Geschichten Wiener WaldSommertag an einem großen Fluß: im Hintergrund wird dieser Strom von einer riesigen Beton-Brücke überspannt, im Vordergrund parken Autos, sonnen sich Leute in Liegestühlen, grillen, lassen Papierdrachen steigen oder fotografieren. Eigentlich soll zwischen Marianne, der jungen Tochter des Puppenhändlers Zauberkönig, und dem Metzger Oscar Verlobung gefeiert werden, aber die Braut überlegt’s sich anders und brennt mit dem Filou Alfred, dem Ex-Lover der Tankstellenpächterin Valerie, durch. Später bekommt Marianne ein Kind von Alfred, gibt’s zur Pflege ihrer Großmutter in der Wachau, die lässt es aber umkommen. Marianne trennt sich von Alfred, gerät ins Rotlichtmilieu und auf Grund falscher Anschuldigung ins Gefängnis. Und am Ende landet sie – resigniert – doch noch in des Metzger Oscars Armen.

Ödön von Horváth erfand dieses teils satirische, teils bitterböse Kleinbürger-Drama, in der sich schon die kommenden brauen Zeiten andeuten, am Ende der 1920er Jahre. Der österreichische Komponist HK Gruber hat das viel gespielte Theaterstück 2014 für die Bregenzer Festspiele in eine zeitgenössische Oper verwandelt: ein musikalischer Mix aus harten, aktuellen Klängen und schrägen Zitaten von der Klassik bis heute, eine mal brutale, mal lyrisch-sanfte Musik, die den Sängern aber viel Parlando mit gelegentlich ariosen Einschüben bietet. Strawinsky, Weill oder Eissler scheinen zusammen mit dem Wiener Walzer durch einen modernen Fleischwolf gedreht! Nicht jeden wird dieser Cocktail überzeugen!

Der polnische Regisseur Michal Zadra und sein Ausstattunges-Team verlegen die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in eine nicht genau geortete Gegenwart: die Autos sind schon etwas ältere Modelle, tragen Berliner Kennzeichen, die Freizeit-Klamotten zeigen aktuellen Schnitt und Farbe, gezahlt wird bei der Tankstelle aber in Schilling. Die bei Horváth noch deutliche, bissige Gesellschafts-Kritik tritt in den Hintergrund zu Gunsten der privaten Personen und ihrer Gefühle, die sich in der Musik weit treffender entfalten können als gesellschaftliche oder politische Zustände. Zugleich ist der Regisseur ein überzeugter Anhänger der Brechtschen Verfremdungstechnik, weshalb er die die verschiedenen Handlungen und Figuren einerseits realistisch an- oder ausspielen lässt, andererseits aber immer wieder Bühnenarbeiter und Maskenbildner den Darstellern die notwendigen Requisiten überreichen, Kulissenteile umherschieben oder vor allem die Autokarossen ständig rein- oder rausziehen müssen. Trotz dieser drehbar-aufwendigen Bühnenszenerie, trotz der raffinierten Autofahrten mittels Video und trotz der effektvoll arrangierter Ensemble-Nummern fügt sich die Inszenierung nicht zu einem kritischen und warnenden Volkstheater (gerade heute!), sondern lediglich zu einer bunt-pittoresken Show mit mehr oder weniger berührenden Momenten. Horváth entschärft und entgiftet.

Musikalisch wird der Abend von baltischen Dirigenten Hendrik Vestmann bestens geleitet, das Orchester der Komischen Oper bewährt sich in dieser Mischung unterschiedlichster Musikstile hervorragend und das Sängerensemble ist durchwegs gut bei Stimme, wenn auch nicht immer rollen-typisch besetzt. Tom Erik Lie als Alfred besitzt einen schönen Bariton aber kaum den Charme eines Strizzi. Mit seinem hellem Tenor bleibt Adrian Strooper als Metzger Oscar ein netter junger Mann ohne jede Bösartigkeit. Ursula Hesse von den Steinen spielt die abgebrühte „Trafikantin“ Valerie etwas klischeehaft, überzeugt aber durch prachtvollen Mezzosopran. Baß Jens Larsen verkörpert den „Zauberkönig“ als zwiespältig-schillernde Vaterfigur. In der winzigen Nebenrolle der Großmutter beweist Karen Armstrong ihre bekannte Bühnenpräsenz. Herausragend aber singt und spielt Cornelia Zink die zentrale Figur der Marianne: ein Sopran der (auch in extremen Höhen) leuchtenden und klaren Töne, darstellerisch treffend das Porträt einer zu Beginn lebenslustigen, am Ende durch schlimme Erfahrungen fast gebrochenen jungen Frau.

Freundlicher Beifall für alle Mitwirkenden einschließlich des anwesenden Komponisten, ein paar Buhs für die Regie und Ovationen für Cornelia Zink.

Premiere: 22.Mai 2016                                                                                                                    Foto: Iko Frese/drama-berlin.de/Komische Oper