hugenotten2Im Zuge einer kleinen Wiederbelebungs-Reihe von Opern des bei Berlin geborenen und in Paris zum Super-Star gewordenen Komponisten Giacomo Meyerbeer (1791 - 1864) präsentiert die Deutsche Oper Berlin eines seiner - im 19.Jarhundert - erfolgreichsten Werke: "Die Hugenotten" (uraufgeführt Paris 1836). Und zwar in voller Länge, so daß der Abend einschließlich zweier Pausen über 5 Stunden dauert.

Meyerbeer und sein - ebenfalls sehr berühmter -  Librettist Eugène Scribe verquicken in ihrer "Grand opéra" die Liebesgeschichte des jungen, protestantischen Adligen Raoul,  den die Königin Marguerite von Valois mit ihrer katholischen Hofdame Valentine vermählen möchte, mit den blutigen Ereignissen der Bartholomäusnacht, dem fürchterlichen Massenmord an den französischen Hugenotten. Allerdings stehen dabei die musikalischen und szenischen Schau- und Hör-Effekte im Vordergrund, gesellschafts-kritische Aspekte treten demgegenüber in den Hintergrund. Nicht umsonst sieht der Regisseur der Neuinszenierung, David Alden, in Meyerbeer " den Großvater des Broadway-Musicals" (Zitat aus dem Programmbuch).

Die Bühne (Giles Cadle) zeigt einen großen hellen, leeren Raum, in dem durch das schnelle Herein- und Herausschieben von Blumenvasen, Ledersesseln, Gipspferden oder bemalten Vorhängen der jeweilge Handlungsort angedeutet wird, die zahlreichen Kostüme (Constance Hoffman)  changieren üppig zwischen historisch und heutig. Den ersten Teil läßt die Regie als farcenhaft überdrehte Salon-Komödie, halb Offenbach, halb Feydeau spielen, im Mittelakt wird die rituelle Kirchen-Ordnung, in der Protestenten wie Katholiken streng symmetrisch auf harten Bänken plaziert sind, durch Fähnchen-Winken oder Kreuz-Prozessionen wirkungsvoll gestört und aufgelöst,  doch erst im letzten Teil gewinnt  das verzweifelte Liebesdrama in langen, melodie-satten Duetten zwischen Raoul und Valentine Momente inniger Berührung. Bevor  dann im düsteren Schein flammen-lohender Kreuze alle erschossen werden und die Königin Margerite in ihrer jetzt blutbefleckten, weißen Robe die Arme entsetzt  in einen schwarzen Himmel reckt.

Giacomo Meyerbeers Musik illustriert das (halb-)historische Schauerdrama höchst effektvoll. Er mischt - fast genial - alle bekannten Stile und Genres: vom protestantischen Choral eines Luther, über elegante Koloraturen eines Rossini dramatische Ausbrüche und romantische Lyrik à la Cherubini oder Weber, bis zu komödiantisch-satirischen Einlagen nach Art eines Offenbach. Eine ebebso kunstvoller wie  wirkungsvoller Musik-Mix, vor allem für die ausladenden Schau- und Chor-Szenen, jedoch auch mit anrührenden, echt empfundenen Arien und Duetten.

Allerdimgs nicht leicht zu singen. Deshalb sind das Glück dieser Neuinszenierung - neben dem grandiosen Chor-Ensemble - die Gesangs-Solisten. sie machen den Abend zum (musikalischen) Ereignis. Allen voran Gast-Star Juan Diego Flórez, dessen leichter, heller Tenor sich langsam zu wandeln scheint und neue, tiefere Farben gewinnt. Ihm ebenbürtig ist Olesya Golovneva als Valentine mit einem strahlenden Sopran, der mit hohen Koloraturen ebenso wie satten Mezzo-Töne glänzt. Auch Patrizia Ciofi windet als Marguerite von Valois glitzernde Koloratur-Ketten, präsentiert in scicker Haute Couture eine elegante Figur, hat den Zenit ihrer Stimme aber wohl schon passiert. Die Nebenrollen sind ebenfalls attraktiv besetzt: Irene Roberts als gewiefter Page Urbain oder der kernige Baß Ante Jerkunika als protestantisch-fanatischer Diener Marcel.

Zusammengehalten wird das aufwendige Historien-Spektakel durch den Dirigenten Michele Mariotti, derzeit Generalmusikdirektor in Bologna. Er animiert das Orchester der Deutschen Oper zu flexiblem und frischem Wohlklang und stützt  geschickt die Instrumental-Solisten, die häufig in den großen Arien mit den Sängern konzertieren. Vor allem aber gelingt es ihm, die vielen Musiker  - ob Orchester, Chor oder Sänger - bestens zu koordinieren und so die effektvoll-prächtige Show einer Meyerbeer'schen "Grand-opéra" wieder lebendig werden zu lassen. Großer Beifall.

Premiere: 13.11.2016                                                                                                                      Foto: Bettina Stöss / Deutsche Oper Berlin