Statt Genua im Mittelalter mit Platz und Palast : ein Bahnhof mit Lokomotive

oder das Innere eines Salonwagens mit Video-Ausblick auf Landschaft und Stadt.



Jung-Regisseur Lorenzo Fioroni interpretiert Verdis Polit-Drama als

sprunghaft-schraege Zeitreise vom 19.Jahrhundert bis heute. Entsprechend die

Kostueme: Geh-Rock und Zylinder mischen sich mit Minikleid und Sportsakko.

Doch die aufwendige Show zeigt nur eine beliebige Aneinanderreihung von

gaengigen Regie-Maetzchen des deutschen Musik-Theaters und vernachlaessigt

darueber die stueckpraegende Auseinandersetzung mit Macht,Politik und

privatem Glueck. Rollengestaltung und Personenfuehrung sind kaum zu erkennen,

dafuer wuseln kunterbunte Komparsen-Scharen durch die weiten Bahnhofshallen.

Gesungen wird meist an der Rampe, allerdings durchweg auf hohem Niveau.

Roberto Frontali (Boccanegra), Roberto Scandiuzzi (Fiesco) und Tamar Iveri

(Amelia/Maria) sowie Chor und Orchester der Deutschen Oper unter Yves Abel

ueberwinden so zumindest auf musikalschem Feld die inszenatorische Fahrt

in den Sack-Bahnhof.
(ali)

Ein Abend in der Damen-Toilette eines Nobel-Hotels. Genauer im luxurioesen Vorraum derselben mit Botticelli's Venus-Bild als riesiger Wand-Tapete.
 

Es soll Hochzeit gefeiert werden, aber die Braut hat sich im Klo eingeschlossen. Schwester, Oma, Mutter,Schwieger-mutter und die beste Freundin versuchen sie zu uberreden, das Oertchen zu verlassen. Die esoterische Hotel-Managerin und die diebische Klo-Frau leisten dabei wortreiche Hilfe. Sonst passiert zwei Stunden lang nichts: es wird gequatscht und getratscht und vor allem ziemlich ueble Familien-Waesche gewaschen. Sexuelle Erfahrungen mit Maenner und lustvolle Freuden mit Damenvibratoren spielen dabei die Hauptrolle. Gelegentlich wird auch ein entsprechender Witz mit eingeflochten - kein Wunder dass bei diesem illustr(iert)en Niveau die Braut ihr Oertchen nicht verlassen will! Die Autoren (Luci van Org, Andreas Schmidt) muessen das gespuert haben und versuchen's drum zum Schuss noch mit einer "ernsten" Einlage zum Thema Kindesmissbrauch - was aber den duerftigen Abend nur noch peinlicher macht. Den 7 Schauspielerinnen ist allerdings kein Vorwurf zu machen: wo nur Quark breitgetreten wird, versuchen sie diesen wenigsten huebsch zu garnieren.
(ali)


Ein moritaten-aehnlicher Bilderbogen im Kleinformat:so praesentiert sich Juergen

Woelffers Jubilaeums-Inszenierung von Carl Zuckmayers "deutschem Maerchen".

Der Hauptmann selbst erzaehlt in dieser Bearbeitung - erst dem sterbendem

"Lieseken", spaeter nach dessen Tod direkt dem Publikum - seine

Lebensgeschichte.


Fuenf Schauspieler fuehren in fliegendem Rollewechsel bei nur angedeutetem

Buehnenbild in schnellem Szenenablauf die tragikomische Geschichte um

Uniformen und Untertanengeist vor. Satirisch oder boese ist die Geschicht heute

nur noch in wenigen Momenten, dafuer mehr schwankhaft und volkstuemlich

unterhaltend. Die fuenf Darsteller bieten harmlose Karikaturen in diversen

deutschen Mundarten, nur Dietmar Mues als falscher Hauptmann mit Riesen-

Schnaeuzer unter dicken Traenensaecken darf auch ein paar nachdenkliche

Toene anklingen lassen. Zuckmayers einst kritisch gemeintes Schauspiel auf

freundlicher, aber kleiner Flamme.

(ali)

 

 


Das Neueste von Gestern: drei Frueh-Werke des amerikanischen Choreographen

Jerome Robbins aus den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts.


"Fancy Free", die komoediantischen Erlebnisse dreier Matrosen durch das naechtl.

New York, war bei seiner Urauffuehrung 1944 ein Sensations-Erfolg. Klassische

Ballett-Posen verbanden sich effektvoll mit Jazz- und Showtanz - ein neuer sehr

amerikanischer Stil war geboren, Robbins blieb sein virtuosester Vertreter. Doch

fehlen der gut getanzten Neueinstudierung in der Staatsoper Charme und

Laessigkeit des Originals (Musik:Leonard Bernstein). Auch der kurze "Nachmittag

eines Fauns" (Musik: Claude Debussy) blieb ein kuehles, blasses Exercise im

angedeuteten Ballettsaal: trotz Vladimir Malakov und seiner Polina Semionov.

Nur "The Concert" (zu arrangierten Musikstuecken von Chopin) verspruehte etwas

vom Esprit und der Kunst des Entertainment jener Aufbruchsjahre im Amerika

nach dem 2.Weltkrieg, obwohl gerade zu Beginn dieses parodistischen Werkes die

Pianistin dicke Staubwolkenvon den Klaviertasten wischen musste. Doch die

Taenzer nahmen sich und das dargestellte Konzert-Publikum mit soviel

darstellerischer Laune und taenzerischem Witz auf die komische Schippe,

dass man nur bedauern konnte, dass nicht der gesamte Abend so vergnueglich

ausfiel.
(ali)

Jacques Offenbachs nahezu unbekannte Oper "Die Rheinnixen" ist in diesen

Tagen am Cottbusser Staatstheater in einer halb-szenischen Auffuehrung zu

erleben( noch bis 3.Dzember).



Und das Publikum staunt nicht schlecht: vor romantischer Schlosskulisse im Mondenschein locken Feen und Geister zu den suessen Klaengen der beruehmten Barcarole (vom Komponisten spaeter wiederverwendet in "Hoffmanns Erzaehlungen" !) boese Ritter in die toedlichen Fluten des Rheins. Doch die krude, vaterlaendisch eingefaerbte Love-Story aus kriegerischen Reformations-Tagen hat einen breiten Erfolg dieses romantischen Werkes seit seiner Urauffuehrung 1864 in Wien bis heute verhindert.

Auch die attraktive Cottbusser Praesentation wird daran kaum etwas aendern.

Aber Offenbachs Musik begeistert: verbindet deutsch-romantische

Gefuehlswelten und patriotische Begeisterung mit franzoesicher Leichtigkeit und

mitreissendem Charme. Schade, dass kein Heine das Libretto verfasste...

(ali)

Die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, Kirsten Harms, versuchte sich als
musikdramatische Schatzgraeberin und foerderte einen italienischen Schmachtfetzen aus dem Jahre 1902 zu Tage: ein Liebesdrama vor dem Hintergrund der deutschen Freiheitskaempfe gegen Napoleon. Musikalisch ein eher koventioneller Mix aus Wagner und Verismo, jedoch ohne zuendende Arien und ohne orchestralen Pfeffer. Der neue Generalmusikdirektor Renato Palumbo versuchte mit grossem Gestus dramatische Funken zu schlagen, rettete sich und die meist mittelmaessigen Saenger aber nur in uebermaessige Lautstaeke.
Auch die dezent-biedere Inszenierung der Intendantin vermochte nicht die Frage zu beantworten, warum ein solch duemmlicher Hurra-Patriotismus ausgerechnet in heutigen Zeiten so ironie- und kritikfrei auf eine staatliche Opern-Buehne gehievt werden muss.
(ali)

Das neue Theater liegt an einem wunderbaren Ort - dem Tiefen See
gegenueber dem Park von Babelsberg. Auch der Bau mit seinen roten Muschel-Daechern und den verglasten Foyers besitzt grosse Attraktivitaet. Die Eroeffnungs-Premiere bot allerdings nur
braves Stadt-Theater: gefaellig inszenierte Lokal-Historie.Als Auftakt verstaendlich, aber jetzt muss das neue Theater noch seinen "Kopf" beweisen...