JulietteMichel ist Buchhändler in Paris und begibt sich auf die Suche nach einer fernen Geliebten: Juliette, die er einmal vor Jahren an einem Fenster in einer kleinen Stadt gesehen hat. Doch er landet in einer absurden Welt: er wird umschmeichelt und bewundert, aber auch betrogen und umhergejagt, einmal sogar fast gelyncht. Er begegnet alten und jungen Arabern, Matrosen, Polizisten, einer Fischverkäuferin und Handleserin, einem Bettler und einem Nachtwächter, bis er plötzlich die Stimmer der ersehnten Juliette aus einem Fenster hört. Ein Rendezvous kommt zu Stande,in dem Michel erregt seine Gefühle offenbart, das aber mit einem Schuß endet. So steht Michel am Schluß vor dem "Zentralkommisariat der Träume", schuldgeplagt, in weißen Nebelwolken gleichsam vor dem Nichts, bis er plötzlich wieder die geliebte Stimme hört...

"Juliette oder der Schlüssel der Träume" heißt das surreale Theaterstück von Georges Neveux, nach dem sich der tschechische Komponist Bohuslav Martinu in den 1930er Jahren - mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors - eine dreiaktige Oper schuf (UA Prag,1938). Eine schillernd-bunte Collage unterschiedlichster musikalischer Stile: Impressionistische Klangzauberei à la Debussy, rhytmische Härten wie nach Art Strawinsky's, ein bißchen Operette, Jazz und Kabaret, zartes Triangel-Geklingel und aufrauschende Streicherwucht. Alles aber in eine raffiniert-ausgewogene Balance gebracht und zu musikalischem Surrealismus verschmolzen.

Daniel Barenboim und seine Staatskapelle verfügen über die nötige Erfahrung und das virtuose Können diesen schillernden Klang-Kosmos elegant zu entfalten und zu effektvoll leuchtender Wirkung zu bringen. Regisseur Claus Guth hat sich von Alfred Peter einen hellen Bühnenkasten bauen lassen: mit vielen auf- und zuklappenden Türen, Fensterchen oder Bodenlucken. Wie chaplineske Figuren purzeln, hüpfen oder springen die Figuren durch diese kafkaeske Welt - singend, tanzend oder gelegentlich auch mal sprechend. Auf die Sekunde ist jede Bewegung dieser merkwürdigen Alltags-Personen getaktet, komisch-absurde Opern-Marionetten, lustig und befremdlich zugleich.

Im Mittelpunkt dieses fast drei-einhalbstündigen (und damit zu langen) Abends steht jedoch nicht die Titelfigur Juliette, der Magdalena Kozená im roten Kleid und mit geschmeidiger Stimme eine sanft-prägende Gestalt verleiht, sondern vielmehr der Michel des Rolando Villazón. Eine Monster-Partie, die jedem Tenor das Äußerste abfordert. Villazón, einst Weltstar in seinem Fach, hat durch Krankheit seinen stimmlichen Glanz verloren. Doch er nutzt die inzwischen brüchige Stimme in dieser selten gespielten Oper sehr geschickt als charakterlichen Ausdruck für die Zwiespältigkeit eines Traumtänzers zwischen Wahn und Realität. Verstärkt durch seine großen, schauspielerischen Fähigkeiten wird so dieser Michel zu einem jener traurig-komischen Clowns wie sie - ebenfalls in der zwanziger und dreißiger Jahren und in der Welt des Films - Charlie Chaplin so unvergesslich erschuf. Und die beide mit den gleichen großen, schwarz-umrandeten Augen ausdauernd und zäh ihren Platz in einer unverständlichen Welt zu behaupten versuchten.

Großer Beifall für einen ungewöhnlichen Musiktheater-Abend.

Premiere: 28.Mai 2016                                                                                                                      Foto: Monika Rittershaus /Staatsoper Berlin

Geschichten Wiener WaldSommertag an einem großen Fluß: im Hintergrund wird dieser Strom von einer riesigen Beton-Brücke überspannt, im Vordergrund parken Autos, sonnen sich Leute in Liegestühlen, grillen, lassen Papierdrachen steigen oder fotografieren. Eigentlich soll zwischen Marianne, der jungen Tochter des Puppenhändlers Zauberkönig, und dem Metzger Oscar Verlobung gefeiert werden, aber die Braut überlegt’s sich anders und brennt mit dem Filou Alfred, dem Ex-Lover der Tankstellenpächterin Valerie, durch. Später bekommt Marianne ein Kind von Alfred, gibt’s zur Pflege ihrer Großmutter in der Wachau, die lässt es aber umkommen. Marianne trennt sich von Alfred, gerät ins Rotlichtmilieu und auf Grund falscher Anschuldigung ins Gefängnis. Und am Ende landet sie – resigniert – doch noch in des Metzger Oscars Armen.

Ödön von Horváth erfand dieses teils satirische, teils bitterböse Kleinbürger-Drama, in der sich schon die kommenden brauen Zeiten andeuten, am Ende der 1920er Jahre. Der österreichische Komponist HK Gruber hat das viel gespielte Theaterstück 2014 für die Bregenzer Festspiele in eine zeitgenössische Oper verwandelt: ein musikalischer Mix aus harten, aktuellen Klängen und schrägen Zitaten von der Klassik bis heute, eine mal brutale, mal lyrisch-sanfte Musik, die den Sängern aber viel Parlando mit gelegentlich ariosen Einschüben bietet. Strawinsky, Weill oder Eissler scheinen zusammen mit dem Wiener Walzer durch einen modernen Fleischwolf gedreht! Nicht jeden wird dieser Cocktail überzeugen!

Der polnische Regisseur Michal Zadra und sein Ausstattunges-Team verlegen die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in eine nicht genau geortete Gegenwart: die Autos sind schon etwas ältere Modelle, tragen Berliner Kennzeichen, die Freizeit-Klamotten zeigen aktuellen Schnitt und Farbe, gezahlt wird bei der Tankstelle aber in Schilling. Die bei Horváth noch deutliche, bissige Gesellschafts-Kritik tritt in den Hintergrund zu Gunsten der privaten Personen und ihrer Gefühle, die sich in der Musik weit treffender entfalten können als gesellschaftliche oder politische Zustände. Zugleich ist der Regisseur ein überzeugter Anhänger der Brechtschen Verfremdungstechnik, weshalb er die die verschiedenen Handlungen und Figuren einerseits realistisch an- oder ausspielen lässt, andererseits aber immer wieder Bühnenarbeiter und Maskenbildner den Darstellern die notwendigen Requisiten überreichen, Kulissenteile umherschieben oder vor allem die Autokarossen ständig rein- oder rausziehen müssen. Trotz dieser drehbar-aufwendigen Bühnenszenerie, trotz der raffinierten Autofahrten mittels Video und trotz der effektvoll arrangierter Ensemble-Nummern fügt sich die Inszenierung nicht zu einem kritischen und warnenden Volkstheater (gerade heute!), sondern lediglich zu einer bunt-pittoresken Show mit mehr oder weniger berührenden Momenten. Horváth entschärft und entgiftet.

Musikalisch wird der Abend von baltischen Dirigenten Hendrik Vestmann bestens geleitet, das Orchester der Komischen Oper bewährt sich in dieser Mischung unterschiedlichster Musikstile hervorragend und das Sängerensemble ist durchwegs gut bei Stimme, wenn auch nicht immer rollen-typisch besetzt. Tom Erik Lie als Alfred besitzt einen schönen Bariton aber kaum den Charme eines Strizzi. Mit seinem hellem Tenor bleibt Adrian Strooper als Metzger Oscar ein netter junger Mann ohne jede Bösartigkeit. Ursula Hesse von den Steinen spielt die abgebrühte „Trafikantin“ Valerie etwas klischeehaft, überzeugt aber durch prachtvollen Mezzosopran. Baß Jens Larsen verkörpert den „Zauberkönig“ als zwiespältig-schillernde Vaterfigur. In der winzigen Nebenrolle der Großmutter beweist Karen Armstrong ihre bekannte Bühnenpräsenz. Herausragend aber singt und spielt Cornelia Zink die zentrale Figur der Marianne: ein Sopran der (auch in extremen Höhen) leuchtenden und klaren Töne, darstellerisch treffend das Porträt einer zu Beginn lebenslustigen, am Ende durch schlimme Erfahrungen fast gebrochenen jungen Frau.

Freundlicher Beifall für alle Mitwirkenden einschließlich des anwesenden Komponisten, ein paar Buhs für die Regie und Ovationen für Cornelia Zink.

Premiere: 22.Mai 2016                                                                                                                    Foto: Iko Frese/drama-berlin.de/Komische Oper

Die Story: Im Morgengrauen wartet der Fischer Olai auf die Geburt seines Sohnes. Aus dem Nebenzimmer dringen ab und zu die Schreie seiner in den Wehen liegenden Frau. Olai vollzieht in Gedanken die Geburt des Sohnes mit. Die Hebamme überbringt die Nachricht vom glücklichen Ausgang: Mutter und Kind sind wohlauf. Wie soll der Sohn heißen? Johannes antwortet Olai. Viele Jahre später. Der Sohn Johannes hat sein Leben ebenfalls als Fischer verbracht. Jetzt - in der Abenddämmerung - ist er alt, sein toter Freund Peter, mit dem er gemeinsam auf Fang war, erscheint und plaudert mit ihm, ebenso sein tote Frau Erna. Als aber die (noch lebende) Tochter Sigune nach ihrem alten Vater schauen will, findet sie ihn mehr im Haus vor. Johnnes erkennt - gelassen und heiter -, daß er schon gestorben ist. Diese Geschichte erzählt der - vor einigen Jahren vielgespielte - norwegische Stückschreiber und Buchautor Jan Fosse in seinem im Jahr 2000 erschienen Roman "Morgen und Abend", den er selbst für den österreichischen Komponisten Georg Freidrich Haas(geb.1953) zum Libretto umgestaltet hat. Haas hat - im Auftrag von Covent Garden London und der Deutschen Oper Berlin - ein zweiteiligen, aber pausenlos ineinander verschränktes Musiktheater von rund 90 Minuten Länge geschaffen. Die durchaus harmonisch empfundene Musik besteht aus langen, oszillierenden Klangflächen, die mal laut, mal leise an- und abschwellen, sich über kaum wahrnembare Viertel- oder Sechzehntel Tonstufen hoch- oder in die Tiefe schrauben. Darüber in gemäßigter Deklamation die Sänger-Darsteller, manchmal mit ariosen Einschüben. Zwei umfangreiche Schlagwerke, die rechts und links neben der Bühne aufgebaut sind, sorgen immer wieder für laut und kräftig dazwischen fahrende Akzente. Doch so vielschichtig und farbenreich die Partitur im Detail ausgearbeitet ist, insgesamt bleibt sich der Eindruck beim Zuhörer/schauer über die ganzen anderthalb Stunden recht ähnlich und scheint sich in leicht abgestuften Wiederholungen zu verlieren. Die Bühne ist ein offener, nur karg bestückter Raum mit heller Rückwand, auf die der deutsch-gesungene Text in unterschiedlichen Zeilen- und Buchstabenformen projeziert werden (und wegen ihrer Helligkeit nur schwer zu lesen sind). Eine frei stehende Türe, ein Bett, ein Stuhl und ein Boot - alles Grau in Grau. Ebenso farblos die Kostüme, deren einfacher Schnitt den 1950er Jahren entstammen könnte (Ausstattung: Richard Hudson). Graham Vick, der für die Inzenierung in London wie Berlin zeichnet, führt die Personen einsichtig, ruhig und klar, Dramatisches bleibt außen vor, karge Aktion in matter Farbe beherrscht die sich im Schneckentempo bewegende Dreh-Bühne. Olai, der Vater, der die Geburt seines Sohne verfolgt, ist als Sprechrolle angelegt: Klaus Maria Brandauer zeichnet ihn mit melodramatisch gesetztem Akzent als leicht dementen alten Mann. Dem in seinen Tod wandelnden Sohn Johannes verleiht der Sänger Christoph Pohl mit seinem (für diese Rolle) fast zu kräftig-kernigen Bariton markante Züge. Von den kleinen Nebenrollen wirkt Sarah Wegener als Hebamme am überzeugendsten (in ihrer zweiten Rolle als Tochter bleibt sie blasser), Will Hartmann ist der tenorale, tote Freund, Helena Rasker die verstorbene Ehefrau. Michael Boder leitet den unsichtbaren, Vocalisen singenden Chor (Einstudierung: William Spaulding) und das im Graben befindliche Orchester sorgt - zusammen mit den Akteueren auf der Bühne - für einen ausgeglichenen und ansprechenden Gesamteindruck dieser deutschen Erstaufführung von Georg Friedrich Haas' neuer Oper. Musiktheater zum Thema Tod, ohne jede religiöse Überhöhung, aber auch ohne "theatraliches" Leben: purer Minimalismus, Grau in Grau. Premiere:29.April; weitere Vorstellungen: 03.,11.,22.Mai 2016

Amor vienAn ihrem Hochzeitstag mit König Turno begegnet Lavinia, Tochter des Herrschers von Latium, dem aus Troja ankommenden Helden Enea. Sie erkennt in ihm ihren Traum-Mann und auch Enea ist sofort in die ihm noch unbekannte junge Schönheit verliebt. Doch bis sich das Paar endgültig findet, vergehen gut dreieinhalb Opern-Stunden voller Missverständnis, Enttäuschung, Eifersucht und schließlich versöhnender Liebe. Musikalisch: eine schier endlose Abfolge von Rezitativen und Arien, gespickt mit raffinierten Koloraturen, Rouladen und Verzierungen aller Art. Duette gibt es kaum, Chorensembles – gesungen von den Solisten – nur zu Beginn und am glücklichen Ende. Es ist eine sehr gefällige Musik, abwechslungsreich in ihren unterschiedlichen Stimmungen und außergewöhnlich farbig in der Instrumentation. Klangschönes Stimmfutter für virtuose Sänger und perfekte Instrumentalisten.

Der aus dem Veneto stammende Agostino Steffani hat diese Oper – neben seiner Tätigkeit als Diplomat der römischen Kurie – für den kurfürstlichen Hof in Düsseldorf geschrieben, dort wurde sie 1709 uraufgeführt – danach verschwand sie in den Archiven.

Jetzt hat der umtriebige René Jacobs den barocken Liebesreigen erstmals wieder für eine Theateraufführung bearbeitet und zusammen mit der „Akademie für Alte Musik“ und einer exzellenten Sänger-Schar in der Staatsoper im Schillertheater einem begeisterten Publikum vorgestellt. Klar: er ist dabei die treibende und inspirierende Kraft, feuert Sänger und Musiker an, sorgt aber zugleich für die Balance zwischen theatralischer Dramatik, lyrischem Innehalten und gelegentlich draller Komik.

Komik ist auch das Stichwort für die klug durchdachte Regie von Ingo Kerkhof – grell geschmikt, mit bizarren Frisuren und Barock-Kleidern aus weißer Seide tanzen die Personen wie elegante Marionetten um den Orchestergraben herum, verstecken sich gelegentlich in einem hohen Schilf-Gebirge auf der Hinter-Bühne oder spielen olympische Götter mit goldenen Halb-Masken vor roten Samtvorhängen. Dennoch werden die Empfindungen der Personen nie der Lächerlichkeit preisgegeben, dürfen die hohen Paare ihre inneren Gefühle (die bis zum Wahnsinn gehen können) so wirkungsvoll wie sensibel aussingen, während das komische Dienerpaar, besonders die von einem Tenor gespielte Amme, knalligen Komödienstadl bietet.

Sicherlich keine Meister-Oper, dazu bleibt sie zu höfisch-konventionell, aber eine reizvolle Ausgrabung, fabelhaft musiziert, prachtvoll gesungen (Katarina Bradic, Robin Johannsen, Olivia Vermeulen, Jerremy Ovenden. Mark Milhofer, Gyula Orendt, Rupert Enticknap) und mit Witz und Ironie effektvoll präsentiert. Ein hübsches Bonbon - nicht nur für die Freunde „alter“ Musik.

Premiere :23.April 2016       Foto: Thomas M.Jauk /Staatsoper Berlin

Don Carlos CGroßer Ehrgeiz eines mittleren Stadt-Theaters: Giuseppe Verdis groß-dimensionierte Oper soll auch mit bescheideneren Mittel ihre volle Wirkung ausspielen. Das gelingt nur partiell. Der erste Akt, der im französischen Fontaineblau spielt (und in der hier gezeigten italienischen Fassung normalerweise weggelassen wird), ist stark verkürzt, spielt auf der Vorderbühne vor einer Wald-Tapete und erzählt knapp die Vorgeschichte des königlichen Dramas. Danach der Ortswechsel in ein finsteres Spanien: flache Treppen beherrschen die Spielfläche, glatte, schwarze Wände, gelegentlich ein paar Kreuze sollen die düstere Atmosphäre beschwören.

Die Personenregie (Intendant Martin Schüler) beschränkt sich auf ein exzessives Trepp-Auf und Trepp-Ab, der Chor müht sich an der Rampe, den Blick meist ins Parkett (oder zum Dirigenten) gerichtet. Musikalisch verleiht Generaldirigent Evan Christ dem historischen Liebes-und Inquisitions-Drama zügiges Tempo und schillernde Farbe, bleibt aber dem melodiösen Glanz gelegentlich Einiges schuldig. Sängerisch und darstellerisch triumphieren die tiefen Männer-Stimmen: allen voran Andreas Jäpel als Posa mit samtig-glänzendem Bariton und Tilman Rönnebeck als männlich-kraftvoller König Philipp. Aber auch Chrstian Henneberg in der zum Bariton gewandelten Mini-Rolle des Grafen Lerma lässt aufhorchen. Temperamentvoll und mit dramatischem Elan: die Eboli von Marlene Lichtenberg – leider fiel ihr hübsches Schleier-Lied (wie auch einige andere Noten) der kürzenden Schere zum Opfer, um den Abend auf 3 Stunden zu begrenzen. Das zentrale Paar Elisabeth-Carlos (Stella Mortina und Jens Klaus Wilde) zeigt sich darstellerisch sehr engagiert, ist musikalisch jedoch - trotz kraftvollen Stimmeinsatzes - nur eingeschränkt überzeugend.

So bleibt am Schluß bei allem freundlichen Beifall des Publikums die Frage offen, ob hier das richtige Stück für den richtigen Ort gewählt wurde. Vielleicht wäre eine "halbszenischen" Aufführung (in Cottbus bestens bewährt!) die glücklichere Entscheidung gewesen.

Premiere: 16.April 2016                                                                 

Foto: Marlies Kross /Staatstheater Cottbus

heute nacht oder nieDer Vorhang geschlossen, davor gruppiert sich - auf flachen Treppenstufen - das Orchester der Komischen Oper, vom Flügel aus - vorne links - leitet und dirigiert Kai Tietje den anderhalb-stündigen, pausenlosen Abend: vorwiegend Musik aus den „goldenen“ Zwanziger und beginnenden Dreißiger Jahren. Es sind Kompositionen des russisch-jüdischen Musikers Mischa Spoliansky, einer Ikone des Kabaretts, der Revuen und des fühen Tonfilms im damaligen Berlin. Später musst er – wie viele seiner Kollegen – ins Exil, in England fand er dann eine neue, nicht nur musikalische Heimat.

Sieben Solisten der Komischen Oper, darunter die Geschwister Pfister, singen und tanzen – zwischen den Orchestermusikern – Spolianskiy’s flotte Melodien, überwiegend Auschnitte aus legendären Revuen wie „Es liegt in der Luft“ , „Wie wird ich reich und glücklich“ oder aus den ersten Tonfilmen jener Zeit wie das titelgebende „Heute Nacht oder nie“ (aus dem – wie damals üblich - in drei Sprachen gedrehten Ufa-Streifen „Das Lied einer Nacht“). Doch es ist keine simple Schlagerparade mehr oder weniger bekannter Oldies, sondern das Arrangement (Inszenierung: Stefan Huber) zielt auf die doppelten Seiten der damaligen Unterhaltungs-Musik: ihren witzig-eleganten Pfiff und äußerlichen Glamour wie auch ihren düster-politischen Unterton.

Alle Sänger treten im typisierendem Kostüm auf: das liebessüchtige Fräulein, der prollige Taxichauffeur, der piefige Beamte, der schüchterne Provinzler. Natürlich sind die 3 Pfister dabei der Clou: Ursli (Christopf Marti) als die Lesbe, mit schwarz umrandeten Augen ein morphiumsüchtiger Anita-Berber-Verschnitt, Toni als übergewichtiger, fettwanstiger Kapitalisten-Boss und Andreja Schneider mit viel Temperament und grünem Lockenschopf eine grelle Hure. Gelegentlich hüpften noch vier Girls und Boys (soweit Platz vorhanden) als Mini-Chorus umher: The Show must go on!

Spoliansky’s ebenso facetten- wie einfallsreiche Musik, die satirisch-witzigen Texte (u.a. Marcellus Schiffer, Georg Kaiser, Robert Gilbert)und die schmissige Interpretation durch Sänger wie Orchester, werden mit viel Beifall belohnt. Der Tanz auf dem Vulkan beginnt...

Premiere: 1.April 2016   

Wer kennt noch den Komponisten Heinrich Marschner? 1795 in Zittau geboren und 1861 als Hofkapellmeister in Hannover gestorben, erzielte er mit seinen romsntischen Opern beachtlichen Erfolg bei seinen Zeitgenossen, heute dagegen ist sein Werk weitgehend vergessen. Gelegentlich taucht sein Drei-Akter "Hans Heiling" (Berlin,1833) auf einer deutschen Bühne auf, jetzt versucht die Komische Oper seinem "Vamyr" (Leipzig, 1828) frisches Theaterblut einzuflössen.
Doch wie läßt sich ein heutiges Publikum für die Schauerromantik des frühen 19.Jahrhunderts - zwischen Webers "Freischütz" und Wagners "Fliegendem Holländer" - begeistern?
Ganz einfach: aus der ürsprünglich fast dreistündigen, biedermeierlichen Grusel-Oper wird ein modisch-flottes Splatter-Musical von gerade mal 90 (pausenlosen) Minuten:  temporeich, kunterbunt, schräg und mit dick aufgetragener Ironie.
Der junge Regie-Star Antú Romero Nunes, in Berlin erfolgreich am Maxim-Gorki-Theater (u.a."Rocco und seine Brüder", "Die Räuber"), läßt die Puppen heftig tanzen: schon während der ersten Arie zerrt der titelgebende Vampyr-Lord, im weiß-gebleichten Ganzkörper-Trikot, eine Zuschauerin aus der ersten Parkettreihe auf die um den Orchestergraben laufende Vorderbühne und schlachtet sie blutig aus. Im Hintergrund kommentiert der Chor als eine graue Masse Untoter das gruselige Geschehen, hin- und her-schwankend vor rießien Fledermaus-Flügeln und einem riesigen, gläsernen Kelch voll rot-perlenden Saftes. Dann senken sich Kulissen aus dem Bühnenhimmel und verlängern auf schiefe Weise das Bühnen-Portal ins Unendliche, und gleich putzigen Marionetten trudeln der aldlige Vater Sir Humphrey und sein Töchterchen Malwina im geblümten Reifrock herein: bereit zur Hochzeit mit dem Vampyr. Und eine Abendgesellschaft in elegant-roten Seiden- Roben tanzt zierlich die Polonaise. Natürlich hat auch ein eifersüchtiger Liebhaber in groß-kariertem Anzug und Zylinder noch mitzureden, beziehungsweise zu singen, eine weitere Dame aus den hinteren Parkettreihen mischt sich auch noch ein - und natürlich treibt alles - dank Beil und Messer -  auf ein blutig-spritziges Ende zu:  auch ein Vampyr darf heute nicht ewig leben.
Musikalisch dominiert die Musik Marschners, eine gefällige Mischung aus Volkslied und italienisch inspiriertem Belcanto - ein bißchen behäbig, aber vom Orcheter unter Leitung des Holländers Antony Hermus zügig zu ansprechendem Klingen gebracht (auch wenn der nette Dirigent einmal von bösen Vampyr heftigst drangsaliert wird). Johannes Hofmann hat gelegentlich der Musik Marschners noch ein paar neue, elektronisch-anschwellende Töne hinzugefügt, um so dem grellen Kasperle-Theater den komisch-überdrehten Gruseleffekt zu verpassen. Sängerisch (Heiko Trinsinger, Jens Larsen, Nicole Chevalier u.a.) bietet der Abend eher durchschnittliche Qualität, dafür darf aber darstellerisch so kräftig aufgetrumpht werden, daß die glatt polierten Bühnenbretter sich sichtbar biegen.
Das Publikum hat sich sehr amüsiert.

Foto: Komische Oper Berlin/Iko Freese drama-berlin.de


nächste Vorstellungen: 26.März// 3./17./23.April//5.Juli 2016


Emilia Marty ist eine schöne und berühmte Opern-Sängerin, doch sie hat ein seltsames Geheimnis: dank eines Elixirs, das einer ihrer Vorfahren für den Habsburger Kaiserhof entwickelte, ist sie über 300 Jahre alt, hat viele Liebhaber und auch Kinder gehabt, doch jetzt (in den 1920er Jahren) naht ihr Ende. Verzweifelt sucht sie - um ihr Leben nochmals zu verlängern - nach dem Rezept des Wundermittels, das sie vor langer Zeit einem ihrer Geliebten überließ. Durch Zufall wird sie in einer Anwaltskanzlei Zeugin eines Erbschaftsstreits und findet dadurch den heutigen Besitzer des Zauberformel-Dekrets, der sogenannten "Sache Makropulos". Der Preis dafür ist eine Liebesnacht. Doch als sie das Wundermittel in den Händen hält, wird ihr plötzlich klar, was diese Lebensverlängerung bedeutet: ein ewiger Kreislauf dessen, was sie schon so oft erlebt hat. Sie verzichtet und stirbt.

Aus dieser leicht surrealen Theaterkomödie hat Leos Janácek eine kurze Oper in drei Akten geformt: eine dramatische Reflexion über Leben und Tod. 1926 in Brünn uraufgeführt, spiegelt das Werk den Spätstil des tschechischen Komponisten mit seinen flüßig.funkelnden Parlando-Passagen und den gewaltigen, lyrischen Orchester-Aufschwüngen.
Doch der theatralische Mix aus Vergangenem und Gegenwärtigem, aus Realismus und Groteske erweist sich auf der Bühne oft als schwieriges Unterfangen und stellt die Regie vor große Probleme.
Auch die neue szenische - nicht die musikalische! - Realisierung an der Deutschen Oper scheitert an dem anspruchsvollen, vielschichtigen Werk.
Regisseur David Hermann hat sich von seinem Ausstatter Christof Hetzer einen etwas verwinkelten, hellen Salon bauen lassen, der mittels Austausch einiger Möbelstücke als Anwaltskanzlei, Theaterraum oder Hotelzimmer fungieren kann. Auf der linken Bühnenseite jedoch wird durch Teppich und Tapete ein altertümliches Ambiente angedeutet. Darin agieren Statisten in historischen Kostümen stumm als Personen aus Emilias (bis ins 16.Jahrhundert reichender) Vergangenheit, während gleichzeitig auf der rechten Bühnenseite der Anwalt und seine Klientel die "Sache Makropulos" verhandeln. Im letzen Akt  - wenn Emilia über Tod oder Leben entscheidet - wird sie sogar von fünf Doubles aus ihrer 300jährigen Vergangenheit - alle wie sie in roten Kleidern - pantomimisch umschwirrt, doch - Achtung: Überraschung der Regie! -  sie stirbt nicht, sondern posiert während der letzten Orchester-Takte wie zu Beginn des Abend vor einem weißen Vorhang, auf dem ihre Namens-Initialen leuchten:  das Spiel beginnt von Vorn!
Doch all diese Verdoppelungen und stummen Spielereien helfen nicht weiter - wer das Libretto nicht gelesen hat, versteht nur 'Bahnhof'.  Abgesehen vom falsch gedeuteten Schluß, wirken Interpretation wie Inszenierung hilflos und  bieder.
Glücklicherweise steht Generalmusikdirektor Donald Runnicles am Pult und bringt Janáceks farbenreiche Musik zum vibrierendem Klingen und Leuchten, achtet sensibel auf feine Lyrismen oder sorgt für die kraftvolle Orchester-Dramatik. Als Emilia Marty beherrscht Evelyn Herlitzius die Bühne: eine schlanke, zierliche Figur, immer in Rot - ob Straßenkostüm, Abendkleid oder Morgenmantel - und mit machtvollem, hochdramatischen Sopran. Imponierend in ihrem Bühnen-Temperament, was fehlt, ist die erregende Kälte und gleissende Künstlichkeit der Janácekschen Figur. Stimmlich sehr am Stil Richard Wagners orientiert. Treffsicher sind die männlichhen Gegenpole besetzt: Ladislav Elgr (Gregor), Derek Welton (Prus), Gideon Poppe (Janek), Seth Carici (Anwalt) und in der Rolle eines närrischen, alten Ex-Geliebten: Robert Gambill.
Musikalisch -  ein ansprechender Abend, szenisch -  ziemlich fade.

Foto: Bernd Uhlig /Deutsche Oper Berlin

Premiere: 19.Febr.2016, weitere Vorstellungen:25./28.Febr.//27./ 30.April 2016