PetruschkaKomDas englische Regie- und Theater-Ensemble "1927" (Suzanne Andrade, Esme Appleton, Paul Barritt) landete 2012 mit ihrer Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" in der Komischen Oper Berlin einen wahren Triumph: die Mischung aus gezeichneten Trickfilmen und live agierenden Sänger-Darstellern begeisterte durch ihr Raffinement und ihre Fantasie. Obwohl die "Zauberer" aus London danach  zögerten, ließen sie sich auf einen weiteren Versuch ein, ihre Methode an einem weiteren Werk des Musiktheaters auszuprobieren:  diesmal an dem Ballett "Petruschka" von Igor Strawinsky (1911) und an der Oper "Das Kind und der Zauberspuk" von Maurice Ravel (1925), beide Stüce jeweils 45 Minuten kurz.  Und wieder war's ein voller Erfolg, der Publikumapplaus enorm.

"Petruschka", eigentlich für die berühmten "Ballets Russes" geschaffen, verzichtet in der neuen Produktion auf die Tänzer. Statt dessen hatten die Regisseure den glänzenden Einfall echte Artisten einzusetzen, was bestens zu dem auf einem Jahrmarkt spielenden Mini-Drama  paßt. Der sadistische Puppenspieler - gezeichnet - läßt drei Puppen lebendig werden: Petruschka - jetzt ein gummibeweglicher Buster Keaton - turnt und purzelt grandios vor der knall-bunten Volksfest-Film-Leinwand, auf der Vöglein schwirren, Menschenmassen grimassieren und Kettenkaruselle sich drehen; seine angeschmachte Akrobatin schwebt elegant hoch oben auf dem Trapetz, bis der Muskelmann eifersüchtig und grob jedes Idyll zerstört, Petruschka tot am Boden liegt - aber sein Geist als hüscher, blaß gemalter Schatten in den Bühnenhimmel entschwebt. Melancholisch und poetisch zugleich.

In Ravels Oper gibt's statt Artisten echte Opernsänger. Die Leinwand zeigt nun ein vollgestopftes Kinderzimmer, in das die Mutter das böse Kind eingesperrt hat. In seiner Wut zerstört es zunächst Stühle,  Kuckucksuhr oder Geschirr, bis zum Gegenschlag ausgeholt wird, die Teekanne alles überschwemmt, Riesen-Katzen das Kind bedrohen , Bäume lebendig werden, und bis das Kind plötzlich mit einem verletzten Eichhörnchen Mitleid bekommt und so die abenteueriche Fantasie-Reise ein glückliches Ende findet. Wiederum ergänzen sich die gezeichneten Figuren und Schauplätze mit den realen Sängern (auch wenn sie nicht immer gleichzeitig zu sehen sind) höchst raffiniert zu einer vielfarbig-verblüffenden Märchen-Groteske, - gesungen und gezeichnet.

Großes Lob gilt in dieser Aufführung allen Sängern und Musikern, die sich mit großer Disziplin den filmischen Vorgaben präzise einfügen müssen. Nadja Mchantaf singt mit klarem Sopran das Kind, die übrigen Sänger müssen jeweils mehrere der kleinen Rollen übernehmen, darunter bewähren sich Ezgi Kutlu, Talya Liebermann und Brigitte Gellert. Das Orchester musziert blendend, exzellent koordiniert Markus Poschner Bühne und Graben, dirigiert trennschaft und hart akzentuiert Strawinskys "Petruschka" und läßt den französisch parlierenden Zauberspuk in  vielen Farben kraftvoll schillern.

Ein kurzer Abend - unterhaltsam und effektvoll. Ob und wann diese Methode der Mischung aus Comic-Film und Bühnen-Realität sich erschöpft , diese Frage bleibt jedoch offen.

Foto aus Petruschka: Iko Freese/drama-berlin.de /Komische Oper Berlin

Premiere: 28.Januar 2017, weitere Vorstellungen: 4./8./19.Februar  2017