Wer kennt noch den Komponisten Heinrich Marschner? 1795 in Zittau geboren und 1861 als Hofkapellmeister in Hannover gestorben, erzielte er mit seinen romsntischen Opern beachtlichen Erfolg bei seinen Zeitgenossen, heute dagegen ist sein Werk weitgehend vergessen. Gelegentlich taucht sein Drei-Akter "Hans Heiling" (Berlin,1833) auf einer deutschen Bühne auf, jetzt versucht die Komische Oper seinem "Vamyr" (Leipzig, 1828) frisches Theaterblut einzuflössen.
Doch wie läßt sich ein heutiges Publikum für die Schauerromantik des frühen 19.Jahrhunderts - zwischen Webers "Freischütz" und Wagners "Fliegendem Holländer" - begeistern?
Ganz einfach: aus der ürsprünglich fast dreistündigen, biedermeierlichen Grusel-Oper wird ein modisch-flottes Splatter-Musical von gerade mal 90 (pausenlosen) Minuten:  temporeich, kunterbunt, schräg und mit dick aufgetragener Ironie.
Der junge Regie-Star Antú Romero Nunes, in Berlin erfolgreich am Maxim-Gorki-Theater (u.a."Rocco und seine Brüder", "Die Räuber"), läßt die Puppen heftig tanzen: schon während der ersten Arie zerrt der titelgebende Vampyr-Lord, im weiß-gebleichten Ganzkörper-Trikot, eine Zuschauerin aus der ersten Parkettreihe auf die um den Orchestergraben laufende Vorderbühne und schlachtet sie blutig aus. Im Hintergrund kommentiert der Chor als eine graue Masse Untoter das gruselige Geschehen, hin- und her-schwankend vor rießien Fledermaus-Flügeln und einem riesigen, gläsernen Kelch voll rot-perlenden Saftes. Dann senken sich Kulissen aus dem Bühnenhimmel und verlängern auf schiefe Weise das Bühnen-Portal ins Unendliche, und gleich putzigen Marionetten trudeln der aldlige Vater Sir Humphrey und sein Töchterchen Malwina im geblümten Reifrock herein: bereit zur Hochzeit mit dem Vampyr. Und eine Abendgesellschaft in elegant-roten Seiden- Roben tanzt zierlich die Polonaise. Natürlich hat auch ein eifersüchtiger Liebhaber in groß-kariertem Anzug und Zylinder noch mitzureden, beziehungsweise zu singen, eine weitere Dame aus den hinteren Parkettreihen mischt sich auch noch ein - und natürlich treibt alles - dank Beil und Messer -  auf ein blutig-spritziges Ende zu:  auch ein Vampyr darf heute nicht ewig leben.
Musikalisch dominiert die Musik Marschners, eine gefällige Mischung aus Volkslied und italienisch inspiriertem Belcanto - ein bißchen behäbig, aber vom Orcheter unter Leitung des Holländers Antony Hermus zügig zu ansprechendem Klingen gebracht (auch wenn der nette Dirigent einmal von bösen Vampyr heftigst drangsaliert wird). Johannes Hofmann hat gelegentlich der Musik Marschners noch ein paar neue, elektronisch-anschwellende Töne hinzugefügt, um so dem grellen Kasperle-Theater den komisch-überdrehten Gruseleffekt zu verpassen. Sängerisch (Heiko Trinsinger, Jens Larsen, Nicole Chevalier u.a.) bietet der Abend eher durchschnittliche Qualität, dafür darf aber darstellerisch so kräftig aufgetrumpht werden, daß die glatt polierten Bühnenbretter sich sichtbar biegen.
Das Publikum hat sich sehr amüsiert.

Foto: Komische Oper Berlin/Iko Freese drama-berlin.de


nächste Vorstellungen: 26.März// 3./17./23.April//5.Juli 2016