Foto: c.Berlinale






LA VOIX DE L'ENNEMIE (Rachid Bouchareb) Englisch/Spanisch***
Neuverfilmung eines alten französischen Stoffes (1973), verlegt in eine texanische Kleinstadt an der heutigen Grenze zwischen Mexiko und den USA. Ein farbiger Mörder (Forest Whitaker) wird nach 18 Jahren Gefängnis entlassen, eine taffe Bewährungshelferin (Brenda Blethyn) kümmert sich um ihn, doch der verknöcherte Sheriff (Harvey Keitel) sieht in ihm nur den ewigen Verbrecher und ein alter Kumpel (Luis Guzman) versucht ihn erneut zu zwielichtigen Geschäften zu überreden. Überall werden dem besserungswilligen Mörder, der sich in der Haft zum Islam bekehrt hat, Fallen gestellt. Das Ende ist vorhersehbar. Trotz hervorragender Schauspieler, betörend schönen Panorama-Aufnahmen der weiten, kargen Landschaft - ein allzu konstruiertes, etwas weitschweifig erzähltes Drama über soziale Wiedereingliederung und patriotische Selbstgerechtigkeit.


JACK (Edward Berger) Deutsch ***
Die Odysee zweier Kinder durch Berlin auf der Suche nach ihrer Mutter. Jack ist 10, sein kleiner Bruder Manuel im Vorschulalter. Die Mutter, alleinerziehend, geht abends häufig aus und eines Sommertages klopfen die beiden Kinder vergebens an die Wohnungstür: die Mutter ist weg. Durch Parks und Strassen wandern die Kinder, lassen sich von Bekannten immer neue Orte, wo sie ihre Mutter finden könnten, benennen - aber erst nach den drei (sommerlichen) Tagen eines Wochenendes findet die kleine Familie in der Wohnung wieder zusammen. Und jetzt ist Jack durch diese Erfahrung innerlich bereit, ins - vom Sozialamt angewiesene - Heim freiwillig zurückzugehen. Der Film des jungen Edward Berger, der ganz aus dem Blickwinkel Jacks gedreht ist, überzeugt besonders durch die Emphatie für die Kinder und überzeugt durch seine feinfühlige Personenführung. Auch in der Charakterisierung der (durchaus symphatischen) Mutter und aller  - oft nur kurz auftauchenden - Nebenfiguren werden  die üblichen Klischee weitgehend vermieden.   Filmisch eher solide, aber als aktuelles, psychisch-soziales Porträt bewegend.


DIE GELIEBTEN SCHWESTERN (Dominik Graf) Deutsch**
Weimaer Klassik aus der kinoträchtigen Perspektive: im Bett mit Schiller. Dominik Graf erzählt die historisch nur vage belegte "Ménage á trois" zwischen dem Dichter und den Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld, ihren heiteren Beginn und das betrübliche Ende, als die beiden Schwestern sich aus Eifersucht zerstritten. Weimaer Klassik ohne hisstorischen Staub sollte es werden, aber das gelingt nur bedingt. Dramaturgisch schwerfällig wird drei (!) Stunden lang eine historische LoveStory bebildert : trotz eindrucksvoller Landschaftsbilder, edlen Räumen und eleganten Kostümen, und ein paar klassischen Zitaten - mehr als eine TV-taugliche SoapOpera bleibt nicht übrig, aus deren darstellerischem Ensemble sich allenfalls das Temperament der Hannah Herzsprung als verheiratete, ältere Schwester einprägt.


THE MONUMENTS MEN (George Clooney) Englisch - ausser Konkurrenz -***
US-Soldaten versuchen gegen Ende des zweiten Weltkrieges, in Europa geraubte und verschleppte  Kunstwerke aufzuspüren, sie zu sichern und den Eigentümern zurückzugeben, bzw. wenn diese nicht zu finden sind, den entsprechenden Staaten. Der Genter Altar spielt dabei eine wichtige Rolle oder ein Michelangelo-Madonna aus Brügge. George Clooney hat ein etwas hölzernes Drehbuch daraus gebastelt und im üblichen Stil Hollywoods ins Bild gesetzt. In Paris hat die tapfere Französin und innere Widerstandskämpferin Cate Blachett vom Museum Jeu de Paumes alle von Goering abtransportierten Gemälde fein säuberlich verzeichnet, samt deren deutschem Bestimmungsort - und dann übergibt sie es einem der "Monuments Men", dem für sie so attrakaktiven Matt Damon. In Salzbergwerken verbrennen die abziehenden Nazis viele Kunstwerke, aber auf Neuenschwanstein und schliesslich dann in Altaussee gräbt der smarte Offizier Clooney dann doch noch den gesuchten Altar und die Madonna aus - kurz bevor die anrückenden Russen einmarschieren. Komische und tragische Szenen im bunten Kriegs-Schauplatz-Wechsel, die Dialoge  mal schlagfertig, mal Pathos-erfüllt, und die Musik rauscht mächtig. Ob sich für diese mittelmässige Kriegs-Plotte wirklich ein grosses Publikum interessiert? Ein Dokumentarfilm hätte das bisher kaum bekannte Thema sicherlich spannender und zutreffender würdigen können. 


KREUZWEG (Dietrich Brüggemenn) Deutsch***
Maria ist 14, lebt in einer süddeutschen Kleinstadt, und gehört einer alt-katholischen Kirchengemeinde an. Unter der strengen Obhut und Indoktrination von Mutter und Pfarrer hat sie nur ein Ziel: ihr Leben Gott zu opfern, um den kleinen Bruder von seiner Sprachlosigkeit (die kein Arzt erklären kann) zu heilen. Einen Mitschüler, der sie zum gemeinsamen Chorsingen einlädt, weisst sie zurück; in der Sportstunde protestiert sie gegen (dem Lauftraining unterlegte) Rockmusik als "satanische", im Krankenhaus - wegen Unterernährung eingewiesen - verweigert sie jede Speise. In der Familie dominiert die resolute Mutter, der Vater und die kleineren Geschwister schweigen demütig. In vierzehn Szenen - parallel zu den vierzehn Kreuzwegstationen - wird Marias Schicksal vorgeführt, jeweils in einer einzigen Bildeinstellung: vom Firmunterricht, Familienausflug, Schulbesuch und Beichte bis zum Tod im Krankenhaus und dem Schliessen des Grabes nach der Beerdigung. Streng und radikal in Inhalt wie Form stellt der Film Fragen nach Glaube und Überzeugung, nach religiösem Wahn und Intoleranz, Erziehung und Familie. Überzeugend Lea von Acken als Maria: ein feines, blasses Gesicht, das von Innen leuchtet, alles Andere  bleibt  holzschnittartig.


NYMPHOMANIAC, VOLUME ONE  (Lars von Trier) Englisch - ausser Konkurrenz -****
Ein älterer Mann (Stellan Skarsgard) findet eine auf der Strasse liegende, junge Frau, offensichtlich leicht verletzt (Charlotte Gainsbourg). Er bietet ihr Unterkunft und Essen an, nach kurzer Erholung sagt sie, dass sie Joe heisse und Nymphomanin sei, dann - von ihm ermuntert - erzählt sie aus ihrem Leben. In diesem ersten, zweieinhalbstündigen Teil des Films sind es fünf Kapitel oder Episoden aus ihrer Kindheit und frühen Jugend (Stacy Martin als junge Joe). Wie sie mit einer Freundin im Zug Männer aufreisst, wie sie sich in ihren Bürochef Jerome (Shia LaBeouf) verliebt, wie die Ehefrau eines Geliebten eine groteske Eifersuchts-Show abzieht (glänzend: Uma Thurman), wie ihr Vater (Christian Slater) im grauenvollen Schmerz-Delirium stirbt und wie sie Jerome nach längerer Zeit wiedertrifft. Verknünft  werden diese (echten oder erfundenen?) Geschichten mit allerlei essayistischen Bild-Sequenzen, sei es über die Kunst des Angelns, Edgar Allen Poe oder die Polyphonie von Johann Sebastian Bach. Ein komplex erdachter und rasant geschnittener filmischer  Mix aus Buchstaben, Zahlen, unterschiedlichsten Animationen, Musik- und Toneinblendungen, Doppel- oder Mehrfach-Bilder, mal in Farbe, mal in Schwarz-Weiss, und immer wieder dazwischen Sex-Szenen ohne jedes Tabu. Volume 1: ein wilder, erotischer Bildungsroman, gelegentlich auch allzu pretenziös und bedeutungsüberladen - Fortzeung folgt.


AIMER, BOIRE ET CHANTER (Alain Resnais) Französisch****
Zwei befreundete Paare im britischen Yorkshire erfahren, dass ein dritter Freund nur noch einige Monate zu leben hat (Krebs!). Sozusagen als letztes gemeinsames Unternehmen studieren diese etwas älteren Freunde ein Theaterstück ein. Dabei erinnern sich alle an ihre Jugendzeit, und an die vergangenen und heutigen Gefühle und (Liebes-)Beziehungen, was zu allerlei turbulenten Situationen, komischen Verwirrungen und erregten Emotionen führt. Alain Resnais' neuer Film beruht wieder einmal auf einer der boulevardesken Komödien des britischen Autors Alan Ayckbourn ("Life of Riley") und wird mit viel ironischer Distanz als Theater im Film inszeniert. Vor in kräftigen Farben gemalten Kulissen agiert ein bestens aufgelegtes, sechsköpfiges Darsteller-Ensemble, das seinem "Affen, vollen Zucker gibt" - angeführt auch diemal von Resnais temperamentvoller Ehefrau Sabine Azéma. Köstliche Unterhaltung für Filmfans, die auch das (komödiantische) Theater lieben.


TO MIKRO PSARI (Yannis Economides) Griechisch***
Ein älterer Auftragskiller in einem winterlichen, kalten Griechenland. Stavros, so sein Name, zerreibt sich zwischen mehreren Gangster-Familien, die alle um seine Mitarbeit werben. Nur ein mal zeigt er moralische Bedenken: als sein Nachbar seine noch kindliche Tochter Katharina gegen viel Geld zur Prostitution verschachern will - da erschiesst er die Eltern. Der griechische Regisseur Yannis Economides gliedert seine böse Gangster-Story in streng formale Bildfolgen, zeigt dabei eine moralisch durch und durch verdorbene Gesellschaft in einer heruntergekommenen Umgebung. Ein deprimierender Blick - eindrucksvoll, wenn auch etwas zu lang, ins Bild gesetzt : Giechenland heute ?


ZWISCHEN WELTEN (Feo Aladag) Deutsch***
Geschildert wird der Alltag deutscher Soldaten in Afghanisten. Im Mittelpunkt der Kommandeur Jasper, der zusammen mit Einheimischen ein Dorf vor Taliban-Angriffen schützen soll. Verbunden mit der privaten Geschichte seines noch jugendlichen Dolmetschers, eines Afghanen, der - wie auch sein Vater zuvor -  zwischen die Fronten gerät und als Verräter brutal verfolgt wird. Kommandeur Jasper schwankt - emotional aufgeschaukelt - zwischen Bundesgewehr-Gehorsam und menschlicher Hilfsbereitschaft. Der vor grandiosen Landschafts-Panoramen gedrehte Film der Österreicherin Feo Aldag besticht durch seine formale Raffinesse, befremdet aber durch das allzu konstruierte Drehbuch, das brav all die Probleme in einzelne Bilder-Szenen umsetzt, die seit Monaten in allen Zeitungs- oder TV-Berichten über die Situation in Afghanistan diskutiert werden. Emotional eindrücklich, aber als Film zu bieder.




PRAIA DO FUTURO (Karim Ainouz) Portugiesisch/Deutsch**
Ein Deutscher ertrinkt an einem Strande im Norden Brasiliens, sein geretteter Freund beginnt mit einem Retteungsschwimmer eine Sex-Affaire. Der Brasilianer folgt dem Deutschen nach Berlin, wo er trotz anfänglichen Schwierigkeiten sich niederlässt. Nach Jahren kommt dessen kleiner - inzwischen erwachsener - Bruder ebenfalls nach Berlin, stellt ihn zur Rede, warum er seine Familie einst so verlassen hat...  Effektvoll fotografiertes Schwulen-Melodram - der strahlende Himmel und das blaue Meer in Brasilien - das winterlich graue, aber neon-glitzernde Berlin - doch die Story bleibt fade, hat keine dramatische Kraft - und verebbt im ständigen sich Aus- und Anziehen der männlichen Darsteller.


BAI RI YAN HUO  BlackCoal, Thin Ice (Diao Yinan) Mandarin***
In einer nordchinesischen Stadt werden Leichenteile gefunden, doch die Ermittlungen der Polizei führen zu keinem Ergebnis. 5 Jahre später findet der ehemals mit dem Fall betraute Polizist, der aber inzwischen den Dienst verlassen musste (u.a.wegen Alkoholproblemen), eine Spur, die zu einer geheimnisvollen, jungen Frau in einem Reinigungsgeschäft führt. Mit allerlei Tricks und Finessen gelingt es diesem Cop a.D. die Lösung der rätselhaften Männer-Morde zu finden. Der chinesische Regisseur Diao Yinan entwickelt seinen Krimi nach den Vorbildern des französischen und amerikanischen "film noir". Schnee bedeckt die Stadt und ihre Umgebung, überwiegend spielen die Szenen bei Nacht : auf Strassen, in Kneipen, Kinos oder Bars - einmal sogar auf der städtischen Eislaufbahn zu Walzer-Klängen von Strauss -  und immer von (dramaturgisch eingesetztem) grellem Neon-Grün oder Rot beleuchtet. Am Ende des nicht sonderlich spannenden, aber durchaus amüsanten Krimis dann ein üppiges, alle Personen irritierendes Tages-Feuerwerk, sinnlos in alle Richtungen von einem Hochhaus abgeschossen - wohl auch eine Anspielung auf den chinesischen Originaltitel.


WU REN QU No Man's Land (Ning Hao) Mandarin***
Chinesischer "Western" in der endlosen Weite der Wüste Gobi. Ein smarter junger Rechtsanwalt aus der Stadt gerät in einen Alptraum: zwischen brutalen Falkenjägern, rauhen LKW-Überlandfahrern und heimtückischen Tankstellenbesitzern. Hier kämpft jeder gegen jeden mit Messer, Gewehr oder Brechstange. Massenhafte Auto-Crashs in der braun-roten, staubigen Landschaft mit ihren exotischen Bergformationen und eine junge Frau, die am Ende als einzige überlebt. Mit dröhnender Musik unterlegt, ein chinesischer Film, der den Blockbusters aus Hollywood Paroli bieten will - und dies, was den film-technischen Aufwand und die Rafinesse der Bilder betrifft, durchaus vermag. Doch die endlosen Wiedholungen und Variationen der Action-Sequenzen (jeder der wüsten Kerle wird mindestens zweimal umgebracht, bevor er wieder blutüberströmt auftaucht!) wirken auf die Dauer von 117 Minuten ermüdend.


BOYHOOD (Richard Linklater) Englisch*****
Zu Beginn des Films ist Mason ein kleiner Junge von 6 Jahren, wohnhaft mit der etwas älteren Schwester und seiner Mutter in einem der typisch amerikanischen Vorort-Häuschen der Mittelschicht, hier zunächst in Houston/Texas, später in Austin. Der Vater ist ausgezogen und holt seine beiden Kinder lediglich am Wochenende oder in den Sommerferien zu gemeinsamen Ausflügen in Vergnügungs-Center oder in Parks der näheren Umgebung ab. Am Ende - nach fast drei Stunden - ist Manson 18, hat die High-School erfolgreich abgeschlossen und zieht weg in ein fernes College. Die Mutter bleibt allein zurück, da auch die Schwester bereits ausgezogen ist. Dazwischen: zwei weitere Heiraten der Mutter und jeweilige Scheidungen, neue Wohnungen, neue Schulen, neue Freunde. Beständig bleibt die Beziehung zum Vater, der inzwischen sich vom jugendlichen Musik-Freak zum angepassten Versicherungs-Angstellten mauserte und dies auch selbst-ironisch kommentiert, aber auch er hat wieder geheiratet, in eine tief religiöse Familie, was zur Folge hat, dass Mason von diesen neuen (Stief-)Grosseltern bei der Familienfeier zu seinem 15.Geburtstag seine erste Bibel als Geschenk erhält. Kurz: es ist die Geschichte einer amerikanischen Durchschnittsfamilie, mit komischen und traurigen Momenten, durchaus auch mit dramatischen, aber frei von extremen, aussergewöhnlichen Ereignissen. Der Clou dieses Films von Richard Linklater besteht darin, dass er in einem Zeitraum von 12 Jahren (2002-2014) gedreht wurde, in jedem zeitlichen Teil-Abschnitt gab es nur wenige Drehtage.  Die Darsteller bleiben dabei immer die Gleichen und altern sozusagen mit dem Film, was natürlich besonders bei dem Schauspieler des Mason, Ellar Colltrane, verblüffend augenscheinlich wird: von kleinen, kindlich-verspielten Jungen über den unsicheren Teenager  zum jungen, langsam reifenden Erwachsenen. Der Film gewinnt dadurch eine enorme Unmittelbarkeit und eine (in einem Spielfilm bisher so nicht gekannte) menschliche Lebendigkeit, die in ihrer alltäglichen Normalität - ohne jede Aufdringlichkeit - die Grundbegriffe unserer (westlichen) Zivilisation und ihrer Werte allgemeingültig durchscheinen lässt. Ein berührender, bewegender Film, ebenso grandios wie unterhaltsam.


LA BELLE ET LA BÊTE (Christophe Gans) Französisch*
Neuverfilmung des französischen Märchens von der Schönen, die sich für ihren Vater opfert, indem sie sich auf einem verwunschenen Schloss dem dort herrschenden Biest ausliefert. Am Ende aber für dieses Biest Mitleid empfindet und ihm dadurch seine menschliche Gestalt zurückgibt. Der Regisseur Christophe Gans inszeniert mit einigen prominenten Stars (Vincent Cassel, Leá Seydoux, André Dusollier) und einer aufwendigen Digital-Technik einen pompöses Computer-Spiel:  geschmacklos und verkitscht, frei von Ironie und fern aller (Märchen-)Poesie.


CHIISAI OUCHI The Little House (Yoji Yamada) Japanisch***
Ein junges Mädchen vom Lande, namens Taki, kommt 1935 nach Tokio. Als Dienstmädchen in das am Rande der Stadt neu erbaute Haus eines Abteilungsleiters einer Spielzeugfabrik. Die ganz in der japanischen Tradition erzogene Taki beobachtet, wie die junge Herrin des Hauses sich in einen (künstlerisch arbeitenden) Kollegen ihre Mannes verliebt. Als dieser 1943 zum Krieg eingezogen wird und die Frau des Hauses schriftlich ein letztes Treffen mit dem Geliebten arrangiert, unterschlägt Taki den Brief - eine Tat die ihr weiteres Leben (das kleine Haus wird 1945 durch Bomben zerstört und sie geht in ihre Heimat zurück) psychisch schwer belastet. Der 82-jährige Altmeister Yoji Yamada hat mit grosser Sorgfalt und einem feinen Gespür die bürgerliche Welt des "alten" Japan wiederbelebt und geschickt durch eine Rahmenhandlung (der junge Gross-Neffe Takis findet und kommentiert ihr Tagebuch) mit der modernen, heutigen Gefühls- und Gedankenwelt konfrontiert. Berückend und eindrucksvoll ist der Film besonders durch die sorg- und vielfältig eingefügten bildlichen und gedanklichen Details, die auf Politik wie Kultur des traditionellen wie zeitgenössischen Japans verweisen.




Dallas 1985. Ron Woodroof ist Elektriker und Rodeo-Fan, ein rauher Bursche, dem Alkohol und den Frauen äusserst zugeneigt. Eine Blutuntersuchung anlässlich eines Arbeitsunfalls enthüllt, dass er HIV infiziert ist und nur noch kurze Zeit zu leben hat. Erst will der homophobe Krawallbruder dies nicht akzeptieren, doch dann nimmt er den Kampf um sein Leben auf: gegen seine bisherigen Kumpels, die ihn, den mit der "Schwuchtelkrankheit" Infizierten, ausgrenzen, gegen Ärzte und Pharmaindustrie, die in ihm nur eine Testperson für frisch entwickelte Medikamente sehen.
Ron macht sich über die neue, tödliche Krankheit sachkundig, findet im nahen Mexiko einen amerikanischen Arzt, der ihm Pillen und Proteine gibt, die zwar die Krankheit nicht heilen, aber verzögern und das Leben erträglicher machen. Sogleich erwacht in Ron sein Geschäftssinn; als Priester verkleidet schmuggelt er Medikamente, die in den USA noch nicht zugelassenen sind, ins heimische Texas und gründet dort den "Dallas Buyers Club". Gegen hohe Monatsbeitraege bekommen dessen Mitglieder die entsprechenden Pillen, wobei Ron den Transsexuellen Rayon als Kontaktperson zu den Schwulen benutzt. Das Unternehmen, das eine Gesetzeslücke ausnutzt, blüht und wird sogar noch erweitert: vom billigen Motelzimmer zur pompösen, alten Villa und mit Verbindungen zu Pharma-Hersteller in aller Welt. Bis dann eines Tages doch die Gesundheitsbehörde mit Räumungsbefehl erscheint und Ron die gerichtlichen Gegenklagen verliert.
Diese Geschichte aus den Jahren als Aids noch wenig erforscht und Gegen- oder Hilfs-Mittel kaum bekannt waren, beruht auf Tatsachen. Ron Woodroof starb 1992, also nicht nach 30 Tagen, wie die Ärzte prophezeiten, sondern nach sieben Jahren.
Der Film des Franko-Kanadiers Jean-Marc Vallée erzählt seine Story flüssig und sachlich, vermeidet Gefühlskitsch und Tränendrüse, und lässt verhalten Kritik an der Gesundheitsbehörde und der Pharmaindustrie anklingen. Sein Interesse gilt vor allem der Personenführung und der Zeichnung der Charaktere. Und dafür stehen ihm - neben einem gut gecasteten Gesamt-Ensemble - zwei aussergewöhnliche Darsteller zur Verfügung: Matthew McConaughey als Ron Woodroof in der Haupt- und Jared Leto als transsexuelle Rayon in der (tragenden) Nebenrolle.
Das Faszinierende am McCouaugheys Gestaltung ist, dass er die Zwiespältigkeit von Ron's Charakter unaufdringlich, aber genau sichtbar machen kann; einerseits ist er der durch die Krankheit gewandelte Mann, der sein Leben in die eigene Hand nimmt und somit eigen-bestimmt, andererseits aber bleibt er der seinen Ressentiments wie Homophobie verhaftete "White Trash"-Typ, der zwar den Aidskranken hilft, gleichzeitig jedoch ungerührt mit ihnen Geschäfte macht. Ein hagerer Cowboy, schlacksig, manchmal aussehend wie der "Tod auf Latschen", dann wieder mit lebendig glühenden Augen im braungegerbten Gesicht - das eindringliche Porträt eines zwiespältigen Charakters.
Als sehr weibliche Transsexuelle Rayon macht Jared Leto perfekte Figur, grell im Outfit, doch im Gegensatz zum Egomanen Woodroof immer dem jeweiligen Partner oder Gegenüber freundlich oder ironisch zugewandt, dabei schlagfertig und witzig, wenn auch am letalen Ende nur noch ein schmales Häufchen Elend.
Beide Darsteller tragen diesen tragisch-traurigen Film, der aber immer im Rahmen des herkömmlichen Hollywood-Kinos bleibt, also spannend und kritisch zugleich - und unterhaltsam für ein breites Publikum.

Poster/Foto: Ascot Elite Filmverleih

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Central Hackescher Markt (OmU); Filmtheater am Friedrichshain (OmU und dt.); International (OmU); Movimento (OmU); Odeon (OmU); Titania Palast Steglitz; Kino in der Kulturbrauerei; Kant-Kino; Colosseum; Yorck


Der Film basiert auf der - im Gefängnis verfassten - Autobiographie des Bankers Jordan Belfort, der in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts durch betrügerische Machenschaften viele US-Bürger um Geld und Vermögen brachte, selbst aber dadurch gigantischen Reichtum anhäufte und ein Leben in luxuriösen Umgebungen vor allem mit Sex und Drogen führte. Bis die Überschätzung seiner Macht das FBI auf ihn aufmerksam werden lies, seine Betrügereien aufdeckte und ihn vor den Richter brachte, der ihn zur Gefängnisstrafe verurteilte  und sein Vermögen kassierte (mit dem dann zumindest ein Teil der Gläubiger befriedigt wurde).
Hollywood-Regisseur Martin Scorsese schildert in seinem dreistündigen Film diese "wahre Geschichte" ausschliesslich aus dem Blickwinkel des Jordan Belfort - von Leonardo DiCaprio überzeugend und brillant verkörpert. Belfort spricht direkt in die Kamera, zum Publikum, und erzählt gleichsam im Rückblick seine Story. Wie er als junger Mann das Bankgeschäft in der Wall Street erlernt, dann aber - nach einer Pleite - arbeitslos wird und in einer dubiosen Klitsche unterkommt, die ausschliesslich Schrott-Papiere verhöckert. Durch seine brilliante rethorische Begabung, mühelos diese falschen Papiere an den Mann, an die Frau zu bringen, wird er bald zum Chef dieser Maklerfirma, die nicht in der Wall Street, sondern auf Long Island residiert - auch wenn Belfort selbst mit dem (von einem Magazin verbreiteten) Spitznamen "The Wolf of Wall Street" geschickt Eigenwerbung betreibt.
Doch seine Lebensbeichte konzentriert sich (in Scorseses Film) nur nebenher auf die dubiosen Aktien-Manipulationen oder die finanz-wirtschaftlichen Machenschaften,  Belfort selbst sagt direkt in die Kamera, dass sich ja keiner dafür wirklich interessiere...
Deshalb erzählt er um so ausführlicher über sein privates Leben:  berichtet von seinen beiden missratenen Ehen, vom Erwerb teuerer Luxus-Wohnungen, Autos, den Jachten und  schildert besonders genüsslich eine schier unendliche Reihe ausschweifender Partys mit viel Sex und Drogen. Optisch ein tolles Bilder-Panorama: von atemberaubenden Luxus-Villen auf Long Island oder in Miami bis zum gierigen Ziehen von Kokain-Linien auf nackten Damen-Hintern.  Alles gesehen durch Bedforts eigene Augen - nur selten wird (genialer Regietrick!) seine Ezählung mit der Wirklichkeit konfrontiert - beispielsweise wenn er zunächst von einer nächtlichen Autofahrt unter starkem Drogeneinfluss erzählt, dann aber der Polizeibericht - als Film im Film - gezeigt wird : wie Belfort vollgedröhnt das Auto unter Umgehung aller Verkehrsregeln rücksichtslos zu Schrott und Asche fährt und nur durch Glück bei dieser wilden Fahrt nicht ums Leben kommt.
Und am Schluss fügt Scorsese noch einen kleinen, makabren Epilog an. Aus dem Gefängnis entlassen, tourt Belfort ungebrochen durch Australien und Neuseeland, um angehenden Aktien-Händlern, die ihn gläubig anstarren, die Tricks beizubringen, wie man allein durch geschickte Rethorik alles verkaufen kann...
Martin Scorseses gelingt ein filmisch brillantes Meisterwerk - und doch hinterlässt diese Selbstbiographie eines betrügerischen Aktien-Händlers, die gleichsam die grosse Finanzkrise vorwegnimmt, einen unbefriedigenden Nachgeschmack. Der Tunnel-Blick ermöglicht zwar die fulminanten Bilderfolge schier endloser Sex- und Drogen-Exzesse, aber er blendet doch Vieles aus, vor allem die Opfer. Auch das politische und sozial-gesellschaftliche Umfeld ist fast ausgespart -  zugunsten der überquellenden Szenen  von Konsum-Räuschen und Lebens-Gier.
Gerade dieser subjektive Blick mag Scorsese und sein Team  zu solch phantasievoller und brillanter, filmischer Umsetzung angeregt  haben, doch fragt sich der überrumpelte Zuschauer am Ende dann doch, ob er nun eine "wahre (autobiographische) Geschichte" gesehen hat, oder bloss die gängigen Klischees eines schlichten Groschen-Romans.

Foto/Poster: Universal Picture Germany

zu sehen: Central Hackescher Markt (OV); Cine Star Sony Center (OV); Filmtheater am Friedrichshain (OmU); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); Rollberg (OmU); Astor Film Lounge; CinemaxX Potsdamer Platz; CineMotion Hohenschönhausen; Cineplex Neukölln Arcaden; Cineplex Spandau; Titania Palast Steglitz; Cubix Alexanderplatz; CineStar Hellersdorf; CineStar Tegel; Filmpalast Treptower Park; Kino in der Kulturbrauerei; Kant-Kino; UCI am Eastgate; Colosseum; UCI Friedrichshain; UCI Gropius Passagen; Zoo-Palast u.a.



Vier Geschichten aus dem chinesischen Alltag von heute, vier Geschichten von Bürgern, die gedemütigt oder unterdrückt werden und die sich wehren - blutig und sinnlos.
In einem Industiegebiet im Norden prangert ein Minen-Arbeiter Korruption und Ungerechtigkeit des Bürgermeisters und des smarten Werkbesitzers an; er wird brutal mit einem Golfschläger niedergeknüppelt und übt daraufhin grausame Rache - mit seiner Schrotflinte.
Ein Wanderarbeiter, der - ihm auflauernde - jugendliche Wegelagerer kaltblütig erschiesst und anschliessend seine Familie zum Neujahrsfest kurz besucht, raubt in der Stadt geschickt die wohlhabende Kundin einer Bank aus, indem er ihr die gerade gefüllte Geldtasche entreisst und in der Menschenmenge untertaucht.
Die Empfangs-Dame einer Mitternachts-Sauna wird von Kunden belästigt und grundlos geschlagen, worauf diese ein Messer zückt und sich blutig wehrt.
Ein junger Arbeiter verursacht durch Unachtsamkeit einen Unfall in der Nähfabrik, in der er arbeitet, und muss dafür finanziell gerade stehen; er geht nach Süden, wird Kellner in einem Luxus-Puff für reiche Touristen, verliebt sich in eine Kollegin, die in wechselnden Verkleidungen die männlichen Gäste bedienen muss, doch das zarte Glück scheitert rasch an den sozialen Umständen. Der junge Mann zieht weiter, arbeitet für karges Geld in einem Elektronik-Betrieb, wird mit vielen anderen jungen Arbeitern in einer riesigen, tristen Beton-Mietskaserne untergebracht - und stürtzt sich vom Balkon in den Tod.
Der chinesische Regisseur Jia Zhang-ke, 44 Jahr alt, aus dem Norden stammend, in Peking an der Kunstakademie ausgebildet, dreht seit 1995 Dokumentar- und Spielfilme, die geschult sind am Neorealismus italienischer Prägung; aber auch das japanische Kino hat Einflüsse auf seine Ästhetik. 2006 erhielt er den 'Goldenen Löwen' in Venedig für "Still Life", bedrückende Geschichtem um den Bau des riesigen Drei-Schluchten-Staudamms und dem dadurch bedingten Überfluten von Orten und Lebensräumen vieler Menschen.
Auch "A Touch of sin" (Tian Zhu Ding) schildert krass und realistisch den Alltag im heutigen China - einem China der wirtschaftlichen Öffnung und Angleichung an westliche Zivilisation-Vorstellungen. Doch wird dieses China nach wie vor von der alten Kaste der kommunistischen Partei regiert und unterdrückt, ergänzt um Neo-Kapitalisten, die dank des wirtschaftlichen Aufschwungs reich und mächtig geworden sind. Die  - nur sehr lose miteinander verbundenen -  Episoden zeigen einfache Leute und wie sie durch den sozialen und gesellschaftlichen Umbruch aus der Bahn geworfen werden, und mit ihren religiösen und moralischen Vorstellungen oder Traditionen nicht mehr zurecht kommen.
Der Film findet dafür zahlreiche - ebenso reale wie poetische -  Bilder:  ein Pferd, vor einen Karren gespannt und brutal ausgepeitscht;  die Sauna-Angestellte, die mit dicken Geldscheinbündeln roh geschlagen wird; der Wanderarbeiter, der rituell zu den Geistern betet und gleichzeitig kalt jugendliche Räuber erschiesst; Bilder von riesigen Menschenmassen in Bahnhöfen, Omnibusstationen oder Beton-Silos, gigantische Industieanlagen, die die Luft verpesten, Reste alter Tempel, Buddah- oder Mao-Statuen, sogar ein kitschig-christliches Madonnen-Porträt verirrt sich dazwischen.
(Kamera: Nelson Yu Lik-wai).


Grandios jedoch wie die realistischen Szenen ins Surreale gesteigert werden, ohne dabei ihre Wahrheit zu unterlaufen - Bilder als Kino-Zitate: die sich wehrende Sauna-Angestellte scheint einem Martial-Art-Film entsprungen, der schiessende Wanderarbeiter einem Western. Immer wieder  begegnen die durch alle Regionen Chinas reisenden und fahrenden Personen  den traditionellen, chinesischen Wander-Theatern mit ihren ebenso kunstvollen wie künstlichen Musik- und Akrobatik-Darbietungen -  auch dies belebender Kontrast und Überhöhung der Wirklichkeit zugleich.
Musik wird sehr sparsam eingesetzt: Natur- und Alltags-Geräusche, Töne aus öffentlichen Lautsprechern, aus Radio und Fernsehn, aber auch klassisch-chinesische oder
Pop-Musik.
Der Film wird hier zu einem magisch-realistischen Kosmos des riesigen Landes - der fast jedes gesellschfts-kritische Thema anpackt, böse und pessimistisch, der aber auch viel Emphatie für seine Personen aufbringt - ohne sie zu heroisieren oder deren Handeln zu billigen.

Kino, in dem schonungloser Realismus und filmische Phantasie wunderbar ausbalanciert sind - vielschichtig, erhellend, faszinierend -
und: ein Kunstwerk, das die chinesischen Zensur (bisher) erfolgreich passiert hat.

Foto/Poster: Rapid Eye Movies

zu sehen: Babylon Mitte/ Brotfabrik/ Eiszeit/ fsk/ Lichtblick-Kino (alle OmU)


Eine Stadt im Staate New York, 1841. Der schwarze Violonist Solomon Northup ist ein angesehener Bürger, verheiratet, zwei Kinder. Von dubiosen Schaustellern nach Washington gelockt, wird er gekidnappt und mit anderen Leidensgenossen als Sklave in den Süden verkauft. Zunächst an einen ihm freundlich gesinnten Plantagenbesitzer, dann, als er mehrmals aufbegehrt, auf die Baumwollfelder eines frömmelnden Sadisten, der seine schwankenden Gefühle brutal an den schwarzen Sklaven auslebt, die er immer als sein "Eigentum" bezeichnet. Erst nach vielen Jahren gelingt es Solomon durch Zufall, einem weissen, nicht rassistisch denkenden Handwerker sein Schicksal zu erzählen - einige Zeit später wird er befreit und kann in den Norden zu seiner Familie zurückkehren.
Es ist eine "wahre Geschichte" - Solomon Northup hat sie 1853 selbst in einem Buch veröffentlicht, das zur Grundlage des gut zweistündigen Films wurde. Der britische Video-Künstler und Regisseur Steve McQueen, der mit dem hautnah gezeigten Todeskampf des IRA-Terroristen Bobby Sands ("Hunger") und der intensiven Studie eines sexbesessenen New Yorkers ("Shame") grosse internationale Aufmerksamkeit erregte, schildert die Geschichte des Solomon Northup im Ton eines konventionell-farbigen Hollywood-Epos - auch wenn Details der Dramaturgie und Inszenierung die in solchen Historien-Filmen üblichen Klischees weitgehend vermeiden oder zu sublimieren versuchen. Auf ausladende Schau- und Massenszenen wird verzichtet, die Bildfolgen bleiben ganz nahe bei den Personen, ihren Gesichter, ihren Körperbewegungen;  der umstandslose, dramatische Fluss der Erzählung wird lediglich durch ruhige Landschafts-Aufnahmen kontrastiert und gegliedert.
Diese Art der sinnlich direkten Bilder wird besonders in jener Szene deutlich, als Solomon, der als Sklave den Namen "Platt" tragen muss, an einem Baum aufgeknüpft wird, die Schlinge um den Hals, nur noch die Zehen berühren den sumpfigen Boden und bewahren den Gequälten vor dem Tod, während auf den Wiesen im Bild-Hintergrund die anderen Sklaven ihrer täglichen Arbeit nachgehen und (mit einer Ausnahme) nicht wagen, dem Aufgeküpften zu helfen.
Auch die sonst in Hollywood-Epen sämig aufrauschende Musik (hier vom Routinier Hans Zimmer) setzt Steve McQueen sehr behutsam ein, benutzt oft nur reine Natur-Geräusche - etwa bei einer Grossaufnahme, in der Solomon zweifelnd wartet, ob die Offenbarung seines Schicksals dem weissen Handwerker gegenüber Folgen hat - , doch will oder kann der Regisseur nicht ganz auf den gefühls-untermalenden Sound verzichten, einschliesslich des koventionell-perfekten Gospel-Gesangs baumwollpflückender 'Nigger'.
McQueens Film besticht vor allem durch seinen genauen, unbarmherzigen Realismus, der ohne romantisierende Beschönigung ("Vom Winde verweht") oder zynisch-blutige Grellheit ("Django unchained") die Geschichte der Versklavung schwarzer Menschen in den USA zeigt. Eine Geschichte, die sicherlich nicht nur der US-Vergangenheitsbewältigung gilt, sondern auch an aktuelle Zustände - ob in Afrika, Asien oder im übrigen Amerika - denken lässt.
Die kluge und kraftvolle Inszenierung wird vervollständigt durch ein Ensemble ausgezeichneter Darsteller, wobei Brad Pitt (einer der Mitproduzenten des Films) in der kleinen Nebenrolle des weissen Handwerkers und Gutmenschen allerdings recht blass bleibt. Beeindruckend das klare Gesicht des dunklen Hauptdarstellers Chiwetel Ejiofor mit seinen grossen, staunenden und fragenden Augen, und doch stiehlt wieder McQueens bevorzugter Schauspieler Michael Fassbender allen die Schau: als ebenso charmanter wie grausamer Plantagenbesitzer, wobei er geschickt die konventionelle Karikatur eines solch bösen Menschen vermeidet,  - ein "brillianter" Psychopath, schillernd zwischen Bibel und Peitsche.
Steve McQueen tauscht in diesem historischen Opus seine strenge, experimentelle Inszenierungs-Kunst zugunsten eines weicheren, auf breitere Publikums-Akzeptanz setzenden Kino-Stils ein -  Hollywood dankt es ihm mit dem "Golden Globe" und (vorerst) neun Oscar-Nominierungen.

Foto/Poster/Verleih: Tobis Film

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU); Filmkunst 66 (OmU); Hackesche Höfe Kino (OmU); International (OmU und dt.Fassung); Blauer Stern Pankow; CinemaxX Potsdamer Platz; Titania Palast; Delphi; Kino in der Kulturbrauerei; Yorck; Zoo-Palast


Der Titel des französischen Originals lautet: "La vie d'Adèle, Chapitres 1&2".
Kapitel 1 schildert, wie die zunächst 15-jährige Adele, Schülerin in einem Gymnasium in Lille, eine ihr zunächst unverständliche Neigung zu der etwas älteren Kunststudentin Emma entdeckt; wie sie nach einem nicht befriedigenden Abenteuer mit einem Mitschüler sich zu ihrer ungewöhlichen Leidenschaft bekennt, allen agressiven Beschimpfungen ihrer Freundinnen zum Trotz, und wie sie nach ihrem Abitur zu Emma in deren Wohnung zieht. Im 2.Kapitel ist Adele - ihrem Berufswunsch entsprechend - Kindergärtnerin und Grundschul-Lehrerin geworden, lebt immer noch mit Emma zusammen, die sich inzwischen als aufstrebende Künstlerin etabliert. Doch die Beziehung wird langsam brüchig, zumal Adele mit dem intellektuellen Freundes- und Galeristen-Kreis ihrer Lebenspartnerin nicht viel anzufangen weiss. Innerlich unbefriedigt und enttäuscht lässt Adele sich auf eine kurze Sex-Affaire mit einem Kollegen ein, worauf Emma sie brutal aus der Wohnung wirft. Einsame Zeiten für Adele folgen, gelegentliche One-Night-Stands bleiben unbefriedigend, der Versuch der beiden Frauen, nach Monaten die alte Beziehung wiederaufzunehem, scheitert. In der letzten Szene besucht Adele Emmas Vernissage in einer angesagten Galerie, aber ausser freundlichen Worten hat man sich nichts mehr zu sagen. Adele verlässt den Raum, geht einsam die Strasse nach Hause zurück.
Diese Geschichte einer Liebesleidenschaft filmt der französische Regisseur tunesischer Abkunft, Abdellatif Kechiche, ganz aus der Sicht Adeles. Und zwar fast ausschliesslich in Nah- und Gross-Aufnahmen ihres Gesichtes, aber auch die übrigen Personen zeigt die ruhige, aber zugleich sehr bewegliche Kamera (Sofian El Fani) überwiegend aus nächster Nähe. Blicke, Regungen des Gesichtes und (meist beiläufige) Worte oder Satzfetzen werden zu einer grossflächigen, filmischen  Gefühls- Landschaft. Das soziale Umfeld oder das Thema Homosexualität bilden nur den folienartigen, wenn auch lebhaften Hintergrund für die tiefgreifenden Emotionen und sexuellen Leidenschaften Adeles. Erst im letzten Drittel werden die sozialen Verhältnisse, geistigen Interessen und Bildung als lebensbestimmende Faktoren für das persönliche Schicksal der beiden Frauen stärker betont und und als solche erkennbar.
Die  sehr ausführliche und insistierende Erzählweise des 3-stündigen Werkes ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Gelegentlich scheint sich der Regisseur auch in Klischees zu verheddern, wenn beispielsweise gehobene Bürger immer Austern schlürfen müssen, Arbeiterfamilien dagegen Spaghetti Bolognese. Und die Galeristen-Freunde sind hier so intellektuell versnobt und verzickt, wie sie sonst nur in Durchschnitts-Filmen vorgeführt werden.
Getragen wird diese stark sexuell geprägte - und durch den Regisseur auch so visualisierte - Liebesgeschichte durch das offene Gesicht der jungen Schauspielerin Adèle Exarchopoulos: grosse Augen, etwas pausbäckig, halboffener Schmollmund, wach und naiv zugleich. Ansteckend strahlt und lacht  sie vor Glück, kann aber auch - noch ganz kindlich -  mitleiderregend Rotz und Wasser heulen. Die direkte, sinnliche Ausstrahlung dieses Gesichtes, aber auch ihres gesamten Körpers, trägt den Film und verleiht ihm eine aussergewöhnliche Intensität. Lea Seydoux als Emma, zunächst mit blau gefärbtem Kurzhaarschnitt (Kapitel 1), später natur-blond (Kapitel 2), wirkt in ihrer Rolle als dominierende, geistig überlegene Künstlerin herber, konventioneller, dennoch bleibt auch sie immer sinnlich präsent und glaubhaft.
Dass dieses "Leben der Adele" für so viel Aufmerksamkeit sorgt(e), liegt sichlich zum Teil an den breit ausgespielten, direkten Sex-Szenen einer lesbischen Leidenschaft - obwohl ihnen jeder voyeuristische Anreiz fehlt - , zum anderen Teil aber auch an den unterschiedlichen Vorwürfen, die - berechtigt oder unberechtigt - dem Regisseurs von Seiten seiner Film-Crew nachträglich gemacht wurden. Beim Festival in Cannes 2013 erhielt der dort uraufgeführte Film - bejubelt von Publikum und Kritik - die "Goldene Palme" - überreicht von einem begeisterten Jurypräsidenten namens Steven Spielberg.

P.S. Der Film ist eine freie Adaption der graphischen Novelle "Blau ist eine warme Farbe" (Bleu est une couleur chaude) von Julie Maroh - daher der Titel der deutschen Synchron-Fassung.

Poster/Verleih: Alamode Film

zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Neus Off (OmU); Cinema Paris (OmU und dt.Fassung);CinemaxX Potsdamer Platz;Filmtheater am Friedrichshain; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln


New York, Winter 1961. Eine Woche im turbulenten Alltag eines (fiktiven) Folk-Sängers. "Inside Llevyn Davis" lautet der Titel seines kaum beachteten Debüt-Albums, und mit ebenso mässigem Erfolg tingelt er durch die Keller-Kneipen im Greenwich Village. Zum Schlafen nutzt der arme Schlucker - alle paar Tage wechselnd - die Couch von Freunden und Bekannten, wobei er manchmal auch mit der Frau des Gastgebers schläft oder in den unfreiwilligen Besitz einer flink-entlaufenden Katze gerät. Zweifellos besitzt Llevyn grosses Talent, aber die Musikproduzenten bevorzugen die gefälligeren Klänge gewinnbringender Songs - die Zeit eines Bob Dylan und Co. ist noch nicht angebrochen. Auf einem Kurztrip nach Chicago versucht Llevyn vergeblich bei dem späteren Musikverleger von Dylan zu punkten, doch der lässt ihn nur kalt abblitzen, verfroren an Leib und Lebensmut kehrt er ins kalte New York zurück.
Joel & Ethan Coen schildern nicht das ausgreifendes Bio-Pic eines erfolglosen Folk-Musikers, sondern zeichen in knappen, atmosphärisch dichten Szenen das Porträt einen Talentes, das durch sein allzu emotionsgeladenes Verhalten seine Möglichkeiten eines Aufstieges auf der Bühne wie im Privaten zerstört: ob er nun die (von ihm?) schwangere Frau seines Freundes und Kollegen Jim unsensibel behandelt oder ob er die ihn freundlich bemutternde Gattin eines wohlhabenden Upper-West-Side Professors unnötig beleidigt. 
Ausschliesslich die Figur dieses Llevyn (hervorragend gespielt und gesungen von dem bisher nur in kleineren Rollen aufgetretenen Oscar Isaac) steht ganz im Zentrum der schnell wechselnden Szenenfolge, alle übrigen Darsteller bleiben meist nur kurz auftretende Neben-Figuren, wie etwa Carrey Mulligan als kratzbürstige Schwangere, Justin Timberlake als etwas spiessiger Musiker-Freund oder der gewichtige John Goodmann, der als im Auto nach Chicago mitfahrender Jazz-Musiker den Folksänger süffisant und verletzend verspottet.
In stimmungsvollen Bilder (Kamera: Bruno Delbonnel) wird die Atmosphäre jener Zeit der aufkommenden Folkszene und der beginnenden Protestbewegung im Amerika der 1960er Jahre beschworen: die verrauchten Kneipen und Cafes, die bürgerlichen Apartments, die düsteren Großstadt-Strassen mit den Heckflossen-Autos, kontrastiert durch die winterlich-öde Weite der amerikanischen Landschaft auf der Fahrt nach Illinois.
Raffiniert inszenieren die Coen-Brüder vor allem die Musik: sie benutzen sie nicht als untermalenden Soundtrack, sondern lassen die bekannten Songs (teils neu arrangiert) immer wieder voll aussingen und machen sie so zum zentralen Punkt des Films. Hinzu kommen knapp gehaltenen Dialoge, oft ebenso trocken wie komisch. So gewinnt der Film einen teils kauzigen, teils sarkastisch-ironischen Unterton, der trotz aller pessimistischen Geschichten und traurigen Zustände den scheiternden Songwriter Llevyn zu einem liebenswert-symphatischen Loser und Pechvogel werden lässt.
Und zu einem musikalischen Genuss!

Foto/Poster/Verleiher: StudioCanal Deutschland

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU);Hackesche Höfe Kino (OmU); Odeon (OmU); Rollberg Kino (OmU); Sputnik (OmU); Bundesplatz Kino; Casablanca; CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; International; Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei; New Yorck u.a.


Paris im Herbst, ein etwas schäbiges Theater. Den ganzen Tag über hat der Autor und Regisseur Thomas unzählige Schauspielerinnen vorsprechen lassen, die sich um die weibliche Hauptrolle in dem von ihm bearbeiteten und zu inszenierenden Stück "Venus im Pelz" - nach dem berüchtigten Roman von Sacher-Masoch -  bewarben. Keine entspach seinen Vorstellungen. Jetzt ist er alleine, müde und will nur noch nach Hause. Da schneit eine letzte Kandidatin herein, eine ziemlich aufgekratzte, leicht ordinäre Blondine, die sich trotz Thomas' Widerstand nicht abweisen lässt. Sie beherrscht verblüffenderweise den Text perfekt und hat auch schon ein passendes Kostüm mitgebracht. Thomas liefert ihr beim Vorsprechen etwas widerwillig die Stichworte, doch zu seiner grössten Verwunderung erweisst sich die rotzige Blondine rasch als ideale Besetzung. Beide beginnen nun auf der Bühne, auf der noch Restkulissen einer Western-Produktion herumstehen, das kuriose Theaterstück um eine Gräfin und ihren sexuell unterwürfigen Sklaven durch-zu-spielen, wobei die Realitätsebenen sehr schnell ins Schwanken geraten. Die Schauspielerin, die sich privat wie ihre Bühnenfigur Vanda nennt, erweist sich entgegen ihrer anfänglich harmlos-großsprecherischen Schnoddrigkeit schnell als die wahre, hoch- intellektuelle Regisseurin des seltsamen Probe-Spiels - bei dem Wahn und Wirklichkeit sich bald nicht mehr unterscheiden lassen. Am Ende wird Thomas von Vanda zum willenlosen Transvestiten geschminkt und - im fahlen Spot-Licht - an eine phallische Kulisse gefesselt, während sie - nackt unterm Pelz - gleich einer alt-griechischen Mänade tanzend und triumphierend das Theater
verlässt.
Der bei den Dreharbeiten fast 80jährige Roman Polanski hat weder den Roman von Sacher-Masoch, noch das danach verfasste, erfolgreiche Theaterstück verfilmt, sondern die beiden Vorlagen auf eine ganz eigene und fasznierende Weise weiterentwickelt : zu einem witzig-satirischen Spiel über den heutigen Kampf der Geschlechter und seiner (vor allem) Film- und Theater-Klischees. Selbstironie nicht ausgenommen: spielt doch Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner mit viel Furor das raffinierte Biest Vanda und sieht der kleine, schmale Mathieu Almaric als Regisseur Thomas dem jungen Polanski selbst verblüffend ähnlich.
Ebenso elegant wie treffsicher schlagen die beiden exzellenten  Darsteller sich die bissigen Dialoge um die Ohren, spiessen sarkastisch männliches Überlegenheitsgebahren, weibliche Eitelkeiten sowie sexuelle Schein-Tabus vom Gewalt-Porno bis Kindesmissbrauch auf - ebenso süffisant wie ironisch.
Polanski wahrt dabei äusserst geschickt die Balance zwischen Schein und Realität - ist Vanda nur ein Pantom?, hat der Regisseur nur halluziniert? - und vermeidet so jeden Ausrutscher in Porno-Plattidüden oder banale Sozial-Klischees.
Vor allem aber beweist Polanski auch diesmal seine grosse Könnerschaft als Film-Regisseur: wie er das sehr dialoglastige Zwei-Personen-Stück, das in einem einzigen Raum ohne szenischen Aufwand oder effektvolle Kostüme stattfindet, allein durch Personen- , Kameraführung und geschickten Schnitt, in elegant-flüssige Bild-Sequenzen umsetzt und dabei die Ausdrucksmittel, die allein dem filmischen Medium möglich sind, virtuos herauskitzelt : das macht "Venus im Pelz" zu einem filmisch meisterlichen und zugleich spannenden Vergnügen.
Besonders amüsant für Freunde von zitat- und anspielungsreicher Unterhaltung.

Foto/Poster: Prokino Verleih

zu sehen: Rollberg(OmU);Cinema Paris (dt.und OmU);Hackesche Höfe (dt.und OmU); Adria; CinemaxX Potsdamer Platz;  Eva-Lichtspiele; International;  Kino in der Kulturbrauerei;  Passage Neukölln