HänselDer Zuschauerraum in der frisch renovierten Staatsoper glänzt in Weiß-Rot-Gold. Die Bühne dagegen  (einschließlich Proszenium und Orchestergraben) ist eine riesige, dunkle Höhle, voll bestückt mit winzigen, funkelnden Sternen. Im Hintergrund ein roter Theatervorhang, dahinter eine Leinwand, auf der zu Beginn der Dirigent als Video-Biild den Auftrittsapplaus des Publikums entgegennimmt, und danach sich allerlei überblendende, halb abstrakte Schwarz-Weiß-Zeichnungen abwechseln. Putzige Tiere hüpfen herein: eine große weiße Katze (mit Mäusen auf der Zunge), ein Huhn, ein Bär, ein winziger Frosch. Hänsel und Gretel, die sich singend und tanzend dazugesellen, gleichen lustigen Comic-Figuren: tragen den ganzen Abend über riesige, helle Schwellköpfe mit großen, beweglichen Kuller-Augen. Auch ihre dazwischen fahrende, zeternde Mutter Gertrud, die den Milchtopf aus Pappe umstößt und die Kinder in den Wald zum Beerensuchen jagt, gleicht einer grotesken Figur: mit kalkweiß geschminktem Gesicht, rotem Dutt und gleichfarbiger Riesen-Krinoline.

Regsseur und Ausstatter Achim Freyer schwört aller gewohnten, romantischen Märchenerzählung ab und beschwört stattdessen einen ostereierbunten Grotesk-Zirkus. Und dies im wörtlichen Sinn. Wenn Hänsel und Gretel im Wald ihren Abendsegen gebetet haben und von ihren vierzehn Englein träumen, dann erscheint ein peitschen- schwingender, dem Vater ähnelnder Zirkusdirektor mit winzigen Flügelchen auf dem grünberockten Rücken und lässt die putzigen Tierlein, die jetzt ebenfalls kleine Flügel tragen, um den Orchestergraben munter herum -paradieren. Eine schwarze Kreuz-Spinne tentakelt dazu hefigt in der Höhe. Auch das Knusperhäuschen und die dazugehörige Hexe zeigen sich in ungewohnter Erscheinung - statt Mandel und Lebkuchen wird ein rotes (Zucker-?)Herz angeknabbert und die böse Hexe erscheint als großer, blutroter Mund mit darüber gestülpter, dampfender Kaffetasse. Und als die Alte hinter dem Vorhang, auf den nun lodernde Flammen projeziert werden, verschwunden ist, hüpfen und tanzen die verzauberte, jetzt erlöste Kinderschar in bunten Strampelanzügen durch die sternenglänzende Bühnenhöhle und stimmen zusammen mit Hänsel. Gretel, den herbeieilenden Eltern und Tieren in den großen Schlußgesang ein  - eine fröhliche, leicht groteke, dico-bunte Bühnen-Show.

Auch Dirigent Sebastian Weigle darf sich in die folgende muntere Applaus-Ordnung einreihen, er hat geschickt das wuchtige Richard-Wagner- Orchester herab-gedimmt auf sängerfreundlichen Begleit-Ton und beschwingten Knusper-Walzer-Rhythmus. Die Gesangsrollen sind auf Grund der zahlreichen, dicht getakteten Vorstellungen doppelt besetzt, In den ersten Aufführungen waren Karin Wundsam und Elsa Dreißig das titelgebende Kinder-Paar: mit anmutigen Bewegungen und hellen, klaren Stimmen unter ihren weißen Schwell-Köpfen, die sie erst beim Schlußbeifall abnehmen durften.  Auch das übrige Ensemble einschließlich des hauseigenen Kinderchores  zeigte sich gutgelaunt und bestens in Form.

Eine typische Achim-Freyer-Produktion: ein farbiger, verspielter, schräger Bühnen-Zirkus, der Spaß macht, aber kaum berührt.

Engelbert Humperdinck´s Musik jedoch schildert eine andere Welt - nämlich die eines romantischen Märchens. Mit viel Gefühl und - vor allem - Herzlichkeit.

Foto: Monika Rittershaus / Deutsche Staatsoper Berlin

Premiere: 8.Dezember 2017, weitere Vorstellungen: 11./ 12./ 23./ 25./ 29. Dez.2017