Der Titel des französischen Originals lautet: "La vie d'Adèle, Chapitres 1&2".
Kapitel 1 schildert, wie die zunächst 15-jährige Adele, Schülerin in einem Gymnasium in Lille, eine ihr zunächst unverständliche Neigung zu der etwas älteren Kunststudentin Emma entdeckt; wie sie nach einem nicht befriedigenden Abenteuer mit einem Mitschüler sich zu ihrer ungewöhlichen Leidenschaft bekennt, allen agressiven Beschimpfungen ihrer Freundinnen zum Trotz, und wie sie nach ihrem Abitur zu Emma in deren Wohnung zieht. Im 2.Kapitel ist Adele - ihrem Berufswunsch entsprechend - Kindergärtnerin und Grundschul-Lehrerin geworden, lebt immer noch mit Emma zusammen, die sich inzwischen als aufstrebende Künstlerin etabliert. Doch die Beziehung wird langsam brüchig, zumal Adele mit dem intellektuellen Freundes- und Galeristen-Kreis ihrer Lebenspartnerin nicht viel anzufangen weiss. Innerlich unbefriedigt und enttäuscht lässt Adele sich auf eine kurze Sex-Affaire mit einem Kollegen ein, worauf Emma sie brutal aus der Wohnung wirft. Einsame Zeiten für Adele folgen, gelegentliche One-Night-Stands bleiben unbefriedigend, der Versuch der beiden Frauen, nach Monaten die alte Beziehung wiederaufzunehem, scheitert. In der letzten Szene besucht Adele Emmas Vernissage in einer angesagten Galerie, aber ausser freundlichen Worten hat man sich nichts mehr zu sagen. Adele verlässt den Raum, geht einsam die Strasse nach Hause zurück.
Diese Geschichte einer Liebesleidenschaft filmt der französische Regisseur tunesischer Abkunft, Abdellatif Kechiche, ganz aus der Sicht Adeles. Und zwar fast ausschliesslich in Nah- und Gross-Aufnahmen ihres Gesichtes, aber auch die übrigen Personen zeigt die ruhige, aber zugleich sehr bewegliche Kamera (Sofian El Fani) überwiegend aus nächster Nähe. Blicke, Regungen des Gesichtes und (meist beiläufige) Worte oder Satzfetzen werden zu einer grossflächigen, filmischen  Gefühls- Landschaft. Das soziale Umfeld oder das Thema Homosexualität bilden nur den folienartigen, wenn auch lebhaften Hintergrund für die tiefgreifenden Emotionen und sexuellen Leidenschaften Adeles. Erst im letzten Drittel werden die sozialen Verhältnisse, geistigen Interessen und Bildung als lebensbestimmende Faktoren für das persönliche Schicksal der beiden Frauen stärker betont und und als solche erkennbar.
Die  sehr ausführliche und insistierende Erzählweise des 3-stündigen Werkes ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Gelegentlich scheint sich der Regisseur auch in Klischees zu verheddern, wenn beispielsweise gehobene Bürger immer Austern schlürfen müssen, Arbeiterfamilien dagegen Spaghetti Bolognese. Und die Galeristen-Freunde sind hier so intellektuell versnobt und verzickt, wie sie sonst nur in Durchschnitts-Filmen vorgeführt werden.
Getragen wird diese stark sexuell geprägte - und durch den Regisseur auch so visualisierte - Liebesgeschichte durch das offene Gesicht der jungen Schauspielerin Adèle Exarchopoulos: grosse Augen, etwas pausbäckig, halboffener Schmollmund, wach und naiv zugleich. Ansteckend strahlt und lacht  sie vor Glück, kann aber auch - noch ganz kindlich -  mitleiderregend Rotz und Wasser heulen. Die direkte, sinnliche Ausstrahlung dieses Gesichtes, aber auch ihres gesamten Körpers, trägt den Film und verleiht ihm eine aussergewöhnliche Intensität. Lea Seydoux als Emma, zunächst mit blau gefärbtem Kurzhaarschnitt (Kapitel 1), später natur-blond (Kapitel 2), wirkt in ihrer Rolle als dominierende, geistig überlegene Künstlerin herber, konventioneller, dennoch bleibt auch sie immer sinnlich präsent und glaubhaft.
Dass dieses "Leben der Adele" für so viel Aufmerksamkeit sorgt(e), liegt sichlich zum Teil an den breit ausgespielten, direkten Sex-Szenen einer lesbischen Leidenschaft - obwohl ihnen jeder voyeuristische Anreiz fehlt - , zum anderen Teil aber auch an den unterschiedlichen Vorwürfen, die - berechtigt oder unberechtigt - dem Regisseurs von Seiten seiner Film-Crew nachträglich gemacht wurden. Beim Festival in Cannes 2013 erhielt der dort uraufgeführte Film - bejubelt von Publikum und Kritik - die "Goldene Palme" - überreicht von einem begeisterten Jurypräsidenten namens Steven Spielberg.

P.S. Der Film ist eine freie Adaption der graphischen Novelle "Blau ist eine warme Farbe" (Bleu est une couleur chaude) von Julie Maroh - daher der Titel der deutschen Synchron-Fassung.

Poster/Verleih: Alamode Film

zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Neus Off (OmU); Cinema Paris (OmU und dt.Fassung);CinemaxX Potsdamer Platz;Filmtheater am Friedrichshain; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln


New York, Winter 1961. Eine Woche im turbulenten Alltag eines (fiktiven) Folk-Sängers. "Inside Llevyn Davis" lautet der Titel seines kaum beachteten Debüt-Albums, und mit ebenso mässigem Erfolg tingelt er durch die Keller-Kneipen im Greenwich Village. Zum Schlafen nutzt der arme Schlucker - alle paar Tage wechselnd - die Couch von Freunden und Bekannten, wobei er manchmal auch mit der Frau des Gastgebers schläft oder in den unfreiwilligen Besitz einer flink-entlaufenden Katze gerät. Zweifellos besitzt Llevyn grosses Talent, aber die Musikproduzenten bevorzugen die gefälligeren Klänge gewinnbringender Songs - die Zeit eines Bob Dylan und Co. ist noch nicht angebrochen. Auf einem Kurztrip nach Chicago versucht Llevyn vergeblich bei dem späteren Musikverleger von Dylan zu punkten, doch der lässt ihn nur kalt abblitzen, verfroren an Leib und Lebensmut kehrt er ins kalte New York zurück.
Joel & Ethan Coen schildern nicht das ausgreifendes Bio-Pic eines erfolglosen Folk-Musikers, sondern zeichen in knappen, atmosphärisch dichten Szenen das Porträt einen Talentes, das durch sein allzu emotionsgeladenes Verhalten seine Möglichkeiten eines Aufstieges auf der Bühne wie im Privaten zerstört: ob er nun die (von ihm?) schwangere Frau seines Freundes und Kollegen Jim unsensibel behandelt oder ob er die ihn freundlich bemutternde Gattin eines wohlhabenden Upper-West-Side Professors unnötig beleidigt. 
Ausschliesslich die Figur dieses Llevyn (hervorragend gespielt und gesungen von dem bisher nur in kleineren Rollen aufgetretenen Oscar Isaac) steht ganz im Zentrum der schnell wechselnden Szenenfolge, alle übrigen Darsteller bleiben meist nur kurz auftretende Neben-Figuren, wie etwa Carrey Mulligan als kratzbürstige Schwangere, Justin Timberlake als etwas spiessiger Musiker-Freund oder der gewichtige John Goodmann, der als im Auto nach Chicago mitfahrender Jazz-Musiker den Folksänger süffisant und verletzend verspottet.
In stimmungsvollen Bilder (Kamera: Bruno Delbonnel) wird die Atmosphäre jener Zeit der aufkommenden Folkszene und der beginnenden Protestbewegung im Amerika der 1960er Jahre beschworen: die verrauchten Kneipen und Cafes, die bürgerlichen Apartments, die düsteren Großstadt-Strassen mit den Heckflossen-Autos, kontrastiert durch die winterlich-öde Weite der amerikanischen Landschaft auf der Fahrt nach Illinois.
Raffiniert inszenieren die Coen-Brüder vor allem die Musik: sie benutzen sie nicht als untermalenden Soundtrack, sondern lassen die bekannten Songs (teils neu arrangiert) immer wieder voll aussingen und machen sie so zum zentralen Punkt des Films. Hinzu kommen knapp gehaltenen Dialoge, oft ebenso trocken wie komisch. So gewinnt der Film einen teils kauzigen, teils sarkastisch-ironischen Unterton, der trotz aller pessimistischen Geschichten und traurigen Zustände den scheiternden Songwriter Llevyn zu einem liebenswert-symphatischen Loser und Pechvogel werden lässt.
Und zu einem musikalischen Genuss!

Foto/Poster/Verleiher: StudioCanal Deutschland

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Babylon Kreuzberg (OmU);Hackesche Höfe Kino (OmU); Odeon (OmU); Rollberg Kino (OmU); Sputnik (OmU); Bundesplatz Kino; Casablanca; CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; International; Kant-Kino; Kino in der Kulturbrauerei; New Yorck u.a.


Paris im Herbst, ein etwas schäbiges Theater. Den ganzen Tag über hat der Autor und Regisseur Thomas unzählige Schauspielerinnen vorsprechen lassen, die sich um die weibliche Hauptrolle in dem von ihm bearbeiteten und zu inszenierenden Stück "Venus im Pelz" - nach dem berüchtigten Roman von Sacher-Masoch -  bewarben. Keine entspach seinen Vorstellungen. Jetzt ist er alleine, müde und will nur noch nach Hause. Da schneit eine letzte Kandidatin herein, eine ziemlich aufgekratzte, leicht ordinäre Blondine, die sich trotz Thomas' Widerstand nicht abweisen lässt. Sie beherrscht verblüffenderweise den Text perfekt und hat auch schon ein passendes Kostüm mitgebracht. Thomas liefert ihr beim Vorsprechen etwas widerwillig die Stichworte, doch zu seiner grössten Verwunderung erweisst sich die rotzige Blondine rasch als ideale Besetzung. Beide beginnen nun auf der Bühne, auf der noch Restkulissen einer Western-Produktion herumstehen, das kuriose Theaterstück um eine Gräfin und ihren sexuell unterwürfigen Sklaven durch-zu-spielen, wobei die Realitätsebenen sehr schnell ins Schwanken geraten. Die Schauspielerin, die sich privat wie ihre Bühnenfigur Vanda nennt, erweist sich entgegen ihrer anfänglich harmlos-großsprecherischen Schnoddrigkeit schnell als die wahre, hoch- intellektuelle Regisseurin des seltsamen Probe-Spiels - bei dem Wahn und Wirklichkeit sich bald nicht mehr unterscheiden lassen. Am Ende wird Thomas von Vanda zum willenlosen Transvestiten geschminkt und - im fahlen Spot-Licht - an eine phallische Kulisse gefesselt, während sie - nackt unterm Pelz - gleich einer alt-griechischen Mänade tanzend und triumphierend das Theater
verlässt.
Der bei den Dreharbeiten fast 80jährige Roman Polanski hat weder den Roman von Sacher-Masoch, noch das danach verfasste, erfolgreiche Theaterstück verfilmt, sondern die beiden Vorlagen auf eine ganz eigene und fasznierende Weise weiterentwickelt : zu einem witzig-satirischen Spiel über den heutigen Kampf der Geschlechter und seiner (vor allem) Film- und Theater-Klischees. Selbstironie nicht ausgenommen: spielt doch Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner mit viel Furor das raffinierte Biest Vanda und sieht der kleine, schmale Mathieu Almaric als Regisseur Thomas dem jungen Polanski selbst verblüffend ähnlich.
Ebenso elegant wie treffsicher schlagen die beiden exzellenten  Darsteller sich die bissigen Dialoge um die Ohren, spiessen sarkastisch männliches Überlegenheitsgebahren, weibliche Eitelkeiten sowie sexuelle Schein-Tabus vom Gewalt-Porno bis Kindesmissbrauch auf - ebenso süffisant wie ironisch.
Polanski wahrt dabei äusserst geschickt die Balance zwischen Schein und Realität - ist Vanda nur ein Pantom?, hat der Regisseur nur halluziniert? - und vermeidet so jeden Ausrutscher in Porno-Plattidüden oder banale Sozial-Klischees.
Vor allem aber beweist Polanski auch diesmal seine grosse Könnerschaft als Film-Regisseur: wie er das sehr dialoglastige Zwei-Personen-Stück, das in einem einzigen Raum ohne szenischen Aufwand oder effektvolle Kostüme stattfindet, allein durch Personen- , Kameraführung und geschickten Schnitt, in elegant-flüssige Bild-Sequenzen umsetzt und dabei die Ausdrucksmittel, die allein dem filmischen Medium möglich sind, virtuos herauskitzelt : das macht "Venus im Pelz" zu einem filmisch meisterlichen und zugleich spannenden Vergnügen.
Besonders amüsant für Freunde von zitat- und anspielungsreicher Unterhaltung.

Foto/Poster: Prokino Verleih

zu sehen: Rollberg(OmU);Cinema Paris (dt.und OmU);Hackesche Höfe (dt.und OmU); Adria; CinemaxX Potsdamer Platz;  Eva-Lichtspiele; International;  Kino in der Kulturbrauerei;  Passage Neukölln


Nach allerlei komödiantischen, nostalgischen oder banalen Film-Reisen durch europäische Gross-Städte kehrt Woody Allen ins vertraute, amerikanische Milieu zurück und dreht dort einen seiner seit langem besten Filme: "Blue Jasmine", den gesellschaftlichen und mentalen Abstieg einer reichen New Yorker Bankiers-Gattin.
Hal, Jasmins Mann, ist ein typischer Finanz-Jongleur, der in unsaubere Geschäfte verstrickt ist und einen aufwendigen Lebensstil einschliesslich zahlreicher Sex-Affären pflegt. Bis Jasmin ihn - in einer Gefühlsaufwallung wegen seiner ehelichen Untreue -  beim FBI anzeigt und damit nicht nur Hal hinter Gittern bringt, sondern auch sich selbst um Status und Reichtum. Als letzte Hoffnung bleibt ihr nur die Flucht zu ihrer Adoptiv-Schwester Ginger, die als Supermarkt-Angestellte in San Francisco lebt.
So landet Jasmin, die eigentlich Jeannette heisst, mit ihren Designer-Klamotten und teuren Koffern im bescheidenen schwesterlichen Appartement in einer eher heruntergekommenen Gegend der Stadt an der Golden Bay und versucht ein neues Leben zu beginnen. Sie quält sich mit einem Computer-Kurs ab, versucht sich - leicht überfordert - als Empfangsdame im Vorzimmer eines Zahnarztes, der sie alsbald  sexuell bedrängt. Einsam bleibt sie in der proletarischen Umwelt ihrer Schwester, einer herzlichen, pfiffigen Frau, die sich trotz aller Schwierigkeiten mit diversen Männern und ihren beiden Rotzlöffel-Knaben nicht unterkriegen lässt und die Welt nimmt, so wie sie ist. Jasmin dagegen flüchtet in Alkohol, Psycho-Pillen und Selbstgespäche, in denen sie sich selbstbemitleidend an ihr New Yorker Luxus-Leben erinnert - was in filmisch übergangslosen Rückblenden eingefügt wird. Als auch der letzte Hoffnungsschimmer zerplatzt - Jasmin lernt einen reichen Diplomaten kennen, verdirbt jedoch durch Lügen eine engere und sie rettende Beziehung - trennt sie sich von ihrer Schwester und irrt - immer noch im Designer-Jäckchen -  verwirrt durch die Stadt. In der letzten Einstellung des Films sitzt sie mit glasig-verquollenen Augen und mit sich selbst redend auf einer Parkbank - eine daneben sitzende, zeitungslesende Frau flüchtet erschreckt...
Die Kunst des Woody Allen besteht vor allem darin, den sehr persönlichen Fall eines menschlichen und sozialen Abstiegs zu zeigen, und zugleich einen wesentlichen Schwachpunkte unserer (westlichen) Lebensweise anzudeuten. Er spiesst - teils komisch, teils sarkstisch - das Bild einer Gesellschaft auf , deren Sinn ausschliesslich in Geld-Anhäufung und Konsum besteht und die zu diesem Zweck alle Arten von Lügen und Täuschungen einsetzt - und zwar quer duch sämtliche sozialen Schichten.
In "Blue Jasmin" belügt jeder jeden - ob sich selbst oder andere. Und eine Aussicht auf bessere Zeiten scheint es nicht zu geben - lediglich das durch Optimismus verbrämte Weiterwursteln scheint einen - allerdings äusserst fragwürdigen - Hoffnungsschimmer zu vermitteln. Pessimistischer war Woody Allen nur selten.
Doch trotz des schwarzen Hintergrunds - der Film zeigt Woody Allen in bester Form - vom ausgefeilten Drehbuch über die klug eingesetzte Kamera und den raffinierten Schnitt, von der detailgenauen Ausstattung bis zur animierenden (Original-Jazz) Musik - all dies beweist Allens meisterliche Regiehand. Vor allem aber überzeugt die treffliche Auswahl seiner Darsteller - allen voran Cate Blanchett in der den Film beherrschenden Titelrolle. Sie führt den physischen und psychischen Zusammenbruch dieser Park-Avenue-Gattin mit einer solchen Genauigkeit und Intensität vor, dass dieser im Grunde unsymphatische Figur am Ende echte Empathie nicht verweigert werden kann.
Um sie herum eine Reihe brillanter 'Stichwortgeber' : Sally Hawkins (die Poppy aus "Happy-Go-Lucky") als quirlig geerdeten Schwester Ginger, Alec Baldwin in der Rolle des elegant-souveränen Ehe- und betrügerischen Finanz-Mannes Hal, Bobby Cannavale als Gingers geschniegelter Prolo-Freund, Michael Stuhlbarg's bieder-zudringlicher Zahnarzt oder Peter Sarsgaard's reicher Möchtegern-Politiker - kleine, aber scharfgezeichnete Porträts.
Trotz aller Bitterkeit - ein inhaltlich wie formal vielschichtiger, spannender und deshalb auch 'schöner' Film.

Foto/Poster: Warner Broth.GmbH

zu sehen:CineStar Sony Center(OV); Hackesche Höfe Kino (OmU);International (OmU);Neues Off (OmU);Odeon (OmU); Astor Film Lounge; Blauer Stern; Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; Kino in der Kulturbrauerei; Colosseum; Titania-Palast;Yorck-Kino


Steven Soderbergh's Film ist keine Bio-Pic über den US-Entertainer Liberace, sondern schildert ausschliesslich dessen späte Beziehung zu dem jungen, angehenden Veterinärmediziner Scott Thorson, auf dessen Erinnerungen das Drehbuch basiert. Es sind etwa die letzten 10 Jahre in Liberace's Karriere, der 1987 - am Ende des Films - im Alter von 67 Jahren in Palm Springs an Aids stirbt. Soderbergh zeigt vor allem, was "Behind the Candelabras"- so der Originaltitel - geschieht. Wie der alternde Glamour-Star, der seine Homosexualität in der Öffentlichkeit stehts verleugnet (sogar gerichtlich), privat aber in seiner ganzen Exaltiertheit ein unermüdlicher Jäger nach jungem Männerfleich ist. Wie er den unerfahrenen Scott durch ein Leben in unvergleichlichem Luxus gewinnt, verführt und adoptiert und wie diese glamouröse Beziehung des ungleichen Paares nach einigen Jahren immer mehr zerbröselt und endlich ganz zerbricht.
Die Kunst des Regisseurs und seines Drehbuchschreibers besteht dabei in der geschickt austarierten Balance zwischen Kitsch und Kunst, Realität und Groteske, durch die er vermeidet aus Liberace und seinem Liebhaber schrille Karikaturen zu machen -  obwohl der Lebensstil Liberace's mit seinen pompösen Kronleuchtern, protzigen Juwelen, teuren Pelzen und ausgefallenen Kostüm-Kleidern, den zahlreichen Villen, Luxus-Autos, Privat-Flugzeugen leicht dazu verleitet. Auch die das Paar umgebende Entourage von Anwälten, Show-Gestaltern, Schönheitschirurgen, Freunden und Beratern wird in ihren Extravaganzen mit feiner Ironie, aber ganz real und sehr menschlich gezeigt. Und in einer wunderbar-leisen Szene taucht auch Liberace's legendäre Mutter auf - klaglos vereinsamend in ihrem luxuriösen Pflegeheim.
Doch getragen wird der Film von seinen grossartigen Darstellern. Michael Douglas als Liberace - einerseits der selbstbewusste Superstar des Showbussiness, grosskotzig und affektiert, ein harter Geschäftsmann, andererseits vermag er grossen Charme und Herzlichkeit auszustrahlen - und er  besitzt viel schlagkräftigen Witz und Selbstironie. Mit spielerischem Furor bündelt Douglas all diese Facetten zu einer schillernden, anrührenden, zwiespältig-menschlichen Figur. Und Matt Demon ist ihm ein ebenbürtiger Partner, der die Naivität des jungen Liebhaber, dessen oft verzweifelte Selbstbehauptung, seine missglückten Fluchtversuche aus dem goldenen Käfig und die endgültige Niederlage überzeugend und glaubhaft verkörpert. Sehr sorgfältig sind die vielen Nebenrollen besetzt - scharf gezeichnete Typen oder Charaktere - nie zu Witzfiguren abgestempelt.
Steven Soderbergh, der auch sein eigener, brillanter Kameramann und Cutter ist, gelingt mit diesen (für einen Pay-TV-Sender prodzierten) Film ein ebenso genauer wie unterhaltsamer Blick auf die (gestrige wie heutige) amerikanische Gesellschaft - auf Sex, Lügen und ihre mediale Vermittlung.

Foto/Poster: DCM Filmverleih

zu sehen u.a.: CineStar Sony Center(OV); Hackesche Höfe Kino(OmU); Odeon(OmU); Rollberg(OmU); Astor Film Lounge; Blauer Stern Pankow; Capitol Dahlem; CinemaxX Potsdamer Platz; Titania-Palast; Cubix; Cine Star Tegel; Delphi


Wenn heute grosse Flüchtlingsströme sich nach Europa aufmachen, aus wirtschaftlicher Armut oder wegen politischen Drucks, dann sind das die gleichen Motive, die viele Bewohner Deutschlands im 19.Jahrhundert zur Auswanderung in das damals gelobte Land 'Amerika' zwangen. Vor diesem sozial-politischen Hintergrund schlägt der - inzwischen 81-jährige -  Regisseur Edgar Reitz ein neues Kapitel seiner ebenso erfolgreichen wie populären Film-Serie "Heimat" auf. Bisher spielten alle Geschichten um die Bewohner des fiktive Hundsrück-Dorfes Schabbach im 20.Jahrhundert, zeigten die Auswirkungen von Nazi-Zeit, Weltkrieg, Mauerbau und Wiedervereinigung auf deren normalen Alltag. Jetzt schildert Reitz sozusagen die historische Vorgeschichte.
Im Mittelpunkt steht der junge Jakob Adam Simon, der davon träumt, nach Brasilien auszuwandern, ein Land, über das er sich in vielen Bücher vor allem wissenschaftlich informiert - zum Verdruss seines strengen Vaters, des dörflichen Schmiedemeisters. Sprachbegabt erlernt Jakob als Autodidakt nicht nur Spanisch, Portugiesisch oder Englisch, sondern er beherrscht auf diese Weise auch die Sprachen vieler südamerikanischer Indianer. Doch sein Traum erfüllt sich nicht, Jakob muss - besonders als sich sein älterer Bruder und die geliebte Schwägerin den auswandernden Freunden anschliessen - die alt und schwach werdenden Eltern unterstützen, Haus und Schmiede-Werkstatt - so gut es geht - betreuen. Am Ende erhält er - inzwischen verheiratet - einen Brief des Bruders, der schildert, dass auch Brasilien kein Land ist, in dem Milch und Honig fliessen, sondern die Ausgewanderten hart und nicht immer erfolgreich um ihr Dasein und ihren Unterhalt kämpfen müssen.
Edgar Reitz und sein Drehbuchautor Gert Heidenreich entfalten in üppigen Schwarz-Weiss-Bildern - nur gelegentlich mit ein paar Farbtupfer versehen - ein fast umfassendes Panorama der Vormärz-Jahre in einer ländlichen, deutschen Provinz.  Karges Leben, Krankheiten, Hunger, Tod, Gewalt durch Natur und Staat, Kindersterblichkeit, religiöse Intolleranz beherrschen den Alltag der Bauern und Handwerker. Nur kurze Freuden wie eine ausgelassene Kirmes, eine feierliche Hochzeit, schüchterne Jugend-Flirts oder schneller Sex hinter dunklen Mauern hellen das Leben ein wenig auf. Doch der Film badet nicht in Elendsbildern als Selbstzweck, sondern zeigt -  mal nüchtern-realistisch, mal poetisch-überhöhend -  die Geschichten von Menschen, die versuchen ihr Leben auf die bestmöglichste Weise zu meistern. Die ihr Glück nicht nur in äusseren Dingen suchen, sondern in innere Zufriedenheit. Das dies oft nur eingeschränkt möglich war, zeigt diese "Chronik einer Sehnsucht", wie der Untertitel lautet.
Filmisch von hoher Qualität - eindrucksvoll die ruhig gleitende Kamera mit ihren stimmungsvollen Landschafts-Panoramen; ein gut ausgewähltes, mundartlich artikulierendes Schauspieler-Ensemble, eine bis ins kleinste Detail sorgfältig realisierte Ausstattung. Einziger Einwand: dass trotz aller Raffinesse der Inszenierung immer wieder das dramaturgisch Konstruierte, die aufkärerisch-didaktische Absicht der Filmerzählung zu deutlich sichtbar sind - fast alles vorhersehbar ist und nur wenig Überraschendes passiert.
Das 230 Minuten lange Epos wird so - besonders in der zweiten Hälfte - sehr episch!

Foto/Poster: Concorde Filmverleih GmbH
zu sehen: Capitol Dahlem; CinemaxX am Potsdamer Platz; Delphi; Hackesche Höfe Kino; International; Kant-Kino; Passage Neukölln

Südfrankreich. Hochsommer. Ein abgelegener, türkisfarbener See in einem Waldgebiet. Nackte Männer am hellen Kiesstrand. Sie sonnen, schwimmen oder langweilen sich, haben schnellen Sex im dahinterliegenden Wald. Franck (Pierre Deladonchamps), ein junger Mann, der täglich hierherkommt, lernt Henri (Patrick d'Assumcao) kennen, einen immer abseits sitzenden, etwas dicklichen Sonderling, der offensichtlich am sexuellen Treiben kein Interesse hat - stattdessen führen die beiden freundliche Gespräche. Francks erotischer Blick richtet sich dagegen auf den typischen Schwulen-Schönling Michel (Christophe Paou); doch muss er eines Abends beobachten, wie dieser einen Freund beim Schwimmen umbringt. Franck schwankt zwischen Entsetzen und Begehren, als am Tag darauf Michel ihn anmacht. Auch als die Leiche entdeckt wird und ein Polizei-Inspektor Nachforschungen aufnimmt, verrät Frank nichts. Aber die zunächst so heitere Atmosphäre am See beginnt zu kippen: die Polizei scheint mehr zu wissen, als Franck lieb ist, und auch der scheinbar unbeteiligte Henri macht seltsame Bemerkungen...
Dem französischen Regisseur Alain Guiraudie ist ein kleiner, raffinierter Thriller gelungen, der psychologisch Untergründiges in schönen, heiteren Bilder sichtbar werden lässt. Der Film konzentriert sich ausschliesslich auf einen einzigen Ort - den Strand am See und das dahinterliegende Wäldchen. Es gibt keine dramatisierend unterlegte Musik, nur das Rauchen des Windes, Vogelschreie, das Plätschern der Wellen oder - einmal - das laute Geräusch des die Leiche suchenden Helicopters; sonst nur das Plaudern der Männer am Strand oder ihr leises Stöhnen beim Sex. Erzählt wird die Geschichte  in langsamen und ruhigen Bildern, die sich im Verlauf des Films ziemlich verdüstern - vom sonnenüberflutenden Bade-Idyll des Beginns bis zum tragischen Ende in nachtsschwarzer Finsterniss. Dabei wechseln immer wieder (und fast unmerklich) distanziert beschreibende, objektive Bild-Sequenzen mit einem sujekiven Kamera-Blick, der zeigt, wie Franck das Geschehen erlebt - seien es die breit ausgespielten Sex-Szenen, Natur-Aufnahmen oder die sich plötzlich rasch entwickelnden, dramatischen Geschehnisse. Der Schwachpunkt des Films ist allein die Schluss-Lösung des Krimi-Plots mit ihren unerwarteten Doppel-Morden - hier wirkt das Psycho-Drama über sexuelle Gier und tödliche Gewalt überzogen und reichlich konstruiert. Und auch der 'offene' Schluss bleibt deshalb dramaturgisch unbefriedigend.
Dennoch - von diesen letzten 10 Minuten abgesehen - ist dieser "Fremde am See" ein intelligent  inszenierter  und spannender Psycho-Krimi  - auch wenn er in einem für den Durchschnitts-Kinogänger etwas absonderlichen Milieu angesiedelt ist.

Foto/Poster: Alamode Film Verleih

zu sehen: Cinema Paris (OmU); International (OmU); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Yorck-Kino

'Basiert auf einer wahren Geschichte' -  heisst es im Vorspann.
2008 verübten fünf Jugendliche in Los Angeles Raubzüge in Villen von Prominenten.
Die fünf Teenies, vier Mädchen und ein Junge, stammen aus gut bürgerlichen, gehobenen Verhältnissen. Ihnen geht es (zunächst) weniger um den materiellen Wert der geraubten Dinge als um den Kick, in die Häuser sogenannter Berühmtheiten, deren Lebenstil sie in Klatsch-Magazinen und auf Webseiten bewundern, einzudringen, deren teure Luxus-Klamotten und Acsessoires anzuziehen, um dadurch sich selbst wie die beklauten Celebrities zu fühlen. Dabei machen es Paris Hilton, Lindsay Lohan oder Orlando Bloom ihnen durchaus nicht schwer: nachlässig lassen sie Hausschlüssel unter der Fussmatte liegen oder Hintertüren offenstehen. Erst nach einiger Zeit kann dieser "Bling Ring" durch Überwachungskameras dingfest und vor Gericht zu hohen Haft- und Geldstrafen verurteilt werden.
Sofia Coppola schildert diese kuriosen Geschichte als schrill buntes Kaleidoskop - die einzelnen Sequenzen sind knapp gehalten, oft elliptisch angelegt, das Tempo der grell-farbigen Bilder ist rasant und die hippe Musik heizt kräftig ein. Die Jugendlichen scheinen nur an Äusserlichkeiten interessiert, organisieren Partys oder gehen in angesagte Discos, surfen im Internet, kiffen und studieren Facebook-Seiten. Vor allem aber nutzen sie ihre Handys ausdauernd als Fotoapparat für Schnappschüsse mit Freunden oder am liebsten mit einem der kurz auftretenden, bewunderten Stars oder Sternchen.
Coppola zeigt diese heutige 'Jugend-Kultur' ganz ohne moralischen Zeigefinger, gelegentlich nur leicht ironisch: wenn beispielsweise einer der Raubzüge in einer gläsernen Villa vor dem glizernden, nächtlichen Panorama L.A.'s in einer einzigen, starren Einstellung aus einiger Entfernung gezeigt wird und die Jugendlichen wie komische, schwarze Zwerge durch die diversen erleuchteten Räume toben. Dieser kühl distanzierende Blick der Regisseurin ist zugleich auch die Schwaeche des Films - warum die Jugendlichen letzlich so sind und handeln, ihre soziale Einbindung oder ihre inneren Motive, werden nur vage angedeutet, bleiben oberflächlich oder unscharf.
Dennoch besticht Sofia Coppolas Film durch viele raffinierte, optische wie akustische Details, eine gut ausgewählte Darsteller-Crew (darunter Emma Watson) und einen sehr unterhaltsamen Glamour-Effekt:   Hollywoods Glitzer-Welt aus zweiter Hand.

Foto/Poster/Verleih: Tobis Film

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Hackesche Höfe Kino (OmU); International (OmU); Odeon (OmU); Rollberg (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln