Direkte (und deshalb nur für Kenner des vorangegangenen ersten Teils verständliche) Fortsetzung der Lebengeschichte der Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg). Sie erzählt sie (in  ausführlichen, filmischen Rückblenden)  dem älteren Jungesellen Seligman (Stellan Skarsgard), der sie zuvor verwundet auf der Strasse gefunden hat und nun in seiner Wohnung versorgt und pflegt.  Es sind die letzten drei Kapitel dieser "education sexuelle" - sie handeln vom Scheitern der Ehe Joes, ihrem Verlust sexueller Empfindung und den kompromisslos-egozentrischen Versuchen, diese verlorene Lust wiederzufinden. Ob bei einen schwarzen Bruderpaar, einem Arzt mit sadomasochistischer Praxis, mit einer ganz jungen Lesbierin oder als verbal-brutale Erpresserin eines reichen Pädophilen.
Zwischen diesen ausführlichen Lebens-Episoden dehnen sich längliche Dialoge zwischen ihr und dem asexuellen Seligman über "Gott und die Welt" - in diesem Fall über die speziellen Vor- und Nachteile der römischen und der orthodoxen Kirche, über die Verwendung eines politisch korrekten Vokabulars ("Darf man 'Neger' sagen?") oder über das lebensrettende Knüpfen eine Seil-Knotens (für Bergkletterer). Das Ganze gefilmt in der für Lars von Trier typischen, essayistischen Art: einem Mix aus Spiel- und Dokumentar-Szenen, unterschiedlichen Film-Kadrierungen, mit gelegentlicher Erzählstimme aus dem Off, mit eingeblendeten Schrift- und Bild-Zeichen und allerlei Schnipseln populär-klassischer Musik. Mal ironisch gebrochen, mal dramatisch akzentuiert und mit einem ebenso unlogischen wie überraschenden Film-Ende.
Ein ziemlich krauses Opus aus halbgaren Sex-Theorien und schlichter Küchen-Psychologie, dem eindringliche Szenen wie im ersten Teil (der an Krebs sterbende Vaters von Christian Slater, die komisch-verzweifelte, verlassenen Ehefrau der Uma Thurman) völlig fehlen. Vom " echten Pornofilm" - wie ihn Lars von Trier selbst ankündigte - weit entfernt. Und allen freizügigen Sex-Szenen zu Trotz - nur ziemlich fades, hochtrabend-posierendes "Kunst"-Kino.

Poster/Foto: Concorde Filmverleih GmbH

zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Movimento (OmU und dt.); Bundesplatz-Kino (dt. und OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmkunst 66; Filmtheater am Friedrichshain


Los Angeles im Jahr 2025. Theodore Twombly, ein Durchschnitts-Bürger mittleren Alters, arbeitet für eine Agentur, die "handgeschriebene, persönliche Briefe" für entsprechende Kunden herstellt. Privat lebt er in Scheidung - und versucht seine innere Leere und Einsamkeit mit allerlei computeranimierten Spielen auf der heimischen Super-Screen zu überwinden. Bis er ein neues Betriebssystem aufschaltet, das ihm mittels eines (kabellosen) Knopfes im Ohr die sexy Stimme von "Samantha" vermittelt - einer virtuellen Gefährtin und Alles-Versteherin - intensive, nächtliche Sex-Erlebnisse eingeschlossen. Doch der schöne Sience-Fiction-Traum geht nicht in Erfüllung, zumal das weibliche Betriebssytem gleichzeitig einige Tausend andere Kunden "bedienen" muss. Theodore bleibt so am Ende nur die Aussicht auf intensivere Kontakte zur - von ihrem Partner im Stich gelassenen - Jugendfreundin und Nachbarin Amy - und das in der Luxuswohnung eines Wolkenkratzers mit Aussicht aufs Panorama der betörend glitzernden Mega-City.
Regisseur und Autor Spike Jonze hat für das (Original-)Drehbuch dieser melodramatischen Liebes-Romanze in nicht allzu ferner Zukunft den diesjährigen Oscar erhalten - sicherlich zu Recht. Die Geschichte balanciert raffiniert zwischen den echten und virtuellen Gefühlen ihrer Protagonisten, versucht - ohne moralische Benotung - zu ergründen, was menschliche von künstlicher Persönlichkeit unterscheidet, welchen Einfluss die Cyber-Wirklichkeit auf althergebrachte, menschliche Verhaltensweisen ausüben kann.
Filmisch wird daraus jedoch ein ungleiches Kammerspiel, das das Gesicht des Schauspielers Joaquin Phoenix in Dauer-Großaufnahme zeigt, auf dem alle Gefühlsregungen, die das Drehbuch fordert, sich abspielen müssen, und zwar ausschliesslich, während sein Gegenüber, das Betriebssytem Samantha, lediglich durch die Stimme von (im Original) Scarlett Johannsson sinnliche Präsenz bekommt. Alle anderen Darsteller sind nur in wenigen, eingeblendeten Erinnerungs-Sequenzen (Rooney Mara als unter Erfolgsdruck stehende Ex-Ehefrau) oder in kurzen, ergänzenden Szenen zu sehen (Amy Adams als die befreundetete, aber gefühlsunsichere Wohnungs-Nachbarin).
Von grossem Reiz ist die Kamera (Hoyte van Hoytema), der das Kunststück gelingt, aus den Häuserschluchten von Shanghai und Los Angeles eine zwar futuristische, aber keineswegs fremdartige Grossstadt-Landschaft zu collagieren.
Doch so effektvoll die Photographie, so überzeugend Joaquin Phoenix als liebe-bedürftiger Normalo, und so trefflich die Ausgangs-Story in ihrem ironisch-skeptischen Blick auf eine nahe Zukunft ist - über die Gesamtlänge von mehr als zwei Stunden Spieldauer wirkt der Film doch sehr ermüdend. Was hochintelligent und intellektuell durchaus reizvoll begann, versandet allzu rasch in endlosen (küchen-philosophischen) Plapper-Dialogen und szenischer Langeweile. Fazit: eine pfiffige Idee allein macht noch keinen spannenden Film.

Foto/Poster: Warner Broth. GmbH

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); International (OmU); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Yorck; Zoo-Palast 4


Violet Weston (Meryl Streep), krebserkrankt und Tabletten-süchtig, ruft ihre Familie zusammen, nachdem ihr alkoholabhängiger Mann Beverly (Sam Shephard) eines Tages im August das herrschaftliche Landhaus in Oklahoma wortlos verlassen hat und seitdem verschwunden ist. Während Tochter Ivy (Julianne Nicholson) bei ihren Eltern geblieben ist und sich um sie kümmert, kehren Barbara (Julia Roberts) und Karen (Juliette Lewis) erstmals nach langer Zeit in ihren Heimatort zurück, begleitet von ihren jeweiligen Lebensgefährten (Ewan McGregor und Dermont Malrony) sowie der 14-jährigen Enkeltochter Jean (Abigail Breslin). Auch Violets Schwester Mattie (Margo Matindale) trifft mit Mann Charles (Chris Cooper) und erwachsenem Sohn "Little Charles" (Benedict Cumberbatch) ein. Bald darauf findet die Polizei das verschwundene Familienoberhaupt: tot durch Selbstmord. Was folgt ist die (knappe) Beerdigung und das sich anschliessende, ausgedehnte Familien-Essen, das in eine grell-brutale Rede-Schlamm-Schlacht ausartet, in der immer neue Gemeinheiten und böse Geheimnisse sämtlicher Familienmitglieder zu Tage kommen. Hier wütet und beleidigt jeder jeden - alle erweisen sich als verkappte Neurotiker und Menschenhasser. Dementsprechend verlassen auch alle am Ende frustriert das Haus, die zynische und giftige Patriarchin Violet bleibt allein zurück - nur die geduldig-zurückhaltende Pflegerin, eine Indianer-stämmige junge Frau, wird weiter bei ihr ausharren.
"August: Osage County" ist ein sehr erfolgreiches, 2008 preisgeköntes, amerikanisches Theaterstück, das der Film- und TV-Regisseur John Wells mit einem prominenten und perfekt gecasteten Ensemble ebenso konventionell wie routiniert-gefällig verfilmt hat. Entsprechend der Bühnen-Vorlage sehr dialogreich und auf wenige Schauplätze - meist Innenräume - reduziert. Die stimmungsvollen Himmels- und die weiten Landschafts-Panoramen des flachen, mittleren Westens werden geschickt als Trennungs-Bilder der einzelnen Dialog-Szenen eingefügt. Doch das vorgeführte Familien-Drama, in dem Krebs und Alkohol, Demenz und verfehlter Sex, Drogen und Geldgier zu einem düster-bösen Psycho-Cocktail gemixt werden, bleibt über weite Strecken an der Oberfläche, bohrt nur selten tiefer und berührt kaum psychologische oder soziale Schmerz-Punkte.
So verlässt sich der Regisseur hauptsächlich auf die Kunst seiner Darsteller. Die zeigen sich zwar alle in bester Form, doch vermögen sie aus den allzu einseitig auf ihre fiesen und zynischen Seiten reduzierten Figuren nur in wenigen Momenten lebendige Menschen zu gestalten. Die dargestellten Personen berühren den Zuschauer kaum und die Kunst der Schauspieler wird so zum reinen, wenn auch durchaus effektvollen Virtuosentum.

Foto/Poster: Tobis Film

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); HackescheHöfeKino (OmU); Adria; Astor Film Lounge; Blauer Stern Pankow; CinemaxX Potsdamer Platz; Cubix Alexanderplatz; CineStar Tegel; Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Colosseum

Die junge Philomena Lee wird ungewollt schwanger. Ihr Vater steckt sie in ein irisches, katholisches Kloster, wo sie einen Sohn zur Welt bringt. Doch als Strafe muss sie - wie viele andere "gefallene" Mädchen - in der Kloster-Wäscherei unter schändlichen Bedingungen schuften, darf ihr Kind Anthony nur einmal in der Woche sehen. Die Nonnen jedoch  vermitteln diese unehelichen Kinder gegen entsprechende Spenden an reiche Ausländer zur Adoption. Im Alter von drei Jahren wird auch Anthony abgegeben. Aus Scham verschweigt Philomena diesen Vorfall und dieses Kind ihr Leben lang. Erst 50 Jahre später, an ihrem 70 Geburtstag eröffnet sie ihrer erwachsenen Tochter Jane den  verheimlichten Sohn (und Halb-Bruder)  und ihre Sehnsucht, nach Anthonys zu forschen. Die Tochter bittet daraufhin den Journalisten Martin Sixsmith, ihrer Mutter bei der Suche nach dem verschollenen Kind zu helfen. Sixsmith, Ex-Star-Reporter der BBC und gerade aus dem Berater-Team von Tony Blair wegen einer ungeschickten Rede-Formulierung gefeuert, nimmt das Angebot an, wenn auch etwas widerwillig, aber als ehemaliger Journalist wittert er in dem Fall auch Material für kirchen-kritische Recherchen. Gemeinsam mit der nicht sehr gebildeten, frommen, doch durchaus schlagfertigen Philomena begibt er sich auf eine Reise, die von England nach Irland und bis Amerika führt und die mit vielen unerwarteten und schmerzlichen Konfrontationen gespickt ist. Wobei die unterschiedlichen, diametralen Charaktere der einfachen, aber lebensklugen alten Frau und des weltgewandten, intellektuell-zynischen Journalisten eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Nur soviel sei verraten: am Ende, nachdem sich das Schicksal des Sohnes in  langsamen Schritten enthüllt hat, treffen sich alle wieder am Ausgangsort der Suche,
im irischen Kloster...
Die Geschichte basiert auf einem als Buch veröffentlichen Tatsachen-Bericht. Regisseur Stephen Frears ("Mein wunderbarer Waschsalon", "The Queen") hat daraus eine zwar konventionelle, aber anrührenden Filmerzählung gemacht, wobei sein Hauptmerk weniger der Kritik an der Katholischen Kirche, ihrer starren Dogmatik und dem physischen wie psychischen Missbrauch der ihr Anvertrauten gilt (die dennoch scharf und klar ausfällt), als dem subtilen, vielschichtigen Porträt der Philomena Lee. In Judi Densch findet diese naive, im Glauben tief verwurzelte Frau, die andererseits eine erfrischend kluge Umsicht und herzliche Menschlichkeit beweist, die ideale Verkörperung. Köstlich, wenn sie die Storys der von ihr geliebten Kitsch-Romane erzählt oder mit dem mexikanischen Buffet-Koch im Nobelhotel plappert, eindrucksvoll in stummem Leid, wenn sie mit bitteren Wahrheiten konfrontiert wird, bewunderswert, wie sie aus tiefer Verzweiflung heraus dennoch den Mut zum entscheidenden Handeln aufbringt. Der britische Komiker Steve Coogan, der auch am kinogerecht polierten Drehbuch mitgearbeitet hat, spielt mit Ironie, britischem Unterstatement und immer wieder aufbrausendem Temperament den intellektuellen Gegenpart, den zunächst herablassend-zynischen und politisch engagierten, später auch  Philomenas Aufrichtigkeit schätzender Journalisten Martin Sixsmith, der am Ende dann auch akzeptieren kann, dass Philomena trotz aller unerfreulichen Vorfälle an ihrem hergebrachten, katholischen  Glauben festhält.
Stephen Frears erzählt diese Geschichte auf Grund seiner langjährigen Film-Erfahrung ebenso raffiniert wie geschickt:  als spannenden Thriller, als optisch opulentes Road-Movie sowie als anrührende, aber nie sentimentale "Human-Interest-Story" - traurig und komisch, turbulent-überraschend, ironisch-distanziert und - vor allem - liebenswert menschlich. Bemerkenswert.

Foto/Poster: Universum Film GmbH

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Delphi (OmU); HackescheHöfe Kino (OmU); Filmtheater am Friedrichshain (OmU); Blauer Stern Pankow; Capitol Dahlem; Cinema Paris; CinemaxX Potsdamer Platz; Titania-Palast Steglitz; Cubix Alexanderplatz; International; Kino in der Kulturbrauerei; New Yorck; Toni Weissensee


Akiko ist Studentin, arbeitet jedoch auch als Callgirl. Zu Beginn des Films sitzt sie in einer Tokioter Café-Bar und versucht am Telefon ihrem Freund oder Verlobten klarzumachen, dass sie heute abend keine Zeit für ihn hat: die Grossmutter komme zu Besuch und morgen habe sie eine wichtige Prüfung in der Uni. Doch dann fährt sie mit dem Taxi durch die nächtliche, neonglänzende Stadt in einen Vorort zu einem Kunden: dabei hört sie die Anrufe der am Bahnhof wartenden Grossmutter auf ihrer Handy-Mail-Box ab, umkreist mit dem Taxi den Bahnhof-Vorplatz und glaubt die alte Frau zu sehen, verdrückt ein paar Tränen, fährt aber weiter. Der sie erwartende Kunde ist ein emeritierter Professor, ein einsamer, alter Witwer, der eher ein gemeinsames Abend-Essen und Gepräch als puren Sex erwartet. Doch Akiko will weder Suppe noch lange Unterhaltung und schläft übermüdet ein.
Am nächsten Morgen fährt der Professor sie in die Uni und wird Zeuge, wie sie dort von ihrem aufgebrachten Freund erwartet wird. Der junge Mann - wie sich rasch herausstellt, Automechaniker von Beruf - hält den Professor für Akikos Grossvater und eröffnet ihm, dass er Akiko heiraten will, um so stehts über ihr Leben bestimmen zu können. Der schmunzelnde Professor lässt ihn in seinem Glauben, dass er Akikos Verwandter sei. Doch nur kurze Zeit später erfährt der junge, leicht zu Gewalt neigende Mechaniker zufällig durch einen Kunden, dass der Professor gar nicht Akikos Grossvater ist. Wütend sucht er den Professor in dessen Wohnung auf...
Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami hat sein neues Werk wieder ausserhalb seiner Heimat gedreht - diesmal in Tokio und in der ihm fremden, japanischen Sprache. Scheinbar eine leichte, boulevardeske Liebes-Kömodie, bei jedoch der nie ganz klar wird, was Schein, was Wirklichkeit ist. (Ähnlich wie bei seinen vorherigen, in der Toskana spielenden "Liebesfälschern"). Der Titel (nach einer bekannten, von Ella Fitzgerald gesungene Jazz-Ballade, die auch im Film gespielt wird) verweist deutlich auf dieses "Als ob...". Alles scheint sehr real, könnte aber auch anders gedeutet werden. Die Figur der Grossmutter, des Taxifahrers, der rothaarigen Freundin im Café, die unaufhörlich schwätzende, zugleich neugierig beobachtende Haus-Nachbarin des Professors oder gar Akiko selbst: wer ist sie eigentlich - Studentin mit erotischem Nebenverdienst oder Callgirl mit Uni-Ambitionen  -  und was will sie?
Formal ist das lockere Liebes-Dreieck sehr filmisch in Szene gesetzt: beispielsweise in den zahlreichen Autofahrten, bei denen im Vordergrund gross die Gesichter der Personen redend oder stumm zu sehen sind, im Hintergrund die vielfältige Stadt-Landschaft Tokios vorbeizieht - eine elegante Kombination aus festsehenden und bewegten Bildern. Auf unterlegte Musik wird verzichtet, stattdessen bilden Alltags-Geräusche die reale und charakteristische Klangkulisse, ob Gemurmel und (Geschirr-)Geklapper in der Kneipe, laute und leise Verkehrsgeräusche aller Art oder Telefongeklingel samt Anrufbeantworter in der Professoren-Wohnung. Aber auch die spezifisch japanische Sprach-Melodie wird eingebunden - etwa beim alle Tonhöhen umfassenden Geplapper der Nachbarin. Die (hierzulande unbekannten) Schauspieler sind trefflich ausgewählt und überzeugen in ihren sehr unterschiedlichen Temperamenten. Exzellent die Kameraführung (Katsumi Yanagijima)  die mit raffinierten Blickwinkeln und vielfältigen Spiegelungen die zugleich schillernde wie reale Atmosphäre der Gross-Stadt Tokio einfängt.
Der ruhige, langsame Bilderfluss, die nicht immer eindeutige, am Schluss offene Story (mit gelegentlichen Anspielungen auf die Filmgeschichte) und der Verzicht auf alles Äusserlich-Spektakuläre machen das kleine Werk zu einem leichten, intelligent unterhaltenden Vergnügen für  passionierte Film-Liebhaber.

Foto/Poster: Peripher Verleih

zu sehen: Brotfabrik-Kino (OmU); fsk (OmU); HackescheHöfe Kino (OmU)


Woody Grant, ehemals Mechaniker, jetzt im Ruhestand, lebt mit seiner Frau Kate in der Kleinstadt Billings in Montana. Auch seine beiden erwachsenen Söhne, David und Ross, wohnen in seiner Nähe. Eines Tages erhält Woody den Werbebrief einer Zeitschriften-Agentur, der ihm den Gewinn von einer Million Dollar vorgaukelt. Leicht demenzkrank und dem Alkohol zugeneigt, durchschaut er den Werbetrick nicht. Auch lässt er sich von seiner kopfschüttelnden Familie nicht davon abhalten, den vermeintlichen Gewinn in Licoln/Nebraska - dem Sitz der Agentur - eigenhändig abzuholen. Mehrmals findet ihn die Polizei wandernd auf der grossen Auto-Route, bringt ihn jeweils nach Hause zurück. Da beschliesst Sohn David, mit dem Vater im Auto nach Nebraska zu fahren, um ihn so von seinem Wahn zu befreien. Gleichzeitig will David die gemeinsame Fahrt dazu benutzen, das gestörte Verhältnis zu dem (Zeit seines Lebens) verschlosssenen Vater zu verbessern.
Die Reise von Vater und Sohn durch die weiten, winterlichen Landschaften verzögert sich jedoch durch mehrere komische (Gebissverlust) oder schmerzliche (Sturtzwunden) Zwischenfälle. Ein nicht eingeplanter Stop wird deswegen nötig und Woody besucht so seinen alten Heimatort Hawthorne in Nebraska. Er trifft Verwandte und Bekannte, deren zunächst herzliche Wiedersehensfreude rasch umschlägt in Neid und Gier, als der angebliche Millionengewinn ruchbar wird. Doch sobald die Verwandtschaft merkt, dass das Geld nur in Woodys Vorstellung existiert, müssen Vater und Sohn unter hämischem Gelächter weiterziehen. Erst als in Lincoln die freundliche Dame in der Agentur Woody erklärt, dass die in seinem Brief vermerkte Zahl nicht zu den Gewinnern-Nummern gehört, begreift er langsam und verstört die Wahrheit. Doch David, der inzwischen einen tieferen Einblick in Leben und Charakter seines Vaters gewonnen hat, versteht es geschickt und liebevoll, die Rück- und Heimfahrt  für Woody zu einer kleinen Triumpf-Tour durch seine alte Heimat zu gestalten.
Regisseur Alexander Payne hat dieses Road-Movie zwischen Montana und Nebraska in weichem Schwarz/Weiss gedreht: die weiten, kargen Landschaften, die kleinen Städte mit ihren hellen Holzhäusern, Farmen oder Kneipen, das ärmliche Leben der einfachen Leute. Der strenge Realismus erinnert an alte Western-Filme, die Charaktere der Personen verweisen auf  Hollywoods Kino-Mythen: an den einsamen Helden, an die taffen Frauen, an die 'bad guys'.
Es ist ein ebenso melancholischer wie poetischer Blick auf den alt-amerikanischen Traum von der Suche nach Freiheit und Glück - wenn auch in einer tragikomischen Variante.
Ein wunderbares Ensemble vorwiegend älterer Schauspieler lässt die kuriose Reise durch die amerikanische Provinz auf grandiose und zugleich berührende Weise lebendig werden. Bruce Dern verkörpert Woody als eigensinnigen, alten Mann mit schlohweiss abstehendem Haar, doch die klugen Augen zeigen - der Demenz zum Trotz - immer wieder den richtigen Durchblick. Will Forte charakterisiert den Sohn David als sanften Loser, der durch die Erfahrungen dieser Reise mit seinem Vater zu grösserer Selbständigkeit findet. June Squibb ist die bissige, schlagfertige Ehefrau Kate, Stacy Keach ist mit falscher Freundlichkeit ein altgewordener Jugendfreund.
Alexander Payne ("Sideways","The Descendents") erweist sich mit diesem feinfühligen "Nebraska" erneut als einer der bedeutensten Regisseure in der Tradition des unabhängigen Kinos in Amerika.

Foto: Paramount Pictures Germany

zu sehen: Central Hackerscher Markt (OmU); Movimento (OmU); Rollberg (OmU); Capitol; Casablanca


Nach mehrjähriger Abwesenheit kommt der Iraner Ahmad (Ali Mosaffa) nach Paris zurück, um offiziel seine Scheidung von der Französin Marie (Bérénice Bejo) zu unterzeichnen. Denn Marie, die mit ihren beiden Töchtern Lucie und Léa in einem kleinen, etwas heruntergewirtschafteten Haus in einem Pariser Vorort lebt, plant ihren neuen Lebensgefährten Samir (Tahar Ramin) zu heiraten. Allerdings ist Samir, der in Paris ein Reinigungsgeschäft betreibt (neben der Apotheke in der Marie arbeitet) noch verheiratet, und - was die Sache sehr kompliziert - seine Frau hat vor kurzem einen Selbstmordversuch unternommen und liegt seitdem im künstlichen Koma. Aus diesem Grund wohnt Samirs fünfjähriger Sohn Fouad bereits im Haushalt von Marie.
Als Ahmad nun bei seiner Ex-Frau eintrifft, muss er feststellen, dass alle unter heftigstem Stress stehen: Samir wegen seiner komatösen Frau und seinem Sohn, der auf die unklare Situation mit widerborstigem Verhalten reagiert; Marie, weil ihre 16jährige Tochter Lucie sich ganz vor ihr verschliesst und nur noch zum Schlafen nach Hause kommt. Sie bittet deshalb Ahmad, zu ergründen, was mit Lucie los ist. Schnell wird klar, dass Lucie Samir nicht mag und die geplante Heirat strikt ablehnt. Den Grund dafür gibt sie nur zögerlich zu erkennen: sie glaubt nämlich, dass Samirs Frau wegen seines Verhältnisses zu ihrer Mutter sich zu töten versuchte und sie, Lucie, dabei eine Rolle gespielt habe, da sie Liebes-Mails ihrer Mutter unberechtigt weitergeleitet habe. Ob dies tatsächlich der Fall war, oder der Selbstmordversuch aus anderen Gründen erfolgte, bleibt unklar - doch der Familienfriede ist in jeder Hinsicht zerstört, am meisten betroffen sind die Kinder: ob Lucie, Léa oder Fouad.
In seinem davor gedrehten, preisgekrönten Film "Nadir und Simin" erzählt der renommierte, iranische Regisseur Asghar Farhadi die Geschichte einer schwierigen Trennung (in Teheran). In seinem neuen, in Frankreich verwirklichten Werk schildert er, was nach der Scheidung kommt, und wie schwierig unter Umständen ein solcher Lebens-Neuanfang sein kann. Entscheidend ist im Fall von Ahmad und Marie, dass das Vergangene und dessen belastende Momente nicht bedacht oder gar geleugnet werden. Beispielsweise will in einer Szene Ahmed seiner Ex-Frau erklären, warum er - depressions-geplagt - sie und die Kinder vor Jahren verlassen hat und nach Teheran zurückkehrte, aber Marie lässt ihn überhaupt nicht zu Wort kommen, sie will es einfach nicht hören. Auch die Probleme ihrer Tochter Lucie will sie nicht wahrhaben, obwohl Ahmad behutsam versucht, zu vermitteln. Besonders deutlich wird das seelische Chaos der Familie in der Person des kleinen Fouad, der nicht mehr weiss, wo er eigentlich zu Hause ist, zu wem er gehör, auch wenn sein Vater sich manchmal liebevoll um ihn bemüht. Fouad reagiert meist nur mit Trotz und Verweigerung. Der Schluss des Films bleibt offen.
Asghar Farhadi fasst dieses Familiendrama in schöne, klare, aber nicht aufdringliche Bilder: eine Glasscheibe zwischen den Personen, die sich so nur durch Gesten oder Blicke verständigen können, oder das heruntergekommene Wohn-Haus, das gleichzeitig renoviert und neu ausgestattet wird. Fast alle Szenen spielen in Innenräumen (auch im Inneren eines Autos oder Zuges) und gleichzeitig gibt die Hintergrunds-Atmosphäre der Gross-Stadt Paris und ihrer Vororte der emotionsgeladenen Handlung eine feste, realistische Verankerung. Grandios ist Farhardis Kunst der Personenführung, die fein-abgestufte psychologische Charakterisierung jeder Figur. Allerding stehen ihm auch exzellente Schauspieler zur Verfügung: Bérénice Bejo als schöne, aber nervös und oft harsch reagierende Marie, der Franzose Tahar Ramin als unsicherer, verstörter Samir, dem alles über den Kopf zu wachsen scheint, und der Iraner Ali Mosaffa in der Rolle des Ex-Ehemanns, der sich bemüht, die herrschenden Spannungen mit ruhiger Distanz auszugleichen, obwohl auch er zu den Verletzten innerhalb dieser Patschwork-Familie gehört.
Ein herausragender, bewegender Film - auch wenn seine Geschichte von Trennung und einem schwierigem Neubeginn, dessen Erfolg offen bleibt, eher eine bedrückende Nachwirkung hinterlassen dürfte.

Foto/Poster: Camino Filmverleih

zu sehen: Cinema Paris (OmU); Theater am Friedrichshain (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); Capitol; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln


New York, Ende der 1970er Jahre. Irving Rosenfeld (Christian Bale) ist Besitzer mehrerer Wäsche- und Kleider-Reinigungen und handelt darüberhinaus mit miesen Papieren und gefälschten Bildern. Sidney Prosser (Amy Adams), ein taffes US-Girl, schmückt sich gern mit dem Akzent einer englichen Lady und angeblichen Verbindungen zur Londoner Finanzwelt. Beide ergänzen sich zu einem flotten Gaunerpärchen, obwohl Irving Vater eines kleinen Sohnes und mit der attraktiven Blondine Rosalyn (Jennifer Lawrence) verheiratet ist. Als die beiden mit der Steuerbehörde in Konflikt kommen, nutzt der über-ehrgeizige Lockenkopf und FBI-Beamte Richie DeMaso (Bradley Cooper) die Situation zu einem Deal aus:  mit der Hilfe des Gauner-Pärchens will er einige Staats-Beamte der Korruption überführen. Zunächst richten sich Verdacht und fingierte Geldübergabe auf den etwas gross-spurigen Bürgermeister Carmine Polito (Jeremy Renner) aus Camden/New Jersey. Als das schief läuft, wird das gleiche Plan-Spiel - erfolgreicher - auf weitere Politiker, Senatoren und Kongress-Abgeordnete angewendet. Und auch die US-Casino-Maffia (als deren Boss Robert de Niro einen winzigen Auftritt hat) sowie ein als Scheich verkleideter Mexikaner spielen dabei eine wichtige Rolle. Doch an dieser Liga haben sich die Klein-Gauner wie das FBI ziemlich überhoben: und am Ende sind natürlich alle düpiert - Betrüger wie Betrogene.
"Some of these things actually happened" heisst es im Vorspann des Films, der einen tatsächlichen Skandal der 70er Jahre frei variiert. Dem Regisseur David O.Russell (und seinem Team) gelingt ein ebenso furioser wie eleganter Spagat zwischen Gauner-Komödie und Gesellschafts-Satire. Der Plot, sehr verwickelt und undurchsichtig, spielt dabei weniger eine Rolle als die temporeiche und glamouröse Inszenierung mit ihren witzigen Bild-Details und pointierten Dialogen. Dazu eine glänzende Ausstattung (luxuriöse Kleider, scharfe Frisuren -weibliche wie männliche), unterlegt mit den musikalischen Top-Hits jener Jahre. Doch der eigentliche Triumpf ist das brilliante Darsteller-Ensemble: Christian Bale als Irving, mit deutlicher Wampe unterm Seidenhemd und Toupet auf der Halb-Glatze und ebenso grosskotzig wie mickermäusig, Amy Adams als taffes Girl Sidney mit abgrund-tiefen Decolltés, Bradley Cooper als macho-mimender und gefühls-schäumender FBI-Ehrgeizling, Jeremy Renner als eitler Bürgermeister mit Elvis-Tolle und - vor allem - Jennifer Lawrence als Ehefrau Rosalyn, die mit hochgesteckter Lockenpracht zwischen raffinierter Eleganz und vulgärer Kodderschnauze durch Schlafzimmer und Nobel-Hotels stöckelt.
Eine vergnügliche, sehr amerikanische - wenn auch etwas zu lang geratene - bissige Komödie.

Foto/Poster: Tobis Verleih

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Hackesche Höfe Kino (OmU); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; CinePlex Neukölln Arcaden; Titania Palast Steglitz; Filmpalast Treptower Park; Cubix Alexanderplatz; CineStar Tegel; Filmtheater am Friedrichshain (dt. und OmU); Kino in der Kulturbrauerei; UIC am Eastgate; Colosseum; Gropius Passagen; Yorck; Zoo-Palast u.a.