Ein gewagter - aber wie sich schnell herausstellt - überzeugender Griff: Damiano Michieletto,nicht unumstrittener, aber weltweit gefragter italienischer Regisseur, der nun in Berlin debütiert, verlegt das Märchen vom Aschenputtel in einen heutigen, etwas biederen Ballettsalon. Lucette, wie das Aschenputtel in der französischen Oper „Cendrillon“ von Jules Massenet (UA: 1899 in Paris) heißt, kämpft im Tanzsaal ihrer strengen Stiefmutter um die Primadonnen-Rolle im geplanten Ballett. Doch ein Sturtz verhindert alle Träume: mit geschientem, schmerzendem Bein wird sie im Krankenbett hereingefahren. Bis eine Gruppe alter Frauen – die Feen – der Unglücklichen zu Hilfe kommen und „Sternenflitter“ aus ihren spießigen Handtaschen streuen. Im Fiebertraum erlebt nun Lucette ihren großen, vollendet getanzten Pas-de-Deux mit dem „Prince Charmant“, dem von seinem Manager-Vater brutal getrimmten Ersten Tänzer, bis auch hier ein fataler Sturz sie wieder in die böse Realität und tiefe Verzweiflung zurückkatapultiert. Doch ein Happy End scheint möglich: der Erste Tänzer hat von den ständigen Zwängen genug, wirft die Ballettschuhe wütend weg und verlässt mit dem hinkenden Aschenputtel die muffigen Tanz-Trimm-Schule: in eine menschlichere Zukunft? Wunderbar wie Regisseur Michieletto und sein Team mit diesem dramaturgischen Trick die Märchenwelt mit der Wirklichkeit verbindet und durch sorgfaltige Personenführung und phantasievolle Szenen-Details immer in schönre Balance hält. Aus Märchenfiguren werden echte Personen und menschliche Charaktere - nicht nur die Tänzerin Lucette, der ein Beinbruch die berufliche Laufbahn vermasselt und der Erste Tänzer, der als Prince Charmant von seinem Impressario-Vater nur brutal ausgenutzt wird, sondern auch die Nebenfiguren zeigen nun Haltung und Profil . Aschenputtels Vater entlarvt sich als Pantoffelheld, die Stiefmutter gleicht einer herzlosen Sport-Trainerin, die ihre beiden Töchter - Lucettes Stiefschwestern - zu willenlosen Kopfnickern unterdrückt. Und aus den Feen werden alte Frauen: gütig. freundlich und hilfsbereit. Kongenial auch das Team um den Regisseurs : Sabine Franz choreographiert träumerisch im klassischen Ballett-Stil, der Bühnenbildner Paolo Fantin stattet den neon-kalten Tanzraum so schön wie scheußlich aus, Klaus Bruns mischt üppige Chiffon-Tütus mit schlichten Trainings-Klamotten, und Alessando Carletti zeigt durch raffinierte Ausleuchtung die dramatisch-schockierenden Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit. Trefflich ist die Besetzung der Hauptpartien: Sänger, die darstellerisch wie musikalisch überzeugen. Nadja Mchantaf ist ein sehr vitales Aschenputtel, glücksstrahlend im Spitzenschuh, verzweifelt mit stahlgeschientem Bein, ein Mezzosopran von leuchtender Intensität. In der Hosenrolle des Prince Charmant überzeugt Karolina Gumos durch leidenschaftliche, aber gezügelte Gestik und durch eine dunkel timbrierte Samt-Stimme. Unter der Alt-Mütterchen-Perücke der guten Fee lässt Mari Eriksmoen hübsche Koloraturen glitzern. Agnes Zwierko ist die harsche Stiefmutter und Trainerin, Werner Van Mechelen der graumäusige Vater und Pantoffelheld. Der Chor der Komischen Oper (Einstudierung: Andrew Crooks) macht seinem guten Ruf wieder alle Ehre: ob im transvestitischen Ballett-Kostüm oder hässlichen Trainingshosen sitzen Stimme wie Gestik perfekt. Dirigent Henrik Nánási hält die musikalischen Fäden fest in der Hand, gelegentlich zu ruppig, lässt jedoch in den lyrischen Passagen die Stimmen auf der Bühne wie im Orchester mit schöner Delikatesse aufblühen. Man mag es kaum glauben: Jules Massenets „Cendrillon“ wird 117 Jahre nach seiner Uraufführung erstmals in Berlin gespielt. Dank der klugen Regie und der trefflichen Musiker kann dieses französische Aschenputtel jetzt endlich auch beim deutschen Publikum triumphieren. Premiere: 12.Juni 2016, weitere Vorstellungen: 16./19./26./29.Juni/ 02./10.Juli 2016