Aribert Reimanns jüngste Oper "Medea" wurde 2010 als Auftrag des Hauses an der Wiener Staatsoper erfolgreich uraufgeführt, jetzt ist die Tragödie erstmals in seiner Heimatstadt Berlin - und zwar in der Komischen Oper -  zu sehen.  Als Vorlage und Text dient Reimann das gleichnamige Stück von Franz Grillparzer, das im Gegensatz zum Schauspiel des  Euripides oder der Oper von Cherubini nur noch selten gespielt wird. Grillparzer endet damit, daß Medea nach der Tötung ihrer beiden Kinder das geraubte Goldene Fließ an seinen Ursprungsort Delphi zurückbringen und sich dem Urteil der dortigen Priester stellen will.

Reimann sieht hier Paralellen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Seine Einrichtung dieses Stoffes wird zu einer Kammeroper für sechs Solisten und großes Orchester. Wie immer konzentriert sich der vielgespielte Komponist auf die Möglichkeiten der menschliche Stimme und entwickelt besonders für Medea und ihren treulosen Mann Jason sehr viruose, wild gekurvte Gesangspartien, die vom Orchester durch volle Streicher- oder heftige Schlagwerk-Akkorde kraftvoll akzentuiert oder gar kommentiert werden. Dabei gehen die Koloratur-gespickten, deklamatorisch-geprägten Gesangslinien bis an die Grenzen der stimmlichen Bereiche, jedoch nie darüber hinaus, so daß fast der Eindruck einer unkonventionellen "Belcanto"-Oper entsteht. Auch wenn diese stimmliche Virtuosität gelegentlich auf Kosten des musikalischen Ausdrucks geht.

Entsprechend diesen Vorgaben stehen die Sänger im Mittelpunkt der Aufführung an der Komischen Oper. Nicole Chevalier verkörpert diese Medea mit größter Intensität, meistert harsche Intervall-Sprünge und höchste Spitzentöne mit vollen, runden Sopranklang und weicher, leichter Stimme. Ihr ebenbürtig - auch wenn die Rolle einfacher angelegt ist - der Jason von Günter Papendell, der mit einem kraftvollen, wohlklingenden Bariton einen schwachen Menschen darstellt.. Im übrigen Ensemble bewähren sich Anna Bernacka als blonde Rivalin Kreusa, Nadine Weissmann als zurückhaltende Amme Gora und der Counter-Tenor Eric Jurenas in der merkwürdig kostümierten Rolle des Herolds (Minirock und Glatze!). Der Dortmunder Generaldirigent Steven Sloane, bewährt für zeitgenössische Musik, koordiniert straff und souverän die komplexen Abläufe zwischen Solisten und den konzentriert spielenden Musikern, zwischen Bühne und dem bis ins Parkett erweiterten Orchestergraben.

Der australische Regisseur Benedict Andrews - vielbeschäftigt in Sidney, London und Berlin (an der Schaubühne) - pendelt in seiner Inszenierung zwischen Abstaktion im Dekor, psychologischer Personenführung und allerlei symbolistischen Details. Johannes Schütz hat die dunkle Bühne fast leer geräumt, aber den Boden mit viel grobem Mulch bedeckt, in dem Medea nicht nur das Goldene Vließ vergräbt, sondern  auch ihren rötlichen Kopf-Schleier, den sie auf Geheiß Jasons ablegen muß. Daß die beiden Kinder nur als Puppen herumgetragen werden, überzeugt ebensowenig wie die merkwürdige Neon-Lampe, die auf halber Höhe ganz langsam an einer dünnen Strippe zweieinhalb Stunden lang über die Bühne gezogen wird.

Trotz (oder wegen?) der außergewöhnlichen, musikalischen und darstellerischen Kunstfertigkeit, läßt diese "Medea" über weite Strecken hin kalt. Erst in der letzten Szene, wenn nach der Ermodung der Kinder Jason verzweifelt am Boden liegt und Medea sich langsam rückwärts in den dunklen Hintergrund bewegt, wird die Musik leise und sanft, wandelt sich das laute und grauenvolle Geschehen zu einem  großen lyrisch-innigen,  fast zärtlichen  Moment:  ein Ende, das berührt.