einsamkeit und eines Unfalls beim Dreschen, der ihm die Hand kostet, schlägt Srulik/Jurek sich bis zum Kriegsende durch. Er wird dann von einem jüdischen Funktionär entdeckt und - nach anfänglichem Widerstand - in ein Waisenhaus der Gemeinde gebracht.
Es ist die tatsächliche Geschichte des Yoram Friedmann, der in der 1980er Jahren nach Israel auswanderte, wo dann die Schilderung seiner abenteuerlich-verzweifelten Flucht im vom Nazi-Terror geschundene Polen durch den Schriftsteller Uri Orlev zu einem der erfolgreichsten Jugendbücher weltweit wurde.
Regisseur Pepe Danquart und sein Drehbuchautor Heinrich Hadding haben daraus ein durchschnittlich-solides Abenteuer-Drama gemacht. Historisch zwar korrekt, aber ausschliesslich nach den üblichen, dramaturgischen Regeln eines Jugend-Films arrangiert - szenische Spannung statt nüchtener Beschreibung. Nur wenige Szenen greifen schärfer: etwa wenn ein junger, karrieresüchtiger Arzt die notwendige Arm-Operation des Jungen verweigert, nur weil er Jude ist, oder wenn ein SS-Ofizier den Jungen seiner polnischen Geliebten überlässt, nachdem er selbst ihn vorher erschiessen wollte: aus Mitleid oder Berechnung? Stimmungsvoll die weiten polnischen Landschaften in unterschiedlichen Jahreszeiten mit ihren armen, teils zerstörten Bauerhöfen, überzeugend das gemischte deutsch-polnische Darsteller-Ensemble, vor allem die Verkörperung des Jungen durch das Zwillingspaar Andrej und Kamil Tkacz. Unerträglich jedoch wirkt die immer wieder unterlegte, süssliche Musik die den ganzen Film mit falschem Pathos überzieht und ihn zu einem gegenüber der Vorlage unangemessenen Betroffenheits-Spektakel degradiert.
Vor allem, wenn man bedenkt, mit welch analytischen Feinfühligkeit und mit welch filmischem Einfallsreichtum ein Steven Spielberg (Schindlers Liste), Roman Polanski (Der Pianist) oder auch die polnische Regisseurin Agnieczka Holland (Hitlerjunge Salomon) das Thema Shoa bereits als eindrückliches Kino-Erlebnis gestaltet haben.

Poster/Foto: NFP Verleih

zu sehen: Blauer Stern Pankow; CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant- Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln

Direkte (und deshalb nur für Kenner des vorangegangenen ersten Teils verständliche) Fortsetzung der Lebengeschichte der Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg). Sie erzählt sie (in  ausführlichen, filmischen Rückblenden)  dem älteren Jungesellen Seligman (Stellan Skarsgard), der sie zuvor verwundet auf der Strasse gefunden hat und nun in seiner Wohnung versorgt und pflegt.  Es sind die letzten drei Kapitel dieser "education sexuelle" - sie handeln vom Scheitern der Ehe Joes, ihrem Verlust sexueller Empfindung und den kompromisslos-egozentrischen Versuchen, diese verlorene Lust wiederzufinden. Ob bei einen schwarzen Bruderpaar, einem Arzt mit sadomasochistischer Praxis, mit einer ganz jungen Lesbierin oder als verbal-brutale Erpresserin eines reichen Pädophilen.
Zwischen diesen ausführlichen Lebens-Episoden dehnen sich längliche Dialoge zwischen ihr und dem asexuellen Seligman über "Gott und die Welt" - in diesem Fall über die speziellen Vor- und Nachteile der römischen und der orthodoxen Kirche, über die Verwendung eines politisch korrekten Vokabulars ("Darf man 'Neger' sagen?") oder über das lebensrettende Knüpfen eine Seil-Knotens (für Bergkletterer). Das Ganze gefilmt in der für Lars von Trier typischen, essayistischen Art: einem Mix aus Spiel- und Dokumentar-Szenen, unterschiedlichen Film-Kadrierungen, mit gelegentlicher Erzählstimme aus dem Off, mit eingeblendeten Schrift- und Bild-Zeichen und allerlei Schnipseln populär-klassischer Musik. Mal ironisch gebrochen, mal dramatisch akzentuiert und mit einem ebenso unlogischen wie überraschenden Film-Ende.
Ein ziemlich krauses Opus aus halbgaren Sex-Theorien und schlichter Küchen-Psychologie, dem eindringliche Szenen wie im ersten Teil (der an Krebs sterbende Vaters von Christian Slater, die komisch-verzweifelte, verlassenen Ehefrau der Uma Thurman) völlig fehlen. Vom " echten Pornofilm" - wie ihn Lars von Trier selbst ankündigte - weit entfernt. Und allen freizügigen Sex-Szenen zu Trotz - nur ziemlich fades, hochtrabend-posierendes "Kunst"-Kino.

Poster/Foto: Concorde Filmverleih GmbH

zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Movimento (OmU und dt.); Bundesplatz-Kino (dt. und OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmkunst 66; Filmtheater am Friedrichshain


Los Angeles im Jahr 2025. Theodore Twombly, ein Durchschnitts-Bürger mittleren Alters, arbeitet für eine Agentur, die "handgeschriebene, persönliche Briefe" für entsprechende Kunden herstellt. Privat lebt er in Scheidung - und versucht seine innere Leere und Einsamkeit mit allerlei computeranimierten Spielen auf der heimischen Super-Screen zu überwinden. Bis er ein neues Betriebssystem aufschaltet, das ihm mittels eines (kabellosen) Knopfes im Ohr die sexy Stimme von "Samantha" vermittelt - einer virtuellen Gefährtin und Alles-Versteherin - intensive, nächtliche Sex-Erlebnisse eingeschlossen. Doch der schöne Sience-Fiction-Traum geht nicht in Erfüllung, zumal das weibliche Betriebssytem gleichzeitig einige Tausend andere Kunden "bedienen" muss. Theodore bleibt so am Ende nur die Aussicht auf intensivere Kontakte zur - von ihrem Partner im Stich gelassenen - Jugendfreundin und Nachbarin Amy - und das in der Luxuswohnung eines Wolkenkratzers mit Aussicht aufs Panorama der betörend glitzernden Mega-City.
Regisseur und Autor Spike Jonze hat für das (Original-)Drehbuch dieser melodramatischen Liebes-Romanze in nicht allzu ferner Zukunft den diesjährigen Oscar erhalten - sicherlich zu Recht. Die Geschichte balanciert raffiniert zwischen den echten und virtuellen Gefühlen ihrer Protagonisten, versucht - ohne moralische Benotung - zu ergründen, was menschliche von künstlicher Persönlichkeit unterscheidet, welchen Einfluss die Cyber-Wirklichkeit auf althergebrachte, menschliche Verhaltensweisen ausüben kann.
Filmisch wird daraus jedoch ein ungleiches Kammerspiel, das das Gesicht des Schauspielers Joaquin Phoenix in Dauer-Großaufnahme zeigt, auf dem alle Gefühlsregungen, die das Drehbuch fordert, sich abspielen müssen, und zwar ausschliesslich, während sein Gegenüber, das Betriebssytem Samantha, lediglich durch die Stimme von (im Original) Scarlett Johannsson sinnliche Präsenz bekommt. Alle anderen Darsteller sind nur in wenigen, eingeblendeten Erinnerungs-Sequenzen (Rooney Mara als unter Erfolgsdruck stehende Ex-Ehefrau) oder in kurzen, ergänzenden Szenen zu sehen (Amy Adams als die befreundetete, aber gefühlsunsichere Wohnungs-Nachbarin).
Von grossem Reiz ist die Kamera (Hoyte van Hoytema), der das Kunststück gelingt, aus den Häuserschluchten von Shanghai und Los Angeles eine zwar futuristische, aber keineswegs fremdartige Grossstadt-Landschaft zu collagieren.
Doch so effektvoll die Photographie, so überzeugend Joaquin Phoenix als liebe-bedürftiger Normalo, und so trefflich die Ausgangs-Story in ihrem ironisch-skeptischen Blick auf eine nahe Zukunft ist - über die Gesamtlänge von mehr als zwei Stunden Spieldauer wirkt der Film doch sehr ermüdend. Was hochintelligent und intellektuell durchaus reizvoll begann, versandet allzu rasch in endlosen (küchen-philosophischen) Plapper-Dialogen und szenischer Langeweile. Fazit: eine pfiffige Idee allein macht noch keinen spannenden Film.

Foto/Poster: Warner Broth. GmbH

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); International (OmU); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Yorck; Zoo-Palast 4


Violet Weston (Meryl Streep), krebserkrankt und Tabletten-süchtig, ruft ihre Familie zusammen, nachdem ihr alkoholabhängiger Mann Beverly (Sam Shephard) eines Tages im August das herrschaftliche Landhaus in Oklahoma wortlos verlassen hat und seitdem verschwunden ist. Während Tochter Ivy (Julianne Nicholson) bei ihren Eltern geblieben ist und sich um sie kümmert, kehren Barbara (Julia Roberts) und Karen (Juliette Lewis) erstmals nach langer Zeit in ihren Heimatort zurück, begleitet von ihren jeweiligen Lebensgefährten (Ewan McGregor und Dermont Malrony) sowie der 14-jährigen Enkeltochter Jean (Abigail Breslin). Auch Violets Schwester Mattie (Margo Matindale) trifft mit Mann Charles (Chris Cooper) und erwachsenem Sohn "Little Charles" (Benedict Cumberbatch) ein. Bald darauf findet die Polizei das verschwundene Familienoberhaupt: tot durch Selbstmord. Was folgt ist die (knappe) Beerdigung und das sich anschliessende, ausgedehnte Familien-Essen, das in eine grell-brutale Rede-Schlamm-Schlacht ausartet, in der immer neue Gemeinheiten und böse Geheimnisse sämtlicher Familienmitglieder zu Tage kommen. Hier wütet und beleidigt jeder jeden - alle erweisen sich als verkappte Neurotiker und Menschenhasser. Dementsprechend verlassen auch alle am Ende frustriert das Haus, die zynische und giftige Patriarchin Violet bleibt allein zurück - nur die geduldig-zurückhaltende Pflegerin, eine Indianer-stämmige junge Frau, wird weiter bei ihr ausharren.
"August: Osage County" ist ein sehr erfolgreiches, 2008 preisgeköntes, amerikanisches Theaterstück, das der Film- und TV-Regisseur John Wells mit einem prominenten und perfekt gecasteten Ensemble ebenso konventionell wie routiniert-gefällig verfilmt hat. Entsprechend der Bühnen-Vorlage sehr dialogreich und auf wenige Schauplätze - meist Innenräume - reduziert. Die stimmungsvollen Himmels- und die weiten Landschafts-Panoramen des flachen, mittleren Westens werden geschickt als Trennungs-Bilder der einzelnen Dialog-Szenen eingefügt. Doch das vorgeführte Familien-Drama, in dem Krebs und Alkohol, Demenz und verfehlter Sex, Drogen und Geldgier zu einem düster-bösen Psycho-Cocktail gemixt werden, bleibt über weite Strecken an der Oberfläche, bohrt nur selten tiefer und berührt kaum psychologische oder soziale Schmerz-Punkte.
So verlässt sich der Regisseur hauptsächlich auf die Kunst seiner Darsteller. Die zeigen sich zwar alle in bester Form, doch vermögen sie aus den allzu einseitig auf ihre fiesen und zynischen Seiten reduzierten Figuren nur in wenigen Momenten lebendige Menschen zu gestalten. Die dargestellten Personen berühren den Zuschauer kaum und die Kunst der Schauspieler wird so zum reinen, wenn auch durchaus effektvollen Virtuosentum.

Foto/Poster: Tobis Film

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); HackescheHöfeKino (OmU); Adria; Astor Film Lounge; Blauer Stern Pankow; CinemaxX Potsdamer Platz; Cubix Alexanderplatz; CineStar Tegel; Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Colosseum

Die junge Philomena Lee wird ungewollt schwanger. Ihr Vater steckt sie in ein irisches, katholisches Kloster, wo sie einen Sohn zur Welt bringt. Doch als Strafe muss sie - wie viele andere "gefallene" Mädchen - in der Kloster-Wäscherei unter schändlichen Bedingungen schuften, darf ihr Kind Anthony nur einmal in der Woche sehen. Die Nonnen jedoch  vermitteln diese unehelichen Kinder gegen entsprechende Spenden an reiche Ausländer zur Adoption. Im Alter von drei Jahren wird auch Anthony abgegeben. Aus Scham verschweigt Philomena diesen Vorfall und dieses Kind ihr Leben lang. Erst 50 Jahre später, an ihrem 70 Geburtstag eröffnet sie ihrer erwachsenen Tochter Jane den  verheimlichten Sohn (und Halb-Bruder)  und ihre Sehnsucht, nach Anthonys zu forschen. Die Tochter bittet daraufhin den Journalisten Martin Sixsmith, ihrer Mutter bei der Suche nach dem verschollenen Kind zu helfen. Sixsmith, Ex-Star-Reporter der BBC und gerade aus dem Berater-Team von Tony Blair wegen einer ungeschickten Rede-Formulierung gefeuert, nimmt das Angebot an, wenn auch etwas widerwillig, aber als ehemaliger Journalist wittert er in dem Fall auch Material für kirchen-kritische Recherchen. Gemeinsam mit der nicht sehr gebildeten, frommen, doch durchaus schlagfertigen Philomena begibt er sich auf eine Reise, die von England nach Irland und bis Amerika führt und die mit vielen unerwarteten und schmerzlichen Konfrontationen gespickt ist. Wobei die unterschiedlichen, diametralen Charaktere der einfachen, aber lebensklugen alten Frau und des weltgewandten, intellektuell-zynischen Journalisten eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Nur soviel sei verraten: am Ende, nachdem sich das Schicksal des Sohnes in  langsamen Schritten enthüllt hat, treffen sich alle wieder am Ausgangsort der Suche,
im irischen Kloster...
Die Geschichte basiert auf einem als Buch veröffentlichen Tatsachen-Bericht. Regisseur Stephen Frears ("Mein wunderbarer Waschsalon", "The Queen") hat daraus eine zwar konventionelle, aber anrührenden Filmerzählung gemacht, wobei sein Hauptmerk weniger der Kritik an der Katholischen Kirche, ihrer starren Dogmatik und dem physischen wie psychischen Missbrauch der ihr Anvertrauten gilt (die dennoch scharf und klar ausfällt), als dem subtilen, vielschichtigen Porträt der Philomena Lee. In Judi Densch findet diese naive, im Glauben tief verwurzelte Frau, die andererseits eine erfrischend kluge Umsicht und herzliche Menschlichkeit beweist, die ideale Verkörperung. Köstlich, wenn sie die Storys der von ihr geliebten Kitsch-Romane erzählt oder mit dem mexikanischen Buffet-Koch im Nobelhotel plappert, eindrucksvoll in stummem Leid, wenn sie mit bitteren Wahrheiten konfrontiert wird, bewunderswert, wie sie aus tiefer Verzweiflung heraus dennoch den Mut zum entscheidenden Handeln aufbringt. Der britische Komiker Steve Coogan, der auch am kinogerecht polierten Drehbuch mitgearbeitet hat, spielt mit Ironie, britischem Unterstatement und immer wieder aufbrausendem Temperament den intellektuellen Gegenpart, den zunächst herablassend-zynischen und politisch engagierten, später auch  Philomenas Aufrichtigkeit schätzender Journalisten Martin Sixsmith, der am Ende dann auch akzeptieren kann, dass Philomena trotz aller unerfreulichen Vorfälle an ihrem hergebrachten, katholischen  Glauben festhält.
Stephen Frears erzählt diese Geschichte auf Grund seiner langjährigen Film-Erfahrung ebenso raffiniert wie geschickt:  als spannenden Thriller, als optisch opulentes Road-Movie sowie als anrührende, aber nie sentimentale "Human-Interest-Story" - traurig und komisch, turbulent-überraschend, ironisch-distanziert und - vor allem - liebenswert menschlich. Bemerkenswert.

Foto/Poster: Universum Film GmbH

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Delphi (OmU); HackescheHöfe Kino (OmU); Filmtheater am Friedrichshain (OmU); Blauer Stern Pankow; Capitol Dahlem; Cinema Paris; CinemaxX Potsdamer Platz; Titania-Palast Steglitz; Cubix Alexanderplatz; International; Kino in der Kulturbrauerei; New Yorck; Toni Weissensee


Akiko ist Studentin, arbeitet jedoch auch als Callgirl. Zu Beginn des Films sitzt sie in einer Tokioter Café-Bar und versucht am Telefon ihrem Freund oder Verlobten klarzumachen, dass sie heute abend keine Zeit für ihn hat: die Grossmutter komme zu Besuch und morgen habe sie eine wichtige Prüfung in der Uni. Doch dann fährt sie mit dem Taxi durch die nächtliche, neonglänzende Stadt in einen Vorort zu einem Kunden: dabei hört sie die Anrufe der am Bahnhof wartenden Grossmutter auf ihrer Handy-Mail-Box ab, umkreist mit dem Taxi den Bahnhof-Vorplatz und glaubt die alte Frau zu sehen, verdrückt ein paar Tränen, fährt aber weiter. Der sie erwartende Kunde ist ein emeritierter Professor, ein einsamer, alter Witwer, der eher ein gemeinsames Abend-Essen und Gepräch als puren Sex erwartet. Doch Akiko will weder Suppe noch lange Unterhaltung und schläft übermüdet ein.
Am nächsten Morgen fährt der Professor sie in die Uni und wird Zeuge, wie sie dort von ihrem aufgebrachten Freund erwartet wird. Der junge Mann - wie sich rasch herausstellt, Automechaniker von Beruf - hält den Professor für Akikos Grossvater und eröffnet ihm, dass er Akiko heiraten will, um so stehts über ihr Leben bestimmen zu können. Der schmunzelnde Professor lässt ihn in seinem Glauben, dass er Akikos Verwandter sei. Doch nur kurze Zeit später erfährt der junge, leicht zu Gewalt neigende Mechaniker zufällig durch einen Kunden, dass der Professor gar nicht Akikos Grossvater ist. Wütend sucht er den Professor in dessen Wohnung auf...
Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami hat sein neues Werk wieder ausserhalb seiner Heimat gedreht - diesmal in Tokio und in der ihm fremden, japanischen Sprache. Scheinbar eine leichte, boulevardeske Liebes-Kömodie, bei jedoch der nie ganz klar wird, was Schein, was Wirklichkeit ist. (Ähnlich wie bei seinen vorherigen, in der Toskana spielenden "Liebesfälschern"). Der Titel (nach einer bekannten, von Ella Fitzgerald gesungene Jazz-Ballade, die auch im Film gespielt wird) verweist deutlich auf dieses "Als ob...". Alles scheint sehr real, könnte aber auch anders gedeutet werden. Die Figur der Grossmutter, des Taxifahrers, der rothaarigen Freundin im Café, die unaufhörlich schwätzende, zugleich neugierig beobachtende Haus-Nachbarin des Professors oder gar Akiko selbst: wer ist sie eigentlich - Studentin mit erotischem Nebenverdienst oder Callgirl mit Uni-Ambitionen  -  und was will sie?
Formal ist das lockere Liebes-Dreieck sehr filmisch in Szene gesetzt: beispielsweise in den zahlreichen Autofahrten, bei denen im Vordergrund gross die Gesichter der Personen redend oder stumm zu sehen sind, im Hintergrund die vielfältige Stadt-Landschaft Tokios vorbeizieht - eine elegante Kombination aus festsehenden und bewegten Bildern. Auf unterlegte Musik wird verzichtet, stattdessen bilden Alltags-Geräusche die reale und charakteristische Klangkulisse, ob Gemurmel und (Geschirr-)Geklapper in der Kneipe, laute und leise Verkehrsgeräusche aller Art oder Telefongeklingel samt Anrufbeantworter in der Professoren-Wohnung. Aber auch die spezifisch japanische Sprach-Melodie wird eingebunden - etwa beim alle Tonhöhen umfassenden Geplapper der Nachbarin. Die (hierzulande unbekannten) Schauspieler sind trefflich ausgewählt und überzeugen in ihren sehr unterschiedlichen Temperamenten. Exzellent die Kameraführung (Katsumi Yanagijima)  die mit raffinierten Blickwinkeln und vielfältigen Spiegelungen die zugleich schillernde wie reale Atmosphäre der Gross-Stadt Tokio einfängt.
Der ruhige, langsame Bilderfluss, die nicht immer eindeutige, am Schluss offene Story (mit gelegentlichen Anspielungen auf die Filmgeschichte) und der Verzicht auf alles Äusserlich-Spektakuläre machen das kleine Werk zu einem leichten, intelligent unterhaltenden Vergnügen für  passionierte Film-Liebhaber.

Foto/Poster: Peripher Verleih

zu sehen: Brotfabrik-Kino (OmU); fsk (OmU); HackescheHöfe Kino (OmU)