Der Nussknacker Foto Fernando Marcos A050300Weihnachten naht und damit beim Staatsballett der beliebte Tschaikowsky-Klassiker vom "Nußknacker". Vor drei Jahren erlebte eine Neuproduktion im Stil der russischen Uraufführung ihre aufwendige Premiere, jetzt zeigt Ballett-Chef Nacho Duarto seine eigene Fassung des klassischen Tanzmärchens, die er ursprünglich für St.Petersburg choreographiert hat und später dann auch an der Scala in Mailand einstudierte.

Laut Programmbuch spielt Nacho Duartos "Nußknacker" 1918, im Jahr nach der Oktoberrevolution.. Das ermöglicht ihm, zu Beginn einen hellen Salon mit leichten Jugendstil- Anklängen zu zeigen, in dem eine elegante Gesellschaft den Weihnachtsabend zelebriert, die Damen in fließender Seide, die Herren im dunklen Frack. Onkel Drosselmeier, ein mittelalterlicher, quicker Herr in Kniebundhosen präsentiert pompös verpackte Geschenke, wobei die kleine Clara besoners entzückt ist vom ihr überreichten, hölzernen Nußknacker. Als die Gäste den Salon verlassen haben, verwandelt er sich in einen dunklen Raum vor einer hell-flimmernmden Sternenwand: Clara träumt und der Nußknacker verwandelt sich erst in eine roboterhaft sich bewegende, große Puppe, die den bösen Mäusekönig und dessen umherflitzende, graue Mäusekrieger im Zweikampf rasch besiegt. Und dann wird der Nußknacker zum lebendigen schönen Prinzen, der Clara ins Reich der tanzenden Sterne (statt Schneeflocken) entführt.

Diesem klar erzählten, aber nicht beonders "weihnachtlichen" erste Teil, folgt - nach der Pause - eine flott ablaufende Tanz-Revue, deren einzelne Nummern (spanischer, arabischer, russischer Tanz usw.) ohne erzählerischen Zusammenhang hintereinander zügig ablaufen. Lediglich zu Beginn dieses Divertissements wird der Faden zur Sternen-Reise Claras und ihres Prinzen aufgenommen und dann wieder ganz am Ende zur "Apotheose": alle Tänzerinnen und Tänzer verlassen die sich verdunkelnde Bühne, Clara bleibt allein zurück - im Arm der wieder zum hölzernen Nußknacker geschrumpfte Prinz.

Nacho Duarto hat den Tschaikowsky-Klassiker gleichsam auf zeitgenössischen Stil gebürstet - kühl, schnörkellos und geschickt dem aktuellem Geschmack angepasst. Die Formen des klassischen Tanzes werden zwar berücksichtigt, aber neu kombiniert, teils überraschend, teils ein wenig fade. Es wird keine weihnachtliche Stimmung oder märchenhafte Atmosphäre entfaltet, sondern eine temporeiche Tanz-Show präsentiert:  in schicken Kostumen und voll modischer Glitzer-Effekte. Ein "Nußknacker" in Stil eines weltweit vermarktbaren Ballett-Musicals.

Das Ensemble des Berliner Staatsballetts macht dabei gute Figur. Zwar fehlen - noch immer - die herausragenden Super-Stars, aber die - vielfach wechselnden -  Solisten überraschen durch geschmeidige Bewegung und temperamentvolle Darstellung. Ob als sanfte Clara, hübscher Prinz, wirbelder Mäusekönig, ob als spanisches Paar, arabische Bauchtänzerin oder russische Matrosen: alle großen und kleinen Tänzerinnen und Tänzer, wie auch die riesigen Ensemble-Gruppen mit ihren eleganten "Chorus-Lines" in Rosa und Weiß erzielen immer wieder reichlichen und begeisterten Beifall eines überwiegend jugendlichen (!) Publikums im großen Haus der Deutschen Oper.

Ein "Nußknacker" hipp und heutig ?

Premiere: 7.Oktober 2016 in der Deutschen Oper

Foto: Fernando Marcos /Staatsballett

fidelioZu Beginn des Abends dirigiert Daniel Barenboim die Leonoren-Ouvertüre Nr.2, nicht das gewöhnliche Fidelio-Vorspiel. Er läßt sie - in extrem langsamen Tempi - scharf und kantig musizieren und versieht so das vom Pianissimo zum donnernden Forte gesteigerte Jubel-Thema am Schluß gleichsam mit einem Fragezeichen. Dann hebt sich der Vorhang und zeigt - als minuziös gemalten Prospekt - den Goldenen Sall des Wiener Musikvereins. Davor stehen ein Konzertflügel mit marmorner Beethoven-Büste und ein großer Sängerchor in Alltagskleidern. Doch schnell fällt der Prunksaal-Prospekt zusammen und zeigt dahinter eine steinerne Gefängniswand voller größerer und kleinerer Graffitti (allerdings nur mit Opernglas zu entziffern). Sänger mit dem Klavierauszug in der Hand beginnen die ersten Szenen des "Fidelio" zu proben.

Diese Idee einer gespielten Probe zieht sich durch den ganzen Abend, wobei die Sänger-Darsteller meist voll in ihre Rollen einsteigen und sich mit ihnen identifizieren. Die Geschichte von der als Mann verkleideten Leonore, die ihren unschuldig verhafteten Gatten Florestan im Gefängnis sucht und glücklicherweise befreien kann, wird klar und deutlich nacherzählt. Doch immer wieder treten die Sänger aus diesem Spiel heraus, greifen zum Klavier-Auszug oder beobachten distanziert Geschehen und Partner. Am Ende verwandelt sich die düstere Gefängnis-Bühne wieder in den goldenen Prunksaal und Chor wie Solisten treten an die Rampe und schmettern den Beethovenschen Jubelgesang direkt in den Zuschauerraum.

Harry Kupfer, der den "Fidelio" schon mehrmals auf verschiedenen Bühnen - auch mit ähnlicher Grundidee - inszeniert hat, wurde von Daniel Barenboim eingeladen, mit ihm diese Oper neu herauszubringen - eigentlich gedacht zur Eröffnung des renovierten Stammhauses unter den Linden. Doch daraus wurder wegen der baulichen Verzögerungen nichts und findet die Beethoven-Premiere zu Beginn der neuen Spielzeit 2016/17 noch im Ausweich-Quartier an der Bismarckstrasse statt.

Dirigent wie Regisseur bemühen sich alles falsche Pathos, das so oft in diese Oper hineinprojeziert wird, zu vermeiden. Doch das ständige Pendeln zwischen symbolischer Andeutung und realem Spiel, zwischen der Form der Oper und des Oratoriums findet keine theatertaugliche Balance. Alles ist zwar klug und intelligent erdacht und umgesetzt, doch in fast keine Moment wirklich überzeugend oder gar berührend. Der gedankliche wie musikalische Aufbruch, der Schwung, das Neuartige und Mitreißende dieser einzigen Beethoven-Oper will sich nicht einstellen. Entsprechend die Resonanz des Publikums: freundlich und verhalten.

Die durchwegs guten Sänger können daran auch nicht viel ändern. Gefällig und stimmig das junge Paar Evelin Novak als Marzelline und Florian Hoffmann als Jaquino. Falk Struckmann  (Don Pizarro) und Matti Salminen (Rocco) haben auf Grund ihres Alters den jeweiligen stimmlichen Höhepunkt überschritten, bleiben darstellerisch jedoch immer noch sehr präsent. Der Florestan des noch jungen Andreas Schager verfügt über eine gute Figur und einen hellen, kräftigen Tenor, leider neigt er durchgängig zu übermäßiger Lautstärke. Die Finnin Camilla Nyland ist als Erscheinung ein glaubwürdiger Fidelio und eine sehr menschliche Leonore, sie besitzt einen runden, klaren Sopran mit schönem lyrischen Timbre, dramatische Durchschlagskraft ist ihre Sache eher nicht. Klang-schön der Gefangenen-Chor der Männer im ersten Akt, klang-voll der gesamte Staatsopernchor im Finale (Einstudierung: Martin Wright). Fein differenziert folgt die Staaskapelle ihrem engagierten Dirigenten.

"Fidelio" ist ein schwieriges Stück. Oper oder Oratorium ? Auch wenn in dier Aufführung dieser Zwiespalt deutlich ausgestellt wird - der inszenierte Versuch einer Antwort bleibt sehr pauschal und plakativ und läßt so allzu viele Fragen offen. 

Foto: Bernd Uhlig /Staatsoper

Premiere: 3.Oktober 2016

Barbier1Liebe im Zeitalter des Internets. So interpretiert der junge russische Erfolgs-Regisseur Kirill Serebrennikov die  200 Jahre alte, bis heute höchst populäre Opera buffa "Il barbiere di Sevilla" von Gioachino Rossini. Bestens unterstützt vom gut gelaunten, mitagierenden Dirigenten Antonello Manacorda, dem Chef der Kammerakademie Potsdam.

Bei Rossini geht die Geschichte so: Graf Almaviva ist verliebt in Rosina, dem Mündel des Dr.Bartolo. Doch der alte Zausel hat selbst ein Auge auf die gutbetuchte Rosina geworfen. Doch mit Hilfe des schlauen Barbiers Figaro und durch allerlei Verkleidungs - und Vertuschungs-Manöver ertricksen sich  Almaviva und Rosina ein fröhliches "Happy End" mit anschließender Hochzeit.

In der Komischen Oper ist Rossinis Komödie jetzt in der Gegenwart gelandet. Almaviva, in Jeans und Kapuzenpulli, singt sein Ständchen zur E-Gitarre und postet die Aufnahme sofort an Rosina, deren Foto bei Facebook auf der Bühnenrückwand zu sehen ist. Auch später verkehren die beiden Verliebten so häufig über Smartphone, daß der strenge Figaro im schwarzen Gothic-Look sich genötigt sieht, ihnen die Geräte aus der Hand zu nehmen, um so die fällige Umarmung zu ermöglichen. Überhaupt: sogar die herbeigerufenen Polizei zieht das Smartphon aus Tasche, um noch schnell ein Selfie mit dem sich zu erkennen gebenden Grafen Almaviva zu schießen.

Gegenüber dieser vernetzten Welt der jungen Leute stehen die Alten: Dr. Bartolo ist ein Antiquar - schütteres Haar, graue Strickjacke - inmitten erlesener Gemälde und wertvoller Möbel, lediglich über einen Flachbildschrim flimmern aktuelle Informationen aus aller Welt in die schmale Stube. Auch der Musiklehrerlehrer Basilio ist Kavalier alter Schule und leicht verliebt in seine Schülerin Rosina, aber auch einem kleinen Schnäpschen nicht abgeneigt - was Figaro und Almaviva Gelegenheit bietet, den Alten geschickt auszumanövriren. In diese stilvolle Umgebung passt allerdings nicht Almavivas ursprünglicher Trick, als verkleideter Soldat sich in Bartolos Haus einzuquartieren: um in heutigen Tagen den entsprechenden Schock bei dem alten Antiquar zu erzielen, erscheinen Almaviva und seine Mannen als arabische Flüchtlings-Krieger verkleidet, die sofort mit ihren Gebetsteppichen den kleinen Haushalt in Bedrängnis bringen. Und als dieser böse Trick mißlingt, erscheint  - in einem weiteren Versuch -  Almaviva als Aushilfs-Musiklehrer im grellen Outfit einer Conchita Wurst. Rosina, erst in legerer roter Trainingshose (mit Streifen), später im schicken 'kleinen Schwarzen' nimmt im Gegensatz zu ihrem Vormund dies alles gelassen hin und weiß ihre Lage mit List und Handy geschickt zu ihren Vorteil zu nutzen - Glück für sie, Pech für  Dr.Bartolo, den in dieser Sichtweise eine leise Tragi-Komik umflort.

Nicht jeder Gag dieser Neu-Produktion zündet, nicht jeder Einfall überrascht - etwa die kurzen, schwarz-weissen Nachspiele der beiden rasanten Finali. Aber insgesamt gelingt dem russischen Regieteam eine frische Sicht auf eine alte Geschichte, voller Ironie und satirischen Seitenhieben auf heutige Befindlichkeiten.

Und Rossinis Musik - so schwungvoll und federnd wie unter Antonello Manacorda gespielt - begeistert nach wie vor durch  ihre koloraturgespickten Arien und raffinierten Ensembles von hinreißender Vitalität. Die Sänger der Komischen Oper halten da bestens mit. Tansel Akzeybek ist mit hellem Tenor der lässig-lockere Almaviva, Nicole Chevalier eine schlaue, selbstbewußt perlende Rosina und Dominik Köninger mit Hipster-Bart und modisch-gestyltem Dutt beweist sich als baritonaler Maitre de Plaisir, der geschickt seine Fäden zieht. Zwei lustige Nebenrollen: der ein bißchen begriffs-stutzige Musiklehrer Basilio von Tareq Nazmi und die watschelnde, gut gepolsterte Haushälterin Berta der Julia Giebel. Im Mittelpunkt aber Philipp Meierhöfer:  fast schon berührend in der Rolle des gefoppten, wenn auch etwas sturen Dr. Bartolo - am Ende hat er alles verloren: seine Antiquitäten wie sein Mündel.

Auch im Zeitalter des Internets - der alte "Barbiere" zeigt noch immer, was eine echte Theater-Harcke ist!

Premiere: 9.Oktober 2016

Foto: Monika Rittershaus/Komische Oper

 

Nichts für Freunde der klassischen oder zeitgenössischen Oper. Stattdessen ein rund 100 Minuten langer Mix aus dröhnendem Rock-Konzert, hochgepuschtem Musical-Sound und einer schrillen Mode-Revue in bziarren Kostümen. Eine pausenlose Abfolge von Musiknummern, deren roter Ideen-Faden vage an Leben und Tod des italienischen Modezaren Gianni Versace geknüpft ist. Der aber selbst als Person nie in Erscheinung tritt, anders als sein ihn ermordender Liebhaber: der darf sein leidvolles Dasein im Luxus besingen, um dann in eleganter Tanzbewegung das tödliche Messer aufblitzen zu lassen (in Wirklichkeit wurde Versace in Miami erschossen). Auch ein paar antike Personen (Pythia, Medusa - ein Medusakopf war das Firmenzeichen Versaces)) paradieren hüftschwingend und kraftvoll singend zwischen Säulen aus bunten Neon-Leuchten und einem angedeudeten Laufsteg. Links davon unterlegt die Rock-Band "Brandt Brauer Frick", die auch für die musikalische Erfindung der Show einsteht, mit harten Beats die grelle Mode-Revue in der Mitte, rechts tummeln sich "Jedermänner" in weißen T-Shirts und Jeans an einer kleinen Bar. Dazu ständig wechselnde, farbige Licht- und ein paar flammende Video-Effekte. Arrangiert von dem englichen Regisseur und Performer Martin Butler, engagiert gesungen und getanzt im "Voguing"-Schritt von Mitgliedern (Claron McFadden, Seth Carico) und Gästen (Amber Vineyard, Alexander Geist) der Deutschen Oper. Im Prorammzettel wird dieses "Gianni"(Versace)- Spektakel als Parabel über Aufstieg und Fall, Sein und Schein gedeutet. Ein bißchen arg hochgestapelt, dennoch freundlicher Beifall. Offensichtlich sucht die Intendanz der Oper mit dieser Produktion ein neues, jüngeres Publikum, das sonst kaum einen Saal im Haus in der Bismarckstrasse betritt. Ob das klappt, wird sich noch zeigen müssen.

1. "ORFEO ED EURIDICE" von Christoph Willibald Gluck *** Premiere war bei den diesjährigen Festwochen unter Leitung von Daniel Barenboim. Die Aufführungen der Vorstellungen im Juni/Juli - teils mit veränderter Besetzung - dirigierte sein Assistent Domingo Hindoyan - elegant und klangschön. Star des Abends war - wie in der Premiere - der fabelhafte Counter Benjamin Metha, überzeugend in Ausdruck und stimmlicher Beweglichkeit. In Jürgen Flimms Inszenierung steht Orfeo zu Beginn am offenen Grab von Euridice. Er wie auch die (Chor-)Gäste in schlichter, zeitlos-modernem, dunklem Anzug: weiße Rosen werden ins Grab geworfen. Dann erlebt Orfeo - im Geiste und real auf der Bühne - noch einmal seinen Gang in die Unterwelt (schwarzer, fast dekorationsloser Bühnenraum) und das Elyseum (knall-buntes, begehbar-abstaktes Mobile nach einem Frank-Gehry-Entwurf), den zweiten Verlust der Gattin und das durch Amor arrangierte glückliche Ende der Gluck-Oper. Doch Barenboim/Flimm lassen danach nochmals den "Reigen seliger Geister" erklingen und zeigen Orfeo wieder wie am Anfang trauernd an Euridices Grab: war alles nur ein schöner Traum...? 2. "DIE LUFT HIER: SCHARFGESCHNITTEN" von Matthias Hanselmann** Eine 1994 in Stuttgart uraufgeführte, kurze Oper des Komponisten und Musikwissenschaftlers Matthias Hanselmann (geb.1960). Im Mittelpunkt der sieben Szenen: die Auswirkung der Isolationshaft von Ulrike Meinhof auf ihre Psyche, die von ihr bewußt erlebte Zerstörung ihrer Wahrnehmungsfähigkeit. Die Sängerin Olivia Stahn flüstert, raunt, spricht,schreit originale Briefzitate aus dem "Toten Trakt". Kontrastiert und ergänzt durch Szenen mit Gedichten des von Stalin politisch verfolgten Dichters Ossip Mandelstamm. Auch der Opern-Titel ist ein Vers des in Sibirien verschollenen und wohl verscharrten Poeten. Außerdem enthält das Werk Anspielungen auf den Zerfall Jugoslawiens und die iranische Fatwa gegen Salman Rushdie - aber in der Inszenierung von Hans Werner Krösinger für die Werkstatt des Schillertheaters kaum erfahr- und nachvollziehbar. Die Zuschauer sind auf flachen Sitzgelegenheiten im Raum verteilt, ebenso die sechs Instrumentalisten, die vom Dirigenten Max Renne angeleitet werden. Das kleine Sänger/Darsteller/Musiker-Ensemble zeigt viel Engagement, doch das Werk (dessen Textauswahl Ernst Poettgen besorgte) und die Inszenierung bleiben oft rätselhaft und unverständlich - besonders ohne Lektüre des Programm-Blatts. 3. "LUCI MIE TRADITRICI" von Salvatore Sciarrino *** Eine Koproduktion der Staatsoper mit dem Teatro Communale in Bologna (dort Premiere: 14.6.16). Jetzt wurde die 70-minütige Produktion im Schillertheater innerhalb des Festivals für Neues Musiktheater "Infektion!" übernommen. Die Geschichte beruht auf der Eifersuchts-Tat des alt-italienischen Komponiste Carlo Gesualdo, der seine Frau und deren Liebhaber ermordete. Bei Sciarrino jedoch stark abstahiert. Ein Graf, eine Gräfin, ein Gast und ein Diener sind die vier Personen, die in einem bürgerlichen Salon das Spiel von Liebe, Eifersucht und Tod durchexerzieren - in der Inszenierung von Jürgen Flimm gleichsam als makaber-komisches Grusical, einem stilistischem Regie-Mix mit Hang zur Klamotte. Ein wenig Commedia del Arte in der spionierenden Dienerfigur, der exaltierter Psycho-Krieg zwischen dem Ehepaar und ein symbolisch-gotesker Doppelmord am Ende, bei dem der Graf sich hochsymbolisch die riesig-schwarzen Flügel eines Todes-Engels umschnallt, mordet und dann bilanziert: "Lebt wohl! Ich werde auf ewig in Qualen leben!". Musikalisch raffiniert changierend zwischen Geräuschen und Tönen, meist zart und fragil in der Begleitung durch ein kleines Orchester (präzis geleitet von David Robert Colemman), doch mächtig auftrumpfend in den effektvollen (schwierigen) Gesangspartien. Glanzpunkte der Aufführung sind die vier virtuosen Sängerdarsteller (Gräfin:Katharina Kammerloher, Graf:Otto Katzameier, Gast:Lena Haselmann, Diener:Christian Oldenburg), die mit ihrem stupenten musikalischen Temperament und ihrer Spielfreude dem turbulenten Bühnen-Spektakel kräftiges Theaterblut einflösen.

Entführung DOBWolfgang Amadeus Mozarts Türkenoper „Die Entführung aus dem Serail“ ist vor 234 Jahren in Wien uraufgeführt worden. Die Idee der Deutschen Oper: das „alte Werk“ soll von einem jungen Regisseur frisch gesehen und von einem erfahrenen Dirigenten attraktiv geleitet werden – für heutige Generationen. Weitere Werke des Komponisten sollen in den nächsten Spielzeiten folgen, entsprechend diesem Konzept.

An der Bismarckstraße debütiert der Argentinier Rodrigo Garcia (geb, 1964), von dessen provokanten Schauspiel-Inszenierungen die Deutsche Oper sich eine günstige Werbewirkung verspricht, als Musiktheater-Regisseur. Doch ihn interessiert Mozarts Vorlage kaum – weder die Entführungs-Geschichte noch die kulturell unterschiedlich geprägten Personen. Stattdessen schmückt er die einzelnen Szenen mit üppigen, optischen Einfällen aus und reiht sie zu einer comic-grellen Show – zwischen Fitness-Studio und Sex-Club. Schon die Ouvertüre gibt den Ton vor. In einer waghalsigen Video-Fahrt rast die männliche Hauptperson Belmonte, begleitet von zwei Nutten, in einem roten Sportwagen tollkühn über Land und Wasser. Die Musik, obwohl vom Orchester fein ziseliert, dient nur noch zur flotten Untermalung. Am Ende dieser Einleitung rollt das kuriose rote Cabrio auf mächtigen Baggerrädern real auf die Bühne, wo ein noch jugendlicher Haremswächter Osmin den Zutritt zu Bassa Selims Palast verwehren will. Dieser Bassa ist zu einer sportlichen, farbigen Frau mutiert (klar artikulierend: TV-Moderatorin Annabelle Mandeng), die Zuneigung zu Konstanze erhält so lesbische Züge. Überhaupt dominiert der Sex: kaum besingt Belmonte seine Freude, die Geliebte wieder zu treffen, schon sieht man ihn im Video-Film, wie er mit den beiden Nutten zur Sache geht. Konstanzes Interesse gehört dagegen eher der körperlichen Fitness: im Trainingslauf besingt sie ihr trauriges Schicksal und als Selim ihre Zurückweisung mit der saloppen Bemerkung quittiert: „manchmal könnte ich dich töten“ , jubelt sie über „Martern aller Arten“ zwischen einer Chorusline zahlloser Statistinnen, die modische Damen-Unterwäsche in Schwarz und Weiß vorführen. Auch Drogen spielen wohl noch eine Rolle in diesem seltsam dunkel-glatten „Serail“, in dem das berühmte Quartett der beiden Liebespaare, in dem es um Treue, Hoffnung, Zweifel und wahre Gefühle geht, in einer gymnastischen Sex-Orgie endet. Das Opern-Ende bleibt - im Gegensatz zu den herkömmlichen Dialogen, die durch flappsige Sprüche in englicher Sprache ersetzt werden – erhalten: nach der filmreifen Verhinderung der Entführung (Star-Wars lassen grüßen!) verabschiedet der weibliche Bassa die gefangenen Paare in die Freiheit, nicht ohne skeptische Bemerkungen über deren chaotisch-erotische Zukunft.

Ein knallig bunter Jungmännertraum, eine Hochglanz-Inszenierung für Freunde der Muskel-Buden, durchaus effekt- und wirkungsvoll. Doch die Personen bleiben Pappkameraden oder - in den besten Momenten - lustige Comic-Figuren. Mozart hat aber differenzierte, menschliche Charaktere geschaffen, ihre Psychologie musikalisch fein verästelt. Darunter leiden in erster Linie die durchweg sehr jungen Sänger: alle technisch gut ausgebildet, klar und sauber singend, lässt ihnen die Regie keine Möglichkeit, ihr Inneres, ihr Herz zu zeigen. Kathryn Lewek (Konstanze), Siobhan Stagg (Blonde), Matthew Newlin (Belmonte), James Kryshak (Pedrillo) machen gute Figur, bleiben jedoch ohne Charakter. Nur Tobias Kehrer vermag - mit flüssigen Baß - seinem Osmin ein wenig Persönlichkeit zu verleihen. Auch Generalmusikdirektor Donald Runnicles und sein klangschön spielendes Orchester vermögen sich nur in einigen Passagen durchzusetzen. Fast jede differenziert die Tief- und Vielschichtigkeit von Mozarts Musik ausleuchtende Passage wird durch die plakativ-glatte Bühnen-Show überdeckt.

Schade. Aber Mozarts Opern fordern nun mal eine ebenso phantasievolle wie genaue Personen-Regie - szenisch und musikalisch.

Premiere: 17.Juni 2016  (empfohlen ab 16 Jahren)                                                                             Foto:Thomas Aurin/Deutsche Oper Berlin

Ein gewagter - aber wie sich schnell herausstellt - überzeugender Griff: Damiano Michieletto,nicht unumstrittener, aber weltweit gefragter italienischer Regisseur, der nun in Berlin debütiert, verlegt das Märchen vom Aschenputtel in einen heutigen, etwas biederen Ballettsalon. Lucette, wie das Aschenputtel in der französischen Oper „Cendrillon“ von Jules Massenet (UA: 1899 in Paris) heißt, kämpft im Tanzsaal ihrer strengen Stiefmutter um die Primadonnen-Rolle im geplanten Ballett. Doch ein Sturtz verhindert alle Träume: mit geschientem, schmerzendem Bein wird sie im Krankenbett hereingefahren. Bis eine Gruppe alter Frauen – die Feen – der Unglücklichen zu Hilfe kommen und „Sternenflitter“ aus ihren spießigen Handtaschen streuen. Im Fiebertraum erlebt nun Lucette ihren großen, vollendet getanzten Pas-de-Deux mit dem „Prince Charmant“, dem von seinem Manager-Vater brutal getrimmten Ersten Tänzer, bis auch hier ein fataler Sturz sie wieder in die böse Realität und tiefe Verzweiflung zurückkatapultiert. Doch ein Happy End scheint möglich: der Erste Tänzer hat von den ständigen Zwängen genug, wirft die Ballettschuhe wütend weg und verlässt mit dem hinkenden Aschenputtel die muffigen Tanz-Trimm-Schule: in eine menschlichere Zukunft? Wunderbar wie Regisseur Michieletto und sein Team mit diesem dramaturgischen Trick die Märchenwelt mit der Wirklichkeit verbindet und durch sorgfaltige Personenführung und phantasievolle Szenen-Details immer in schönre Balance hält. Aus Märchenfiguren werden echte Personen und menschliche Charaktere - nicht nur die Tänzerin Lucette, der ein Beinbruch die berufliche Laufbahn vermasselt und der Erste Tänzer, der als Prince Charmant von seinem Impressario-Vater nur brutal ausgenutzt wird, sondern auch die Nebenfiguren zeigen nun Haltung und Profil . Aschenputtels Vater entlarvt sich als Pantoffelheld, die Stiefmutter gleicht einer herzlosen Sport-Trainerin, die ihre beiden Töchter - Lucettes Stiefschwestern - zu willenlosen Kopfnickern unterdrückt. Und aus den Feen werden alte Frauen: gütig. freundlich und hilfsbereit. Kongenial auch das Team um den Regisseurs : Sabine Franz choreographiert träumerisch im klassischen Ballett-Stil, der Bühnenbildner Paolo Fantin stattet den neon-kalten Tanzraum so schön wie scheußlich aus, Klaus Bruns mischt üppige Chiffon-Tütus mit schlichten Trainings-Klamotten, und Alessando Carletti zeigt durch raffinierte Ausleuchtung die dramatisch-schockierenden Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit. Trefflich ist die Besetzung der Hauptpartien: Sänger, die darstellerisch wie musikalisch überzeugen. Nadja Mchantaf ist ein sehr vitales Aschenputtel, glücksstrahlend im Spitzenschuh, verzweifelt mit stahlgeschientem Bein, ein Mezzosopran von leuchtender Intensität. In der Hosenrolle des Prince Charmant überzeugt Karolina Gumos durch leidenschaftliche, aber gezügelte Gestik und durch eine dunkel timbrierte Samt-Stimme. Unter der Alt-Mütterchen-Perücke der guten Fee lässt Mari Eriksmoen hübsche Koloraturen glitzern. Agnes Zwierko ist die harsche Stiefmutter und Trainerin, Werner Van Mechelen der graumäusige Vater und Pantoffelheld. Der Chor der Komischen Oper (Einstudierung: Andrew Crooks) macht seinem guten Ruf wieder alle Ehre: ob im transvestitischen Ballett-Kostüm oder hässlichen Trainingshosen sitzen Stimme wie Gestik perfekt. Dirigent Henrik Nánási hält die musikalischen Fäden fest in der Hand, gelegentlich zu ruppig, lässt jedoch in den lyrischen Passagen die Stimmen auf der Bühne wie im Orchester mit schöner Delikatesse aufblühen. Man mag es kaum glauben: Jules Massenets „Cendrillon“ wird 117 Jahre nach seiner Uraufführung erstmals in Berlin gespielt. Dank der klugen Regie und der trefflichen Musiker kann dieses französische Aschenputtel jetzt endlich auch beim deutschen Publikum triumphieren. Premiere: 12.Juni 2016, weitere Vorstellungen: 16./19./26./29.Juni/ 02./10.Juli 2016

Balanchine Jewels Foto by Carlos Quezada DSC6114George Balanchine, einer der bedeutensten Choreographen des 20.Jahrhunderts, Gründer und langjähriger Leiter des "New York City Ballet", verband 1967 drei tänzerische Preziosen zu einem seiner bewunderten, neo-klassischen Ballett-Abenden. Drei brilliant geschliffene, je halbstündige Stücke unterschiedlichsten Charakters, getanzt von den damaligen Stars seines berühmten Ensembles. Ohne Handlung, aber inspiriert vom Geist der jeweils gewählten Musik.

1."Esmeralds"(Smaragde), ein Divertissement für zwei Solopaare, drei Solisten und einem weibllichen Corps de Ballet, beruht auf zwei Bühnenmusiken von Gabriel Fauré("Pelléas und Melisnade"/"Shylock"). Es sind phantasievolle Variationen klassischern Tanzes, bestechend in seiner leicht melancholischen Anmut und spielerischen Grazie, wobei die ausgefeilten Armhaltungen ('Port de Bras') der Damen - die lange, romantischen Tutüs tragen - diesen "Smaragden" einen raffiniert-optischen Akzent verleihen. Die Grundfarbe der Ausstattung ist grün.

2."Rubies"(Rubine) - konzipiert für ein Solo-Paar, eine Solistin und ein gemischtes Corps de ballet - nutzt das 1929 enstandene "Capriccio für Klavier und Orchester" von Igor Strawinsky (mit dem Balanchine eine lebenslange Freundschaft verband) zu einer furiosen Tanz-Show in leuchtendem Rot. Witzig und anspielungsreich auf Zirkus- und Musical-Elemente, getanzt in hohem Tempo, vielfach mit hochgezogenen, angewinckelten Beinen, gleichsam die tänzerische Interpretation des von kecken Fugato-Teilen durchzogenen "Capriccio" von Strawinsky.

3."Diamonds"(Diamanten) bilden in strahlendem Weiß die abschließende Krönung der getanzten Preziosen. Zu Peter Tschaikowskys 3.Symphonie (ohne deren erstem Satz) demonstrieren ein Solo-Paar, mehrere Solisten und ein sehr großes Corps de ballet Glanz und Größe der alten St.Petersburger Ballett-Schule, der Balanchine entstammt, geformt jedoch aus moderner Sicht und endend in einer fulminanten Polonaise, in der sich die Stilmittel der amerikanische Chorusline und der russischen Ballett- Tadition ebenso mitreißend wie prachtvoll verbinden.

Das Staatsballett Berlin hat sich dieses Balanchine-Werkes mit großem Engagemant angenommen. Eine neue Ausstattung durch zwei spanische Künstler - den Dekorateur Pepe Leal und den Modeschöpfer Lorenzo Cprile - wurde angefertigt und bewährte Tänzer und Alt-Mitglieder des New York City Ballets haben die Choreographie mit den hiesigen Tänzern trefflich einstudiert. Leider stehen zur Zeit überragende Solisten-Persönlichkeiten dem Staatsballett nicht zur Verfügung, dennoch wird gut getanzt und dank der überragenden Balanchine-Choreographie überzeugt das Berliner Ensemble weitgehend und erzielt für dieses hübsche Schmuck-Kästchen beim Publikum einen großen, teils begeisterten Erfolg.

Foto: Tomas Quezada / Staatsballett Berlin