Nach allerlei komödiantischen, nostalgischen oder banalen Film-Reisen durch europäische Gross-Städte kehrt Woody Allen ins vertraute, amerikanische Milieu zurück und dreht dort einen seiner seit langem besten Filme: "Blue Jasmine", den gesellschaftlichen und mentalen Abstieg einer reichen New Yorker Bankiers-Gattin.
Hal, Jasmins Mann, ist ein typischer Finanz-Jongleur, der in unsaubere Geschäfte verstrickt ist und einen aufwendigen Lebensstil einschliesslich zahlreicher Sex-Affären pflegt. Bis Jasmin ihn - in einer Gefühlsaufwallung wegen seiner ehelichen Untreue -  beim FBI anzeigt und damit nicht nur Hal hinter Gittern bringt, sondern auch sich selbst um Status und Reichtum. Als letzte Hoffnung bleibt ihr nur die Flucht zu ihrer Adoptiv-Schwester Ginger, die als Supermarkt-Angestellte in San Francisco lebt.
So landet Jasmin, die eigentlich Jeannette heisst, mit ihren Designer-Klamotten und teuren Koffern im bescheidenen schwesterlichen Appartement in einer eher heruntergekommenen Gegend der Stadt an der Golden Bay und versucht ein neues Leben zu beginnen. Sie quält sich mit einem Computer-Kurs ab, versucht sich - leicht überfordert - als Empfangsdame im Vorzimmer eines Zahnarztes, der sie alsbald  sexuell bedrängt. Einsam bleibt sie in der proletarischen Umwelt ihrer Schwester, einer herzlichen, pfiffigen Frau, die sich trotz aller Schwierigkeiten mit diversen Männern und ihren beiden Rotzlöffel-Knaben nicht unterkriegen lässt und die Welt nimmt, so wie sie ist. Jasmin dagegen flüchtet in Alkohol, Psycho-Pillen und Selbstgespäche, in denen sie sich selbstbemitleidend an ihr New Yorker Luxus-Leben erinnert - was in filmisch übergangslosen Rückblenden eingefügt wird. Als auch der letzte Hoffnungsschimmer zerplatzt - Jasmin lernt einen reichen Diplomaten kennen, verdirbt jedoch durch Lügen eine engere und sie rettende Beziehung - trennt sie sich von ihrer Schwester und irrt - immer noch im Designer-Jäckchen -  verwirrt durch die Stadt. In der letzten Einstellung des Films sitzt sie mit glasig-verquollenen Augen und mit sich selbst redend auf einer Parkbank - eine daneben sitzende, zeitungslesende Frau flüchtet erschreckt...
Die Kunst des Woody Allen besteht vor allem darin, den sehr persönlichen Fall eines menschlichen und sozialen Abstiegs zu zeigen, und zugleich einen wesentlichen Schwachpunkte unserer (westlichen) Lebensweise anzudeuten. Er spiesst - teils komisch, teils sarkstisch - das Bild einer Gesellschaft auf , deren Sinn ausschliesslich in Geld-Anhäufung und Konsum besteht und die zu diesem Zweck alle Arten von Lügen und Täuschungen einsetzt - und zwar quer duch sämtliche sozialen Schichten.
In "Blue Jasmin" belügt jeder jeden - ob sich selbst oder andere. Und eine Aussicht auf bessere Zeiten scheint es nicht zu geben - lediglich das durch Optimismus verbrämte Weiterwursteln scheint einen - allerdings äusserst fragwürdigen - Hoffnungsschimmer zu vermitteln. Pessimistischer war Woody Allen nur selten.
Doch trotz des schwarzen Hintergrunds - der Film zeigt Woody Allen in bester Form - vom ausgefeilten Drehbuch über die klug eingesetzte Kamera und den raffinierten Schnitt, von der detailgenauen Ausstattung bis zur animierenden (Original-Jazz) Musik - all dies beweist Allens meisterliche Regiehand. Vor allem aber überzeugt die treffliche Auswahl seiner Darsteller - allen voran Cate Blanchett in der den Film beherrschenden Titelrolle. Sie führt den physischen und psychischen Zusammenbruch dieser Park-Avenue-Gattin mit einer solchen Genauigkeit und Intensität vor, dass dieser im Grunde unsymphatische Figur am Ende echte Empathie nicht verweigert werden kann.
Um sie herum eine Reihe brillanter 'Stichwortgeber' : Sally Hawkins (die Poppy aus "Happy-Go-Lucky") als quirlig geerdeten Schwester Ginger, Alec Baldwin in der Rolle des elegant-souveränen Ehe- und betrügerischen Finanz-Mannes Hal, Bobby Cannavale als Gingers geschniegelter Prolo-Freund, Michael Stuhlbarg's bieder-zudringlicher Zahnarzt oder Peter Sarsgaard's reicher Möchtegern-Politiker - kleine, aber scharfgezeichnete Porträts.
Trotz aller Bitterkeit - ein inhaltlich wie formal vielschichtiger, spannender und deshalb auch 'schöner' Film.

Foto/Poster: Warner Broth.GmbH

zu sehen:CineStar Sony Center(OV); Hackesche Höfe Kino (OmU);International (OmU);Neues Off (OmU);Odeon (OmU); Astor Film Lounge; Blauer Stern; Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; Kino in der Kulturbrauerei; Colosseum; Titania-Palast;Yorck-Kino


Steven Soderbergh's Film ist keine Bio-Pic über den US-Entertainer Liberace, sondern schildert ausschliesslich dessen späte Beziehung zu dem jungen, angehenden Veterinärmediziner Scott Thorson, auf dessen Erinnerungen das Drehbuch basiert. Es sind etwa die letzten 10 Jahre in Liberace's Karriere, der 1987 - am Ende des Films - im Alter von 67 Jahren in Palm Springs an Aids stirbt. Soderbergh zeigt vor allem, was "Behind the Candelabras"- so der Originaltitel - geschieht. Wie der alternde Glamour-Star, der seine Homosexualität in der Öffentlichkeit stehts verleugnet (sogar gerichtlich), privat aber in seiner ganzen Exaltiertheit ein unermüdlicher Jäger nach jungem Männerfleich ist. Wie er den unerfahrenen Scott durch ein Leben in unvergleichlichem Luxus gewinnt, verführt und adoptiert und wie diese glamouröse Beziehung des ungleichen Paares nach einigen Jahren immer mehr zerbröselt und endlich ganz zerbricht.
Die Kunst des Regisseurs und seines Drehbuchschreibers besteht dabei in der geschickt austarierten Balance zwischen Kitsch und Kunst, Realität und Groteske, durch die er vermeidet aus Liberace und seinem Liebhaber schrille Karikaturen zu machen -  obwohl der Lebensstil Liberace's mit seinen pompösen Kronleuchtern, protzigen Juwelen, teuren Pelzen und ausgefallenen Kostüm-Kleidern, den zahlreichen Villen, Luxus-Autos, Privat-Flugzeugen leicht dazu verleitet. Auch die das Paar umgebende Entourage von Anwälten, Show-Gestaltern, Schönheitschirurgen, Freunden und Beratern wird in ihren Extravaganzen mit feiner Ironie, aber ganz real und sehr menschlich gezeigt. Und in einer wunderbar-leisen Szene taucht auch Liberace's legendäre Mutter auf - klaglos vereinsamend in ihrem luxuriösen Pflegeheim.
Doch getragen wird der Film von seinen grossartigen Darstellern. Michael Douglas als Liberace - einerseits der selbstbewusste Superstar des Showbussiness, grosskotzig und affektiert, ein harter Geschäftsmann, andererseits vermag er grossen Charme und Herzlichkeit auszustrahlen - und er  besitzt viel schlagkräftigen Witz und Selbstironie. Mit spielerischem Furor bündelt Douglas all diese Facetten zu einer schillernden, anrührenden, zwiespältig-menschlichen Figur. Und Matt Demon ist ihm ein ebenbürtiger Partner, der die Naivität des jungen Liebhaber, dessen oft verzweifelte Selbstbehauptung, seine missglückten Fluchtversuche aus dem goldenen Käfig und die endgültige Niederlage überzeugend und glaubhaft verkörpert. Sehr sorgfältig sind die vielen Nebenrollen besetzt - scharf gezeichnete Typen oder Charaktere - nie zu Witzfiguren abgestempelt.
Steven Soderbergh, der auch sein eigener, brillanter Kameramann und Cutter ist, gelingt mit diesen (für einen Pay-TV-Sender prodzierten) Film ein ebenso genauer wie unterhaltsamer Blick auf die (gestrige wie heutige) amerikanische Gesellschaft - auf Sex, Lügen und ihre mediale Vermittlung.

Foto/Poster: DCM Filmverleih

zu sehen u.a.: CineStar Sony Center(OV); Hackesche Höfe Kino(OmU); Odeon(OmU); Rollberg(OmU); Astor Film Lounge; Blauer Stern Pankow; Capitol Dahlem; CinemaxX Potsdamer Platz; Titania-Palast; Cubix; Cine Star Tegel; Delphi


Wenn heute grosse Flüchtlingsströme sich nach Europa aufmachen, aus wirtschaftlicher Armut oder wegen politischen Drucks, dann sind das die gleichen Motive, die viele Bewohner Deutschlands im 19.Jahrhundert zur Auswanderung in das damals gelobte Land 'Amerika' zwangen. Vor diesem sozial-politischen Hintergrund schlägt der - inzwischen 81-jährige -  Regisseur Edgar Reitz ein neues Kapitel seiner ebenso erfolgreichen wie populären Film-Serie "Heimat" auf. Bisher spielten alle Geschichten um die Bewohner des fiktive Hundsrück-Dorfes Schabbach im 20.Jahrhundert, zeigten die Auswirkungen von Nazi-Zeit, Weltkrieg, Mauerbau und Wiedervereinigung auf deren normalen Alltag. Jetzt schildert Reitz sozusagen die historische Vorgeschichte.
Im Mittelpunkt steht der junge Jakob Adam Simon, der davon träumt, nach Brasilien auszuwandern, ein Land, über das er sich in vielen Bücher vor allem wissenschaftlich informiert - zum Verdruss seines strengen Vaters, des dörflichen Schmiedemeisters. Sprachbegabt erlernt Jakob als Autodidakt nicht nur Spanisch, Portugiesisch oder Englisch, sondern er beherrscht auf diese Weise auch die Sprachen vieler südamerikanischer Indianer. Doch sein Traum erfüllt sich nicht, Jakob muss - besonders als sich sein älterer Bruder und die geliebte Schwägerin den auswandernden Freunden anschliessen - die alt und schwach werdenden Eltern unterstützen, Haus und Schmiede-Werkstatt - so gut es geht - betreuen. Am Ende erhält er - inzwischen verheiratet - einen Brief des Bruders, der schildert, dass auch Brasilien kein Land ist, in dem Milch und Honig fliessen, sondern die Ausgewanderten hart und nicht immer erfolgreich um ihr Dasein und ihren Unterhalt kämpfen müssen.
Edgar Reitz und sein Drehbuchautor Gert Heidenreich entfalten in üppigen Schwarz-Weiss-Bildern - nur gelegentlich mit ein paar Farbtupfer versehen - ein fast umfassendes Panorama der Vormärz-Jahre in einer ländlichen, deutschen Provinz.  Karges Leben, Krankheiten, Hunger, Tod, Gewalt durch Natur und Staat, Kindersterblichkeit, religiöse Intolleranz beherrschen den Alltag der Bauern und Handwerker. Nur kurze Freuden wie eine ausgelassene Kirmes, eine feierliche Hochzeit, schüchterne Jugend-Flirts oder schneller Sex hinter dunklen Mauern hellen das Leben ein wenig auf. Doch der Film badet nicht in Elendsbildern als Selbstzweck, sondern zeigt -  mal nüchtern-realistisch, mal poetisch-überhöhend -  die Geschichten von Menschen, die versuchen ihr Leben auf die bestmöglichste Weise zu meistern. Die ihr Glück nicht nur in äusseren Dingen suchen, sondern in innere Zufriedenheit. Das dies oft nur eingeschränkt möglich war, zeigt diese "Chronik einer Sehnsucht", wie der Untertitel lautet.
Filmisch von hoher Qualität - eindrucksvoll die ruhig gleitende Kamera mit ihren stimmungsvollen Landschafts-Panoramen; ein gut ausgewähltes, mundartlich artikulierendes Schauspieler-Ensemble, eine bis ins kleinste Detail sorgfältig realisierte Ausstattung. Einziger Einwand: dass trotz aller Raffinesse der Inszenierung immer wieder das dramaturgisch Konstruierte, die aufkärerisch-didaktische Absicht der Filmerzählung zu deutlich sichtbar sind - fast alles vorhersehbar ist und nur wenig Überraschendes passiert.
Das 230 Minuten lange Epos wird so - besonders in der zweiten Hälfte - sehr episch!

Foto/Poster: Concorde Filmverleih GmbH
zu sehen: Capitol Dahlem; CinemaxX am Potsdamer Platz; Delphi; Hackesche Höfe Kino; International; Kant-Kino; Passage Neukölln

Südfrankreich. Hochsommer. Ein abgelegener, türkisfarbener See in einem Waldgebiet. Nackte Männer am hellen Kiesstrand. Sie sonnen, schwimmen oder langweilen sich, haben schnellen Sex im dahinterliegenden Wald. Franck (Pierre Deladonchamps), ein junger Mann, der täglich hierherkommt, lernt Henri (Patrick d'Assumcao) kennen, einen immer abseits sitzenden, etwas dicklichen Sonderling, der offensichtlich am sexuellen Treiben kein Interesse hat - stattdessen führen die beiden freundliche Gespräche. Francks erotischer Blick richtet sich dagegen auf den typischen Schwulen-Schönling Michel (Christophe Paou); doch muss er eines Abends beobachten, wie dieser einen Freund beim Schwimmen umbringt. Franck schwankt zwischen Entsetzen und Begehren, als am Tag darauf Michel ihn anmacht. Auch als die Leiche entdeckt wird und ein Polizei-Inspektor Nachforschungen aufnimmt, verrät Frank nichts. Aber die zunächst so heitere Atmosphäre am See beginnt zu kippen: die Polizei scheint mehr zu wissen, als Franck lieb ist, und auch der scheinbar unbeteiligte Henri macht seltsame Bemerkungen...
Dem französischen Regisseur Alain Guiraudie ist ein kleiner, raffinierter Thriller gelungen, der psychologisch Untergründiges in schönen, heiteren Bilder sichtbar werden lässt. Der Film konzentriert sich ausschliesslich auf einen einzigen Ort - den Strand am See und das dahinterliegende Wäldchen. Es gibt keine dramatisierend unterlegte Musik, nur das Rauchen des Windes, Vogelschreie, das Plätschern der Wellen oder - einmal - das laute Geräusch des die Leiche suchenden Helicopters; sonst nur das Plaudern der Männer am Strand oder ihr leises Stöhnen beim Sex. Erzählt wird die Geschichte  in langsamen und ruhigen Bildern, die sich im Verlauf des Films ziemlich verdüstern - vom sonnenüberflutenden Bade-Idyll des Beginns bis zum tragischen Ende in nachtsschwarzer Finsterniss. Dabei wechseln immer wieder (und fast unmerklich) distanziert beschreibende, objektive Bild-Sequenzen mit einem sujekiven Kamera-Blick, der zeigt, wie Franck das Geschehen erlebt - seien es die breit ausgespielten Sex-Szenen, Natur-Aufnahmen oder die sich plötzlich rasch entwickelnden, dramatischen Geschehnisse. Der Schwachpunkt des Films ist allein die Schluss-Lösung des Krimi-Plots mit ihren unerwarteten Doppel-Morden - hier wirkt das Psycho-Drama über sexuelle Gier und tödliche Gewalt überzogen und reichlich konstruiert. Und auch der 'offene' Schluss bleibt deshalb dramaturgisch unbefriedigend.
Dennoch - von diesen letzten 10 Minuten abgesehen - ist dieser "Fremde am See" ein intelligent  inszenierter  und spannender Psycho-Krimi  - auch wenn er in einem für den Durchschnitts-Kinogänger etwas absonderlichen Milieu angesiedelt ist.

Foto/Poster: Alamode Film Verleih

zu sehen: Cinema Paris (OmU); International (OmU); Neues Off (OmU); Odeon (OmU); Filmtheater am Friedrichshain; Kant-Kino; Yorck-Kino

'Basiert auf einer wahren Geschichte' -  heisst es im Vorspann.
2008 verübten fünf Jugendliche in Los Angeles Raubzüge in Villen von Prominenten.
Die fünf Teenies, vier Mädchen und ein Junge, stammen aus gut bürgerlichen, gehobenen Verhältnissen. Ihnen geht es (zunächst) weniger um den materiellen Wert der geraubten Dinge als um den Kick, in die Häuser sogenannter Berühmtheiten, deren Lebenstil sie in Klatsch-Magazinen und auf Webseiten bewundern, einzudringen, deren teure Luxus-Klamotten und Acsessoires anzuziehen, um dadurch sich selbst wie die beklauten Celebrities zu fühlen. Dabei machen es Paris Hilton, Lindsay Lohan oder Orlando Bloom ihnen durchaus nicht schwer: nachlässig lassen sie Hausschlüssel unter der Fussmatte liegen oder Hintertüren offenstehen. Erst nach einiger Zeit kann dieser "Bling Ring" durch Überwachungskameras dingfest und vor Gericht zu hohen Haft- und Geldstrafen verurteilt werden.
Sofia Coppola schildert diese kuriosen Geschichte als schrill buntes Kaleidoskop - die einzelnen Sequenzen sind knapp gehalten, oft elliptisch angelegt, das Tempo der grell-farbigen Bilder ist rasant und die hippe Musik heizt kräftig ein. Die Jugendlichen scheinen nur an Äusserlichkeiten interessiert, organisieren Partys oder gehen in angesagte Discos, surfen im Internet, kiffen und studieren Facebook-Seiten. Vor allem aber nutzen sie ihre Handys ausdauernd als Fotoapparat für Schnappschüsse mit Freunden oder am liebsten mit einem der kurz auftretenden, bewunderten Stars oder Sternchen.
Coppola zeigt diese heutige 'Jugend-Kultur' ganz ohne moralischen Zeigefinger, gelegentlich nur leicht ironisch: wenn beispielsweise einer der Raubzüge in einer gläsernen Villa vor dem glizernden, nächtlichen Panorama L.A.'s in einer einzigen, starren Einstellung aus einiger Entfernung gezeigt wird und die Jugendlichen wie komische, schwarze Zwerge durch die diversen erleuchteten Räume toben. Dieser kühl distanzierende Blick der Regisseurin ist zugleich auch die Schwaeche des Films - warum die Jugendlichen letzlich so sind und handeln, ihre soziale Einbindung oder ihre inneren Motive, werden nur vage angedeutet, bleiben oberflächlich oder unscharf.
Dennoch besticht Sofia Coppolas Film durch viele raffinierte, optische wie akustische Details, eine gut ausgewählte Darsteller-Crew (darunter Emma Watson) und einen sehr unterhaltsamen Glamour-Effekt:   Hollywoods Glitzer-Welt aus zweiter Hand.

Foto/Poster/Verleih: Tobis Film

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Hackesche Höfe Kino (OmU); International (OmU); Odeon (OmU); Rollberg (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Filmtheater am Friedrichshain; Kant Kino; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln


Jim Grant (Robert Redford) ist Bürgerrechtsanwalt in Albany (N.Y.) und alleinerziehender Vater einer elfjährigen Tochter. Doch auf Grund der Festnahme einer ehemaligen Freundin durch das FBI und den darauf folgenden Recherchen eines ehrgeizigen jungen Lokal-Reporters (Shia LaBoeuf) holt ihn eines Tages unerwartet seine Vergangenheit ein:  denn Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre gehörte er einer linksextremen, gewaltbereiten Widerstandsgruppe gegen den Vietnam-Krieg an (historisches Vorbild: die sogenannte 'Weather Underground Organisation'). Jetzt gerät er selbst ins Visier der Polizei, die ihn verdächtig bei einem Banküberfall einen Wachmann erschossen zu haben. Er versteckt die Tochter bei seinem Bruder und flieht quer durch die USA, sucht die alten Freunde und Mitgenossen der Untergrundgruppe auf, die ihrerseits inzwischen "normale" Staats-Bürger geworden sind: Geschäftsmanner, Uni-Professoren oder Rentner. Ziel dieser Flucht ist seine ehemalige Geliebte Mimi (Julie Christie) mit der er eine gemeinsame Tochter hat, sie aber zur Adoption freigab. Mimi könnte als einzige seine Unschuld bei dem Banküberfall beweisen. Doch Mimi - immer noch unbeugsame Idealistin und Weltverbesserin, obwohl sie ihr luxuriöses Leben in Kalifornien durch Drogenhandel bezahlt - weigert sich. Inzwischen hat das FBI Grants Spur (durch Handy-Überwachung!) gefunden, das Netz zieht sich um ihn unerbittlich zusammen...
Robert Redfords Themen sind in all seinen Filmen die gleichen: das Aufdecken von politischen und sozialen Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft und wie weit Widerstand dagegen moralisch gehen darf. Er rechtfertig in "The Company You Keep" die radikale Auflehnung der damaligen Jugend gegen die amerikanische Kriegsführung in Vietnam, er berichtet von den unterschiedlichen Haltungen der einzelnen Mitglieder dieser Gruppe, die vom gewaltlosen Widerstand bis zu Bomben-Anschlägen auf Banken und Regierungsstellen reichte, und er zeigt - das ist die Story des Films -, wie die einstigen linken Freunde ins bürgerliche Leben abgetaucht sind, und wie sich ihre geistige-politische Einstellung geändert hat oder unter Umständen die gleiche geblieben ist. All diese Diskurse verküpften Redford und sein Drehbuchautor Lem Dobbs zu einem spannenden Polit-Thriller, wobei Tempo und Machart eher dem konventionellen, älteren Hollywood-Format entsprechen als dem Stil der aktuell-spektakulären Block-Buster.
Über einige dramaturgische Schwächen - die Story des karriere-geilen, jugendlichen Reporters, der auch noch die ältere, von einem Ex-FBI-Mann adoptierte Tochter trifft; das penetrant familien-vorbildliche Verhältnis zur jungen Tochter mit dem gefühlvollen Happy End - über solche klischeehafte Versatzstücke vermag ein grossartiges Darsteller-Ensemble mühelos hinwegzuspielen - nicht nur der fast 76-jährige Redford selbst mit seinen markanten Gesichtsfalten, sondern auch die älter gewordenenen, aber immer noch mit beeindruckender Präsenz agierenden Stars wie Julie Christie, Susan Sarandon, Nick Nolte oder Stanley Tucci.
Ein klug-unterhaltsamer Polit-Film, der natürlich inbesondere die weltweite Alt-68er Generation interessieren dürfte. Aber vielleicht erfahren ja auch jüngerer Leute dadurch einiges über ihre Väter.

Poster/Foto: Concorde Filmverleih GmbH

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Rollberg (OmU); Bundesplatz-Kino; CinemaxX Potsdamer Platz; Cine Motion Hohenschönhausen; Cineplex Alhambra; Cubix Alexanderplatz; Eva Lichtspiele; Filmkunst 66; Kino in der Kulturbrauerei; Colosseum


Ob Regisseur Paolo Sorrentino es will oder nicht: der Vergleich seiner "Grossen Schönheit" mit Fellinis "La dolce vita" drängt sich einfach auf - zu ähnlich sind sich die Grundzüge der Story und ihre Verknüpfung mit dem Handlungsort. Ein Autor hadert mit sich und seiner Arbeit und geniesst zugleich das luxuriöse Leben der Super-Reichen in Rom.
Doch wenn es bei Fellini um die Mitlife-Krisis eines von Marcello Mastroianni verkörperten Reporters geht, spielt bei Sorrentino sein bevorzugter Darsteller Toni Servillo einen 65-jährigen Schriftsteller namens Jep Gambardella, dessen Ruhm auf einem einzigen, vor vielen Jahren erfolgreichen Bestseller zurückgeht, und der seitdem sein Leben als Beobachter und Mitläufer der echten wie der halbseidenen Society Roms verbringt. Doch er ist müde geworden über all den Partys und Exzessen, den erotischen und intellektuellen Escarpaden, die ihn durch die noblen Paläste, Bars und Gärten der barocken Metropole geführt haben: vergebens suchte er die 'grosse Schönheit'.
Der Film schildert das melancholische Lebensgefühl des auf der Schwelle zum Alter oder Tod stehenden Journalisten in vielen, meist kurzen Episoden - stets vor der traumhaft schön fotografierten Kulisse der 'Ewigen Stadt'. Immer wieder tauchen Freunde und Bekannte aus alten Tagen auf, die ihn an seine Vergangenheit erinnern, gipfelnd in der (optischen) Erinnerung an seinen ersten Kuss auf der Insel Giglio, vor der jetzt das Wrack der 'Costa Concordia' liegt.
Doch die resignierend-melancholische Grundstimmung wird immer wieder durch pralle, komische oder satirische Momente unterbrochen: ein Edel-Gallerist zwingt seine minderjährige Tochter zum 'Action-Painting' vor den Snobs einer sich langweilenden Gesellschaft, bei einem kirchlichen Empfang hält ein hochrangiger Kardinal Dauerreden über italienische Koch-Künste, auf üppigen Dachterassen diskutieren Salon-Linke über Moral und politische Haltung oder feiern rauschende Feste mit Koks und Kaviar.
"La Grande Bellezza" ist optisch hinreissend in seinem eleganten Fluss berückender Bilder - wunderbaren Aufnahmen von den Schönheiten der Stadt Rom und ihren - dem normalen Touristen oft verborgen - Kunstwerken in den Palästen und Gärten. Die vielen schönen, älteren und jüngeren Frauen in ihren luxuriösen Kleidern umkreisen das prägnante Gesicht Toni Servillos in seiner müden Traurigkeit wie funkelnde Sterne; bizarre Szenen wie der Trick mit einer angeblich verschwindenden Giraffe oder das pompöse Abendmahl zu Ehren einer alten Nonne, die aussieht wie eine Schildkröte, verleihen dem Film grotesk-komische Würze.
Insgesamt aber bleibt die Geschichte zu brav und vorhersehbar, ist weder neu noch überraschend. Die vorgeblich so kritsierte Gesellschaft der Reichen Roms wirkt oft klischeehaft und besitzt Züge einer Soap-Opera. Die Dialoge klingen meist geschraubt und preziöse (trotz der klangvollen italienischen Sprache), und auch die unterlegte Musik im modischen Minimal-Sound findet kaum originelle Töne (wenn man beispielsweise an Fellinis kongenialen Nino Rota denkt!).
Wunderbar ist jedoch der Abspann des zwei-ein-halb-stündigen Werkes: eine in vollkommener Ruhe, langsam gleitende Kamerafahrt auf dem Tiber unter den zahlreichen Brücken von Rom hindurch bis am Schluss die machtvolle Engelsburg im milden Licht der Morgensonne erscheint - Blackout!

Poster/Foto: DCM Filmverleih

zu sehen: Hackesche Höfe Kino (OmU); Rollberg (OmU); Babylon Kreuzberg (OmenglU); Blauer Stern Pankow; Capitol; CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain;  International; Kino in der Kulturbrauerei; Passage Neukölln

Pedro Almodóvars neuester Film erweisst sich als platte Plotte. Ein spanisches Flugzeug muss notlanden, die Handvoll Passagiere der ersten Klasse werden von drei Stewart-Tunten und einem verkappt-schwulen Pilotenpaar mit ebenso schlüpfrigen wie spiessigen Dialogen auf diesen Notfall vorbereitet - ein Kammerspiel heftig chargierender Schauspieler in biederer Flugzeugs-Kabinen-Kulisse: albernes, ordinäres Boulevard-Theater der billigsten Sorte. Peinlich für einen Regisseur, der zuvor meist optisch-attraktive Filme schuf : immer mit witzig-radikalem Blick auf abgründig-menschliche Leidenschaften und gesellschaftlich-widersprüchliche Zustände. Statt - wie erwartet -  Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung - langweilende Plattidüden, denen auch die kurze Vorspann-Episode mit Penelope Cruz und Antonio Bandéras kaum Attraktivität verleihen kann. Ein - im wahrsten Sinn des Wortes - fataler Absturz.

Poster/ Verleih: Tobis

zu sehen: Hackesche Höfe (OmU); International (OmU); Odeon (OmU); Rollberg Kino (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Delphi; International; Kino in der Kulturbrauerei; Yorck