Zwei Kammeropern aus den 1970er und 1980er Jahren stehen zwischen dem 15.Juni und dem 14.Juli 2017 im Mittelpunkt des kleinen Festivals in verschiedenen Räumen der Staatsoper im Schillertheater.

 

1. "Die Gespenstersonate" von Aribert Reimann (UA.: 1984, Berlin)***

GespenstersonateDie Werkstatt des Schillertheaters ist weitgehend leergeräumt bis auf einen großen Tisch. Daran sitzen einige Personen der Handlung, die anderen liegen wie tot auf dem Boden, alle in schlichten, modernen Anzügen oder Kleidern - entweder schwarz oder weiß. Wenn die vierzehn Mitglieder der Staatskapelle unter der umsichtigen Anleitung von Michael Wendeberg - hinter einem Gazevorhang auf der seitlichen Empore postiert - schlagartig mit der Musik einsetzen, stürzt ein junger "Student" herein, alle erheben sich und es beginnt das Spiel um eine in düsteren Ritualen erstarrten Familien-Gesellschaft, von der jeder und jede seine Untaten hinter Unwahrheiten und Lügen zu verbergen versucht. Bis am Ende der um Aufklärung bemühte "Direktor" sich selbst als gemeiner Übeltäter entlarvt und das gesamte Spiel zusammenbricht. Aribert Reimann hat das Libretto nach dem gleichnamigen Schauspiel von August Strindberg geschrieben und eine packende Musik dazu komponiert, die vor allem die Gesangsmöglichkeiten virtuos bedient - auch wenn naturlich nicht im gewohnten Belcanto-Stil. Den Musikern und Sängern der Neuinszenierung kommt das sehr zu Gute, auch wenn bei einigen der sieben, sehr jungen Solisten der für die dargestellte Figur charakteristische Ausdruck noch Wünsche offen läßt. Die Inszenierung von Otto Katzameier - bisher als Sänger bekannt -  vermag zwar durch vielfachen Beleuchtungswechsel auch eindrucksvolle Szene zu arrangieren, etwa den Auftritt der "Mumie" (Alexanda Ionis) vor einem blutrot-leuchtenden Wand-Quadrat oder die agressiven, handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen dem "Obersten" (Noriyuki Sawabu) und dem "Direktor" (David Ostrek), aber der komplizierte Handlungsverlauf mit seinen verzwickten Episoden und komplexen Charakteren (teils mehrfach mit dem gleichen Darsteller ohne Kostümwechsel besetzt)  bleibt in dieser stilisiertren, schwarz-weißen Raum-Installation ziemlich unklar und verliert so ihre unheimliche Doppelbödigkeit. Aus der zwischen Realismus, Expressiv-Symbolischem und Groteske schillernden "Gespenstersonate" wird ein musikalisch zwar spannendes, szenisch jedoch  künstliches Verwirrspiel in Schwarz und Weiß.

Premiere:in der Werkstatt:  25.Juni 2017, die nachvolgenden sechs Vorstellungen:  ausverkauft.

Foto: Vincent Stefan / Staatsoper Berlin (Schillertheater)

 

2. "Jakob Lenz" von Wolfgang Rihm (UA.: 1979, Hamburg)****

Lenz1Der Dichter Jakob Lenz ("Der Hofmeister","Die Soldaten") begibt sich seinem Zerwürfnis mit Goethe in die Schweiz zu einem alten Freund, dem Philosophen und Mediziner Christoph Kaufmann. Dort machen sich erste Anzeichen einer geistigen Verstörung bemerkbar. Auf Rat des Freundes besucht er im Januar 1778 den Pfarrer und Sozialreformer Oberlin im Elsaß. Doch die drei Wochen bei Oberlin enden auf Grund der sich verstärkenden, schizophrenen Anfälle im Chaos, Lenz wird gezwungen, die Vogesen zu verlassen. Oberlin selbst hat genaue Aufzeichnungen über die Tage mit Lenz verfertigt. Diese wurden später Grundlage für die bekannte Novelle von Georg Büchner, auf der wiederum die 80-minütige "Kammeroper" von Wolfgang Rihm beruht.

In 13 Bildern schildert sie, wie Lenz immer mehr von inneren Stimmen in Gestalt schattenhafter Figuren heimgesucht wird und wie in der letzten Szene der philantrophische Pfarrer Oberlin und der resolte Freund Kaufmann dem halbnackten, mit eigenem Kot beschmierten Lenz resigniert die Zwangsjacke anlegen.

Wolfgang Rihm hat den verstörten Dichter Lenz mit schillernden Tönen umhüllt, zart und versonnen, aber auch laut und schrill aufschreckend. In diesen Ton-Strom sind immer wieder musikalische Zitate, leicht verfremdet, eingewoben, so das Ineinanderfließen  von Wahn und Realität hörbar machend. Elf Musiker der Staatskapelle unter dem versierten Gast-Dirigenten Franck Ollu lassen - besonders in den Zwischenspielen - diese Klang-Struktur zwischen Tonalität und Atonalität transparent und klangsinnlich leuchten.

Die Inszenierung von Andrea Breth ist eine Koproduktion mit den Opern in Stuttgart und Brüssel, wo sie schon mit großem Erfolg gezeigt wurde. Die große Überraschung war, daß Andrea Breth die bisher nur auf kleinen Studio-Bühnen gespielte "Kammeroper" erstmals auf die "große" Bühne der jeweiligen Häuser holte. "Das ist eine Weltgeschichte! Und diese Welt muß man ... in großen, starken Bildern fassen und erzählen können", so die Regisseurin im Programmbuch. Martin Zehetgruber hat ihr einen großes, dunkel tapezierten Zimmer entworfen mit blanken Dielen und braun gebeizten Türen. 12 der 13 Szenen spielen sich hinter einem Gazeschleier ab, der es ermöglicht mit Hilfe von Spiegel-, Wasser-  und Lichteffekten phantastische Bilder zu imaginieren, die zwischen Natur- und Innenräumen raffiniert changieren. Erst im Schlußbild hebt sich der Bühnenschleier und zeigt den Raum nun neon-grell ausgeleuchtet: eine helles Eisenbett in der Mitte. Oberlin (Henry Waddington) und Kaufmann (John Graham-Hall) legen dem verwirrten, nur noch mit einer Unterhose bekleideten Lenz (herausragend: der Bariton Georg Nigl) die weiße Zwangsjacke an.  Präzise und vielfältig versteht es Andrea Breth die sich verdüsternde Welt im Kopf von Lenz in der Bewegungs-Regie sichtbar und sinnfällig zu machen, vor allem mit Hilfe der (leibhaftig) durch die Bilder huschenden "Stimmen" (2 Soprane, 2 Mezzos, 2 Bässe) und dem toten (Bauern-)Mädchen Friederike (magische Erinnerung an die auch von Goethe geliebte Friederike Brion),  alle in dunklen, altdeutsche Trachten zitierenden Kostümen (Eva Dessecker).

Eine starke Aufführung, die zwar eine beklemmende Geschichte zeigt, jedoch in ihrer phantasievollen, klaren Strenge und ihrer präzis geschärften Musikalität großen Eindruck hinterlässt.

 

Premiere: 8.Juli 2017, weitere Vorstellungen:  8./ 10./ 12./ 14.Juli 2017

Foto: Bernd Uhlig / Staatsoper Berlin (Georg Nigl als Lenz)